Nicht nur Miss Galaxy

Daß eigentlich interessante Nachrichten oft hinter einem Wust an „Glamour“ und Freakshow verschwinden, ist ja nichts neues. Trotzdem immer wieder schade.
So ist auch bei einem Bericht auf der Tagesschau-Homepage über die Leitis aus Tonga die Gefahr groß, in wenig geschmackvolle Gefilde abzudriften.

Sie halten sich für Frauen – in Männerkörpern. Sie nennen sich Leitis, weil sie beinahe sind wie echte Ladys. Sie gehen aufs Damenklo, und sie lieben richtige Männer.

Was uns der Autor in ach so gewandten Worten sagen will, wird trotz der Klischeebemühung deutlich.
Über diese Leitis gäbe es einiges interessantes zu erfahren und hin und wieder blitzt auch in diesem Artikel immer mal wieder eine Information durch, die eigentlich näherer Betrachtung wert wäre.
Leider wird diese Chance hier nicht wahr genommen; wie der Titel schon verrät, geht es eigentlich um „Die schrillste Show der Südsee“, die Miss Galaxy-Wahl. Vielleicht muß man sich die dazugehörigen Dokumentation am Sonntag um 19:20 ansehen?
Daß es den Leitis allerdings nicht nur um einen Titel bei einer Misswahl geht, wird immerhin auch im Artikel erwähnt:

Das traditionsbewusste, christliche Tonga wird zum Tollhaus, wenn Leiti Vanessa die kleine Prinzessin Amy gibt und mit dem Mikrofon tanzt. Viele Showeinlagen, einige auch mit Botschaften. Leiti Vanessa ist schwanger, aber vom falschen Mann. Das Publikum feiert sie für ihre überzeugende Darstellung, mit der sie junge Tonganer zum Sex mit Kondomen animieren will.

Ich bin ja jetzt nicht gerade eine Expertin für Misswahlen, aber ich habe so das Gefühl, dass eine Miss America in spe eine derartige Showeinlage nicht unbedingt in Betracht ziehen würde…
Überhaupt scheinen die Leitis sehr engagiert zu sein.

Dass Leitis als Erwachsene in Tonga akzeptiert werden, liegt vor allem an ihrem gesellschaftlichen Engagement – von Aids-Aufklärung an Schulen über ehrenamtliche Arbeit in Alten- und Behindertenheimen bis hin zur „Miss-Galaxy“-Wahl.

Das ist aber leider auch schon alles, was man diesbezüglich erfährt. Schade.
Immerhin wird der Umgang mit der Restbevölkerung Tongas angeschnitten. Der scheint recht ambivalent zu sein.
Einerseits eine erfreuliche Akzeptanz, von der sich so mancheR eine Scheibe abschneiden könnte.

Von der Bevölkerung werden sie weitgehend akzeptiert.

Joey hat fünf Kinder adoptiert, drei sind schon erwachsen und ausgezogen, ein Adoptivsohn ist gerade zu Besuch bei seinen richtigen Eltern. (…) Er ist Mutter – in Tonga ist das kein Problem.

„Mit neun war mir klar, dass ich ihn nicht ändern kann“, sagt Vanessas Mutter. „Ich sagte mir daher, er wird selber herausfinden, was für ihn am besten ist.“

Allerdings scheint auch hier nicht alles Friede Freude Eierkuchen zu sein.

Einige Familien betrachten es als Schande, wenn ihre Söhne zu Leitis werden.

Doch in der Jugend hatte sie [Joey] es schwer – wie viele Leitis. In der Schule werden sie gehänselt, manche Väter schrecken nicht vor Prügel zurück, um ihre femininen Söhne männlich zu machen. Auch Joey hat ähnliches erlebt. „Einer meiner Brüder machte mir Angst“, erzählt sie. „Er zwang mich, wie ein Mann zu reden und mich auch so zu benehmen. Er drohte mir Schläge an.“ Geändert habe das nichts, meint Joey.

Kommt einem irgendwie bekannt vor, wenn man an den zum Teil immer noch sehr idiotischen Umgang unserer Gesellschaft denkt mit allem, was nicht der sogenannten Norm entspricht.
Leider ist auch der Verfasser des Textes nicht davor gefeit, in die üblichen stereotypen Schwachsinnigkeiten zu verfallen, was am Anfang des Artikels schon mit dem Gelaber über „richtige Frauen“ deutlich wird.

Joey Mataele ist 44, männlich, aber schon als Kind benahm er sich sehr weiblich.

