Homophilie ist eine Strategie

Dass zwei Frauen in ihrem Stammlokal am Küssen gehindert wurden, veranlasste rund hundert Demonstranten am Dienstag zum kollektiven Schmusen gegen Diskriminierung. […]“Der Chef sei gerade da“, so der höfliche Hinweis, und „der hat halt was gegen Lesben und Schwule“. Das Paar möge mit ihren Liebesbekundungen „bitte aufhören“.

Verschiedene Wiener Initiativen und Zusammenschlüsse riefen zum kollektiven, homoerotischen Kiss-In im Café Merkur auf – fast 100 Menschen beteiligten sich an der friedlich und liebevoll verlaufenden Aktion. Der Lokalbesitzer Fayez Clache war nicht anwesend, verteidigt sich vor der Wiener Lokalpresse unverhohlen mit dem Klassiker: „Ich habe nichts gegen Lesebn und Schwule, aber…“ – die meisten Gemeinten wissen jedoch, was das konkret heißt: „Ich habe was gegen Lesben und Schwule, und zwar:…“. derweil nimmt die oben zitierte Angestellte alle Schuld auf sich (!): „Das ist alles meine Verantwortung, nicht die meines Chefs“ wird sie im standart.at zitiert1. Daran zeigen sich nun zwei Traurigkeiten: 1. direkt lohnabhängige Kellnerinnen stehen in der Hierarchie ganz, ganz unten (ob ein Typ einen solchen Schuldkomplex ausgedrückt hätte ist auch fraglich), 2. sie schützt ihn tatsächlich, denn ihr erster Hinweis am eigentlichen Tag des Geschehens brachte zum Ausdruck, dass sie von der Haltung ihres Chefes wusste, sprich: dass diese auch schon einmal zum Ausdruck gekommen sein musste.

Ein Lippenbekenntnis gegen Homophobie, direkte und aktive Raumaneignung zur Verdeutlichung und Delegitimation gesellschaftlicher Ausschlussmechanismus. Formal gilt dies vielleicht nicht, die gesellschaftliche Praxis sieht anders aus, auf eine standardmäßige Anerkennung durch die heterosexuelle und -normative Mehrheit können Lesben und Schwule nicht zählen. Eine Studie aus dem Jahr 2002 stellt fest:

61 Prozent der deutschen Jugendlichen haben gegenüber „Schwulen“ und „Lesben“ eine negative Einstellung, finden sie „nicht“ oder „überhaupt nicht gut“. […] „Dieses Ergebnis spiegelt wider, dass nach wie vor tradierte Wertvorstellungen darüber herrschen, wie man sich als Mann oder Frau zu verhalten hat. Die Jugendlichen übernehmen diese Vorstellungen bei ihrer Suche nach Vorbildern, an denen sie ihre eigene Geschlechterrolle lernen können. Abweichungen vom aus ihrer Sicht Normalem stehen die Jugendlichen fast verängstigt gegenüber. […] Dies zeigt auch, dass in den Medien Homosexuelle immer noch zu einseitig dargestellt werden: Es gibt kaum homosexuelle Helden. Vielmehr werden sie eher als Kuriosität gehandelt. Des Weiteren werden sich outende Politiker oder Talkmaster von den Jugendlichen, die eher Jackie Chan oder Dragon Ball Z-Helden verehren, nicht als coole Leitbilder empfunden“, meint dazu Ingo Barlovic (Leiter der Studie).2

