Full Frontal Feminism

Wer bei diesem Buch Fachliteratur erwartet, wird enttäuscht, das sag ich gleich. „Full Frontal Feminism“ ist nichts allzu profundes und allzu tiefgreifende Analysen finden sich auch nicht.
Aber.
Für jeden, der sich mit Feminismus noch nicht sehr eingehend beschäftigt hat, ist es ein super Buch um damit anzufangen (allein schon wegen der ungezwungenen Sprache)! Und auch für Leute, die sich in ihrem FeministInnen-Dasein mal wieder bestätigt fühlen möchten (jaja, das braucht’s auch!) sowieso. Man kann es ganz unproblematisch im Bus lesen, es hat aber dennoch Substanz genug, dass man sich als Leser ernstgenommen fühlt.
Full Frontal Feminism

Schon allein aufgrund der Tatsache, dass Jessica Valenti versucht, so viele Themen unter einen Hut zu bringen (feministische Geschichte, Schönheitswahn, Gewalt, Politik, Wirtschaft,…) lässt sich denken, dass detaillierte Analysen nicht möglich sind.
Dafür hat man von allem etwas und im Nachhinein einen tollen Überblick und Eindruck davon, dass Feminismus eben jeden unserer Lebensbereiche berührt.

Full Frontal Feminism is not an exhaustive review of all things feminist. There’s a lot of feminism out there – and you should check it all out. This book is just my take on it – my love letter to feminism and my invitation to my readers to embrace feminism for everything it gives to and does for women.

LeserInnen von Feministing (Valenti ist Gründerin dieses fantastischen Blogs) wird ihr Schreibstil und auch viele der von ihr herangezogenen Beispiele bekannt vorkommen – was anfangs ein bisschen nervt, aber schnell besser wird, da „Full Frontal Feminism“ eben doch viel mehr ist als Feministing in Buchformat.
Super hat mir ihr Ansatz gefallen:

I don’t know why I didn’t call myself a feminist until I was in college. I certainly was one before then. I think we all are.
I mean, really, what young girl hasn’t thought at some point that some sexist bullshit is completely unfair to women? The problem seems to be putting a name on that feeling. „Feminism“ is just too scary and loaded a word for some women. Which is really too bad.

So fängt das Buch an und von diesem Standpunkt aus geht’s weiter. Der Subtitel („A young woman’s guide to why feminism matters“) beschreibt ziemlich genau, worum es Valenti geht: zu zeigen, dass auch (oder gerade) für heutige junge Frauen Feminismus immer noch Thema sein muß. Und das gelingt ihr ziemlich gut. Wer den Begriff „Feminismus“ für sich bis jetzt abgelehnt hat, obwohl er/sie im Kern eigentlich damit übereinstimmt (ihr wisst schon, das notorische „Ich bin ja keine Feministin, ABER…“), den kann dieses Buch mit großer Sicherheit zum noch mal drüber Nachdenken bewegen.
Es setzt nicht viel Basiswissen voraus, bringt aber trotzdem viel Interessantes und Wissenswertes unter.
Hin und wieder ist sie mir etwas zu unkritisch, aber da es ihr in erster Linie darum geht, die Leserinnen zum Denken (eben Selberdenken) zu animieren, passt es eigentlich ganz gut ins Konzept. Was auch den durchaus sympathischen Eindruck erweckt, dass sie die LeserInnen ernst nimmt und für clever genug hält, dass sie sich ihre eigenen Gedanken machen.
Totale Kritiklosigkeit lässt sich ihr aber nicht vorwerfen: gerade im Kapitel über die Geschichte des Feminismus übt sie Kritik an den Dingen, die in der Frauenbewegung zum Teil eben auch schief gelaufen sind und mahnt, dass so etwas nicht mehr passieren darf.
Eine großartige Idee von Valenti war es meiner Meinung auch, am Ende des Buches zig Vorschläge zu bringen, wie man sich selbst für Feminismus engagieren kann, wie man die Theorie ins Praktische umsetzt. Von scheinbar ganz simplen Dingen wie:

Be proud of yourself; never feel ashamed. Feeling proud of yourself and your sexual decisions in a world that tries to make you feel ashamed is a revolutionary act.