Was zum Geier IST denn eine „richtige Frau“ eigentlich? Oder was bedeutet es denn bitte, sich „sehr weiblich“ zu benehmen? Wie sieht das aus??? Diese Fragen werden von Leuten, die diese Begriffe verwenden, komischerweise nie zufriedenstellend geklärt…
Wenigstens wurde eins begriffen:

Um Sieg und Niederlage geht es hier aber gar nicht. Die „Miss-Galaxy“-Wahl ist vor allem ein Dankeschön der Leitis an die Bevölkerung von Tonga – weil sie hier so akzeptiert werden wie sie nun mal sind.

Schön! Das gibt Hoffnung darauf, dass die „Fernsehversion“ dieses Artikels vielleicht doch nicht so klischeeüberladen wird wie die grausige Überschrift vermuten lässt. Vielleicht hat hier jemand Lust, sich das anzusehen und was dazu zu sagen? Der Text geht ja leider nicht sehr in die Tiefe.

Für die vierjährige Tamara, Joeys Tochter, gehören Männer in Frauenkleidern zum Alltag. Noch fragt sie nicht, warum ihre Mutter anders ist. Wenn es soweit ist, wird Joey ihr das gleiche sagen wie den anderen Kindern: Dass man als Mensch zu dem stehen müsse, was man ist.

Fand ich einen schönen Schlusssatz für hier.


18 Antworten auf “Nicht nur Miss Galaxy”


  1. 1 plastikbrennt 19. Juli 2007 um 19:00 Uhr

    ich hab den bericht gesehen!

    er war nicht klischeebeladen, sondern gut ausgewogen und m.E. journalistisch vollkommen ok.

  2. 2 dodo 20. Juli 2007 um 4:23 Uhr

    das freut einen:)

  3. 3 Sickboy 22. Juli 2007 um 9:50 Uhr

    ich hab das letzten sonntag im weltspiegel gesehen, war generell ne sehr tolle sendung, auch mit den öhm, malaysiarinnen (?) weiß nich mehr genau welches land das war, die sich mit irgendwelche cremes bleichen und dann oft total entstellt sind, ganz unabhängig von dem ganzen worums eigentlich ging, fand ichs krass, das dort weiße haut mit schönheit, gesundheit etc. assoziiert wird. hier is es ja genau anders rum, bleich = krank, hässlichen etc.
    „die“ wären gern wie „wir“ und „wir“ wie „die“ (bezogen auf den teint)
    das is irgendwie ganz schön hm da fehlen mir worte für…

  4. 4 illith 22. Juli 2007 um 20:11 Uhr

    das lässt sich durch alle kulturen und zeiten beobachten: gesellsch. schönheitsideale für frauen, die genau das fordern, was eben von natur aus eher nicht gegeben ist und deren entsprechenden maßnahmen zeitaufwändig, unabhängigkeit und bewegungsfreiheit einschränkend bis hin zu selbstverstümmelnd sind (in unterschiedlich starkem ausmaß): verstümmelndes füßebinden im alten china, verätzende bleich-cremes bei schwarzen frauen, hautkrebsförderndes solariumgebrutzel in „weißen“ breiten, magersucht und bulimie, plastische chirurgie, giraffenhalsfrauen, mäst- und bleichhütten bei ich glaub solchen roma-völkern usw. usf.

    es gibt sicher auch einige solcher destruktiven „schönheitsmaßnahmen“ für männer, aber zum einen bin ich mir ziemlich sicher, dass es da nicht so viele und verbreitete und extreme gibt wie für frauen und zum anderen sind diese maßnahmen für männer in dem fall denk ich nicht so zwingend, weil sie weniger über ihre optik als über ihre leistung und status & co definiert werden (was natürlich auch eine scheiß sache ist).

  5. 5 janine 23. Juli 2007 um 13:17 Uhr

    Hallo Illith, Du hast also alle Kulturen und Zeiten studiert? Anscheinend nicht, sonst wärst Du nicht zu diesem falschen Ergebnis gekommen. Natürlich kannst Du nichts dafür, dass Du diesem Irrglauben anhängst – versuchen doch „unsere“ Medien und die eurozentristische Forschung „unser“ Geschlechterbild auf alle Zeiten und Kulturen zu projizieren und damit als „natürlich“ zu rechtfertigen. Mit der Realität ha5t das nur insofern zu tun, als eben dieses Geschlechterbild dank des westlichen Kolonialismus in alle Welt exportiert wurde. Natürlich gab es genauso Kulturen, in denen sich nur die Männer seltsamen einschränkenden Schönheitsidealen unterwarfen. Dass überhaupt jemand an „Leistung und Status“ gemessen wird ist doch ein ziemlich spezielles Spezifikum kapitalistsicher Gesellschaften.

