Reality Porn

Seit den 1990er Jahren nimmt das Interesse an sogenanntem „Reality-Porn“ zu. Darunter sind von bzw. mit Amateur-Darstellern produzierte Bilder zu verstehen. Im Gegensatz zur kommerziellen Pornographie sind die Darsteller normale Menschen ohne perfekte Körper und es wird ohne Drehbuch produziert. Ruth Barcan untersucht die zunehmende Popularität von Amateur-Pornographie im Kontext der allgemeinen Verbreitung von Reality Genres.

Reality-Formate haben seit den 1990er Jahren zugenommen, seien es Amateur-Video-Aufnahmen, Bilder von Überwachungskameras, Produktionen mit versteckter Kamera oder Alltags-Dokumentationen. Der Boom der Reality-TV-Sendungen nahm seinen Anfang 1992 mit der MTV-Sendung “The Real World”, deren Beispiel zahlreiche Serien folgten. Bereits im Jahr 1948 wurde die Pionier-Sendung des “reality slapstick” Candid Camera zum ersten Mal ausgestrahlt. Candid Camera ist mit der versteckten Kamera im deutschen TV vergleichbar (z.B. “Verstehen Sie Spass?“), d.h. Menschen werden ohne ihr Mitwissen in potentiell peinlichen Situationen gefilmt. Candid Camera machte Menschen nicht nur zu Voyeueren, in dem private Aufnahmen von Personen ausgestrahlt wurden, die ohne ihr Mitwissen gefilmt wurden, sondern es schärfte auch das Bewusstsein für das Eindringen der Kamera in den Alltag und der Möglichkeit, selbst jederzeit Opfer einer “versteckten Kamera” werden zu können. Im Jahr 1973 wurde mit An American Family die erste Sendung ausgestrahlt, in der das Alltagsleben realer Charaktere porträtiert wurde. Reality Produktionen sind beliebt, da sie erstens wenig kosten und zweitens voyeuristische Bedürfnisse der Zuschauer befriedigen.
Gegenwärtige gibt es nicht nur unzählige Reality-TV Sendungen, sondern auch Webcams, die über das Internet Bilder aus dem Privatleben Fremder einem Massenpublikum zugänglich machen. Diese Entwicklung wird nicht zuletzt als eine Reaktion auf den Zwang, immer mehr Informationen von sich preisgeben zu müssen, gesehen. In einer Gesellschaft, in der Individuen zunehmend einer permanenten Überwachung ausgesetzt sind, erwarten sie umgekehrt einen erweiterten Zugang zu Informationen. ” The more our own domestic space is penetrated by the information-gathering tentacles of government, credit agencies, and pollsters, the more it seems that we want to watch other people’s lives made public.The desire to peer into the lives, not only of the stars, but of ordinary citizens like ourselves is the desire to take control over our sense of being violated. We’re convinced that everyone has something to hide. And we’re confident that they won’t be able to keep it secret for long.” (Russel u.a.).

