Boxen!

Seit Donnerstag finden in Berlin_Neukölln die 5. Internationalen Deutschen Meisterschaften im Frauenboxen statt – und keiner kriegts mit. Während das Profiboxen dank der Reginas und Susis inzwischen ziemlich populär ist, führen die Amateurboxerinnen weiterhin ein Schattendasein und das obwohl diesmal die DM in der Hauptstadt stattfinden und nicht wie letztes Jahr in einem badischen Dorf. Frauenboxen unterliegt immer noch einer Legitimationspflicht. Sowohl im Reallife als auch in virtuellen Communities meinen Männer, ihre Meinung über boxende Frauen verkünden zu müssen. Selbst ein Boxtrainer erklärte mir mal, nach einem Blick auf meine bläuliche Nase, dass er seiner Freundin das Boxen nicht erlauben würde. [Soviel zu gängigen Beziehungsmodellen.] Ebenso veröffentlichen einschlägige Zeitschriften gerne Bilder von verschwollenen und blutüberströmten Boxerinnengesichtern mit Bildunterschriften a la „Muss das sein?“. Arthur Abraham sah mit dem gebrochenen Kiefer auch nicht grade zum Knutschen aus.
Loic Wacquant vergleicht in irgendeinem Artikel den männlichen Profiboxer mit einer Prostituierten, da dieser seinen Körper verkauft und von seinem Manager ähnlich wie von einem Zuhälter ausgebeutet wird. Bei den Boxerinnen liegen Prostitution und Sport noch enger beieinander. Während die Berichte in „Boxsport“ über die männlichen Boxer relativ sachlich ausfallen, sind diejenigen über die Kolleginnen sexualisiert, sowohl was die Beschreibung der Boxerinnen betrifft als auch die Abbildung von Nacktfotos bzw. Fotos in sog. erotischen Posen. Verkauft wird in erster Linie nicht Sport sondern Sex. Auch in den Sportkommentaren scheint es erwähnenswert, dass Regina Halmich nun endlich mal Hotpants trägt (war das pinke Röckchen nicht schon schlimm genug?). Nackte Frauen mit Boxhandschuhe sind aus einem mir unbekannten Grund ein beliebtes Motiv in der erotischen Fotografie. Neben den sexualisierten Darstellungen von Boxerinnen nehmen Frauen aber auch an anderer Stelle im Boxgeschehen stereotype Positionen ein – als „aufreizendes“ Nummerngirl zum Beispiel.
Frauenkämpfe wurden erstmals Anfangs des 18. Jhdt. in London von Arbeiterfrauen ausgetragen, die im Gegensatz zu den zarten und unterwürfigen viktorianischen Ladies als wild und brutal galten. Aus diesem Grund zog Frauenboxen immer männliche Zuschauer an. Die Kämpfe wurden mit freiem Oberkörper oder enger Bekleidung ohne Schutzausrüstung durchgeführt, erlaubt war praktisch alles – dementsprechend schwerwiegend waren die Verletzungen. Obwohl oder gerade weil reichlich Blut floss, fand das Frauenboxen Verbreitung. Die Zuschauer kamen in Strömen, die Wettökonomie boomte und die Preisgelder waren nicht ohne.
1886 gab es den ersten „Female World Champion“: Hattie Leslie.
Frauenboxen konnte sich im 20.Jhdt. nur schwer etablieren. Argumentiert wurde einerseits, dass Boxen Frauen muskulös und somit hässlich mache und andererseits die reproduktiven Organe Schaden nehmen könnten. Dennoch nahm die Zahl der Boxerinnen zu und in den 1970ern wurde Frauenboxen, gepusht durch die feministische Bewegung, in den USA nach und nach anerkannt. Richtig populär wurde es aber erst in den 1990ern, als die ersten Weltmeisterschaften im Profiboxen ausgetragen wurden.
Ein weiterer Grund war die Fitnesswelle, die in den 1980er Jahren einsetzte. Mit ihr kamen Aerobic-Varianten mit Kampfsportelementen in Mode, die viele Frauen auf den Geschmack brachten, richtiges (Kick-)Boxen zu probieren. Box-Aerobic setzte auf eine neues Frauenbild, nicht mehr der magere, schwache weibliche Körper war gefragt, sondern der athletische Typ. Der durch das Boxen trainierte Körper ist stark und athletisch, symbolisiert Unabhängigkeit und einen Körper, der einem selbst gehört und nicht vornehmlich für männliches Begehren bestimmt ist.
Während Männerboxen traditionell den unteren Schichten zugerechnet wird und auch am ehesten dort verbreiteten Männlichkeitsbildern entspricht, sind es bei den Frauen eher die Angehörigen höherer Bildungsschichten, die diesen Sport ausüben. Das gilt in der BRD auch für die Boxerinnen mit Migrationshintergrund, von denen viele über Abitur verfügen. Neben dem sportlichen Boxen gibt es aber nach wie vor explizit sexualisierte Frauenveranstaltungen – vor allen in den USA (und natürlich im Internet). Beim Wrestling, Cat- Fighting, Topless-Boxen und Foxy Boxing schlagen, beissen und kratzen sich (halb)nackte Frauen aus den unteren sozialen Schichten um ein männliches Publikum zu unterhalten. Dabei wird oft künstliches Blut eingesetzt um den Showeffekt zu verstärken.
Regina Halmich wird gerne nachgesagt, dass sie durch ihre Playboy-Bilder das Image des Frauenboxens entscheidend verbessert hat, indem sie bewies, dass Boxerinnen durchaus attraktiv sein können. Ist das Amateurboxen der Frauen so unpopulär, weil es zu viel Sport und zu wenig Sex bietet? Im Amateurboxen ist der Körper durch die weite Kleidung verhüllt und das Gesicht wegen dem Kopfschutz kaum erkennbar. Bei der DM vor zwei Jahren in Worms wurde deshalb [bösartige Mutmassung] das Programm um ein öffentliches Wiegen im Einkaufszentrum ergänzt. Wer sich Frauenboxen live anschauen möchte kann das heute und morgen noch tun.
Infos: www.boxverband.de