  6. 6 nonogender 23. Juli 2007 um 15:19 Uhr

    ich glaube illith meinte das gar nicht so absolut.
    und männerdominierte strukturen herrschten quer durch die meisten kulturen und schon seit langer zeit (auch wenn es ausnahmen gab), nicht erst seit dem westl.kolonialismus – auch wenn das deine aussage impliziert.
    schönheitsnormen lassen sich insofern als in patriachale gesellschaften eingebundene strategie begreifen, weil sie sich eben oft eher auf frauen konzentrieren und somit frauen auf ihre aussehen(körper,natur) reduziert werden (im gegensatz dazu wird kultur/politik als männlich,aktiv konstruiert). wobei es stimmt, dass schönheitshandeln als frauensache wohl eher eine moderne erscheinung ist.
    ich denke außerdem nicht, dass der fokus auf leistung und status(=soziale stellung) nur in kapitalistischen verhältnissen zu finden ist. zb. statuszuschreibungen gabs auch im adel,im indischen kastensystem,…

  7. 7 janine 23. Juli 2007 um 15:58 Uhr

    „ich denke außerdem nicht, dass der fokus auf leistung und status(=soziale stellung) nur in kapitalistischen verhältnissen zu finden ist. zb. statuszuschreibungen gabs auch im adel,im indischen kastensystem,…“

    Ja genau, Stauszuschreibungen aufgrund von GEBURT, nicht von „Leistung“.

    Dass die Mehrheit glaubt, so wie Geschlechterrollen hier und heute definiert sind, sei „natürlich“, liegt u.a. daran, dass versucht wird sie als überzeitlich und allgemeinmenschlich in die Fremde und Vergangenheit zu projizieren. Das ist aber Käse. Patriarchale Strukturen, insbesondere in der spezifischen westlich-kapitalistisch postmodernen Ausprägung sind selbstverständlich nicht immer und überall und in jeder Zeit zu finden. In Indien ist z.B. noch ein alleiniges Erbrecht für die älteste Tochter verbreitet. In einigen afrikanischen Stämmen gibts Schminke&Co nur für Männer, die den Frauen hübsch was vortanzen, um von ihnen erwählt zu werden. Das nicht zu leugnen wäre doch ein erster Schritt, um auf kulturelle und gesellschaftliche Ursachen von Geschlechterzuschreibungen verweisen zu können.

  8. 8 nonogender 23. Juli 2007 um 16:32 Uhr

    aber es gibt eben bestimmte kontinuitäten in machtverhältnissen (und weil du indien ansprichst, das ist trotzdem ne form von patriarchaler gesellschaft und nicht erst seit der kolonialisierung). aber das bedeutet ja nicht, dass die hierarchie deswegen „natürlich“ ist und es gibt ja auch immer kulturelle unterschiede, an was geschlecht etc festgemacht wird..
    wegen status leistung,das hatte sich bei dir so angehört, als wenn es früher keine statusunterschiede gegeben hätte.dass leistung im kapitalismus eine größere rolle spielt als in vielen früheren gesellschaftsformen,würde ich genauso sehen..

  9. 9 janine 23. Juli 2007 um 18:20 Uhr

    Folgendes Problem sehe ich:

    In unserer Gesellschaft werden die aktuellen Geschlechterbilder als „natürlich“ bezeichnet und angesehen. Als Begründung wird u.a. die falsche Behauptung herangezogen, das aktuelle deutsche Geschlechterbild entspräche einem zu allen Zeiten und in allen Kulturen gültigen. Als Beweis zählen dann Produkte westlicher Populär-Kultur, die unsere Bilder auf Vergangenheit und Fremde projizieren (z.B. in Kinofilmen), oder sich nur die passenden Situationen herauspicken (z.B: sog. „Reportagen“, Galileo o.ä. Mist). Bei letzterem wird zusätzlich meist ausgeblendet, dass die ausgewählten Beispiele häufig erst durch Export westlicher ökonomischer und gesellschaftlicher Strukturen entstanden sind.

    Wenn man nun gegen die Vorstellung, unsere derzeitigen patriarchalen Verhältnisse seinen natürlich und anthropologische Konstanten, vorgehen möchte, wäre es doch überhaupt nicht sinnvoll erstmal (wider besseres Wissen) die Prämissen der gegnerischen Position zu affirmieren und das auch noch lauthals herauszuposaunen. Auch die Konzentration auf Kontinuitäten der Geschlechterbilder wäre m.E. unangebracht – das macht die Gegenseite doch schon zur genüge, da braucht man nicht mehr drauf aufmerksam machen. Wichtig wäre es doch, die Unterschiede in Kulturen und Zeiten sowie den Wandel hervorzuheben, um der „Natürlichkeits“-Argumentation das Wasser abzugraben.

