Horrorgirl

Als weiblicher Fan von Horrorfilmen hat man’s wahrlich nicht leicht. Wenn man dann auch noch FeministIn ist, wird’s umso schwieriger.
Während ich mit 16 oder so das ganze noch etwas „lockerer“ nehmen konnte (so nach dem Motto „das kann man doch eh nicht ernst nehmen“), hat sich das mit der Zeit geändert. Ob das an meinem zunehmend feministischem Bewusstsein liegt oder an der Tatsache, dass einem dieselben misogynistischen Prinzipien in fast jedem Film immer und immer wieder vor Augen gehalten werden, bis es einen einfach ankotzt, sei mal dahingestellt. Wahrscheinlich liegt’s an beidem.
Inzwischen vermeide ich Filme, bei denen einem schon vom Cover/Klappentext die üblichen sexistischen Klischees entgegenspringen, aber manchmal erwischt man dann halt doch einen, bei dem man beim Ansehen dann am liebsten seinen Kopf aus Verzweiflung gegen den Monitor hauen würde.
So letztens passiert bei Exorcism: Die Besessenheit der Gail Bowers. Ein Mädchen, deren Eltern ums Leben gekommen sind, zieht bei ihrer sehr religiösen Schwester und deren Ehemann ein. Als sie zunehmend aggressiver und sexuell offensiver wird sowie schlafwandelt usw. wird dann ein befreundeter Psychiater eingeschaltet, der nach einer Weile aus mir unerfindlichen Gründen zum Zwecke der Therapie einen Exorzismus vorschlägt. Der Ehemann der Schwester hält das für Bullshit (recht so!), aber als sie das Mädel dann irgendwann an der Decke schweben sehen, wird dann doch ein Exorzist samt Kumpanen gerufen. Daraufhin folgt ein ermüdend langer Exorzismus und der Film ist zu Ende.
Abgesehen davon, dass es dem Film an so manchem mangelt (sorry, aber die Schauspieler sind einfach mies; zudem wird so ziemlich jedes Exorzismusklischee runtergenudelt, das einem schon mal in die Quere kam und richtig logisch ist das ganze auch nicht), ist es ein schönes Beispiel für mehr oder minder subtile sexistische Darstellungen in Horrorfilmen.
Erstmal das typische: Wenn ein Mädel aggressiv ist und sexuell offensiv wird, kann ja nur der Teufel/ein Dämon/… dahinterstecken. Muß also ausgetrieben werden, ganz klar…
Auch das Nachbarsmädchen, mit dem sich die Besessene zunächst anfreundet, wird für Fehlverhalten bestraft: sie ist höchstwahrscheinlich Alkoholikerin, kifft, zieht sich sexy an, hat ein Ouija-Brett und schwärmt für den Schwager ihrer Freundin. Konsequenz: sie stirbt auf brutale Art und Weise in einer Szene, in welcher der voyeuristisch veranlagte Zuschauer auch ihren Busen zu Gesicht bekommt. Sexualisierte Gewalt, ein ach so klassisches Konfliktfeld in Horrorfilmen (leider nicht nur da) und eigentlich immer nur auf eine weibliche Darstellerin gerichtet.
Auch ein Klassiker: das im Horrorfilm irgendwie von irgendwas verfolgte Mädchen ist im Endeffekt auf die Hilfe eines Mannes angewiesen, um das Problem zu lösen – in diesem Fall dem an den Terminator erinnernden Exorzisten.
Ich könnte hier ewig weiterschreiben. Und man könnte noch viele, viele und wahrscheinlich auch bedeutsamere Beispiele anführen. Wen das Thema interessiert, dem empfehle ich wärmstens den Artikel Teenie Kill & The Final Girl von Hannah D. Forman auf Girlpunk.net. Der geht mehr in die Tiefe als mein ereiferndes sich Auskotzen hier und ist super interesssant zu lesen.
Aber ich will diesen Post hier ja nicht zu deprimierend gestalten.
Auch wenn es wohl keinen Horrorstreifen gibt, der „feministisch korrekt“ ist (genauso wie bei wahrscheinlich allen anderen Genres), existieren durchaus welche, die den typischen sexitischen Klischeefallen entgehen.
Einer meiner Lieblingsfilme ist Ginger Snaps: zwei sehr starke und interessante weibliche Charaktere, eine für Werworlffilme äußerst durchdachte Story und eine Herangehensweise an das Thema, die vielleicht nicht 100% unfragwürdig sein mag, aber metaphorisches Rätseln zulässt (ich mag so was) und saumäßig interessant ist.
Zudem entdecke ich in letzter Zeit gerade den asiatischen Horror/Mysteryfilm für mich. Wie gesagt ist das noch ein relativ neues Feld für mich aber soweit habe ich den Eindruck, dass hier im allgemeinen den weiblichen Charakteren mehr Eigenständigkeit, Klischeefreiheit und Kontrolle zugestanden wird.
Über Empfehlungen in den Kommentaren, welche Horrorfilme für den feministischen Geist zumutbar sind, würd ich mich freuen.


