Homo : Foul

Hurra, hurra, die Männer-Fußball-EM steht mal wieder vor der Tür. Anlass genug für Kritik am gleich mitgelieferten Aufwind für Anhänger_innen nationaler Devotionalien und Liebesbekundungen, an neuen Sicherheitsgesetzen, Rassismus, sexistischen Übergriffen in Stadien, auf Fanmeilen, vor dem Wohnzimmerfernseher, vielem mehr und alles gleichzeitig und Kritik auch nicht zuletzt an der frappierend offenen Schwulen-, Lesben- und Trans*feindlichkeit des heterosexuell-männlichen Club- und Nationalfußballmilieus. Letzteres lässt sich mit vielerlei Zitaten und Fangesängen wortreich untermauern.1 In der Männerdomäne Fußball wird das Zeigen weiblich codierter Facetten abgewertet und ausgegrenzt, was in Sexismus und Homophobie mündet. Gleichzeitig finden sich neue Tendenzen: Die zunehmende Popularität von (nationalem) Frauenfußball, mehr und mehr Faninnen im Stadion und vor dem Fernseher, antisexistischen Initiativen von Fangruppen sowie die Abkopplung der Ablehnung dominanter Männlichkeitsmuster von der Ablehnung von Fußball in der männerbewegten Linken und der Schwulenbewegung.
Das ändert dennoch nix an „Schwuler XY“-Fangesängen und der Feststellung,

25 schwule Profikicker müsste es in der Österreichischen Bundesliga geben, wenn man annimmt, dass von 500 Profispielern wie in der Gesamtbevölkerung fünf Prozent homosexuell sind. Es gibt aber keinen einzigen schwulen Profispieler in Österreich, der offen mit seiner Homosexualität umgeht.

Das wiederum liegt sicher nicht an den Spielern selbst, sondern an ihrem Umfeld, an der Gefahr für ihr Leben und ihre Karriere. Im vermeintlich alles verbindenden, über Grenzen vereinigenden, niemals diskriminierenden Sport sind Homosexuelle nicht zu finden bzw. nicht erwünscht. Dafür sind homophobe Parolen an der Tagesordnung, was gleichermaßen nicht zu einer höheren Sensibilität für das Thema führt, sondern gewissermaßen zu einer selektiven Ausgrenzung: Dieter Bott stellt in seiner Studie „Rassismus in deutschen Stadien“2 fest, dass nicht einmal 20% der befragten Fans, Schwulenfeindlichkeit im Stadion wahrnehmen (Frauenfeindlichkeit: 21%, Ausländerfeindlichkeit: 30%) und auch Beatrice Calmbach stellt passend dazu in einer Schweizer Studie im Breitensportbereich3 fest, dass nur 3% der befragten TrainerInnen und Offiziellen Homophobie in ihren Vereinen wahrnehmen, 22% glauben, dass es Lesben und Schwule in ihrem Verein gibt und 83% sagen, dass Homosexualität im Verein nie ein Thema war.
Der euopäische Männerfußball erweist sich in Spielern, Fan_innen, Organisator_innen usw. als vermeintlich homoBiTrans*freie bis -befreite Zone.

Die Berührungsängste von heterosexuellen Männern mit Schwulen sind sehr groß, und da ist besonders fatal, dass Fußball durch Klammern, Decken und Festhalten eine der berührungsintensivsten Sportarten ist. Nach einem Torerfolg wird umarmt und geherzt, aber nur solange kein Spieler den Körperkontakt zu Männern auch im Privatleben sucht. Alles Fremde löst Ängste aus, und allem Fremden wird besonders aggressiv und intolerant begegnet. Stereotype sind allgegenwärtig und fungieren als Exklusionsmechanismen für Schwule und Lesben. Stereotype Vorstellungen und Homophobie sind auf allen Ebenen des Sports zu finden, bei SpielerInnen, TrainerInnen, SchiedsrichterInnen, Vereinen, Verbänden und Fans. […]
Das Ausklammern von Homosexualität bewahrt Schwule und Lesben vor Diskriminierungserfahrungen, aber leider nur so lange, wie sie ihre Homosexualität nicht thematisieren. Es kommt zum „Gefangenen-Dilemma“: Homosexuelle werden nur diskriminiert, wenn sie sich outen, aber sie outen sich nicht aus Angst vor Diskriminierung.4