  10. 10 laylah 24. Juli 2007 um 15:12 Uhr

    illith geht nun aber trotzdem von konstruierten geschlechterbildern aus. der feind meines feindes muss doch nicht gleich mein freund sein, überschneidungen von positionen nicht gleich querfrontlerei. und: historische („anthropologische“..?) kontinuitäten grundsätzlich zu leugnen, würde ja auch bedeuten, die kontinuität der klassengesellschaft abzustreiten.

    illith: was fürne roma-hütten?

  11. 11 illith 24. Juli 2007 um 17:34 Uhr

    danke @nono und laylah :)

    @janine: mir ist irgendwie deine kritik bzw. deine gegenargumente nucht ganz durchschaubar, aber meine konzentrationsfähigkeit ist auch grad irgendwie etwas heruntergesetzt^^

    @laylah:
    ich sah mal in einer doku über ‚zigeuner‘ (darf man das nun eigentlich sagen oder nicht?? wenn nicht, sorry!), ehrlichgesagt weiß ich leider nicht mehr, welche genau, dass mädchen/junge frauen in der prä-heirats-phase in solche fensterlosen hütten oder zelte oder was das waren ‚gesperrt‘ werden, damit die keine sonne abkriegen. die werden dann richtig weiß, was dem dortigen schönheitsideal für frauen entspricht (je weißer = desto höher der heiratsmarktwert); in anderen (warens afrikanischen??) kulturen gibt es wohl solche ähnlichen maßnahmen, nur geht es da um die regelrechte mästung der jungen frauen, was DA halt wieder für toll gilt.

  12. 12 janine 24. Juli 2007 um 19:15 Uhr

    @laylah:

    - welcher „Freund“?

    - wo steht was von „Querfrontlerei“?

    - siehst Du keinen Unterschied zwischen „historisch“ und „anthropologisch“?

    - was soll das mit der „Klassengesellschaft“?

    - und warum gehst Du auf meine Argumentation nicht ein? Weil Du mit Illith befreundet bist oder sie nett findest?

    „illith geht nun aber trotzdem von konstruierten geschlechterbildern aus.“

    - So? Tut sie das? Das „trotzdem“ wollte ich problematisieren, die Argumentation ist mehr als inkonsistent und legt das Gegenteil nahe. Das wollte ich problematisieren.

    @illith:

    „mir ist irgendwie deine kritik bzw. deine gegenargumente nucht ganz durchschaubar“

    Das ist wirklich traurig. Noch ein drittes Mal werd ich das ganze aber nicht formulieren.

  13. 13 illith 25. Juli 2007 um 3:26 Uhr

    nun mal nicht so patzig bitte. [-o<
    nonogender und lalyah hast du mit deiner argumentation schließlich offenbar auch nciht überzeugt und die sind beide sehr klug.

    was genau wirfst du mir denn jetzt vor? dass ich geschlechter-differenzen als naturgegeben ansehe, weil sie sich ja scheints recht konsistent durch kulturen und epochen ziehen? (nicht der fall)
    oder dass ich die festellung tätige, dass es konstruierte, bipolare geschlechterrollen gibt, die sich quer durch die patriarchalen gesellschaftsgefüge ziehen? (der fall)

    anbei bemerkt: wie du in meinem eingangs-kommentar ja sehen kannst, relativiere ich meine aussagen da mehrfach, da ich das eben NICHT (alles) studiert habe, sondern eben von meinen beobachtungen und „“forschungen“" spreche. auch räume ich durchaus ein, dass es gegenbeispiele gibt. die scheinen mir(!) aber in der unterzahl zu sein.

  14. 14 laylah 26. Juli 2007 um 17:25 Uhr

    [quote comment=“8468″]
    - und warum gehst Du auf meine Argumentation nicht ein? Weil Du mit Illith befreundet bist oder sie nett findest?[/quote]

    aha, alles klar, kein bock auf sone scheisse, tschüss.

  15. 15 janine 26. Juli 2007 um 19:20 Uhr

    Dito, viel Spaß noch im antiintellektuellen Kindergarten.

  16. 16 pia 27. Juli 2007 um 0:53 Uhr

    schade, dass ihr jetzt keinen bock mehr habt, ich fand die diskussion eigentlich ganz spannend!

  17. 17 laylah 28. Juli 2007 um 14:24 Uhr

    antiintellektuell?? der kommentar zum zitat war antiintellektuell? na dann viel spass noch im identitären sumpf.

  18. 18 nonogender 29. Juli 2007 um 17:49 Uhr

    ..janine:
    „und warum gehst Du auf meine Argumentation nicht ein? “
    „Das ist wirklich traurig. Noch ein drittes Mal werd ich das ganze aber nicht formulieren.“
    -aber warum gehst du denn nicht auf die argumentationen von illith+laylah ein?(nen drittes mal wirds sicher nicht nochmal formuliert;)

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