Archiv für Januar 2008

Lonesome Cowboy – Frauen verlassen den Osten

Wer als gesitteter Amerikaner im Jahr 1848, zu Beginn des Goldrauschs, nach Kalifornien reiste, war schockiert von den Zuständen, die dort herrschten: Männer unterschiedlichster Nationalitäten hatten Frau und Kinder zurückgelassen und waren gen Westen gezogen, um dort ihr Glück zu versuchen. Die heterogene Zusammensetzung, unsichere ökonomische Aussichten, der Konkurrenzkampf untereinander und die nahezu völlige Abwesenheit von Frauen (vielerorts betrug der Frauenanteil gerade mal 2%) machte den wilden Westen zu einem Ort, an dem Saufgelage, Glücksspiel, Prostitution und gewalttätige Auseinandersetzung an der Tagesordnung waren.
Der enorme Männerüberschuss wirkte sich auch auf die Geschlechterrollen aus: Aufgrund des geringen Frauenanteils mussten die Männer nun selbst die traditionell weiblichen Hausarbeiten übernehmen oder dafür bezahlen. Die wenige Frauen vor Ort arbeiteten entweder als Prostituierte oder verdienten als selbständige Unternehmerinnen gutes Geld, indem sie kochten oder Wäsche wuschen, während sie in ihren Herkunftsregionen keine Erwerbsmöglichkeiten gehabt hatten. Andere Frauen versuchten sich als professionelle Spielerinnen, die betrunkene Goldgräber in den Salons gnadenlos abzogen. Manche Frauen kleideten sich als Männer, um diejenigen Jobs und Freiheiten ausüben zu können, die ansonsten nur dem männlichen Geschlecht vorbehalten waren. Die Ankunft zahlreicher weißer Mittelschichtsfrauen in den 1850er Jahren läutete das Ende dieser Gesellschaft ein. Die Frauen betrachteten es als ihre Aufgabe, wieder Zucht und Ordnung herzustellen und mit dem Zurückdrängen von Glücksspiel, Alkoholexzessen und Prostitution verschwand auch die Offenheit der Geschlechterrollen.

Ganz anders im Osten Deutschlands
Dort sind es die jungen und gut ausgebildeten Frauen, die nach Westen ziehen, ein in Europa einzigartiges Phänomen. Die Zahlen sind weitaus weniger dramatisch als im Wilden Westen, selbst in der Uckermark kommen auf 100 junge Kerle noch 80 Frauen. Zurück bleiben gerade in den ländlichen Regionen überproportional junge Männer mit schlechten Chancen auf dem Ausbildungs-, Arbeits- und Partnermarkt die gerne NPD wählen. (mehr…)

Träume für die Frauen


Wahrscheinlich kennen einige von euch den Blog Post Secret (wenn nicht, unbedingt angucken!): Menschen machen eine Postkarte, auf der sie ein Geheimnis preisgeben und schicken es dorthin und eine Auswahl der Geheimnisse wird dann jeden Sonntag auf dem Blog gepostet.
Die Idee ist einfach, aber grandios.
Jetzt hat der Blog „Antigone Magazine“ die Idee etwas abgewandelt – ihnen sendet man keine selbstdekorierte Postkarte mit einem Geheimnis, sondern die Dinge, die man sich für Frauen erträumt.
Online sind bereits die Postkarten der ersten offiziellen Woche des Projekts. Ich bin jetzt schon Fan.
Während die Karten auf Post Secret oft etwas deprimierendes oder gar schockierendes an sich haben (die Menschen haben anscheinend mehr traurige als fröhliche Geheimnisse) sind die an Antigone geschickten kleinen Kunstwerke voller Optimismus und trotzdem nicht kitschig oder zu niedlich sondern sie greifen real existierende Probleme auf und werden in etwas positives umformuliert: den Traum, daß eines Tages sich mal alles zum Besseren wendet. Und ist somit eine schöne Erinnerung daran, wofür man als FeministIn käpft und daß es sich lohnt.
Also: Postkarte designen und nach Kanada schicken, auf daß dieses Projekt Erfolg habe. Dann kann ich eines Tages (wenn ich groß und wohlhabend bin ;) ) einen „Antidepressionsraum“ einrichten, der mit Farbausdrucken von diesem Blog tapeziert ist.

Man wird nicht als Feminist_in geboren…

Simone deBeauvoir war sicherlich für viele heutige Feminist_innen wichtiger Meilenstein und Anstoß politisch zu denken, die eigene Biografie und Weltsicht zu überprüfen und neu einzurichten. Dennoch kommen viele heute ganz gut um sie rum (ich zum Beispiel) und lesen lieber jene, die von ihre beeindruckt und beeinflusst sind. Andere lesen vielleicht lieber feministische Blogs statt trockener Bücher, manche lesen gar nichts sondern reden lieber… however – sich selbst als feministisch (oder moderner: antisexistisch) zu bezeichnen ist ein langwieriger, oft mühsamer, weil immer wieder auf logische und menschliche Widerstände stoßender Prozess, eine nie endende Reise. Wir machen unsere individuellen Erfahrungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Diese zu analysieren haben sich viele zur Aufgabe gemacht – dabei rücken individuelle Erfahrungen zunehmend in den Hintergrund, die als Effekte und aber auch Herstellungsprozesse ebendieser Macht- und Herrschaftsverhältnisse erklärt und immer weniger erzählt werden.
Ziemlich schade, wie nicht nur ich finde, denn gerade in diesen subjektivierten Manifestationen stecken nicht nur Fallbeispiele für „das große Ganze“, sondern ein unerschöpfliches und erzählenswertes Repertoire ablaufender Lebensgeschichten voller Widersprüche und Brüche.
Das freiezeiten-Blog wünscht sich nun Beiträge, die sich der Frage widmen, wie die_der Einzelne zur_zum Feminist_in wurde:

Meist dauert es einige Zeit, bis die langsam Erkennende begreift, dass ihre Erfahrung keine individuelle ist, sondern Ausdruck systematischer Frauenabwertung – in individuellem Gewand.
Was beförderte diesen Erkenntnisprozess? War es eine Freundin, die erzählte, dass es ihr auch so gehe? War es ein Buch, das sich dem Thema widmete? […] Wann fiel mir zum ersten Mal auf, dass ETWAS nicht stimmt? Und wie begriff ich, dass dieses ETWAS System hat? Wie wurde ich zur Feministin?