bis hin zur Aufforderungen, an einer Klinik in der Nähe freiwillig auszuhelfen.
„Full Frontal Feminism“ richtet sich in erster Linie an weibliche, US-amerikanische Leser. Was aber nicht heißt, dass es für Männer nicht interessant zu lesen wäre. Und auch wenn wir hier in Europa (soweit ich weiß) keine grusligen „Purity Balls“ haben, bei denen die Mädels ihrem Vater schwören, keinen Sex vor der Ehe zu haben, gibt es doch einen aufschlussreichen Einblick sowie die Gelegenheit, die sexistischen Grundstrukturen (die überall herrschen!) zu entdecken und das sich durch die ganze Gesellschaft ziehende patriarchalische Geflecht mit klareren Augen zu sehen.
Alles in allem möchte ich dieses Buch jedem und jeder ans Herz legen, vor allem denjenigen, die sich bis jetzt noch nicht an konkret feministische Literatur herangewagt haben. Valenti schreibt mit so viel Enthusiasmus, ehrlicher Wut und aufmunterndem Engagement, dass es einfach herrlich zu lesen ist und dieses typische Revoluzzergefühl im Bauch auslöst, das einem sagt „Genau! Ich will auch was tun! Jetzt!“, was einfach nur gut tut. Es macht einen stinkesauer, aber auch hoffnungsvoll. Halte ich für eine gute Mischung.

I truly believe that feminism makes your life better. Imagine being able to get past all the nonsense that tells you you‘re not good enough. To all of a sudden understand why you‘ve ever felt not smart enough or not pretty enough. To finally be able to put your finger on that feeling you‘ve always had that something is off.

Leider gibt’s das Buch nicht auf deutsch (lasst euch deswegen aber bloß nicht davon abhalten! Eine angenehmere oder lehrreichere Art, sein Englisch auf Vordermann zu bringen, fällt mir grad nicht ein), ist aber auf amazon.de zu nem anständigen Preis zu kriegen.


16 Antworten auf “Full Frontal Feminism”


  1. 1 Jan 06. November 2007 um 20:11 Uhr

    FeministInnen-Dasein

    Wie kann man den da von ein „Innen“ dran hängen?
    Schon mal nen (männlichen) Feminist gesehen? :-?

  2. 2 Krempel 06. November 2007 um 20:14 Uhr

    komme ja derzeit eh nicht zum lesen, aber ich merk mir das mal vor, danke für die empfehlung. :-“

    finde es aber herrlich, dass gerade das cover auf fast subtil ironische art per „sex sells“ menschen anlocken wird, die damit nicht so viel am hut haben *g* also: im gewissen maße finde ich das cover ja unpassend, was feminismus angeht, da es natürlich ein schönheitsideal darstellt (auch, wenn das kein hindernis sein soll. ich mein halt nur mal) – aber es passt, wenn man auch leute anzieht, die sich mit feministischer theorie sonst nicht beschäftigen. so 2 mal dasselbe gesagt, ich hoffe jetzt aber auch deutlich. XD

  3. 3 dodo 06. November 2007 um 20:41 Uhr

    @Jan: ja, ich hab schon männliche Feministen gesehen. Schock! Horror!:p
    Vielleicht solltest gerade du das Buch lesen.
    @Krempel: ich glaube angesichts der Tatsache, daß (anders wie hier) den Feministinnen im Amiland unter anderem auch sehr oft vorgeworfen wird, sie würden die heutige Jugend „zu Schlampen machen“, ist das nochmal ein anderer Kontext.
    Abgesehen davon ist der Körper meiner Meinung nach sehr respektvoll dargestellt und in alles andere als einer unterwürfigen Pose wie das sonst so bei „sex sells“ ist.

  4. 4 Krempel 07. November 2007 um 0:25 Uhr

    @jan: *meld* ;) auch wenn ich keine bücher dazu gelesen habe, bin ich vermutlich feministischer als viele (die meisten?) mädchen/frauen meiner schule. von den männlichen wesen hier ganz abgesehen…
    @dodo: achso, ja, das habe ich in der tat nicht bedacht. XD“
    nya, ich habe die möglichkeiten des „sex sells“ nie nur als unterwürfigkeit verstanden – sondern als den versuch im allgemeinen die auflagen durch das zeigen von viel nackter haut zu steigern – da sowas ja immer aufmerksamkeit erregt. insofern ist es mir dann egal, ob unterwürfig oder nicht, ich finde es oftmals etwas billig – aber gerade hier passt es ja, so aufmerksamkeit zu erregen.
    in der mainstreamwerbung allerdings ist es oftmals vor allem sehr einfallslos. beispielsweise wenn es um körper, biologie, das selbstverständnis der geschlechter geht, wird fast immer ein nackter körper (männlich oder weiblich ist egal) gezeigt. ich bin dem auch einfach überdrüssig, es ist so langweilig.