Erklärungsversuche gibt es zwar einige, sie rangieren jedoch nach wie vor auf der Ebene von Versuchen. Leichter, kreativer und hoffentlich auch erfolgsversprechender geben sich vielmehr Kampagnen, die Homosexualität und Fußball öffentlichkeitswirksam thematisieren. Ich meine jetzt nicht LesBianGay-Verbände, sondern mit Blick auf die bevorstehende Konkurrenz um die vermeintlich beste Nation Initiativen wie der 5-Punkte-Plan des B.A.F.F. gegen Homophobie5 oder eben die diesen Artikel eigentlich begründende Plakatkampagne von QWien zu Homophobie im Fussball, die ich euch hiermit wärmstens ans Herz legen möchte:

Als letzter Ort „wahrer Männlichkeit“ und blanken Machismos auf dem Feld und in den Fankurven, vor dem Fernseher und auf Pressekonferenzen, in Kneipen, Zeitschriften und so weiter, bedarf der europanationale Fußball antisexistischer, homophiler Intervention gegen den zu erwartenden heterosexistischen Heterosexualisierungsschub.

Qwien Kultur wird anlässlich der EM2008 einen Akzent […] setzen, mit dem Homophobie im Fußball thematisiert werden soll. Mit einem europaweit ausgeschriebenen Plakatwettbewerb machen wir das Tabuthema während der EM2008 öffentlich.
Aus allen Einsendungen, die bis Ende Mai 2008 bei Qwien Kultur eintreffen, wird eine Vorjury die besten 50 auswählen, eine namhaft besetzte ExpertInnen-Jury die besten drei und ein Siegerprojekt küren, das mit einem Preisgeld und einer Veröffentlichung in Partnermedien prämiert wird. Während der EM2008 bis zur Regenbogen Parade Mitte Juli 2008 werden die 50 Besten der Öffentlichkeit mit einer Plakatausstellung im öffentlichen Raum präsentiert. […] Der Plakatwettbewerb wird europaweit ausgeschrieben, aber alle Menschen, auch wenn sie nicht in Europa leben, können daran teilnehmen – unabhängig von der StaatsbürgerInnenschaft und Nationalität […]. Jugendliche können gerne als Team teilnehmen, mit einer volljährigen Person, die für die Dauer des Plakatwettbewerbes für das Team verantwortlich ist. Wir freuen uns auf Ihre Plakate!

Also ran an PhotoShop und Zeichenblock, Einsendeschluss ist der 30. Mai 2008, die Ausstellungseröffnung und Bekanntgabe des Siegerprojektes finden am 4. Juni 2008 in Wien statt.

Teilnahmebedingungen als pdf
Aufruf

Zur Einstimmung (und für die weniger Geduldigen leider zum Einschlafen, ab Minute 4:10 ca. wirds spannend…) vielleicht noch der Sigur Ros Clip Viorar Vel Til Loftarasa

  1. vgl. die Sammlung Tanja Walthers in „Kick it out: Homophobie und Fußball“ sowie Gerd Dembowskis „Von Schwabenschwuchteln und nackten Schalkern“ in „Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball“ hrsg. von demselben sowie Jürgen Scheidle [zurück]
  2. Dieter Bott: Ausländerfeindlichkeit und Rassismus in deutschen Stadien. Ergebnisse einer Zuschauerbefragung im Wedau-Stadion in Duisburg.“ In: G. Dembowski/J. Scheidle: Tatort Stadion. [zurück]
  3. vgl. Tanja Walther: „Alle zu Gast bei Freunden? Homophobie im Fußball.“ In: sul serio Sonderausgabe #04 [zurück]
  4. QWIEN [zurück]
  5. Die 5 Punkt Agenda im Kampf gegen Sexismus und Homophobie im Fußball entstand 2005 auf der FARE Konferenz „Using football for intercultural dialogue and anti-discrimination“ in Bratislava. Sie wurde von der UEFA in ihren „good practise guide&“ für Klubs und Verbände aufgenommen. Die verkürzte Fassung lautet wie folgt, die Erläuterungen gibts beim B.A.F.F.:
    1. Sexismus und Homophobie thematisieren, 2. Gemeinsam Verantwortung übernehmen, 3. Gezielt vorgehen , 4. Mit gutem Beispiel vorangehen , 5. Homophobie öffentlich machen [zurück]