15 Antworten auf “Boxen!”


  1. 1 dodo 14. September 2007 um 0:59 Uhr

    wow danke, das war ends interessant zu lesen (und schönes bild übrigens!)

  2. 2 planeten 14. September 2007 um 12:29 Uhr

    Ich merk es doch am Frauenfussball und beim Schwimmen. Frauen im Sport werden erst dann gesellschaftlich akzeptiert, wenn sie auch im kurzen Röckchen eine gute Figur machen. Wenn sie dagegen nicht so attraktiv sind, wird Häme und Spott über sie ausgeschüttet (zuletzt bei der deutschen Frauen-Fußball-Nationalelf erlebt.)

    Wenn Männer im Sport Scheiße aussehen, sagt kein Mensch was. Aber Frauen sollen immer hübsch anzusehen sein, Leistung ist zweitranging *nerv*

  3. 3 Fußballer 14. September 2007 um 13:23 Uhr

    Wenn Männer im Sport Scheiße aussehen, sagt kein Mensch was. Aber Frauen sollen immer hübsch anzusehen sein, Leistung ist zweitranging *nerv*

    Ach quatsch. Ich schau mir die 5te Liga im Männerfußball auch nicht an und so spielen Frauen nunmal. Wenn Du Dich mal nen bissel auskennen würdest, fiele Dir das auf. Die Freistöße oder Pässe im Spiel sind bei den Länderspielen einfach ein ziemlich ödes Niveau.

    Anders zB bei Leichtathletik oder in Wintersportarten, wo Frauen auch ohne Minirock durchaus klasse Leistungen erbringen.