Und, ist Homophilie eine Strategie? In dieser Masse mit Sicherheit! Berichten zufolge wurde die Aktion von zahlreichen Gästen und letztlich auch der Presse positiv aufgenommen. Ob ein Gesinnungswandel beim Chef stattgefunden hat, ist unbekannt und vielleicht auch fraglich. So bleibt es für einzelne schwuLesbische Paare nach wie vor ein unsicheres Terrain, wenn sie definierte Schutzräume verlassen und Zärtlichkeiten -sei es nur Händchenhalten- austauschen, die für heterosexuelle Paare in der Öffentlichkeit Normalität sind. Schräge Blicke, fiese bis bedrohliche Kommentare, Übergriffe – ich denke viele von euch haben das schon an eigener Haut oder als Beobachter_in erlebt. Ich bin mir selber nicht so sicher, wie ich mit solchen Situationen umgehen kann, meist peinlich berührt, betroffen, fluchtbereit. Ob mensch mit einem schlagfertigen Spruch oder einer Geste reagiert oder sich doch besser zurückhält, hängt letztlich wohl auch mit dem Gesamtkontext und der eigenen Tagesverfassung ab. Gute Erfahrungen habe ich mit Eingreifen gemacht, also als Beobachter_in Kommentare kommentieren oder mich mit Leuten solidarisieren, mich zu ihnen stellen etc., so richtig zufrieden bin ich mit mir da aber auch nicht immer, egal aus welcher Perspektive ich eine Situation erlebe.
Was meint ihr? Mehr Kiss-Ins für alle? Und wie geht ihr im Alltag mit homo- und transphoben Situationen um? Habt iht gute/schlechte Erfahrungen mit Strategien?

  1. ich reiche die URL nach, verschiedene technische Hindernisse verunmöglichen den Nachweis derzeit [zurück]
  2. http://www.iconkids.com/deutsch/download/presse/2002/2002_2.pdf [zurück]

12 Antworten auf “Homophilie ist eine Strategie”


  1. 1 Lena 23. November 2007 um 22:44 Uhr
  2. 2 illith 24. November 2007 um 2:47 Uhr

    Und wie geht ihr im Alltag mit homo- und transphoben Situationen um?

    ich befinde mich eher in einem mainstream-macker-sexismus-homophobie-umfeld. das problem an der sache ist, dass ich diesen bekanntenkreis schon länger hatte und dann erst später nach und nach mein kritisches denken, oilitisches bewusstsein usw. entwickelte. aber das entwickelte sich halt so nach und nach dynamisch, weswegen ich es dann immer nicht so richtig gebracht hab, angemessen auf homophobe/sexistische sprüche zu reagieren.
    eine art wendepunkt war, als ich am kochen war und mein kleiner bruder und ein homie bei mir rumsaßen und sich in so ein schwulenfeindliches gelaber reingesteigert haben, was mir zunehmend auf die nerven ging. als dann irgendwann solche „witzeleien“ kamen in richtung „schwule in KZs“ ist mir endlich der kragen geplatz und ich hab die angepampt, dass sie sich draußen weiter unterhalten können aber in meiner küche son scheißt nicht erwünscht ist. da waren die beiden ganz irritiert, waren dann aber still *LOL*
    das mag für viele jetzt noch unterreagiert klingen, aber für mich war das ein wichtiger schritt.
    seitdem unterbinde ich homophobes oder frauenverachtendes gelaber in meiner wohnung bzw möglivhst auch in meiner gegenwart.
    ansonsten verfolge ich auch ganz erfolgreich konter(hetero)sexistische strategien^^

    von direkter homophobe (auch verbaler) gewalt (also gegen homos selber) bin ich glaub zum glück noch nicht zeugin geworden….

  3. 3 Wolfskatze 24. November 2007 um 12:06 Uhr

    Ich bin zwar lesbisch, bin aber bisher aus diversen Gründen von entsprechenden Situationen verschont geblieben.

    Ich denke einfach, dass viele Leute keinen Schimmer haben, was die da überhaupt quatschen und eher mit dem Strom schwimmen, sprich, alle sind doch gegen Homos also bin ich es aus (und wenn alle aus dem Fenster springen machst du das dann auch :d ).

    Sehr oft reicht bei den kleinen Spinnern aus, die mal ordentlich zur Brust zu nehmen, dass die mal nachdenken (ob sie das tun, ist eine andere Sache).

    Bei den großen Spinnern sollte man aber eher aufpassen, weil die auch zu Gewalt greifen (würden). Wie man sich bei Leuten verhalten sollte, ist eine große Frage. Aber den Kopf in den Sand stecken ist auf alle Fälle keine Lösung. Denn so gibt man diesen Leute mehr Macht, als sie letzendlich haben.

