Homophobe Hetze im österreichischen Nationalrat

Karlheinz Klement, Gleichbehandlungssprecher und Nationalratsabgeordneter der nationalkonservativen Freiheitlichen Partei Österreichs ließ gestern vor dem Nationalrat verlauten: „Homosexuelle (neigen) dreimal häufiger zur Pädophilie (…) als Heterosexuelle und damit naturgemäß orientierte Menschen.“
Dass die österreichische FPÖ keine Partei der emanzipatorischen Enthierarchisierung von Differenzen oder Freundin von Antidiskriminierungspolitiken ist, ist wohl EU-weit bekannt. Insbesondere ausländer_innenfeindliche Parolen sind Standard, letzten Monat fiel sie anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen durch Ansagen auf, die postulierten, es sei ja heutzutage viel wichtiger, sich um die Männer kümmern, denn eigentlich seien sie diejenigen, die gesellschaftlich schlechtergestellt seien1. Das ist heutzutage kein ungängiges Argument und allein dazu könnte hier eine spannende Debatte stattfinden.
Mir geht es jedoch, nach diesem kleinen Vorgeplänkel um die oben zitierte aktuelleste Ansage Österreichs von rechts, die in einer unglaublich kruden Logik behauptet, Vergewaltigung von Kinder geschehe tendenziell eher durch schwule Männer. Klement stellt desweiteren fest, dass diese wiederum mit erhöhter Wahrscheilichkeit homosexuell werden würden. Ergo: „Wer die gleichgeschlechtliche Ehe und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare fordert, macht sich indirekt des Kindesmissbrauchs schuldig“2. Grundlage für diese Argumentation ist eine Studie der katholischen Zeitschrift „Kirche heute“ – muss ich dazu noch was sagen?

Wie zynisch ist die Bezeichnung Gleichbehandlungssprecher für einen Menschen, der sich vehement gegen alle richtet, die er jenseits von „heterosexuelle(n) ‚inländische(n)‘ Männer(n)“3 verortet? Klar: die heterosexuelle Matrix und das Patriarchat sind in Gefahr, hilfe, hilfe, es brennt! An Klements sehr klaren Aussagen sieht mensch schön wie das Konstrukt heterosexueller 2geschlechtlichkeit -im alltag in der regel viel subtiler!- funktioniert: Jede Daseins- und Begehrensform die nicht normkonform ist, wird als „widernatürlich“ deklassiert und kriminalisiert. Da das in Zeiten von Gender Mainstreaming und ökonomischen Diversitykonzepten (ein Blick auf die Homepage der Stadt Wien zeigt, dass beides dort großgeschrieben wird) eigentlich nicht mehr so platt klappt, koppelt Klement seine Hetze an ein Thema, das gewissermaßen jede_n anrührt, wütend und hilflos macht: Kindesmissbrauch. Damit wird a) dieser aus der Reichweite heterosexueller Täter_innen geschoben und b) eine Begründung gefunden, die strukturelle gesellschaftliche Verantwortung verneint und ein Problem ins „Reich der Natur und Krankhaftigkeit“ schiebt, scheinbar (!) weit weg von Gesellschaft und „Normalität“.

Sollte nun der_die eine oder die_der andere den Wunsch verspüren, juristisch gegen derartige Polemik vorzugehen, kann ich gleich abraten: Die österreichische „Verhetzungsbestimmung schützt derzeit nur Gruppen von Menschen vor Verhetzung, die einer bestimmten Kirche oder Religionsgesellschaft, Rasse, einem Volk, einem Volksstamm oder einem Staat zugehörig sind, nicht jedoch andere Gruppen, wie etwa Lesben und Schwule“ (§218).4

Und, noch mal am Rande: Wenn ein so großer Anteil aller Menschen, die in ihrer Kindheit sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, homosexuell würde – Klements Postulat von der Natürlichkeit von Heterosexualität liefe Gefahr ad absurdum geführt zu werden, weil die normative Vormachtstellung von Heter@s bald angekratzt würde…

  1. und, by the way, daraus resultiere auch, dass es keine positiven männlichen Rolemodels gebe, woraus wiederum zügellose männliche Gewalt u.a. gegen Frauen resultiere. ergo: Feminismus hat das Matriarchat eingeführt, und nur darum gibt es sexistische Gewalt… jaja, wer’s glaubt![zurück]
  2. Quelle: Queer.de]
  3. Ceiberweiber.at: Warum agiert die FPÖ schwulenfeindlich? Wer sich für psychoanalytische deutungsmuster intereesiert, der_dem sei die Lektüre des Artikels zusätzlich ans herz gelegt[zurück]
  4. HOSI Wien [zurück]