8 Antworten auf “Homo : Foul”


  1. 1 Thomasffff 07. März 2008 um 21:02 Uhr

    es wäre wünschenswert, wenn ein wirkliche bekannter fußballer sich outen würde. dann würde es wohl akzeptanz geben. solange das nicht geschieht, werden sich wohl kaum kleinere, unbekanntere fussballer outen

  2. 2 st_eve 07. März 2008 um 21:15 Uhr

    Homophobie wird nicht durch Outings abgebaut, das ist doch eine total krude Logik. Mehr zum thema „outing“ (allein schon das Wort verweist doch auf die Gefahr!) von Tanja Walther aus Kick it out (siehe oben):

    Corny Littmann, Präsident FC St. Pauli (2004):
    „Ich würde keinem Profi raten, sich zu outen. Der soziale Druck wäre nicht auszuhalten.“

    […]

    Das einzige Coming-Out eines Profifußballers gab es 1990. Der Engländer Justin Fashanu verkaufte seine Geschichte an die SUN. Verletzungsbedingt war er als Profi nur noch zweite Wahl und versuchte so zu Geld zu kommen. 1998 brachte er sich um. Ob Diskriminierung aufgrund seiner Homosexualität diesen Selbstmord provozierte oder ob Fashanu verhindern wollte, dass eine Straftat bekannt wurde, konnte nicht mehr geklärt werden.

    Der ehemalige britische Sportminister, Tony Banks, versuchte vergeblich, schwule Fußballprofis zu einem Coming-Out zu überreden, um so den Diskriminierungen Einhalt zu gebieten und zu demonstrieren, dass schwule Fußballer existieren.

    In Deutschland versteckte Heinz Bonn, in den 70er Jahren ein hoffnungsvolles Talent beim Hamburger SV, seine Homosexualität. Nach mehreren Verletzungen scheiterte sein Comeback 1973. Alkohol war der einzige Trost nach dem Ende seiner Karriere und gegen die Angst vor Entdeckungen. Bonn wurde 1991 von einem Stricher ermordet.

    Es ist also nicht verwunderlich, dass es offiziell keine Schwulen im Fußball gibt. Nicht nur in den oberen Ligen des Männerfußballs gibt es Homophobie, auch im Breitensport spielt die Ablehnung von Homosexualität eine große Rolle. Auch hier ist die Atmosphäre geprägt von „wahrer Männlichkeit“ und Heterosexualität. Nur solange Spieler ihre Homosexualität verschweigen – Homosexualität ist im Gegensatz zu Sex mit Frauen sowieso Privatsache – solange nicht über das Schwulsein gesprochen wird, ist Platz für Schwule in den Vereinen des Breitensports. Deshalb erfahren Schwule Diskriminierung nicht direkt, sondern durch homophobe Sprüche, die dem Schiedsrichter oder dem gegnerischen Team gelten. Sobald sie sich outen, fühlen Schwule sich nicht mehr wohl, verstecken sich oder gehen in Vereine für Homosexuelle

  3. 3 st_eve 07. März 2008 um 21:22 Uhr

    Auch sehr erhellend der Artikel „Outing wäre Selbstmord“ in der taz
    Und gebloggt wurde kürzlich auch von einer Person, die offensichtlich eine ähnliche Lektüre wie ich hinter sich hat, allerdings schwule Nationalhelden für einen Fortschritt hält, was ich nicht soo ganz teilen mag, aber sie gibt vor allem noch eine Antwort bzw. Alternative auf deine Forderung des Outings:

    „Wenn ein bekennend heterosexueller Spieler sagen würde, ‚Leute, wo ist eigentlich das Problem?’, dann wäre das längst kein so ein großes Thema mehr.“ Zumindest würde er etwas anstoßen, das mehr als überfällig ist. Lizas Welt: Football’s coming out?