  5. 5 st_eve 07. November 2007 um 11:47 Uhr

    hey dodo, sag mal wie würdest du sagen verhält sich FFF zu der europäischen badgirl-feministin? die habe ich nämlich ehrlich gesagt nicht über mich gebracht fertig zu lesen… bin seitdem irgendwie abgeschreckt von büchern dieser art. ich hoffe zu unrecht… :-“

  6. 6 dodo 07. November 2007 um 16:44 Uhr

    badgirl-feministin? nie gehört muß ich zugeben…

  7. 7 pia 07. November 2007 um 18:54 Uhr

    @Jan: bin gerade über feministing.com auf diesen link gestoßen. da heißt es unter anderem:

    (…) Feminism is for men. (…) Feminism is even for white men. (…) Feminism is for trans men, even when they halt transition. (…) Feminism is for fathers: gay, straight, partnered, and unparterned. Feminism is for fathers of boys and girls. Feminism is for stay at home dads. (…) Feminism is for gay men. Feminism is for bisexuals. Feminism is for people who like to look at men. Feminism is for asexuals. Feminism is for polyamorous women and polyamorous men. (…)

    in dem originalpost finden sich dann jeweils links auf entsprechende blogs/seiten bzw. postings – falls du immer noch der meinung bist, es gäbe keine männlichen feministen …

    @alle: auch generell ein supernetter text! „Feminism is not your expectation.

  8. 8 Crash 07. November 2007 um 21:15 Uhr

    Habe über die dort verbreiteten Links diesen interessanten Text gefunden: „My Daughter’s Vagina“. Ist ein fünteiliges Essay über die Gedanken über und Erfahrungen mit Sexualität eines „weißen Mannes“. Fand ich sehr interessant und wollte es euch deshalb nicht vorenthalten:

    http://www.amptoons.com/blog/archives/author/rjnewman/ (Teil 1 ist etwa auf der Hälfte der Seite, Teil 2 über Teil 1 usw.)

  9. 9 illith 08. November 2007 um 17:20 Uhr

    das buch wanderte vor kurzem auf meinen (monumentalen^^°) amazon-wunschzettel.
    danke für die review :)

  10. 10 Jan 08. November 2007 um 19:33 Uhr

    na ok, ich fand nur das Wort so… hm, irgendwie doppelt gemoppelt ;)

  11. 11 illith 09. November 2007 um 1:09 Uhr

    angesichts der Tatsache, daß (anders wie hier) den Feministinnen im Amiland unter anderem auch sehr oft vorgeworfen wird, sie würden die heutige Jugend “zu Schlampen machen”, ist das nochmal ein anderer Kontext.

    öhm, was hat es denn damit auf sich??

    haha, wie stumph — mir ist das mt dem nackten bauch auf dem cover nichtmal [als widersprüchlich etc] aufgefallen. so abgestumpht ist man schon (also ich in dem fall) :D

  12. 12 dodo 09. November 2007 um 1:15 Uhr

    naja, da die Us-feministInnen in der regel pro choice sind und für leichten zugang zu verhütung/morning after pille kämpfen sowie für richtigen aufklärungsunterricht (also nicht bloß kein sex vor der ehe-gelaber), gelten sie bei den zahlreichen christlichen fanatikern schnell als meute, die die heutige jugend zur unmoral treibt.

  13. 13 illith 09. November 2007 um 4:14 Uhr

    avh sieh an. in unseren breiten ist doch tendenziell eher das gegenteil der fall, oder?

  14. 14 dodo 09. November 2007 um 12:20 Uhr

    stimmt. was aber die gemeinsamkeit ist, ist daß antifeministInnen den FeministInnen halt gerade das vorwerfen, was ihnen in den kram passt. dort gibt es das verklemmte lesben-männerhasser-stereotyp schließlich auch.

  1. 1 green » Full Frontal Feminism Pingback am 17. November 2007 um 22:08 Uhr
  2. 2 Happy Birthday, Simone! // mädchenblog Pingback am 09. Januar 2008 um 18:49 Uhr

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