Archiv für März 2008

Wissenschaft und „Wissenschaft“

Egal welche Zeitung man aufschlägt, immer wird man mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen bombadiert, welche meist aufgrund von „wissenschaftlichen Studien“ belegt werden.
Dagegen ist erstmal nix einzuwenden. Aber jedeR, der/die auch nur eine Erstsemester-Statistikvorlesung abgesessen hat, weiß, daß man damit viel Schwachsinn produzieren kann. Und das Churchillzitat kennt eh jeder…
Klar ist es anstrengend, jede Studie zu überprüfen oder kritisch durchzulesen; es einfach anzunehmen ist viel bequemer und wenn in einem Artikel Unis, Wissenschaftler, Fachzeitschriften etc. genannt/zitiert werden, hat das ja auch eine vertrauenerweckende Atmosphäre.
Im Spiegel (zumindest in der Printversion; keine Ahnung, ob das auch online zu finden ist) zu lesen, daß es genetisch bedingt ist, ob jemand zu den Frühaufstehern oder eher zu den Nachtmenschen gehört und sich dies mit einem Hauttest feststellen läßt – joa, glaub ich jetzt mal gern. Bin schließlich selbst Nachtmensch (ich frag mich grad, ob im Mädchenblog auch angezeigt wird, um welche Uhrzeit die Beiträge gepostet werden… *hust*) und das ganze klingt mir plausibel. Daß das Ganze als Beweis verkauft wird, obwohl die Erkenntnis an der etwas dürftigen Anzahl von 28 Testpersonen hängt, ist mir da gradmal wurscht.
Aber bei Studien, die Themen aufgreifen, die ich als wichtig empfinde, kuck ich schon genauer hin – als FeministIn muß man sich ja allerhand populärwissenschaftlichen Schrott gefallen lassen, der von Biologismen nur so trieft. Stichwort „Warum Frauen schlecht einparken und Männer nicht zuhören“ und der ganze Kram. Das ist ein Versuch, die Gleichberechtigung zwischen Menschen zu bremsen, wenn man hier pseudowissenschaftlich herumdoktert und somit nicht für mich akzeptabel. Und gerade diese sexistischen „Erkenntnisse“ scheinen ja so unglaublich beliebt zu sein, daß man sie 24/7 in den Hals gewürgt kriegt. (mehr…)

Mittendrin? Oder Unterirdisch & blind?

