Archiv für Januar 2007

Wissen schaffen und suchen

Das Gender@Wiki sucht noch Autor_innen. Und es hat auch ein Blog.

Durch das Gender@Wiki soll ein Beitrag geleistet werden, den Stand der Frauen- und Geschlechterforschung zu festigen und ein stabiles Netzwerk im virtuellen Raum zu etablieren.

Anorektische Kunst?

Zwei niederländische Künstlerinnen sind derzeit mit ihrer Show in der Schweiz und sorgen dort für Aufregung: Grund für die Kritik sorgt die Tatsache, daß ihre Kunst Bilder von Magersüchtigen zur Schau stellt.

Sie rekrutierten mittles Zeitungsinseraten eine „Armee idealer Individuen“: aufgenommen wurden spindeldürre Frauen mit Haarausfall und krankhaften Essgewohnheiten.
(…) „Promis wie Victoria Beckham sind viel gefährlicher, da sie ebenfalls viel zu mager sind, aber noch sexy aussehen. Wir hingegen schauen in unseren Performances richtig krank aus.“ , sagte die Künstlerin zu 20 Minuten. Und Gallerist Roger Haas rechtfertigt die heutige Show so: „Man muss Grenzen sprengen, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Kunst hat diese Aufgabe.“

Da hat der Gallerist schon recht: um heutzutage Anorexie anzuprangern, muß mit krassen Bildern schockiert werden, da der Anblick von untergewichtigen Körpern im Alltag die Regel ist und fast gar nicht mehr auffällt, bzw. immer mehr als „ästhetische Norm“ akzeptiert wird.
Und daß der Vorbildcharakter von Posh Spice und dergleichen bisweilen gefährlich sein kann, wird meiner Meinung nach auch zu sehr unterschätzt.
Aber was mich massiv stört, ist folgendes:
• Die beiden Künstlerinnen sind offensichtlich selbst stark eßgestört und scheinen in gewisser Weise auch noch stolz darauf zu sein (siehe Zitat oben: „wir schauen richtig krank aus“) und es kommt mir auch so vor, wie wenn es nur darum ginge, die Gesellschaft anzuklagen (und somit keine Eigenverantwortung zu übernehmen) und sich (und andere Betroffene) mit Stolz auf die eigene „Disziplin zu einer Essstörung“ auf glamouröse Art und Weise zu präsentieren

• Die sich Beteiligenden erfahren Anerkennung nicht für Talent, Leistung oder die schlichte Tatsache, daß sie wertvolle Menschen sind, sondern rein dadurch, daß sie extrem anorektische Körper besitzen und werden eigentlich auf ebendiesen reduziert – damit wird also genau das propagiert, applaudiert und belohnt, was zu ihrer Krankheit geführt hat!

• Es wird zwar auf das Problem aufmerksam gemacht, dieses aber nicht als zu lösendes Problem dargestellt; die Künstlerinnen machen das ja „freiwillig“, bei ihnen ist das ja keine Krankheit, sondern „reine Kunst“ . Nun ist es nicht unbedingt Aufgabe der Kunst, Lösungen für bestehende Probleme zu finden oder anzuregen – aber angesichts der Tatsache, daß die Botschaft dieser Aktion „Anorexie ist künstlerisch wertvoll“ ist, erinnert das doch verdammt an die ganzen Pro Ana/Mia-Gruppen im Internet. Von denen man weiß, das ihre Aussichten auf Heilung sogar noch schlechter sind als bei anderen Eßgestörten.

Alles in allem kommt es mir so vor, wie wenn die Künstlerinnen ihre eigene Magersucht zu rechtfertigen suchten; die Illusion, daß Freiwilligkeit, Ästhetik und künstlerisches Streben der zentrale Punkt ihrer Anorexie sei wird „netterweise“ auch den teilnehmenden Portätierten vermittelt.

Ich find’s ne Scheißidee.