  4. 4 pia 14. September 2007 um 13:30 Uhr

    @planeten: dabei muss ich grad an die kleiderordnung im beachvolleyball denken, wovon ich mal gehört hatte und was sich nach kurzer recherche bestätigt hat:

    Die Frauen dürfen nur im Bikini antreten und dabei Höschen von maximal fünf Zentimeter Breite an den Seiten tragen.

    quelle: „Enger Bikini, knappe Höschen“ in der Stuttgarter Zeitung

    und da ist es auch ganz klar, dass es bei diesen offiziellen regeln um die attraktivität dieses sports bei männlichen zuschauern geht …

  5. 5 bigmouth 14. September 2007 um 14:16 Uhr

    @fußballer: angenommen, du hast recht (ich hab da keine ahnung): woran liegt’s denn? doch wohl daran, dass der pool an talenten und das geld zur förderung usw einen winzigen bruchteil dessen beim männerfußball ausmacht.

  6. 6 dodo 14. September 2007 um 15:28 Uhr

    ich weiß nicht mehr, von wem das zitat ist, aber ich finde, es passt:
    „How good does a female athlete have to be before we just call her an athlete? “

  7. 7 Walfisch 17. September 2007 um 0:33 Uhr

    Also egal ob Männer oder Frauen, Boxen ist vorsätzliche Körperverletzung, und ich verstehe nicht, warum Emanzipation darin bestehen soll, den Männern den Schwachsinn nachzumachen, wie Boxen, Kampftrinken oder Wehrdienst.

  8. 8 Mafalda 18. September 2007 um 21:09 Uhr

    Lieber Walfisch,

    der Soziologe Max Horkheimer- sagte einmal „Wir haben uns einen Boxkampf angesehen. Sehr zu empfehlen. Das beste Mittel gegen Aggression.“ Das Phänomen des Gewalt-voyeurismus sollte vielleicht hinterfragt werden, aber doch schon eher der Sexismus-voyeurismus, den wir Boxfrauen über uns ergehen lassen.

    gruss Mafalda

  9. 9 olzt 20. September 2007 um 19:16 Uhr

    http://www.medpagetoday.com/Neurology/2005AANMeeting/tb/5551

    Vielleicht kommen die Boxerinnen mit Migrationshintergrund
    und Abitur bald auch in den „unteren Schichten“ an.

  10. 10 chica 21. September 2007 um 2:06 Uhr

    Uh, eigentlich hab ich nicht so wahnsinnig lust, mich mit stammtischparaloen auseinanderzusetzen
    Boxen ist eine freiwillige kämpferische Auseinandersetzung unter bestimmten Absprachung und somit keine KV.
    Es geht auch nicht darum, Männern etwas nachzumachen, Frauen können durchaus eigenständig denken, sondern um gleiche Rechte /gleichen Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen, jobs eingeschlossen. und das ist schon ein schritt richtung emanzipation.

    [-x

  11. 11 illith 23. September 2007 um 13:15 Uhr

    “Wir haben uns einen Boxkampf angesehen. Sehr zu empfehlen. Das beste Mittel gegen Aggression.”

    hm, das kann ich nicht unbedingt bestätigen. ich mach seit netto ca. 3-4 monaten kickboxen & selbstverteidigung — ich hab eher das gefühl, dass das einen motiviert, das ganze mal ein bisschen ‚in der praxis‘ zu testen. ich würds halt nicht tun, aber bei anderen (jungs) hab ich das schon beobachtet, dass die durch das training soviel zusätzliches ’selbstvertrauen‘ bekommen haben, dass die sich viel eher auf schlägereien eingelassen oder diese provoziert haben.

  12. 12 ich 17. Juni 2008 um 20:24 Uhr

    Frauenboxen ist lächerlich, deswegen siehts sich´s auch kein Schwein an

  13. 13 boxerin ! 30. Dezember 2011 um 14:20 Uhr

    boxen is einfach wundervoll!
    un wer keine ahnung hat sollte einfachmal die klappe halten :d
    frauen boxen is nicht lächerlich !
    gleichberechtigung lässt grüßen
    :-w
    is einfach nur dumm wenn man keine ahnung hat un dann sein senf dazu gibt !

    boxen is einfach was wunderbares weil man sich da richtig aus tun kann !
    un auch seine aggresionen auslassen kann !

    LG boxerin aus leidenschaft :x

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