Da hat das linke Klatsch- & Tratschblatt Jungle World es einmal nach Wochen, ja Monaten der annähernd völligen Ignoranz des Einzugs popfeministischer Inhalte in deutschsprachige linke Theoriebildung und Praxis geschafft, ein sogenanntes Feminismus-Feature („Mittendrin und unten rum“) zu bringen, umfasst dieses gerade mal schwache 3 Seiten, ist kraft- und zahnlos, das heißt entbehrt jeglicher inhaltlicher Tiefen sowie der Andeutung möglicher Perspektiven queer-feministischer Analyse und Intervention im popkulturellen Milieu und wird vermutlich für die nächsten 5 Jahre als Aushängeschild herhalten müssen, man(n) zolle ebenjener Kritik ja eben sehr wohl gebührende Aufmerksamkeit und angemessenen Respekt. Bei aller Mühe um (bürgerliche) Seriosität, also nicht einmal annähernd gendersensibel schreiben zu können, den regelmäßigen Geschmacklosigkeiten des S.1-Comics und ebenjener Ignoranz popfeministischer Inhalte (ja, hier und da findet sich mal eine Kleinigkeit, will ich nicht abstreiten), setzt diese schwache Leistung der zunehmenden Belanglosigkeit des Käseblattes die Krone auf. Ein Seitenblick auf die österreichische Fast-Monats-Zeitung malmoe könnte da Abhilfe verschaffen, schaffen die Schreiber_innen es doch auf unterhaltsamem und hohem Niveau verschiedenste akademische und bewegunsgrelevante Gesellschaftskritiken des Poststrukturalismus auf den Boden zu holen und kommunizier-, diskutier- und erfahrbar zu machen. Last but not least sei auch nochmal auf die freundliche Erwähnung der Wiener an.schläge einzugehen, welche dann doch etwas mehr ist als das Werk eines nomadierenden Rudels „queerer Anarchas“, was mir zumindest das Bild eines im Schnippellayout zusammengepfuschten D.I.Y.-Zines heraufbeschwört, der Präsenz der Monatszeitschrift jedoch nun einmal nicht annähernd gerecht wird. Im Gegensatz zur JW schafft diese es nämlich die offenbar erwünschte „Seriosität“ in Druck und Ausdruck einzuhalten ohne gleich in bürgerlich-patriarchale Sprechweisen und völlige Humorlosigkeit zu verfallen. Um die Ergänzungen zum Feature zu vervollständigen: Persson Baumgartiners queeropedia gibt es auch online, er_sie sowie Bini Adamczak (schreibt auch beim JW-Feature mit), Zanny Begg, Oliver Ressler, Dmitry Vilensky, Chto delat, Marcelo Expósito, Nuria Vila, Anna Sigmond Gudmundsdottir, und viele weitere stellen ihre Inhalte derzeit in Wien in der Ausstellung HAVE THE CAKE AND EAT IT, TOO aus. Das Ganze widmet sich dem Thema „Institutionskritik als instituierende Praxis“, als diskursives Rahmenprogramm finden die Konferenzen „Borders, Nations, Translations: The Political Limits of Cultural Trans-Nationalism“ und „The Art of Critique “ statt. Sorry liebe JW, aber allein eine kurze Recherche zu einem bei euch gerademal flach angerissenes Beispiel zeigt wie tief- und weitgreifend queerfeministische Netzwerke längst funktionieren. Popfeminismus ist keine Neuigkeit und kein bloßer Lifestyle, sondern fixer und institutionalisierter Bestandteil eines großen Lebensbereiches linker Praxis und Lebensführung, den ihr vehement ausklammert. Solche schwammigen und ermüdenden Unverschämtheiten wie in dieser Woche sind aber einfach nur noch eines: Unterirdisch.

gitterstäbe

kalter boden.
nackt.
alleine.
um mich herum gitterstäbe.
ich kann die menschen draußen sehen.
wie sie lachen.
wie sie sich kennenlernen.
wie sie flirten.
wie sie knutschen.
ich kann sehen,
wie sie zu mir schauen,
wie sie mich anschauen.
ich kann sehen,
dass sie mich kennenlernen wollen.
in mir die sehnsucht.
ich ersehne,
was sie mir geben könnten.
ich bräuchte es so sehr.
ich bin einsam,
sehr einsam.
aber um mich herum nur diese schweren stäbe.
ich weiss,
dass viele gerne würden.
und ich würde auch gerne,
liebend gerne.
aber ich habe einfach so viel angst.
jede annäherung bedeutet risiko.
jede nähe gefahr.
und das meine ich wirklich so.
im moment fühle ich mich so zerbrechlich.
so zerbrochen.
alles erinnert mich an ihn.
jede unterhaltung.
jeder blick.
jede berührung.
jede berührung durchfährt mich,
als wär es seine.
dabei schreit es in mir nach berührungen.
nach nähe.
nach geborgenheit.
ich bräuchte es so sehr.
doch alles erinnert mich an ihn.
an das was er getan hat.
was er mir angetan hat.
warum hat er es mir als liebe verkauft?
so dass ich jetzt nicht mehr lieben kann?
so dass jede art von liebe eine gefahr für mich darstellt?
warum hat er das alles getan?
er hat meine liebe zerstört.
und mich damit für immer einsam gemacht.

„Der Postfeminismus ist eine hinterhältige Sau“

Bei der Mädchenmannschaft wird ihr bald erscheinendes Buch „Wir Alphamädchen“ mit einer Leseprobe vorgestellt.
Auch wenn ich an einigen Ecken was zu kritisieren hätte (andererseits: wer hat schon zu 100% dieselbe Meinung?), freue ich mich auf das Buch: endlich scheint was vorwärtszugehen in Sachen Feminismus hierzulande! Das Missy Magazine ist auf dem Weg und schließlich finden sich auch junge Frauen bereit, feministische Publikationen nicht nur Alice Schwarzer zu überlassen. Während in den USA beispielsweise Jessica Valenti und Konsorten schon längst viele Herzen gewonnen haben und Zeitschriften wie Bitch Magazine schon seit langem Abonnenten haben, ist hier erst noch alles irgendwie im Aufbruch – was allerdings auch tierisch aufregend ist!
Gerade weil das negative Stereotyp der männerhassenden Feministin hierzulande noch ziemlich stark ist.