19 Antworten auf “Horrorgirl”


  1. 1 st_eve 02. Dezember 2007 um 18:47 Uhr

    wow dodo, danke für den artikel. superinteressant! gerade in anbetracht dessen, dass ich selber mich nicht in der lage fühle horror- und zombiefilme zu gucken :“> was heutzutage ja als extrem uncool gilt wie ich immer wieder feststellen muss…

  2. 2 only aa but xxx 03. Dezember 2007 um 9:30 Uhr

    interessant könnte in diesem zusammenhang der artikel „zersägte geschlechter“ von judith halberstamm über „bride of chucky“ in der jungle world 24/05 sein: http://jungle-world.com/seiten/2005/24/5711.php

    besonders, was die these angeht, dass filme zu meiden seien, die schon auf dem cover sexistische klischees erfüllen.

  3. 3 planeten 03. Dezember 2007 um 11:47 Uhr

    Zählt „Kill Bill“ als Horrorfilm? Von der Blutmenge sicherlich. Männer spielen in dem Film jedenfalls eine eher untergeordnete Rolle.

    Ich hab „Deathproof“ bisher noch nicht gesehen, aber die Story hört sich recht interessant an. Wer kann was dazu sagen?

    Was ist mit der Scream-Reihe, wo die Mädels sich mitnichten willig abschlachten lassen, sondern gerne mal mit Bierflaschen nach den Bösen schmeissen. Das galt damals als „Meilensttein“…

  4. 4 Krempel 04. Dezember 2007 um 17:31 Uhr

    nya, wenn ich es ohne spoiler versuche: ja, death proof hat durchaus emanzipatorische züge. kannst du dir in meinen augen beruhigt ansehen, planeten. aber dafür dann dringend zu ende gucken! :o hab welche gesehen, die bei der hälfte raus sind und dadurch das beste (und auch das, nun, feministischste) verpasst haben. XD“

  5. 5 linse 04. Dezember 2007 um 17:48 Uhr

    Frauen fallen in (schlechten) Horrorfilmen und Krimis grundsaetzlich auffe Fresse, wie die Missfits einmal bemerkten.

    Ich mag Horrorfilme sehr und empfehle John Carpenter.
    Mein Lieblingsfilm ist „They Live“.
    Der ist sogar ein bisschen sozialkritisch.

    Der Horrorfilm ist fuer mich ein Genre, in dem auf schockierende und kuenstlerische Art auf gesellschaftliche Missstaende hingewiesen wird, wenn man mal die ganzen schlechten Filme aussortiert hat.
    In Wikipedia steht z.B. zu George A. Romeros Night of the Living Dead:

    film historian Robin Wood sees the flesh-eating scenes of Night of the Living Dead as a late-1960s critique of American capitalism. Wood asserts that the zombies represent capitalists, and „cannibalism represents the ultimate in possessiveness, hence the logical end of human relations under capitalism.“ He argues that the zombies‘ victims symbolized the repression of „the Other“ in bourgeois American society, namely civil rights activists, feminists, homosexuals and counterculturalists in general.

    Queere Horrorfilme und Lesben-Vampirfilme bilden eigene interessante Horror-Subgenres. Zombies und Monster zerschreddern klassische Koerperbilder. Die Rocky Horror Show bricht die Geschlechterrollen bei Mainstream-Musicalbesuchern und laesst das in Strapsen und Unterwaesche erscheinende Publikum eine Riesen-Party feiern.

    Viele Horrorfilme zerreissen das Bild des „lieben Maedchens“ in der Luft. Ein Klassiker ist hier in meinen Augen Carrie von Stephen King, die Erstverfilmung ist sehr gut – und Carrie ist kein liebes Maedchen, aber auch kein typisches „huebsches Maedchen, besessen von boesen (maennlichen?) Daemonen“. Der Film thematisiert die Probleme junger Maedchen und Carrie fuehrt am Ende eine Art Rachefeldzug, dieses Motiv wurde spaeter in vielen Filmen kopiert.

    Bei der Addams Family gibt es auch keine lieben Maedchen. Wednesday ist das boese Maedchen in Perfektion, und ueberhaupt kommen die Frauen der Familie gut weg und sind besonders listig und lustig.

