Samstagnacht voller merkwürdiger Männlichkeiten

Ich biege genau rechtzeitig auf die Warschauer Straße, um zu sehen, wie eine Schlägerei erblüht: Ein Rockabillypunk und ein gelblonder Goldkettchenträger umkreisen sich, angefeuert von der jeweiligen Horde, einer langt dem anderen eine, das ganze ist noch eher symbolischen Charakters. Bevor sie sich weiter entfaltet kommen zwei Bullen angejoggt, und ich denke, „falsch ist das nicht, die zwei Streithähne zu trennen“, bis ich sehe, dass das gar nicht das Anliegen der werten Polizisten ist. Statt dessen reißen sie schlicht den Rockabillytypen raus, klatschen ihn an die nächste Wand, Handschellen klicken während der Goldkettchenmensch und seine Kumpane triumphierend um sich zeigen, frei nach dem Motto „Der da ist auch schuld, und der da, und der gehört eigentlich auch abgeführt“ etc. Die übrigen Punks versuchen, sich unaufällig ihrer Kopfbedeckungen zu entledigen und gehen auf Distanz. Offensichtlich hatte die Polizei nicht das geringste Interesse, überhaupt herauszufinden, was da gerade passiert ist, es ist ja eh klar, (Überraschung!) dass die ‚gepflegten‘ Kerle nicht Schuld sein können. Nicht die Andeutung einer Ermahnung fällt in diese Richtung.

Der Club meiner Wahl in dieser Nacht hat mein Vertrauen schon längst verspielt, aber hin und wieder gehe ich trotz besseren Wissens doch noch hin. Ich komme um halb zwei an und bin viel zu früh, viel Zeit das Publikum zu beobachten. Obwohl (oder weil) es eigentlich ein sehr straightes Breakcore-Programm ist, erinnern mich die Leute fatal an die Meute in einer bestimmten Indiedisko zu dem Zeitpunkt, als ich u.a. wegen zu vieler zu bescheuert randalierender Kerle beschloss, dort nicht mehr hinzugehen. Heißt: Die meisten scheinen durch das Tanzen beweisen zu müssen, was für harte Männer sie doch sind, Humor besteht darin, ein Mädchen dazu zu bringen sich umzudrehen, und ihr dann auf den Hintern zu hauen, und Respekt vor dem Nahbereich von Frauen gibz einfach nich. Als der Act, wegen dem ich da bin, losgeht ist Platz vor der Bühne und ich schaffe es, zum Intro ein wenig rumzuspringen, aber schon beim zweiten Stück kommt ein Kerl an, der beim Tanzen ca. 3 qm beansprucht und das auf eine Weise, die mich dazu bringt mich zum Schutz meiner körperlichen Unversehrtheit zurückzuziehen. Während ich da stehe und noch überlege, was ich mit dem Rest der Nacht mache, kommt ein etwas ‚verwirrter‘ älterer Herr auf die Bühne und meint, dem Künstler seine Begeisterung besonders persönlich mitteilen zu müssen. Eine führt Frau ihn bestimmt aber freundlich von der Bühne, dabei wird deutlich, dass er nichts an hat, was den Blick auf seine Geschlechtsteile behindern würde. Er wird von der Meute bejubelt, und ich beschließe, für diese Nacht aufzugeben und nach Hause zu gehen.

Auf dem Heimweg in der Straßenbahn fallen mir drei-vier Kerle auf, die sich gar nicht einkriegen können. Noch bevor ich hinschaue ist klar, dass die jungen Herren offensichtlich mit der Anwesenheit von drei Dragqueens nicht zurechtkommen. Das ganze schaukelt sich hoch, die Kerle umkreisen die Ladies, grölen Fragen über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein bestimmter Geschlechtsmerkmale, die Echtheit der Haare, die Form der Nasen etc. Sie scheinen immer abgestoßen, entfernen sich, um doch wieder und wieder den Ladies auf die Pelle zu rücken. Von denen selbst höre ich nichts. Ich würde gerne einschreiten, aber ich zweifle, ob das den Ladies nicht erst recht unangenehm wäre, zumal sie den Eindruck machen, sich wahrlich besser selbst verteidigen zu können – alle drei sind ein- bis zwei Köpfe größer als ich. Bevor mir aufgeht, dass der beste Grund sich einzumischen schlicht darin besteht, dass ich selbst mir diese Scheisse nicht anhören will, steigen die Dragqueens aus. Ein Kerl versucht noch letzte Fragen loszuwerden, ich sitze vor der Tür und höre wie die eine entnervt zu den anderen sagt: „Jetzt werden sie ganz mutig.“ Sie dreht sich ein letztes Mal um, anscheinend zur Einschüchterung, und das funktionert auch halbwegs, schon allein, weil sie mit High Heels etc. auch die Kerle um einiges überragt.

Ein wiederkehrendes Motiv in dem verbalen Durchfall der Kerle war die Assoziation, dass eine Dragqueen im Stehen den einen Typ (auch stehend) hätte auffordern können, ihren Schwanz zu lutschen, so groß seien die. Kurz nachdem die Dragqueens die Bahn verlassen haben, fangen die Kerle eine Schlägerei an. Die Geschlechterverwirrung war wohl unerträglich, jetzt müssen ein paar Schläge die Verhältnisse wieder klären. Es soll ja niemand denken irgendwer hätte dabei vielleicht an irgendwas gedacht oder so.


7 Antworten auf “Samstagnacht voller merkwürdiger Männlichkeiten”


  1. 1 hendrik 04. Oktober 2006 um 0:42 Uhr

    *boring*

  2. 2 Weltenkotzer 25. Oktober 2006 um 7:30 Uhr

    langweilig finde ich das gar nicht mal, das beschissene an so einer situation und das „langweilige“ daran ist nur das so etwas leider nur zu alltäglich ist, und alltägliches wird ja schnell „langweilig“, nicht wahr hendrik, wie zum beispiel uaf toilette gehen, schrcklich langweilig, find ich auch

  1. 1 scrupeda » Blog Archive » Angewandter Sexismus Pingback am 03. Oktober 2006 um 3:05 Uhr
  2. 2 classless Kulla » Blog Archive » Samstagnacht in Berlin Pingback am 03. Oktober 2006 um 6:10 Uhr
  3. 3 TAKTLOSS IN BERLIN | Zuppis Welt Pingback am 03. Oktober 2006 um 9:59 Uhr
  4. 4 TAKTLOSS und BERLIN | Zuppis Welt Pingback am 03. Oktober 2006 um 22:06 Uhr
  5. 5 scrupeda » Blog Archive » Mein Schwanz ist * als deiner Pingback am 31. Januar 2007 um 19:56 Uhr

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