Anorektische Kunst?

Zwei niederländische Künstlerinnen sind derzeit mit ihrer Show in der Schweiz und sorgen dort für Aufregung: Grund für die Kritik sorgt die Tatsache, daß ihre Kunst Bilder von Magersüchtigen zur Schau stellt.

Sie rekrutierten mittles Zeitungsinseraten eine „Armee idealer Individuen“: aufgenommen wurden spindeldürre Frauen mit Haarausfall und krankhaften Essgewohnheiten.
(…) „Promis wie Victoria Beckham sind viel gefährlicher, da sie ebenfalls viel zu mager sind, aber noch sexy aussehen. Wir hingegen schauen in unseren Performances richtig krank aus.“ , sagte die Künstlerin zu 20 Minuten. Und Gallerist Roger Haas rechtfertigt die heutige Show so: „Man muss Grenzen sprengen, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Kunst hat diese Aufgabe.“

Da hat der Gallerist schon recht: um heutzutage Anorexie anzuprangern, muß mit krassen Bildern schockiert werden, da der Anblick von untergewichtigen Körpern im Alltag die Regel ist und fast gar nicht mehr auffällt, bzw. immer mehr als „ästhetische Norm“ akzeptiert wird.
Und daß der Vorbildcharakter von Posh Spice und dergleichen bisweilen gefährlich sein kann, wird meiner Meinung nach auch zu sehr unterschätzt.
Aber was mich massiv stört, ist folgendes:
• Die beiden Künstlerinnen sind offensichtlich selbst stark eßgestört und scheinen in gewisser Weise auch noch stolz darauf zu sein (siehe Zitat oben: „wir schauen richtig krank aus“) und es kommt mir auch so vor, wie wenn es nur darum ginge, die Gesellschaft anzuklagen (und somit keine Eigenverantwortung zu übernehmen) und sich (und andere Betroffene) mit Stolz auf die eigene „Disziplin zu einer Essstörung“ auf glamouröse Art und Weise zu präsentieren

• Die sich Beteiligenden erfahren Anerkennung nicht für Talent, Leistung oder die schlichte Tatsache, daß sie wertvolle Menschen sind, sondern rein dadurch, daß sie extrem anorektische Körper besitzen und werden eigentlich auf ebendiesen reduziert – damit wird also genau das propagiert, applaudiert und belohnt, was zu ihrer Krankheit geführt hat!

• Es wird zwar auf das Problem aufmerksam gemacht, dieses aber nicht als zu lösendes Problem dargestellt; die Künstlerinnen machen das ja „freiwillig“, bei ihnen ist das ja keine Krankheit, sondern „reine Kunst“ . Nun ist es nicht unbedingt Aufgabe der Kunst, Lösungen für bestehende Probleme zu finden oder anzuregen – aber angesichts der Tatsache, daß die Botschaft dieser Aktion „Anorexie ist künstlerisch wertvoll“ ist, erinnert das doch verdammt an die ganzen Pro Ana/Mia-Gruppen im Internet. Von denen man weiß, das ihre Aussichten auf Heilung sogar noch schlechter sind als bei anderen Eßgestörten.

Alles in allem kommt es mir so vor, wie wenn die Künstlerinnen ihre eigene Magersucht zu rechtfertigen suchten; die Illusion, daß Freiwilligkeit, Ästhetik und künstlerisches Streben der zentrale Punkt ihrer Anorexie sei wird „netterweise“ auch den teilnehmenden Portätierten vermittelt.

Ich find’s ne Scheißidee.

Via Bikini Kills Keller


11 Antworten auf “Anorektische Kunst?”


  1. 1 Markus 22. Januar 2007 um 9:12 Uhr

    Anorexische Leute sind einfach zeitweilig geistesgestört. Ich hab‘ das bei meiner Schwester (die aber die Krankheit jetzt seit Jahren überwunden hat) gesehen. Und ich finde es auch Scheisse Anorexie als Lebensstil oder sogar Kunst zu vermarkten.