    Die Juwelen sind allerdings die kleinen, feinen Filme.
    Ja, das ist mein Genre, ich koennte ganze Artikel darueber schreiben. :)

  6. 6 bigmouth 04. Dezember 2007 um 23:43 Uhr

    „they live“ mag ein großer spaß sein, hat aber eine grässliche politische aussage. verschwörerische alien-yuppies, die per hypnose kapitalismus erzwingen – eine richtig dumme kritik

  7. 7 nina 05. Dezember 2007 um 1:07 Uhr

    dann koennte das was fuer dich sein:
    http://totho.de/projects/1002/1.htm
    was die exorzistensache angeht: ich glaube, exorzismus funktioniert in wirklichkeit genauso.
    leute verhalten sich unerwuenscht, zb sexuell agressiv, und werden mittels exorzismus bestraft.
    ich persoenlioch ziehe ja zombiefilme vor.

  8. 8 linse 05. Dezember 2007 um 13:14 Uhr

    @bm: Wieso findest du die politische Aussage bei „They Live“ graesslich?
    Ich kann deine Begruendung nicht nachvollziehen.
    Koennen wir auch gern woanders Diskutieren, geht ja ein bisschen vom Thema weg.

  9. 9 illith 06. Dezember 2007 um 5:40 Uhr

    ja, Ginger Snaps ist schon ein toller film (allein schon wegen den beiden hauptdarstellerinnen), aber der ist so traurig :( :(

    Kill Bill ist kein „horrorfilm“ — aber der tollste emanzenfilm, den ich KENNE! :x :)
    Deathproof (hab ich leider noch nicht gesehen — gibz den schon auf DVD??) wurde im EMMA-PorNO-dossier verissen, aber zb von den ausrichterinnen dieses einen queer-film-festivals gefeiert ;)

    richtig ätzend vom rollenbild-aspekt her fällt mir der dt. film Anatomy ein (mit Franka Potente). wo ihre künftige studentenheim-mitbewohnerin im zug zu ihr sagt „da gibt es sicher auch schicke jungs“ (so sinngemäß), wusst ich, dass ihr todesurteil besiegelt ist (und zwar RICHTIG ätzend, wie das nachher inszeniert wurde); natürlich diente diese freundin auch dazu, einen kontrast zur tugendhaften franka „nein nein, das geht mir zu schnell“ potente (also ihre rolle) zu erzeugen. *kotz*

  10. 10 screamo 06. Dezember 2007 um 12:54 Uhr

    Eigentlich hat sich im Teenie-Horror / Slasher-Genre schon Anfang 80er das Plot-Muster herausgebildet, dass der (meist) männliche Killer auf ein Survivor-Girl trifft, dass ihm nicht nur ebenbürtig ist, sondern ihn am Schluss Stück für Stück zerlegt. Das gilt nahezu für alle Filme des Genres. Hauptdarstellerin und Heldin ist eine Frau, die sich der männlichen Bedrohung mit brutaler Gewalt und Entschlossenheit entgegenstellt. Für andere Subgenres des Horrorfilms mag das nicht so extrem gelten, aber zumindest der Teenie-Horror / Slasher zeigt Frauen in einer ganz anderen Rolle als der Mainstream-Film. Da braucht es keine Hilfe von Mänenrn, ganz im Gegenteil. Als Anspieltipps sein empfohlen:
    Die Klassiker, z.B. Nightmare und Halloween, die Retrowelle der 90er, z.B. die Scream-Reihe, oder aktuellere Sachen wie Behind the Mask. Auch im Horrofilm allgemein nimmt diese Tendenz m.E. zu, siehe z.B. Planet Terror, the Descent, High Tension, Bloodrayne o.ä.

  11. 11 Lukas 06. Dezember 2007 um 18:25 Uhr

    Nochmal zu death proo :
    Girl power war erkennbar; ob der jetzt aber so wahnsinnig feministisch ist sei mal dahin gestellt. Mich hat jedenfalls wahnsinnig gestört, dass sprachlich permanent darauf hingewiesen wurde, dass der/die Penetrierte der/die Verlierer/in ist.
    Das ewige „ich fick dich hinten rein“ war mir echt irgendwann ein bißchen too much und auch nicht besonders emanzipatorisch.

  12. 12 Jakob 08. Dezember 2007 um 18:24 Uhr

    Der meistunterschätzte feministische (oder sagen wir vielleicht besser: anti-maskulinistische) Horrorfilm ist in meinen Augen George A. Romeros dritter Zombie-Streich „Day of the Dead“. Eine verstörende Militarismuskritik in Verbindung mit einer ironischen Dekonstruktion des Vater-Mythos (in Form der fragwürdigen Erziehungs-Beziehung zwischen einem Wissenschaftler und seinem Lieblingszombie) und gar eine sonderbare Wendung der psychoanalytischen Kastrations-Metaphorik, in der die (symbolische) Kastration, also der Verlust der männlichen Position, gar einen Moment lang als Rettendes erscheint – würde mit ihr nicht das als männliches gewordene Individuum kollabieren. (Konkreter: Zombie beißt Miguel in Arm – Freundin von Miguel trennt Arm mit Axt ab – Miguel ist zwar hinterher nicht mehr infiziert, aber leider trotzdem verrückt …)

    Ein ziemlich trostloser und blutiger Film, aber einer, der hinter seinen beiden großen Vorgängern in keiner Weise zurücksteht (wie vielfach behauptet wird).

