Der Feminist

Hannes Missethon ist ÖVP‘ler wie aus dem Lehrbuche: Mit der Vokabel „Leitkultur“ im Munde wettert er gegen Überfremdung und schürt Anti-Kommunistische Ressentiments. Wie kommt ein Politiker des bürgerlich-konservariven Lagers dazu, sich unter der Aussage „Ich knie vor Alice Schwarzer“ in einem „linke Emanze“ T-Shirt ablichten zu lassen?

Fangen wir von Vorne an, bei einem Interview, das Eva Linsinger und Ulla Schmid für das österreichische Onlinemagazin profil kürzlich mit Missethon führten. Ohne großes Vorgeplänkel wird Missethon als geouteter Alice Schwarzer Fan eingeführt und zu einer Rechtfertigung genötigt, in welcher er seine Nähe zu Alice Schwarzer mit dem Hinweis darlegt,

dass die Unterdrückung der Frau wieder auflebt – in Teilen von Migrantenfamilien. (…) (Was) dem Grundgedanken des Feminismus, nämlich der Gleichstellung von Mann und Frau (widerspricht). Schwarzer ist die Einzige aus der Frauenecke, die sich lautstark zu Wort meldet. Ich teile ihre Meinung. Und es wundert mich, dass die Feministinnen in Österreich in aller Ruhe zuschauen.

Im Interesse und Ziel Missethons ist eine „partnerschaftliche(…) Lebensform zwischen Mann und Frau“, was dann soviel heißt wie: Frauenförderungskampagnen sollten sich auf die MigrantInnen1 stürzen, da diese im Gegensatz zu ÖsterreicherInnen, nicht in „partnerschaftlichen“ Verhältnissen lebten. Er kritisiert hier explizit die Initiative der FrauenministerIn „Mama lernt Deutsch“, da sie seines Erachtens eben die nicht-partnerschaftliche Lebensform von Migranten und Migrantinnen ausblende. Klar wird also erstmal: autochtone, also weiße-urösterrichische heterosexuelle Paare sind im Gegensatz zu migrantischen Beziehungen/Ehen/Familien, partnerschaftlich, dh. für ihn offensichtlich gleichberechtigt, organisiert (das wiederum dankt der der feministischen Bewegung der 1970er ff. Jahre und daher auch seine Demut vor Alice Schwarzer). Hier wird sich also massiv auf den Gegensatz „Wir, die aufgeklärten, emanzipierten, gleichberechtigten autochtonen ÖsterreicherInnen – Die, die unterentwickelten, patriarchal-organisierten, Fremden“ bezogen.

Dennoch klingt Missethons feministisches, antipatriarchales Konzept irgendwie löblich? Die Umsetzung ist aber nicht sein Problem, denn: Feminismus ist Frauensache. Da FeministInnen nämlich mit der erreichten Gleichberechtigung (Logik siehe oben) keine Aufgabe mehr hätten, könnten „sie“ sich ja jetzt bitte mal den im Folgenden gemeinten migrantischen Frauen zuwenden, quasi als ausländerpolitische Task Force:

Missethon: (FeministInnen) sollen den Frauen Rückenstärkung geben und auf die Männer Druck aufbauen. So wie sie in den siebziger und achtziger Jahren Druck auf die österreichischen Männer ausgeübt haben. Denn im Nachhinein muss ich sagen: Das war damals richtig.

profil: Warum nehmen Sie Feministinnen in die Pflicht und nicht die Politik?

Missethon: Weil Feministinnen der Entwicklung zusehen. Warum wird das Verhalten der Migranten nicht thematisiert? Wenn sich Werthaltungen einschleichen, die den offenen, toleranten Zugang zur Gesellschaft nicht haben, dann gehören sie kritisiert. Und von den Feministinnen höre ich gar nichts.

profil: Wen meinen Sie mit Feministinnen: Politikerinnen? Die Frauenbewegung?

Missethon: Alle mitsammen. Die Feministinnen sind müde und satt geworden. Da ist nichts mehr von Fieber zu spüren. Man hat sich offenbar arrangiert. Dabei wäre es doch einmal interessant, eine Studie über Zwangsverheiratungen in Auftrag zu geben. Da gibt es im Moment ja nur Vermutungen.

Auf die Frage hin wie er sich das alles auf staatspolitischer Ebene denn konkret vorstelle gibt Missethon die Allerweltsformel an, sie er immer wieder auch genereller über „die Türken“ usw. ausspuckt:

Da muss man in die Migranten-Community und sagen: Freunde, so geht das nicht. Wir wohnen nicht in einem islamischen Staat, sondern in einer demokratischen Republik.

Nach einigem Geplänkel wird’s dann auch den profil-JournalistInnen zu viel und sie fragen das, was vermutlich denn geneigten Leser_innen des Mädchenblogs schon längst auf der Zunge liegt:

Warum starten Sie nicht eine Bildungsoffensive für Migrantinnen?