Calvert beschreibt das Phänomen der Reality-Produktionen als “mediated voyeurism.”. Im Gegensatz zu konventionellen Voyeuren, sind die Medien-Voyeure räumlich und zeitlich vom Objekt ihres Interesses getrennt und daher auch vor (moralischen) Sanktionen geschützt. Die Verbindung erfolgt allein über den Bildschirm. Drei Entwicklungen macht er für die Zunahme des medienvermittelten Voyeurismus verantwortlich. Erstens führt das Bedürfnis nach “Wahrheit” zur Suche nach weniger vermittelten Informationen aus zweiter Hand und mehr Authenzität. Zweitens spielt die Suche nach Abenteuer und Unterhaltung eine Rolle. Drittens befriedigt Voyeurismus auch Wünsche nach Kontakt und Gemeinschaft in dem er eine scheinbare Eingebundenheit bietet, sowie das Verlangen, heimliche Einblicke in das Privatleben anderer zu erhaschen. Zwar gab es schon früher Spiel- und Talentshows, in denen normale Leute für wenige Minuten zu Personen des öffentlichen Lebens wurden, neu ist aber das Festhalten gewöhnlicher Tagesabläufe des Privatlebens in Internet und TV. Diese Entwicklung ist jedoch nur dadurch möglich, dass es Menschen gibt, die sich bereitwillig zum Objekt des Interesses machen. So erhält die MTV-Sendung The Real World jährlich 35,000 Bewerbungen (Yesil). Das Gegenstück zum medienvermittelten Voyeurismus ist demnach der wachsende Drang zur Selbstoffenbarung im Internet oder Fernsehen. Während ein Auftritt im Fernsehen nicht ohne weiteres zu bewerkstelligen ist, bietet das Internet zahlreiche Möglichkeiten zur Selbstdarstellung. Die vielen Shows, die Normalsterbliche die Möglichkeit bieten, zum Star zu werden, verweisen auf Veränderungen im Verhätnis von Prominenten vs. Normalbürgern. Indem durch neue Medienformate und neue Technologien immer mehr Menschen Zugang zur Produktion und Vertreibung von Bildern haben findet eine Demokratisierung des Starkults dar. Das „Celebrating“ gewöhnlicher Leute kann sowohl als eine Ablehnung des herkömmlichen Starrummels betrachtet werden oder als auch eine Ausweitung desselben auf alle Menschen.
Koskela spricht hier in Bezug auf private Webcams von ‘empowering exhibitionism’. Im Gegensatz zur immer stärker werdenden Überwachung, versuchen Menschen selbst eine aktive Rolle in der Produktion visueller Repräsentationen einzunehmen. Die Menschen bleiben nicht länger Objekte der Überwachung sondern werden zu Subjekten die das “copyright of their own lives“ zurückerobern. Der emanzipatorische Charakter der Webcams liegt Koskela zufolge darin, dass sie sich dem „regime of order“ (der Internalisierung sozialer Kontrolle) und dem „regime of shame“ (dem anerzogenen Schamgefühl) verweigern.

Von Reality TV zu Reality Porn

Auch innerhalb der Pornogrphie nimmt die Bedeutung von „Reality“-Produktionen zu. Dies wird einerseits auf technologische Entwicklungen zurückgeführt, die die Produktion von Amateurpornos für jeden möglich machen, andererseits wird das Interesse an Bildern von gewöhnlichen Menschen auch als Reaktion auf die mediale Flut von Bildern perfektionierter Körpern gesehen und dem gesellschaftlichen Druck diesen zu entsprechen. Einerseits löst die Masse an Bildern von jugendlichen Schönheiten den Wunsch aus, diesen nachzueifern, andererseits aber auch ein Bedüfnis nach Bildern von Menschen, die wie man selbst nicht ganz so perfekt aussehen und mit denen man sich eher identifizieren kann.
Unter „Reality Porn“ werden v.a. von Amateuren produzierte erotische Bilder und Filme verstanden. Die Popularität selbstproduzierter Bilder wird erstens als Folge einer Übersättigung kommerzialisierter Pornographie gesehen und zweitens als Folge technologischer Entwicklungen.
Technoloigische Entwicklungen beeinflussen sowohl die ökonomischen Bedingungen der Produktion als auch des Konsums von Sex-Videos. Die Entwicklung des VCR-Systems ermöglichte die kostengünstige Massenproduktion von Pornos und deren ungestörten Konsum vor der heimischen Glotze anstatt im Pornokino. Internet und Digitalkamera machen es wiederum Privatpersonen möglich, ohne große Umstände selbst Bilder zu produzieren und anonym ins Internet zustellen. Auch wenn es davor schon hausgemachte Super-8-Erotik gab führen diese Entwicklungen zu einer enormen quantitativen Zunahme an Bildern und einer Ausweitung der Vertriebsmöglichkeiten. Gerade im Internet überwiegt der Anteil des Amateurpornos gegenüber dem professionell produzierten. Die „moralische Hemmschwelle“ für die Verbreitung und den Konsum von Pornographie ist im Internet relativ niedrig, aufgrund der Anonymität und des „community“-Effekts, d.h. der Gewissheit, dass es viele andere ebenso tun.