»Ich bin keine Feministin, aber …« Schluss mit dem Quatsch! Wir sind Feministinnen. Alle. Weil wir doch alle genau das wollen, was auch der Feminismus will: gleiche Verhältnisse für Frau und Mann. Also sollten wir auch etwas dafür tun!
Das Problem: Viele halten Feministinnen für hässlich, spaß- und männerfeindlich, ironiefrei und unsexy. Das alles wollen wir uns natürlich nicht nachsagen lassen, und deswegen streiten die meisten von uns lieber ab, irgendetwas mit »den Emanzen« zu tun zu haben. Dabei ist der Feminismus laut Definition der Encyclopedia Britannica nur: »the belief in the social, economic, and political equality of the sexes«, also »der Glaube an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter«. Alles, was über diese Definition hinausgeht, ist oftmals Vorurteil, Klischee. Also etwas, das kluge Menschen kritisch hinterfragen sollten.

Schön gesagt.
Daß trotz vielen Fortschritten in Sachen Gleichberechtigung noch einiges im Argen liegt, wird auch deutlich:

Wir wollen gar nicht klagen, das haben wir hinter uns, gegenüber unseren Freunden, Eltern, Kollegen. Als der männliche Kollege wieder einmal bevorzugt wurde. Als sich der Idiot an der Bar nicht verkneifen konnte, uns an die Brust zu fassen. Als die dritte Freundin wegen der Kinder zu Hause blieb und sagte, dass sie und ihr Freund es eben so beschlossen hätten. Uns jungen Frauen reicht es nicht mehr, immer und immer wieder nur festzustellen, dass etwas falschläuft, aber absolut orientierungslos zu sein bei der Frage, wo wir anfangen sollen, etwas zu ändern.

Wie das aussieht, muß jedeR für sich selbst entscheiden. Aber am Anfang steht das Denken, die „Lage überblicken“ – und dazu können Bücher wie dieses dienen (zumindest, was ich nach dieser Leseprobe gesehen habe). Als Inspiration, als Ideenpool sozusagen. Und das ist meiner Meinung nach notwendig – nicht daß noch mehr Menschen dem konservativen Backlash verfallen.

Also ignorieren wir, dass wir so frei eben doch noch nicht sind und dass es immer noch Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern gibt. Der Rückschritt ist ein schwer zu bekämpfender Gegner, wenn alle so tun, als gehöre die Welt schon zur Hälfte den Frauen, aber in Wirklichkeit eben nicht alles frei wählbar ist. Der Postfeminismus ist eine hinterhältige Sau.

Klitoris – die schöne Bekannte

Begeisterungsknöpfchen, Bimsstein, Blinddarm, Blümchen, Bubiköpfchen, Clitoris, Damendegen, Dattelkern, Däumchen, Des Pudels Kern, Empfangsdame, Feigenwarze, Feuerdorn, Feuerstein, Fleischpopel, Freudenknopf bzw. -knöpfchen, Freiter, Funzeldocht, G-Punkt für Arme, Gaudiknopf, Genusswurzel, Glans, Glitzerknospe, Glitzerperle, Gligli, Himmelsschlüssel, Hornisse, Hühnerzunge, Juwel in der Lotusblüte, Kegelkopf, Kitzler, kitzliger Punkt, Klingelknopf, Klit, Klitzchen, Klitty, kleiner Mann im Boot, Knallerbse, Knetbesen, Knopf, Knöpfchen, Knospe, Kronjuwel, Knutscher, Landzunge, Lappenanhänger, Lerchenzunge, Liebesperle, Lustdocht, Lustgrotte, Lustknopf bzw. -knöpfchen, Lötkolben, Lustkugel, Lustperle, Lustzapfen, Lutschknubbel, Matrose, Maus, Mäuschen, Mimose, Mutterkorn, Perle, Perle der Aphrodite, Perlenrüssel, Pflaumenkern, Pickel, Power Point, Prinzessin, Puntanella, Putzerl, Putzi, Quelle der Lust, Rotkäppchen, Rudi, Saubohne, Schleifstein, Schlösschen, Schnatterzapfen, Schneckchen, Schneckennudel, Schusterwarze, Schwammerl, Selbsttröster, Spielbeinchen, Spitzharfe, Starter, Torturm, Türklingel, Türklopfer, Venusknospe, Venusperle, Verkehrsknotenpunkt, Vogelbeere, Warze, Wassertierchen, Weibsperle, Wetzstein, Wichsknopf, Wichskorn, Wichsstein, Wichswarze, Wichszapfen, Wonneknopf, Wunderpunkt, Zitternadel, Zauberkirsche, Zauberperle [to be continued]