Missethon: Ja, aber wer sagt den Männern, dass wir nicht in Anatolien sind?

profil: Na Sie.

Missethon: Das ist schon interessant, dass der konservative Generalsekretär die linke Emanze spielt. Bildung allein ist ja zu wenig.

Dass die ÖVP ein Bildungssystem stützt, dass MigrantInnen bzw. ÖsterreicherInnen aus prekären Lebensverhältnissen per se benachteiligt habe ich schon erwähnt??

Wir stellen an diesem Punkt vorläufig fest: Missethon kokettiert mit feministischen Forderungen, sieht sich selber als Politiker aber nicht in der Notwendigkeit darüber nachzudenken wie die Umsetzung ebendieser aussehen könnte, denn wie bereits angemerkt: Frauensachen sind Frauensachen. Konkrete Politik scheint eh nicht so seins zu sein, er gibt das auch freimütig zu, denn eigentlich geht es ihm nicht um konkrete Verbesserungen oder wenigstens Verbesserungsvorschläge, sein Anliegen ist ein viel grundsätzlicheres:

Wir haben eine Wertedebatte zu führen.

Was sich konkret in der Frage manifestiert: Kopftuch: ja oder nein? Auch wenn Missethon Freund migrationsfeindlicher Polemik ist, lässt er sich hier nicht so leicht festnageln, weicht mit dem Wunsch sich mit „dieser Bewertung Zeit (zu) lassen“ gekonnt auf den „persönlichen“ Wunsch aus, wenigstens Schulen und Universitäten kopftuchfrei zu halten, da Kopftücher eben politisch-religiösen Charakter hätten. Ein Perückenverbot für orthodoxe JüdInnen oder der Verzicht auf christliche Kreuzsymboliken hält er für überflüssig, da ein „politisches Signal“ eben einzig und allein Kopftücher seien und Europa zudem seinen „christlichen Wurzeln“ verpflichtet sei bzw. sich dieser nicht „schämen“ brauche.
Linsinger und Schmid sehen, dass an dieser Stelle kein Weiterkommen ist, geben aber den Gedanken konkrete feministische Handlungskonzepte dem Generalsekretär zu entlocken nicht auf und fragen, ob es denn nicht ein sinnvoller Schritt sei, gesetzlich wenigstens die Abhängigkeit von Migrantinnen von ihrem Ehemann zu lockern, um individuelle Gehälter und somit finanzielle Selbstversorgung zu ermöglichen.
Es wird also ein konkreter Vorschlag von Frauen für Frauen gemacht, eigentlich genau das, was Missethon sich wünscht – einzig ist es alles andere als sein Ziel, MigrantInnen den Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt zu erleichtern, im Gegenteil! Ihm geht es einzig und allein um „Familienformen“, ob diese von österreichischer Politik abhängen scheint schnuppe.

profil: Jetzt haben Sie zu allen konkreten Integrationsansätzen Nein gesagt. Geht es Ihnen um Gleichberechtigung oder um Wählerstimmen?

Missethon: Ich will, dass endlich einmal ehrlich diskutiert wird. Und mit diesem verlogenen Multikulti-Gerede Schluss ist.