  13. 13 illith 09. Dezember 2007 um 7:04 Uhr

    hmnää ich mag keine zombiefilme (außer Resident Evil, wegen der coolen Alice^^)

  14. 14 Jakob 09. Dezember 2007 um 16:10 Uhr

    Jupp, „resident evil“ ist toll, wenn es auch eher in die „Aliens“-Filmtradition als in die von Romero gehört! RE 2 war dann aber wieder so doof, dass ich Nr. 3 noch nicht mal gesehen hab aus lauter Enttäuschung …

  15. 15 dodo 09. Dezember 2007 um 19:39 Uhr

    @screamo: da magst du recht haben – aber ehrlich gesagt sind mir stereotype geschlechterrollenbilder in den teenieslasherstreifen noch viel zu sehr verbreitet.

    was ich hier noch empfehlen muß, ist die eko eko azarak-reihe!! das ist sowas wie die japanische version von buffy. nur in filmen (gibt auch ne tv-serie, die lassmer mal aber ganz schön aus dem spiel…), krasser (vor allem mehr blut), weniger trashig und meiner meinung nach um längen besser.
    aus feministischer sicht wird der erste teil („wizard of darkness“) wegen dem voyeurismus kritisiert (schulmädchen in kurzen röcken, die öfter mal hochfliegen. okay, zugegeben. ist aber nur im ersten teil so und ich hab diesbezüglich schon weitaus schlimmeres gesehen, finde das also ziemlich harmlos hier) sowie die erotische szene zwischen lehrerin und schülerin, bei der auch „recht viel zu sehen“ ist. was ich persönlich aber nicht als besonders sexistisch empfunden habe; nicht alle lesbischen sexuellen aktivitäten müssen gleich in die pornoecke gedrängt werden, das macht man mit heteroszenen schließlich auch nicht. außerdem cool, daß mal eine lehrerIN eine schülerin verführt und nicht wie sonst immer „der gutaussehende lehrer“ à la „wild things“. die machtverteilung ist hier eine ganz andere und gefällt mir eigentlich ganz gut.
    die 4 filme sind sehr eigenständig, bauen aber aufeinander auf.
    teil 4 (awakening) fällt am meisten aus der rolle des horrorfilms. also ich hab den gestern gesehen und (auch wenn ich das ende zugegebenermaßen nicht kapiert habe – hat den wer gesehn und kann das erklären??) bin schlichtweg begeistert!!!!
    umso mehr hat es mich überrascht, daß die filmkritiken im internet fast durchgehend negativ waren und den film als langweilig bezeichnen, was ich nicht im geringsten verstehe. gut, wer einen typischen slasher-teenie-film erwartet, wird enttäuscht. was den film aber noch nicht schlecht macht: er konzentriert sich auf den überhaupt nicht übersinnlichen horror, der ganz weltlich ist und liefert eine exzellente gesellschafts- und medienkritik, vor der ich nur den hut ziehen kann!
    die ausschlachtung von tragödien auf perverseste weise, wie sie tagtäglich stattfindet und kaum noch wahrgenommen wird, wird hier auf schmerzende weise zelebriert und vernachlässigt trotzdem den magischen touch der serie nicht (gut, offensichtlich sehen manche das anders…). es wird auf raffinierte weise deutlich, wie wir alle misa kuroi sind.
    ANGUCKEN!!! den super teil 4 kann man auch ohne vorwissen der anderen, vorhergehenden teile sehen. was ich dringendst empfehle. :)

  16. 16 sepp 17. Dezember 2007 um 14:50 Uhr

    „cool, daß mal eine lehrerIN eine schülerin verführt und nicht wie sonst immer “der gutaussehende lehrer” à la “wild things”.“

    hast du „wild things“ zu ende angesehen ;)

  17. 17 dodo 17. Dezember 2007 um 23:09 Uhr

    ja, hab ich. *g*
    war vielleicht ein scheißbeispiel, kam mir aber als erstes in den sinn.

  18. 18 Jessy 27. Dezember 2007 um 18:40 Uhr

    Horror wohl weniger, dennoch ab 18. Sehr geil umgesetzt: „Hard Candy“ :)

  1. 1 Genderblog » Gesucht: intelligente, feministische Horrorfilme Pingback am 03. Dezember 2007 um 0:14 Uhr

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