Die Attraktivität von selbstgedrehten Sex-Videos, die für den privaten Gebrauch oder den Vertrieb in Amateurnetzwerken produziert werden, liegt in ihrem authentischen Charakter. Die technischen Unzulänglichkeiten der Videos, die bei professionellen Filmen als Mängel identifiziert würden, gelten hier als Zeichen von Authentizität. Ähnlich verhält es sich bei professionell produzierten Reality-Porn-Videos. Bei diesen werden „gewöhnliche“ Menschen als Darsteller für FIlme rekrutiert, die kommerziell übers Internet vertrieben werden. Im Unterschied zu konventionellen Pornos, wird „Real-Porn“ ohne Drehbuch und Perfektionierung produziert, unvorhergesehens und Fehler werden nicht korrigiert. „Reality-Porn“ besitzt also ein gewisses subversives Potential, was vorherrschende Normen von Schönheitsidealen und (Darstellung von) Sexualität betrifft. Allerdings sind die Beteiligten auch bei Reality-Produktionen von den gängigen Normen visueller Kultur, d.h. vor allem denen kommerzieller Pornographie aber ebenso Hollywood-Streifen, beeinflusst.

Unterschieden davon werden Sex-Videos, die zwar professionell produziert werden, aber für den privaten Gebrwuch bestimmt sind. Dabei beauftragen Privatpersonen ein professionelles Filmteam. Im Gegensatz zu den selbstgedrehten Flmen ist die Qualität besser, der Plot wird durch ein Drehbuch vorgegeben und Fehler können nachträglich korrigiert werden. Den Beteiligten geht es dabei oft um das Festhalten des jugendlichen Körpers und der eigenen Sexualität, also um Selbstbestätigung. Die Angst vorm Älterwerden, vor dem Verlust erotischer Spannung in der Beziehung und gesellschaftlichen Normen wie Gutes Aussehen und erfüllte Sexualität spielen eine wichtige Rolle.
Im Gegensatz zum wirklichen Leben, können Fehler korrigiert werden, um die Nachahmung der Nachahmung so realistisch wie möglich zu gestalten. Im Gegenteil zur Ästhetik der vorher beschriebenen Videos handelt es sich hier um eine Verbindung von Intimität und Selbstperfektion, die Realität wird in ihrer Inszenierung perfektioniert.

In Realtiy-Genres stehen (Inszenierungen von) Authentizität und Wahrheit im Zentrum der Programme. Diese Genres machen die Realität selbst zum Fetisch, in dem unentweg mit Video-Material gearbeitet wird, das als Beweis für die „Echtheit“ dient. Eingefügtes Videomaterial soll dem Zuschauer die Illusion vermitteln, Zugriff auf die eigentlich unfassbare Realität zu haben. Im „Reality Porn“ wird die Idee von Realität selbst erotisiert.Während die Darsteller im konventionellen Porno für den Zuschauer unerreichbar sind, sind diese im Real-Porn (potentiell) erreichbar. Pornographie stellt im Kern eine Fantasie dar, in der männliches Begehren immer erfülltt und der männliche Körper nie zurückgewiesen wird, egal wie er aussieht. Hier spiegelt sich die Dynamik zwischen Vorstellungen von Verfügbarkeit und Nichtverfügbarkeit wieder, die bspw. auch dem Starkult zugrunde liegt. Daher benötigt ein konventioneller Porno immer einen realistischen Ausgangspunkt, um den Zuschauer den Einstieg zu ermöglichen.
Die „Realität“ im „Reality Porn“ unterscheidet sich von den Inszenierungen von Realität, die alle Porno-Fantasien durchzieht, nur graduell. Die Authentizität bleibt eine Fantasie, da sie produziert wird, sei es von professionellen Produzenten oder von Amateuren. Die Realtiy-Formate werden zwar fernab vom Mainstream produziert, orientieren sich aber dennoch an den Normen etablierter Genre, seien es Pornogephie, Illustrierte, Kunst etc.
Bei dem Verlangen nach Authentizität handelt es sich nicht um eine bloße Romantisierung des Authentischem. Neben der Suche nach dem realen und unverfälschten stoßen auf der anderen Seite Rollenspiele sowie Imitationen von realem Geschehen auf wachsenden Zuspruch. So sind sich die Zuschauer durchaus bewusst, dass das was ihnen als Reality-Format angeboten wird, inszeniert und produziert ist.“Reality-Porn“ ist zwar wegen seines authentischen Charakters populär, trotzdem sind die performativen Dimensionen nicht zu übersehen.

