Wissenschaft und „Wissenschaft“

Egal welche Zeitung man aufschlägt, immer wird man mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen bombadiert, welche meist aufgrund von „wissenschaftlichen Studien“ belegt werden.
Dagegen ist erstmal nix einzuwenden. Aber jedeR, der/die auch nur eine Erstsemester-Statistikvorlesung abgesessen hat, weiß, daß man damit viel Schwachsinn produzieren kann. Und das Churchillzitat kennt eh jeder…
Klar ist es anstrengend, jede Studie zu überprüfen oder kritisch durchzulesen; es einfach anzunehmen ist viel bequemer und wenn in einem Artikel Unis, Wissenschaftler, Fachzeitschriften etc. genannt/zitiert werden, hat das ja auch eine vertrauenerweckende Atmosphäre.
Im Spiegel (zumindest in der Printversion; keine Ahnung, ob das auch online zu finden ist) zu lesen, daß es genetisch bedingt ist, ob jemand zu den Frühaufstehern oder eher zu den Nachtmenschen gehört und sich dies mit einem Hauttest feststellen läßt – joa, glaub ich jetzt mal gern. Bin schließlich selbst Nachtmensch (ich frag mich grad, ob im Mädchenblog auch angezeigt wird, um welche Uhrzeit die Beiträge gepostet werden… *hust*) und das ganze klingt mir plausibel. Daß das Ganze als Beweis verkauft wird, obwohl die Erkenntnis an der etwas dürftigen Anzahl von 28 Testpersonen hängt, ist mir da gradmal wurscht.
Aber bei Studien, die Themen aufgreifen, die ich als wichtig empfinde, kuck ich schon genauer hin – als FeministIn muß man sich ja allerhand populärwissenschaftlichen Schrott gefallen lassen, der von Biologismen nur so trieft. Stichwort „Warum Frauen schlecht einparken und Männer nicht zuhören“ und der ganze Kram. Das ist ein Versuch, die Gleichberechtigung zwischen Menschen zu bremsen, wenn man hier pseudowissenschaftlich herumdoktert und somit nicht für mich akzeptabel. Und gerade diese sexistischen „Erkenntnisse“ scheinen ja so unglaublich beliebt zu sein, daß man sie 24/7 in den Hals gewürgt kriegt.
Warum der Blödsinn trotzdem gedruckt und verbreitet wird, liegt auf der Hand. Beth Skwarecki erklärt das nochmal genauer:

Journalists looking for a quick story, however, do little such research. (…) Science has the capacity to surprise and amaze us, but sometimes it’s more satisfying when you can jump up and say, “Yes! I knew it all along!” Which is why articles touting the awesomeness of traditional gender roles are an evergreen subject in the science pages.

Das Zitat stammt aus ihrem Beitrag Mad Science im Bitch Magazine. Und der ist super und absolut lesens-und empfehlenswert (also: anklicken und LESEN!).
Ein von Beth genanntes Beispiel ist eine Studie, die anscheinend belegt, daß die weibliche Vorliebe für die Farbe rosa biologisch bedingt ist.

Dig further, however, and the story completely falls apart. British women do prefer pink, but the author’s claim of a “robust, cross-cultural sex difference” turns out to be neither. The scientists compared British natives with Chinese immigrants to Britain, and glossed over the differences. For example: The girliest color in the British results, a purplish-pink, was in fact the Chinese men’s favorite.

So viel dazu…
Man sollte sich die Sache eben immer genauer anschauen, bevor man sie als Wahrheit akzeptiert.
Naja, eigentlich sollten so dämliche Schlußfolgerungen erst gar nicht auftauchen – aber um hier auf einen Mediengesinnungswandel zu warten – dafür ist doch ein bißchen viel Geduld vonnöten. Also selber ran mit dem kritischen Blick.
1. Stimmen die Schlußfolgerungen ein bißchen zu genau mit den gängigen Klischees überein?
2. Ist die Überschrift überhaupt in Übereinstimmung mit der Studie?
3. Erkennst du die Doppelmoral?
4. Gibt es eine andere Schlußfolgerung, die genauso wahr sein könnte?
5. Läuft die Studie überhaupt unter „Wissenschaft“?
Das sind die Vorschläge, die Beth in dem Bitch-Artikel zur Überprüfung nennt. Und zwar (anders als hier ->selber groß, selber lesen) schön ausformuliert und mit Beispielen versehen.