12 Antworten auf “Homophobe Hetze im österreichischen Nationalrat”


  1. 1 illith 08. Dezember 2007 um 2:23 Uhr

    admin, wieso gibt es hier keinen kotzsmilie?? :-w

    naja, jedenfalls drüfte der werte herr dann ja positiv gegenüber lesben eingestellt sein, wo ihm doch das kindeswohl so an höchster stelle steht – ich bin recht sicher, dass die statistisch gesehen kinder NOCH seltener missbrauchen als hetero-männer! 8-|

  2. 2 Lukas 08. Dezember 2007 um 12:40 Uhr

    Ich verlinke den Artikel mal bei mir wenns recht ist.

    Gruß Lukas

  3. 3 st_eve 08. Dezember 2007 um 17:33 Uhr

    @ lukas: klaro.

  4. 4 Jana 10. Dezember 2007 um 13:25 Uhr

    Seit wann gilt denn Pädophilie = Vergewaltigung ?

  5. 5 Pukki 10. Dezember 2007 um 23:14 Uhr

    Wie mir das alles auf die Nerven geht. Was hat Homosexualität mit Pädophilie gemeinsam? Homosexualität ist der Sex zwischen zwei geschlechtsreifen Personen. Wenn ein Mann sich an einem Jungen vergreift, der z.B. 9 Jahre alt ist, hat das rein gar nichts mit Homosexualität zu tun. Ich versteh’s nicht.

  6. 6 sonny_V 10. Dezember 2007 um 23:35 Uhr

    „Homosexualität“ ist zunächst mal eine konstruierte Sexualidentität, die Menschen zugeschrieben wird (von anderen oder von sich selbst), die vorwiegend mit Personen des gleichen biologischen Geschlechts Sex haben. „Geschlechtsreif“ müsste man mal genauer definieren, Tatsache aber ist, dass darunter auch Jungen fallen.

    Dass du, Pukki, pädophile Kontakte nicht unter „Homosexualität“ fassen willst, liegt wohl daran, dass dieses Konstrukt in der Regel nicht (mehr) auf Beziehungen zwischen Männern und Jungen angewandt wird, sondern dass dafür der pathologische Sonderfall „Pädophilie“ erfunden wurde. Der – wie wir am Beispiel von st_eve und vermutlich auch des FPÖ-Mannes hier gut sehen – grundsätzlich mit Missbrauch oder Vergewaltigung von Kindern gleichgsetzt wird, und das ist, wie ich auf meinem Blog immer wieder versuche darzulegen, schlicht Humbug.

  7. 7 st_eve 11. Dezember 2007 um 0:53 Uhr

    hm. tja, pädophilie, spannendes thema.
    ich halte es jedoch für eine unterstellung, dass ich diese grundsätzlich mit missbrauch gleichsetze. ich rede von nichtkonsensueller sexualität mit kindern. ob und wie es eine konsensuelle geben kann weiß ich nicht und ist hier auch nicht thema. schwierig, schwierig…

  8. 8 sonny_V 11. Dezember 2007 um 12:17 Uhr

    Du hast Recht, das war dumm von mir. Du hast lediglich die Hetze des FPÖ-Mannes aufgegriffen. Sorry.

  9. 9 Voll-Nuß 20. Dezember 2007 um 16:41 Uhr

    Einer lesbischen Frau droht die Abschiebung in den Iran, obwohl sie dort zum Tod durch Steinigung verurteilt wurde.

    Näheres findet ihr zum Beispiel unter www.graswurzel.de

    Hab leider kaum Zeit, daher gibts das hier als Kommentar, weil ich denke hier passts noch am besten. Vielleicht hat ja jemand von euch Zeit für eine saubere Recherche und einen informativen Artikel…

  10. 10 Voll-Nuß 20. Dezember 2007 um 16:45 Uhr

    oje, das hab ich verbockt: da geb ich schon nur einen link an und dann ist er auch noch falsch.
    Das muss heißen www.graswurzel.net !!!

  11. 11 leftqueers 01. Januar 2008 um 17:27 Uhr

    Werde euch mal in meinem Blog verlinken.

    P.S.: queer.de ist nicht empfehlenswert, da dort rassistische Hetze a la Koch, Kauder & Beckstein inzwischen zum „guten Ton“ zu gehören scheint; ein Grund, warum ich dort nicht mehr schreibe.

    Frohes 1984, der Admin von http://leftqueers.com

  1. 1 homophobe hetze im österreichischem nationalrat | f*cking queers Pingback am 09. Dezember 2007 um 16:47 Uhr

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