Also, um das nocheinmal zusammen zu fassen und auf mein Anliegen hinauszukommen:
Ein christlich-konservativer Politiker kokettiert mit Alice Schwarzer, Personalisierung eines bürgerlich-konservativen, reformistischen Feminismus seit den 1970er Jahren. Heuer ist’s 2007, Feminismus meint in bürgerlichen Medien: a) „die alten Schachteln aus den 70ern, die heute frustriert rumsitzen, weil ihre Ziele erreicht sind“ und b) die neue weibliche Elite, die -egal ob in Partnerschaft oder nicht- Kind und Job nicht unter einen Hut bekommen muss, weil sie sich problemlos (illegale/migrantische…) domestic workers leisten kann (c) Feminismus meint in ebendiesen Medien NICHT: die Suche nach emanzipatorischen Handlungskonzepten soziale Ungleichheiten die durch Kategorisierungen nach „Nation“, „Ethnizität“, „Geschlecht“, „Alter“, „Ability“ usw. entstehen). Nun rekurriert ebendieser genannte und vielzitierte Politiker plötzlich auf eine Ikone, die eben in ihrer Wahrnehmung für den bedingungslosen Einsatz für „die Frauen“ steht, um damit ein politisches Ziel zu erreichen, das alles andere als „die Frauen“ im Sinn hat: Für Missethon ist Österreich und die darin lebenden „gebürtigen“ und darin am besten „weißen“ Österreicher_innen EGALITÄR, das Patriarchat ist Schnee von gestern. Das große und aktuellste politische Problem Österreichs ist die „Überfremdung“ (ja, das ist ein NS-Terminus. Nein, den führt nicht vorwiegend die rechte FPÖ im Mund, sondern er ist auch alltägliche Floskel der ÖVP). Missethon sieht ein, dass sein Staat nicht alle, die er als „unangepasst“ empfindet abschieben kann und gibt sich reformistisch: sollen sich halt alle, die er als „unangepasst“ empfindet „anpassen“. Ein Entgegenkommen von staatlicher Seite schließt er demnach aus, denn es sind ja „die“, welche „dabei“ sein wollen. Gleichzeitig sieht er ein, dass ein verärgertes Warten auf seine persönliche bessere Welt wenig Veränderungen erziehlt und findet eine Lösung: Der österreichische Status Quo der (nicht-migrantischen) Gleichberechtigung wurde dank „den FeministInnen“ erreicht. Nun kommt der Staat erneut nicht weiter, schiebt das allein auf patriarchale Verhältnisse und kommt zu einem naheliegenden Analogieschluss: Wenn „wir“, der Staat, uns nicht bewegen, und „die“, die AusländerInnen, auch nicht, braucht’s andere, engagierte Menschen, die was bewegen und „die FeministInnen“ haben das schonmal geschafft und haben ja auch gar nichts mehr zu tun bzw. tun so, als gäbe es nicht mehr zu tun. Im Grunde genommen projiziert Missethon aber die nationalen Zustände: Österreich tut nichts – bei ihm sind’s die FeministInnen. Die scheinbare nationale Einheitlichkeit braucht also einen Sündenbock und so werden staatliche Probleme (denn das sind sie grade tagespolitisch ganz gewaltig) auf eine scheinbar kohärente und seit 30 Jahren wartende, ja geradezu faul wartende, soziale Gruppe abgewälzt, die nichts mehr zu tun hat. Damit wird einerseits die Zweigeschlechtlichkeit und aller an ihr hängenden gesellschaftlichen Institutionen (Ehe, Bildung, Löhne…) in Österreich -wie schon oft erwähnt- als gleichberechtigt markiert und andererseits werden migrationspolitische Probleme ent-politisiert, wenn Politik hier Parlamentarismus meint: Der Staat geht nicht auf das Problem zu, es besteht weiter – so wird die Verantwortlichkeit in die Hände ebenjener gelegt, die von Missethon eben immer wieder als nicht-politisch (erneut im Sinne von in Parteien organisiert) markiert werden.

Klar ist das nur eine Ebene der Debatte – mehr herauszuarbeiten ist im Rahmen diese Beitrages aber gerade nicht mein Ziel. Ich möchte eben vor allem auf die Instrumentalisierung „des Feminismus“ (bzw. eines bestimmten Konstruktes davon) durch einen konservativen Politiker verweisen, der damit migrationspolitisch hochbrisante Themen aus seiner Verantwortlichkeit schiebt. „Links“ oder „emanzipiert“ ist das sicher nicht.

  1. Ich muss sagen es fiel mir schwer mich hier für eine Schreibweise (Splitting vs. gender-gap) zu entscheiden. Ich halte es für paradox das gender-gap anzuwenden, wenn ich hier auf Zweigeschlechtlichkeit rekurriere, die hier diskursiv kein dazwischen erkennt und ich zur Erläuterung bestimmter Vorgänge konkreter zwischen „dem Politiker“, „den Frauen“ usw. unterscheiden will. Paradox daran wäre eben, dass ich die ganze Zeit von „Migrant_innen“ schreibe, dann aber plötzlich „der Generalsekretär“, statt „die_der Generalsekretär_in“. Letzteres wäre konsequent und cooler, ich bin mir grade aber zu unsicher, ob ich das verständlich verfassen könnte. Ich arbeite dran, ok? [zurück]

7 Antworten auf “Der Feminist”


  1. 1 Dodo 31. Oktober 2007 um 17:07 Uhr

    Wow. Feministen-Bashing verkleidet as Feministen-Loving… da hat der gute Mann sich ja echt was einfallen lassen…

  2. 2 st_eve 31. Oktober 2007 um 17:10 Uhr

    tragisch halt, dass der gute mann auch noch einflussreiche person des öffentlichen lebens ist. das stimmt mich so verärgert und auch vorsichtig. beobachte die verwendung des begriffs „feminismus“ in der öffentlichkeit gerade ein wenig und missethons umgang damit erscheint mir beispielhaft.

  3. 3 Dodo 31. Oktober 2007 um 18:47 Uhr

    beispielhaft bis boshaft

  4. 4 st_eve 01. November 2007 um 1:29 Uhr

    and vice versa

  5. 5 darkymaus 08. November 2007 um 21:27 Uhr

    ein Arschloch ist das.

  1. 1 Mixed Picks | bikepunk 089 Pingback am 05. November 2007 um 16:29 Uhr
  2. 2 Feminismus ist Spitze « mädchenblog Pingback am 25. August 2008 um 0:44 Uhr

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