  4. 4 dodo 24. November 2007 um 18:59 Uhr

    Homophilie als strategie – das ist eigentlich ein superinteressantes konzept!
    also das strategische vorgehen in diesem fall. sehr sympathisch :)

  5. 5 Thommen 05. Dezember 2007 um 14:07 Uhr

    „transphob“. Bitte unterstützt nicht die inflationäre Verwendung von „-phoben“ Wortungetümen! (Eine Phobie ist eine übersteigerte Angst)

    Erstens ist nicht jede „antischwule“ Strategie oder Handlung auch immer gleich „homophob“, sondern meist einfach nur dumm und überheblich! Zweitens verstehen die Wenigsten, was damit gemeint ist und dies trägt nicht zum allgemeinen Verständnis der Problemlage bei!

  6. 6 illith 06. Dezember 2007 um 5:55 Uhr

    ja dieses blabla-phob nervt mich auch schon ewig!
    das nimmt für mich irgendwie die täterInnen in schutz — „ach die armen, haben ja solche angst! da muss man ihnen schon ein bisschen nachsehen, dass sie den homo verprügelt haben!“ 8-|
    man sagt ja auch nciht gynophob oder negrophob. (ok, xenophob gibts schon)

    außerdem funktioniert „homophob“ jaauch nur in eine richtung — gibt ja auch homos, die auf heten herabblicken oder auf bis usw.. ich verwende daher lieber meine eigene wortschöpfung „sexualistisch“^^ = diskriminierung/abwertung von leuten aufgrund der sexuellen orientierung. so. [-( ;)

  7. 7 dummheitsphobie 26. Januar 2008 um 8:35 Uhr

    bloss mal so: homophobie ist zwar ein kompositum aus „homo“ und „phobie“ (psych. = übersteigerte Angst), wird allerdings im ähnlichen sinne wie xenophobie oder auch sexismus etc. verwendet. bedeutung dementsprechend „feindseligkeit“ oder „aversion“ gegenüber einer bestimmten gruppe. zu guter letzt kein großer unterschied, weil sowohl angst als auch feindseligkeit gegenüber homos/bis/trans nur aufgrund mangelnder reflexion entstehen kann…
    nix gegen eigene wortschöpfungen, aber im sinne einer guten verständigung spricht ja nix gegen die verwendung allgemein anerkannter termini.
    kein verständnis für täterInnen!
    keine nachsicht gegenüber dummheit!

  8. 8 mensch im mohn 09. März 2008 um 1:53 Uhr

    Homophobie und Homophilie versteh ich, aber was soll „Homophilie als Strategie“ bedeuten?

    Ich hab im Alltag auch noch keine offen homophoben Situationen erlebt. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Außer Leute (Männer), die behaupten, sie stünden nunmal auf Frauen und mit nem Typen, also das fänden sie eklig. Aber was soll mensch dazu sagen…

    Wenn ich die Chance hätte, würde ich öfters so gleichgeschlechtliches Händchenhalten-Zeux in der Fußgängerzone machen… naja, mindestens bis ich eine offen homophobe Situation erlebe und danach Angst habe -.-

  9. 9 st_eve 16. März 2008 um 16:51 Uhr
  10. 10 mensch im mohn 17. März 2008 um 17:15 Uhr

    einige der sprüche find ich aber ziemlich derb:
    Deine Mutter kann wieder zum putzen kommen, wir haben das Geld gefunden.
    Wann muss du denn wieder ins Heim zurück

    (verbal) zurückschlagen find ich ja okay, aber menschen mit der prekären arbeitssituation ihrer mutter zu beleidigen… als wäre das schlimm

  11. 11 illith 18. März 2008 um 1:31 Uhr

    *MUAHAHA* schon ein paar knaller bei. =))
    aber auch einige schwache.
    aber natürlich mal wieder ne andozentrische nummer :-w

  1. 1 Homophilie als Strategie? | f*cking queers Pingback am 21. November 2007 um 16:57 Uhr

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