  4. 4 illith 10. März 2008 um 2:02 Uhr

    25 schwule Profikicker müsste es in der Österreichischen Bundesliga geben, wenn man annimmt, dass von 500 Profispielern wie in der Gesamtbevölkerung fünf Prozent homosexuell sind.

    das hieße ja auch, 250 der profi-kicker wären in wirklichkeit verkleidete frauen :o
    ;)

    22% glauben, dass es Lesben und Schwule in ihrem Verein gibt

    *räusper* ich GLAUBE, da wär eine geschlechtstechnische differenzierung sinnvoll, was diese zahl angeht

  5. 5 vogelfrei 11. März 2008 um 1:55 Uhr

    „es wäre wünschenswert, wenn ein wirkliche bekannter fußballer sich outen würde. dann würde es wohl akzeptanz geben.“

    Und die Akzeptanz würde dann steigen…weil?
    Ich glaube nicht. Das Problem liegt auch weder in unserer Kultur, noch an irgendwelchen Spielern.
    Sondern einfach daran, dass der gemeine Fußballfan im Schnitt nicht der gebildetste und toleranteste aller menschlichen Stereotypen ist.
    Dazu kommt die Tatsache…nein, eigentlich könnte man es fast als Hauptgrund bezeichnen…dass Atmosphäre & Motiv (also die Situation im Stadium) sehr zu dem von dir geschildertem Verhalten beitragen.
    Schon mal von Milgram und seinen Experimentchen gehört? Sollte man unbedingt mal. Wenn da mal keine Parallelen auffallen…
    Zusätzlich kommt noch der Faktor der allgemeinen Besoffenheit. ;>

    Cheers!

    ps: Ich hab auf das Anwesendsein in einer der Allianzarenalogen verzichtet. Sollte das irgendwas über meine Einstellung gegenüber Profisport im Allgemeinen und Fußball im Speziellen aussagen? Vermutlich.

    pps: Streetball rules! :>

  6. 6 besserscheitern 28. März 2008 um 15:15 Uhr

    „Sondern einfach daran, dass der gemeine Fußballfan im Schnitt nicht der gebildetste und toleranteste menschlichen Stereotypen ist.“ – Das ist nun auch wieder nur das beliebte Klischee nachdem alle Fussballfans bekloppt sind.

    Statt Outing von Spielern müsste es mehr schwule Fanclubs/gruppen geben die eine andere Normalität etablieren, denn der Druck auf die Spieler kommt ja wesentlich von den Rängen. Wären homophobe Gesänge und Banner nicht mehr toleriert, dann bliebe zwar noch die Homophobie unter den Spielern selbst, aber im Vergleich zu Tausenden auf dem Rang oder im Block wär das doch ein deutlicher Fortschritt.

  7. 7 st_eve 26. Juli 2008 um 19:45 Uhr

    übrigens ist der Wettbewerb vorbei und die Sieger_innen sind gekürt:

    das Leser_innen-Publikum von diestandard.at wählte den Beitrag von Grégoire Murith aus Genf beim Online-Voting zu seinem Liebling. In Anbetracht des Anlasses „Männerfußball-EM“ kann ich ja verstehen, dass Androzentrismus hoch im Kurs ist und dementsprechnde Layouts besonders wirksam scheinen – irgendwie dachte ich aber doch ganz naiv, der Homo:Foul-Wettbewerb habe mehr im Blick als schwule Männer?

    Von der offiziellen Wettbewerbs-Jury dagegen wurde Martina Schönherrs kopfloses Portrait eines guten und dazu schwulen Fußball-Patrioten mit dem Preisgeld gedacht. Der Pietät halber binde ich das Bild nicht ein, wer Österreich liebt, muss scheiße sein,fällt mir dazu spontan nur ein und cool finde ich den Wettbewerb jetzt auch immer weniger.

    Eine Bildergalerie der 32 laut Jury BEachtenswertestenn -ich warne jedoch vor: ich teile diese Einschätzung nicht ungeteilt und würde das BE- mitunter gerne gegen ein VER- eintauschen – gibt es hier entlang

  1. 1 Ohne Schwanz was ganz anderes « Stumpf ist Trumpf Pingback am 03. März 2008 um 13:50 Uhr

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