12 Antworten auf “Wissenschaft und „Wissenschaft“”


  1. 1 mandy 29. März 2008 um 15:39 Uhr

    Vielen Dank für den Hinweis auf Beths Artikel! Ich für meinen Teil habe ja mit dem Großteil der Medienlandschaft abgeschlossen, vor allem was den Genderdiskurs betrifft..was hier ein bisschen untergeht, beim Bitch Magazine nur kurz erwähnt wird und mich persönlich mehr beschäftigt, sind die Wissenschaftler/innen und ihre Welt. Die Berechtigung von Fragestellungen und Validitäten von Hypothesen wird gern nicht überprüft; Hauptsache große Fallzahl (wenn überhaupt) und Themen, die interessieren und ungefährlich (für zum Beisp. unser Zweigeschlechtersystem) sind. Deshalb werden Untersuchungen der (nicht biologistisch ausgerichteten) Geschlechterforschung, die häufig mit qualitativen Methoden arbeitet, als unwissenschaftlich abgetan. Falsche Hypothesen dagegen, die uralte Stereotypen widerkäuen, werden pausenlos verifiziert. Deshalb gehören oben aufgelistete Frage auch den Forscher/innen gestellt.

  2. 2 Leser 29. März 2008 um 15:59 Uhr

    Hätt nicht gedacht, daß ich nem Artikel in diesem Blog mal so weiträumig zustimmen könnte.
    Wenn jetzt noch der Mädchenblog seinen Style von pink auf grün ändert, dann fall ich komplett vom Glauben ab :d

  3. 3 illith 29. März 2008 um 16:52 Uhr

    u speak my mind.

    ergänzend zu deinem 5-punkteprogramm fallen mir spontan ein:

    - wer profitiert (möglicherweise) von dem ergebnis?

    - ist angegeben, wer die studie wo wann unter welchen bedingungen und welcher prämisse durchgeführt hat?

    - wieviel teilnehmerInnen hatte die studie?

    - wer war der auftraggeber?

  4. 4 dodo 29. März 2008 um 20:02 Uhr

    ist nicht mein 5 punkte-programm, sondern das von beth. deine weiterführenden vorschläge sind gut, sowas kam mir auch in den sinn. da könnte man die liste noch um einiges erweitern.

  5. 5 Leser 29. März 2008 um 22:28 Uhr

    So, dann hoffe ich das die Mädchenblogger jetzt vor Studien, wie die von der Hans-Böckler Stiftung gefeit sind, die per Online Umfrage Gehaltsdiskrimminierungen messen wollte oder die des Bundesfamilienministeriums, die Kriegserfahrungen aus dem zweiten Weltkrieg zur Beschreibung der heutigen Gewaltsituation heranzieht.

  6. 6 cec 30. März 2008 um 22:11 Uhr

    kulla, übernehmen sie!

  7. 7 st_eve 31. März 2008 um 10:43 Uhr

    ähm… ich kenne das churchill zitat nicht… wie war das doch gleich? :-?

  8. 8 üpoiu 31. März 2008 um 12:14 Uhr

    Churchill: Winston Churchill sagte „Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe“

    Werner Barke vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg versucht schon seit Jahren, die Herkunft dieses berühmten Zitats zu klären (ein Statistiker hat ja auch allen Grund dazu). Dabei fand er heraus, dass dieser Ausspruch in Churchills Heimat England nahezu unbekannt ist. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass der damalige britische Premier diesen Satz jemals gesagt hat. Der Ursprung des Statistik-Zitats scheint wohl eher im Propaganda-Ministerium des Joseph Goebbels zu liegen, wofür es allerdings auch keine konkreten Hinweise gibt. Wann genau, von wem und unter welchen Umständen der Satz „Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe“ zum ersten Mal fiel, ist bis heute leider ungeklärt.