[verzeiht mir, dass der text keinen gender-aspekt enthält und daher nicht so mädchenblog tauglich ist . ist eher als ergänzung zu dem suicide girls text gedacht]

Literatur:
Barcan, R:In the Raw: „Home-Made“ Porn and Reality Genres
Calvert, C.: Voyeur Nation: Media, Privacy, and Peering in Modern Culture.
Koskela: Webcams, TV Shows and Mobile phones: Empowering Exhibitionism.
Russel u.a. :Introduction: Here’s Looking at You .
Yesil:Reel Pleasures: Exploring the Historical Roots of Media Voyeurism and Exhibitionism in the USA


6 Antworten auf “Reality Porn”


  1. 1 Dirk Ploss 20. Dezember 2006 um 17:31 Uhr

    Hm, was die Kategorisierung angeht, gehe ich nicht ganz mit dem Text konform. Gerade der derzeit populäre Exhibitionismus passt so gar nicht in das Konzept des Reality Porn – denn das Zur-Schau-Stellen seiner selbst (oder zumindest Teilen dessen) beruht nicht auf dem Exploitationsmotiv, das jedoch normaler (sprich: von Dritten produzierter) Pornographie zu Grunde liegt.

    Insoweit würde ich zwischen Privat-Pornos und Reality-Formaten doch strikt unterscheiden – auch wenn Privatpornos natürlich (eigentlich) die Realität mehr widerspiegeln als es die Fantasien der Bangbus-Produzenten tun.

  2. 2 dodo 20. Dezember 2006 um 23:10 Uhr

    Der Mensch mit dem „Girls Gone Wild“-Dingens hat ja auch mordsmäßig die kohle gemacht… wär vor 10 jahren so auch noch nicht denkbar gewesen.

  3. 3 riraro 21. Dezember 2006 um 1:40 Uhr

    nur am rande – lange texte kann man nach einer kurzen einleitung mit einem klick auf den „more“-button oberhalb des beitragtexteingebformulars surferfreundlicher gestalten.

  4. 4 chica 21. Dezember 2006 um 10:23 Uhr

    danke für den tipp!:“>

  5. 5 Dirk Ploss 21. Dezember 2006 um 22:51 Uhr

    @dodo: Sagt wer? Die klassischen „Exploitation Movies“, die ja irgendwo zwischen Horror und Sex angesiedelt waren, sind ein Ergebnis der 70er Jahre…

  6. 6 dodo 22. Dezember 2006 um 1:16 Uhr

    ich bezweifle ehrlich gesagt, daß girls gone wild in den siebzigern einen derartigen mainstream-erfolg gehabt hätte.
    damals war’s größtenteils noch üblich, vorehelichen sex zu verschweigen, um nicht von der halben stadt fertiggemacht zu werden – wäre es da wirklich denkbar, daß ein paar typen mit ner kamera durch die öffentlichen tanzlokale gezogen wären und die mädels gefragt hätten „hey, wenn ihr uns eure titten zeigt, kriegt ihr dafürn t-shirt. wir filmen das dann und verkaufen die videokassetten; geht okay, oder?“
    ich glaub nicht, daß die damals weit damit gekommen wären…

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