Warum das alles (über 100 Synonyme!)? Weil eine_r des Autor_innen-Kollektivs Emanzipation oder Barbarei fragt und vorschlägt:

…ist es nicht erstaunlich, dass es keinen umgangssprachlichen, etablierten Ausdruck für diesen Körperteil [die Klitoris, Anm. d. Verf.] gibt? […] Heute kann jede_r Heranwachsende in der Bravo oder sonstwo lesen, dass es sich hierbei nunmal um eine der erogensten Zonen (wenn nicht sogar „die“) des weiblich konstruierten Körpers handelt. Im Bett soll sich besonders hingebungsvoll damit beschäftigt werden. Aber warum gibt es für diese Körperzone nicht so viele nette, liebevolle, witzige Begriffe wie für Penis (natürlich auch Hoden) und die Vagina? Das gleiche lässt sich auf der „negativen“ Seite der Umgangssprache beobachten: nicht mal beschimpft wird das arme „Ding“!
Vielleicht liegt es daran, dass die Vagina als Ort der Penetration nach wie vor als weibliches Hauptgeschlechtsorgan weiterhin (fremd-?) definiert wird? Die Sprache scheint die Klitoris mehr oder minder zu ignorieren. Vielleicht spiegeln diese nicht vorhandenen Begriffe eine Facette der sozial konstruiert tatsächlich vorhanden „Verstümmelung“ wieder und setzen sie fort. Vielleicht sollten wir anfangen den „Dingen“ einen Namen zu geben und sie auch beim Namen zu nennen.

Homo : Foul

Hurra, hurra, die Männer-Fußball-EM steht mal wieder vor der Tür. Anlass genug für Kritik am gleich mitgelieferten Aufwind für Anhänger_innen nationaler Devotionalien und Liebesbekundungen, an neuen Sicherheitsgesetzen, Rassismus, sexistischen Übergriffen in Stadien, auf Fanmeilen, vor dem Wohnzimmerfernseher, vielem mehr und alles gleichzeitig und Kritik auch nicht zuletzt an der frappierend offenen Schwulen-, Lesben- und Trans*feindlichkeit des heterosexuell-männlichen Club- und Nationalfußballmilieus. Letzteres lässt sich mit vielerlei Zitaten und Fangesängen wortreich untermauern.1 In der Männerdomäne Fußball wird das Zeigen weiblich codierter Facetten abgewertet und ausgegrenzt, was in Sexismus und Homophobie mündet. Gleichzeitig finden sich neue Tendenzen: Die zunehmende Popularität von (nationalem) Frauenfußball, mehr und mehr Faninnen im Stadion und vor dem Fernseher, antisexistischen Initiativen von Fangruppen sowie die Abkopplung der Ablehnung dominanter Männlichkeitsmuster von der Ablehnung von Fußball in der männerbewegten Linken und der Schwulenbewegung. (mehr…)

Role Models

Nachdem sich bei meinem letzten Beitrag einige sich über folgende Formulierung

(…)Es gibt Rollenvorbilder, die einem Mut machen. Die nicht in das Weiblichkeitsklischee fallen, sei es Angie Merkel oder Nina Öger.(…)

beschwert haben (inklusive einem sich wahrscheinlich darauf beziehenden sehr verwirrenden Pingback), wollt ich das Thema nochmal ansprechen.

(mehr…)