  2. 2 anonym 22. Januar 2007 um 13:00 Uhr

    Magersucht wird in der Fachliteratur oft als Streben nach Autonomie gedeutet und ich denke, an diesem Gedanken ist was dran, dennoch ist der Weg falsch. Diese Pro-Ana-Bewegung finde ich brutal. Mir fiel es sehr schwer mich der Ästhetik der „Thinspriration“-Bilder zu sehen, auf denen extremes Untergewicht doch noch sehr schön und erstrebenswert aussieht. Auch die Tipps und Tricks und Abnehm-Contests haben ein extremes Trigger-Potential und wer sich schon fett fühlt, wenn er TV schaut oder in einem Girlie-Laden keine passende Hose mehr findet, der denkt garantiert an Selbstmord, wenn er das anklickt.
    Kunst sollte m.E. vielmehr die Konflikte und auch das Elend und Leiden sichtbarmachen, die hinter der Krankheit stecken und nicht zur Ästhetisierung beitragen.

  3. 3 bikepunk 089 22. Januar 2007 um 17:07 Uhr

    Was sind den „die ganzen Pro Ana/Mia-Gruppen“? Noch nie von gehört.

  4. 4 dodo 22. Januar 2007 um 17:39 Uhr

    [quote comment=“5659″]Was sind den „die ganzen Pro Ana/Mia-Gruppen“? Noch nie von gehört.[/quote]
    http://de.wikipedia.org/wiki/Pro-Ana

  5. 5 sammelsurium 22. Januar 2007 um 20:24 Uhr

    Der Gag ist, dass das, was sie da als Freiheit und Kunst abfeiern ist Teil des Krankheitsbildes. Irgendwann kann der Körper Nahrung nicht mehr ordentlich verwerten und lebt von sich selbst. Das führt dann zu einem immer krasseren Selbst- und Fremdbild.
    http://www.nytimes.com/2006/11/26/magazine/26anorexia.html?pagewanted=1&_r=1&ei=5087
    &em&en=6a3a218da3f25305&ex=1164776400

  6. 6 Agrippina 22. Januar 2007 um 23:55 Uhr

    Scheiße ist das. Wie kann man nur eine Sucht als Kunst deklarieren? „Geistesgestört“ empfinde ich als starker Ausdruck, stimmt aber letzendlich. Magersüchtige haben eine sehr verzehrte Wahrnehmung und sind meistens depressiv. Das war ich auch, als ich magersüchtig war. Aber ich fand andere, irre dünne Menschen noch nie schön, auch damals nicht. Wie Tote sehen die aus…

  7. 7 anonym 23. Januar 2007 um 10:49 Uhr

    …auf jeden Fall finde ich die Annahme falsch, dass man sozusagen weil die Norm immer dünnerer wird, noch dünnere Frauen braucht, um zu „schockieren“.
    - Erstens sagt das Gewicht bei Essstörungen nicht unbedingt etwas über die Schwere der Krankheit aus (abgesehen von extremem UG), z.B. bei Bulimie ist es oft so, dass das Gewicht relativ normal ist, Körper und Psyche aber am Rand des Abgrunds. Und auch dort ist es Teil des Krankheitsbildes, sich nach aussen möglichst perfekt zu präsentieren.

    -Zweitens ist das Schlankheitsideal veränderbar und es gibt keinen Punkt, an dem “ gesunde Menschenverstand“ sagt: dass ist jetzt aber wirklich nicht mehr schön. Es gibt ja bereits extrem dünne Models, denen die Anorexie ins Gesicht, besser in den Körper geschrieben ist.

    -Drittens finde ich das Projekt völlig verantwortungslos. Ich nehme an, die Frauen wissen aufgrund ihrer eigenen Situation, dass ihre Bilder für Frauen mit Essstörungen /gefährdete Personen ( wer ist das nicht) triggernd sind/sein können.

  8. 8 icke und er 24. Januar 2007 um 23:37 Uhr

    zu dem thema gibt es gerade einen text im „antifainfo zu den aktionswochen gegen deutsche zustände“ das in diversen linken berliner buchläden kostenlos zu haben ist. der text war auch schon mal in der „arranca!“ veröffentlicht worden (http://arranca.nadir.org/arranca/article.do?id=214) :
    „Was ihr von mir wollt, das kotzt mich an
    Bulimie als weibliche Überlebensstrategie – eine Gratwanderung zwischen Verweigerung und Anpassung“
    das aktuelle infoheft gibts wohl auch digital unter: http://aktionswochen.tk/