Das ganze soll als „Book On Demand“ erscheinen, dessen Erlös feministischen Projekten zugute kommen soll. Weitere Infos zu Inhalten, Form und Kontakt finden sich HIER

Happy Birthday, Simone!

Heute wär Simone de Beauvoir hundert Jahre alt geworden, was sämtliche Medien dazu veranlasst hat, über sie zu berichten (die Mädchenmannschaft hat übrigens eine schöne Leseliste zusammengestellt) und ich fand, das Mädchenblog darf da auf keinen Fall fehlen.
Aber was soll man schon großartig über diese Frau sagen außer dem Wort „großartig“?
Wer sich mit ihr noch nicht (oder nur oberflächlich) beschäftigt hat, sollte das unbedingt nachholen. Denn es gibt meiner Meinung nach nichts an ihr, was uninteressant wäre: sowohl ihr Werk als auch ihre Biographie, die Interviews mit ihr oder auch die unterschiedlichen Darstellungen ihrer Person sind aufschlußreich und bringen einen vor allem zum Denken.
Am Bekanntesten dürfte wohl ihr Satz „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ („On ne naît pas femme, on le devient“) sein, der mit seiner revolutionären These (und man bedenke: noch heute haben die meisten Leute Probleme mit dieser Äußerung – man kann sich also denken an wievielen Barrieren er 1949 gerüttelt haben muß!) den zweiten Band von ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ einleitet und wichtige Grundlage der heutigen Gender Studies ist.
Wie relevant dieses Buch auch heute noch ist, kann man gar nicht genug betonen. Die Frau ist auch jetzt noch viel zu oft das andere Geschlecht, das von der „männlichen Norm“ abweicht, das von der Abhängigkeit zum Mann definiert wird. Dies zu erkennen und in seinen ganzen Facetten zu durchforsten finde ich persönliche als eine wichtige Aufgabe des Feminismus, ach was, eigentlich der ganzen Gesellschaft (Optimismus ahoy…); denn in unserer Gesellschaft, in der sich die Strukturen der patriarchalen Norm (zugegebenermaßen viel zu langsam und einigen Rückschlägen) stetig auflösen, in der Dinge Normalität sind, die zur Zeit des Erscheinens von de Beauvoirs bekanntestem Werk oft noch nicht mal denkbar gewesen wären, in der es für junge Frauen außer Frage steht, erstmal eine wie auch immer geartete Karriere anzustreben, in der es Väter gibt, die daheim auf Haus und Kinder aufpassen, Abtreibungen nicht mehr als anrüchig gelten und geschminkte Männer nicht nur in Rotlichtvierteln zu finden sind – in einer solchen Gesellschaft ist es eine akute Notwendigkeit, sich von alten Geschlechterrollen zu lösen, da diese einfach so nicht mehr funktionieren.
Machos mit der Erwartungshaltung, daß Frauen sich sowieso nur zum Männerfang an den Universitäten einschreiben, haben keine große Zukunft mehr.
Jungs, die nach dem altväterlich-patriarchalen Muster erzogen werden scheitern in der Schule.
Eßstörungen sind längst nicht mehr ein reines Frauenproblem. Und so weiter.
Fazit: neue Wege müssen her, eine neue Orientierung ist vonnöten, das gründliche Überdenken der noch immer viel zu tief verwurzelten Geschlechterstereotype ist unumgänglich.
Simone de Beauvoir war eine, die damit angefangen hat, die Augen hinsichtlich dieser Debatte zu öffnen und ihr Werk ist meiner Meinung nach noch immer unentbehrlich, wenn es darum geht, in eine fundierte Analyse von Geschlechterkonstruktion zu tauchen.
Auch wenn ich kompaktere Bücher zu feministischen Themen durchaus zu schätzen weiß, finde ich, daß um Simone de Beauvoirs Wälzer „Das andere Geschlecht“ kein Herumkommen ist. Wer sich bloß aufgrund der Masse des Buchs abschrecken lässt, ist selbst schuld und tut sich damit keinen Gefallen, bringt sich – auch als beleseneR FeministIn – um etliche Aha-Momente.
Alles in allem sollte es kein Jubiläum wie de Beauvoirs Hundertsten brauchen, um sich mit ihrer faszinierenden Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Immerhin haben wir ihr so einiges zu verdanken.

have sex – hate sexism

Wie kann ein positiver, antisexistischer Sexualitätsbegriff aussehen? Wie können wir unsere Sexualität so gestalten, dass es danach nicht heißen muss: „Oh, das tut mir leid, das habe ich nicht gewusst/gemerkt/gespürt/gehört/gesehen!“?
Ich schlage vor: Um Erlaubnis fragen, statt um Vergebung zu bitten1: Konsens & Zustimmungen meinen das freiwillige und ausdrückliche Einverständnis aller Beteiligten an einem spezifischen sexuellen Akt, ungeachtet dessen mit wem eine Person Sex hat, noch auf welche Art, welche Hilfsmittel dazu verwendet werden, wieviele Personen und Geschlechter bzw. gender expressions involviert sind. (mehr…)