  9. 9 chica 31. März 2008 um 14:37 Uhr

    Ich denke solche Miniumfragen über Frühaufsteher etc. dienen eher der Unterhaltung als der Wissenschaft und der Schaden, den sie anrichten ist vergleichsweise geringe, relevant wird das Zustandekommen von Forschungsergebnissen erst bei brisanteren Themen, ein Klassiker die PKS.
    So berchtigt die Kritik, finde ich das Zitat von geringem Wert. Letztlich stellt es eine einfache Möglichkeit dar (unbequeme) statistische Ergebnisse auf populistische Weise vom Tisch zu wischen.

  10. 10 Judith 01. April 2008 um 23:44 Uhr

    circa wöchentlich ärgere ich mich über den blödsinn, den gewisse („frauen“)-magazine so aus wissenschaftlichen veröffentlichungen rauslesen wollen. und ja, das ist wirklich regelmäßig zur unkenntlichkeit verkürzter schmarrn und noch regelmäßiger wüst spekulierendes schlüße ziehen und verzerren. und ebenfalls ja, es wird auch bereits im orginal viel blödsinn veröffentlicht, ja manchmal so gar in relativ renomierten journals. und sowohl „die“ popularmedien als auch so manche wissenschaftler/innen haben großes interesse daran gewohnte klischees zu bestätigen. und das ist unglaublich frustrierend.

    aber: trotzdem: diese grundsätzliche verurteilung quantitativer empirischer forschung scheint mir dann doch etwas schlicht.
    also meine statistikkenntnisse, und die gehen dann doch sogar über „eine erstsemestervorlesung“ hinaus, genügen nicht um, bei unkenntnis jeglicher anderen statistischer größen, zu beurteilen ob im fall der genannten untersuchung 24 versuchspersonen eine „dürftige“ stichprobengröße ist.
    und dabei gibt es doch sehr beeindruckende quantitative forschung zum thema „geschlechterdifferenzen“, beeindruckend im sinne der im sinne der klaren pro-feministischen aussage aber auch von sauberer methodischer arbeit. ich kann’s nicht genügend oft posten:

    „the gender similarities hypothesis“ von J.S. Hyde. Eine review von 46 metaanalysen, die nach ihrer statistischen auswertung schließt, dass sich männlein und weiblein in den meisten psychologischen variablen ähnlich sind.

    http://www.apa.org/journals/releases/amp606581.pdf

    ich wünschte ich hätte diese tolle arbeit immer in der tasche wenn mir leute auf parties mit den „wissenschaftlich erwiesenen“ unterschieden zwischen männern und frauen kommen.
    hier! würde ich sagen- da! lies! zahlen! naturwissenschaft/mathe! dein frauen-nichteinparken-kram kann einpacken!

    nein würde ich nicht. diese leute würden sagen: und? hat ne frau geschrieben, oder? und ich würde sagen: ja. und?
    und dann würden sie churchill zitieren….

  11. 11 Judith 01. April 2008 um 23:51 Uhr

    ups, mein posting gerade wimmelt von rechtschreibfehlern! also ich fall wohl eher nicht in die kategorie nachtmensch. ich geh jetzt schlafen!

  12. 12 Matze 19. April 2008 um 21:07 Uhr

    Hmm, habe mal, glaube ich, eine Studie gelesen, wonach 80 % der Frauen solche Genderstudien nur dann kritisch betrachten, wenn sie ihren eigenen eigenen Vorstellungen zuwiderläuft.

    Bei Männern waren immerhin 20 % auch dann kritisch, wenn sie die Ergebnissen der Studien eher für zutreffend hielten.

    PD: Glaube keinem Zitat, dass Du nicht selbst jemand anderem in den Mund gelegt hast. (Philipp Müller)

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