  9. 9 just 26. Januar 2007 um 2:23 Uhr

    hallo, wollt nur kurz fuer eine demo in berlin f.hain am samstag(27.1.) werben… mehr infos gibts hier:
    http://just.blogsport.de/2007/01/26/reclaim-the-nights-in-fahain/
    tschuess

  10. 10 mutant 29. Januar 2007 um 1:14 Uhr

    posh sieht „noch“ sexy aus?
    die fallen ja auch auf ihre eigene propaganda rein…
    naja, selbstzerstoerung als mittel der extremverweigerung gibt es auch in anderen formen, fress-sucht ohne erbrechen ist mit auf der skala (da auch: einen panzer bilden gegen die „feindliche“ umwelt) oder meinetwegen drogen.
    sich gegen therapie als eine intervention von aussen, evtl von denen gegen die man sich mit seinem verhalten wehrt (eltern, gesellschaft) zu verweigern, macht aus der sicht der betroffenen sicher sinn.
    selbstbestimmung im wahrsten sinn bis zum abwinken (abtreten).
    ich will dieses verhalten nicht gutheissen, beim besten willen nicht, aber wie man damit umgehen kann, ohne den leuten die zuegel aus der hand zu nehmen und sie zum objekt zu machen, weiss sich auch nicht.
    aber genausowenig, wie man einen schwerstdrogenabhaengigen einfach einsperren kann und denken, ohne drogen loest sich das problem schon, kann man denen das essen in den schlund rammen, noch schlechter sogar..
    perfide krankheit das.

  11. 11 Traumgestalt 29. Februar 2008 um 7:18 Uhr

    Kein Mensch würde auf die Idee kommen einem Übergewichtigen das Essen zu entziehen, nur weil es nicht normal ist. Der eigene Körper ist ein sehr sensibles Thema, da er mehr als alles andere „uns“ gehört. So ist es nicht verwunderlich, dass jeder mit dessen Formung versucht seine Wertvorstellungen und sein Empfinden zu repräsentieren, sich – oder wie man sich fühlt – darzustellen.

    Nun frage ich mich warum das Gefühl oder dessen Ausdruck in der Form des Untergewichtigseins nur ungläubiges Kopfschütteln evoziert.
    Warum wird es als derart abartig empfunden sich durch das Auftreten seiner Identität zu vergewissern? Ist nicht jeder auch sein Körper und muss dieser nicht als wesentlicher Teil unserer Persönlichkeit zu derselben passen (dürfen)?
    Nach eurer Denkweise wären Make-up und Kleidung gleichsam verwerflich, da sie nach den eigenen Vorstellungen verformen (wobei das bei Magersucht meist kein allzu bewusster Prozess ist!).
    Unser Abbild ist doch, will ich meinen, eine sehr bedeutende Komponente, uns zu entwerfen und nach außen zu spiegeln, und niemand ist in der Lage mit ihm nicht zu kommunizieren, also kann keiner von dessen Bedeutung absehen!

    Gut, in diesem Falle wird der Verzicht (von Essen), ein Ekel davor mitgeteilt. Das Leben wird negiert und Anorektische sagen, dass mit ihnen oder der Welt etwas nicht in Ordnung ist. Dies entspringt nicht der Ratio sondern der Empfindung, und wird damit unangreifbar (es hat ja laut Leuten, die es nicht verstehen, sowieso keine Grundlage). Ich bitte daher alle Gegner und Moralapostel („ihr richtet euch nach dem Schönheitsideal, das euch von den Medien internelisiert wurde“) Esstörungen nicht als unverantwortliche Jagd nach einem fremdbestimmten Ideal zu betrachten, sondern als Ausdruck des entsprechenden Menschen, der sich nur so „richtig“ fühlen kann: gut, frei, leicht, unschuldig, , diszipliniert, wertvoll, stolz, anders, zerbrechlich dem Selbsthass entsprechend …

    Magersucht mit Drogen zu vergleichen halte ich übrigens für falsch, da im Gegensatz zu Alkohol etc. unausweichlich eine sehr intime Beziehung zu Essen und Körper bestehen muss. Wir sind zwangsläufig daran gebunden und davon abhängig und können daher nicht anders als dieses Element unseres Lebens zu gestalten – jeder so wie es ihm eigen ist.

    Danke und Liebe Grüße.

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