Via Bikini Kills Keller

leser_innenbriefe

in letzter zeit erhält das mädchenblog des öfteren post von leser_innen. damit diese anregungen nicht im posteingang der admin verbleiben, seien sie hier mal veröffentlicht:

vor einiger zeit schon wurden wir auf das „riot for variety-zine“ aufmerksam gemacht. einfach mal draufgucken!

gestern erreichten uns gleich zwei mails. einerseits ein hinweis auf den
aktuellen artikel bei heise über frauen in der informatik
, wo besonders das forum sehr bezeichnend sein soll, da die leute nicht einmal merkten, wie frauenfeindlich sie sich verhielten.
andererseits schickte uns jemand den link zu einem amüsanten youtube-video über schönheitsoperationen.

(dass ich keine namen der mail-schreibenden angegeben habe, liegt an meiner unsicherheit, ob die veröffentlichung überhaupt erwünscht ist. bei künftigen leser_innenbriefen könnt ihr gerne angeben, ob ihr eine veröffentlichung wünscht und als hinweisgebende genannt werden möchtet.)

und zum abschluss noch ein referer zum schmunzeln: ist es nicht fast schon pädagogisch, wenn jemand nach „mit frauen flirten sofort kennenlernen dann gleich ficken“ sucht und als ersten von 24.900 treffern unsere kürzlich geführte diskussion über nervige anmachen vorfindet?

Live long enough to find the right one

Schon ein bisschen älter das Ding, aber trotzdem niedlich.
Das Aides Aids Awareness Video „Vibrators“, das bei den Epica Awards 2005 gewonnen hat.
Auch wenn man einzelne Sachen kritisch sehen kann (Sex ist langweilig, wenn der Typ nen kleinen Penis hat, am Schluß Heirat mit dem „Richtigen“ nach dem Friede Freude Eierkuchen-Prinzip, etc. …), find ich das Ding auf jeden Fall einfallsreicher und ansprechender als die fade „Mach’s mit!“-Kampagne. Und die Hintergrundmusik ist auch noch prima!

Selbstversuch und Hintergründe: Menstruations-Becher

Moon Cup
„Menstruationstasse“ – ein unschönes deutsches Wort für das, was ich gerne mal ausprobieren wollte. „Moon Cup“, „Diva Cup“ oder „Lunette“ waren da schon die netteren Namen für diese Behältnisse aus weichem, medizinischen Silikon. Wer gerne was über Alternativen zur teuren, viel Müll verursachenden und unter Umständen ungesunden Wegwerf-Hygiene wissen möchte, kann hier weiteres erfahren. (mehr…)

The Beauty Myth

Bild von Chaz

Der Gedanke, daß der Körper einer Frau eine bestimmte Gestalt hat, die man nicht gewaltsam verändern sollte, ist ziemlich neu. Wir haben ihn offenbar nicht weit genug ausgedacht. Können wir diesen Gedanken ausbauen? Oder sind Frauen das fügsame Geschlecht, das sich von Natur aus der Tatsache anpaßt, daß es umgeformt, aufgeschnitten und körperlichen Eingriffen unterworfen wird? Hat der weibliche Körper dasselbe Recht auf Unversehrtheit wie der männliche Körper? Besteht ein Unterschied zwischen Modewandel bei Kleidern und Modewandel beim weiblichen Körper? Angenommen, eines Tages könnten Frauen billig, schmerzlos und ohne Risiko verändert werden, sollte das wirklich ihrem eigenen Wunsch entsprechen? (…) Werden wir nicht etwas verlieren, wenn das geschieht?
Zählt die Identität einer Frau? Muß man ihr unbedingt den Wunsch einimpfen, wie jemand anders aussehen zu wollen? Ist an der Beschaffenheit des weiblichen Körpers denn insgeheim irgend etwas verkehrt? Die Unzulänglichkeit des weiblichen Körpers hat die frühere Unzulänglichkeit des weiblichen Verstandes abgelöst. Die Frauen haben darauf beharrt, daß an ihrem Verstand nichts Minderwertiges ist. Sind denn ihre Körper tatsächlich minderwertig?
Ist „Schönheit“ wirklich identisch mit erotischer Anziehungskraft? Entspricht die Sexualität einer Frau wirklich ihrem Äußeren? Hat sie ein Recht auf sexuelle Lust und Selbstachtung, weil sie ein Mensch ist, oder muß sie sich dieses Recht erst durch „Schönheit“ verdienen, so wie früher durch Heirat? Was ist weibliche Sexualität? Steht sie in irgendeiner Beziehung zu dem, wie sie in der Werbung dargestellt wird? Ist sie etwas, was Frauen wie ein Produkt kaufen müssen? (…)
Sind Frauen schön, oder sind wir es nicht?
Aber diese Fragen können wir nicht unvoreingenommen stellen, solange wir nicht die ersten Schritte über den Schönheitsmythos hinaus tun.

Auszug aus dem Buch „Der Mythos Schönheit“ von Naomi Wolf, Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 1991, S. 348/45

feminismus als küchenrabatt

sabrina machte uns heute darauf aufmerksam, dass neuerdings ein möbelhaus mit „feminismus-wochen“ wirbt, die darin bestehen, dass frauen beim kauf einer küche 10% rabatt bekommen. da hat wohl jemand etwas nicht ganz verstanden …
(mehr dazu bei cold clocks)

23C3: sv’s Senf zu Frauen und Technik

Selbst nach zahais ausführlichem Beitrag zu Frauen und Technik muss ich noch mal meinen Senf dazu abgeben. Auch ich war auf dem 23. Chaos Communication Congress (23C3), der vom 27. bis zum 30. Dezember 2006 im Berliner Kongresszentrum (bcc) stattgefunden hat. Auch ich habe Annalee Newitz tollen Vortrag zum Thema Female Nerds gesehen.

Meistens ist es wirklich schade: entweder, Frauen werden nicht wahrgenommen und übergangen, oder sie bekommen extra Aufmerksamkeit, was meistens unangenehm ist. Als Gleiche unter Gleichen – das klappt nur selten. Ich wurde dieses Jahr besonders oft besonders stupide angegraben, was nicht unbedingt schmeichelhaft war, sondern mich eher genervt hat. Hier meine Top 3:

  • Ich: „Boah, ist es heiss hier drin!“, er: „Du bist ja auch ne heisse Frau.“
  • Auf der Tanzfläche angetanzt werden mit unheimlich ungelenken Karate-Moves (anders lassen sich die Verrenkungen nicht beschreiben – sollte wohl beeindruckend aussehen).
  • Er: (guckt erwartungsvoll), ich: „Kenn ich Dich?“, er: „Nein. Solltest Du aber.“, ich: „Wieso?“, er: „Na, liest du kein Telefonbuch?“, ich: „….“, er: „Darf ich dich fotografieren?“, ich: EXPLODIER

Auch der differenzierte Umgang jenseits von vollkommener Gedankenlosigkeit und fanatischem Feminismus auf der Seite der weiblichen Nerds hat mir ein wenig gefehlt. Ich möchte mir einfach keine Pin-Ups mit riesigen Brüsten anschauen – nein, auch nicht, wenn eine Frau das auf ihre Folien gepackt hat – und genauso wütend reagiere ich auf weibliche Haecksen, die über jeden Mann schimpfen, der den Kopf ausversehen in eine „women only“-Area steckt (das Schild war wirklich schlecht zu sehen).

Da muss noch eine Menge geschehen. Wenigstens bemühen sich die VeranstalterInnen des Kongresses wirklich, Frauen sichtbarer zu machen und es als selbstverständlich zu etablieren, dass Female Nerds in allen Hinsichten mitmischen. Eine Abgrenzung als männerfeindliche Nische, wie es von manchen Frauen bei den Haecksen leider manchmal missverstanden wird (zum Glück sind das nur wenige!!), finde zumindest ich total kontraproduktiv.