Unheilbar gesund

Also, das war neulich so im schönen Steyr in Oberösterreich: Zwei Online-Jungunternehmerinnen in spe, Horner und Wenzler, planen einen „Internettreffpunkt für Lesben und Schwule, aber auch Heterosexuelle, nach dem Vorbild von ‚Szene1′ (Anm. st_eve: Österreichische Online-Community)“. Sie schicken eine Rundmail an 40 Webdesignfirmen, in dem sie ihr Projekt vorstellen und die Gestaltung der Internetpräsenz ausschreiben. Bis zu diesem Punkt ist die Geschichte nicht weiter spannend, Alice Schwarzer würde natürlich loben, dass hier Frauen selbstständig arbeiten, als Mitglied einer jüngeren Generation kommt mir das fast schon normal vor. Gruselig wird’s es erst mit der Fortsetzung der Geschichte. diestandard.at berichtet:

Sieben der Angeschriebenen antworten, sechs davon mit konkreten Angeboten, wie und zu welchem Preis sie die Homepage bis 15. Juni auf Zack zu bringen gedachten. Antwort Nummer sieben hingegen schlug etwas aus der Art: „Sehr geehrte Frau Horner, wir müssen leider von einem Angebot absehen, da wir die Krankheit Ihrer Zielgruppe nicht unterstützen!“, hatte da, „mit freundlichen Grüßen“, Markus M., Inhaber einer Agentur für Mediendesign in Oberösterreich ins Mail getippt.

Auch in einem Telefonat mit der Zeitung ist der Herr, der regelmäßig evangelisch-fundamentalistischen Gruppen und Stellen zuarbeitet, sich nicht zu schade, das, was normalerweise hinter vorgehaltener Hand und an Stammtischen, nurmehr selten jedoch öffentlich ausgesprochen wird, kund zu tun: die Ansicht, bei einer sexuellen Praxis und Orientierung sowie daran geknüpften Lebensstilen und darauf begründete Identitäten handle es sich schlichtweg um „Krankheiten“. In Deutschland und Frankreich wären solche Aussagen einklagbar – Österreich jedoch kokettiert zwar mit einer liberalen Haltung (zum Beispiel erklärt der Webservice der Stadt Wien seinen Leser_innen, dass die Pathologisierung von Homosexualität schlichtweg Blödsinn sei – eine Tatsache, die auch die WHO erst 1992 eingesehen habe), rechtlich jedoch lässt sich da nichts machen.
Letztlich zeigt sich hier die immergleiche und immer schlimme Verwirklichung Judith Butlers Theorie der heterosexuellen Matrix: Alles was der normalisierten (Zwangs-)Heterosexualität von „Mann“ und „Frau“ nicht entspricht, gilt als Abweichung oder eben als Krankheit. Was nicht-normal oder krank wiederum ist, ist zum einen als vermeintliche Gewissheit vom gros der Mitglieder eines spezifischen kulturellen/gesellschaftlichen/historischen Milieus internalisiert – zum anderen wird dieses Wissen von Instanzen wie Medizin, Recht, Wissenschaft und eben auch der Kirche immer wieder normalisiert und festgeschrieben. Auch wenn offene Homophobie unter erwachsenen Statistiken zufolge zurückgeht, auch wenn Gleichstellungsgesetzte zunehmend gleichgeschlechtliche Lebensweisen berücksichtigen: Ressentiments wird es immer und überall geben – und darum werden sie auch immer und überall ihren Weg von Ohr zu Ohr finden. Einerseits überraschen pathologisierende Aussagen wie die Maruks M.s kaum – doch verwundert die unverhohlene Ablehnung im konkreten Fall doch immer wieder. Ich kann daher nur wiederholen in der Hoffnung, dass alles es eh schon wissen: Bislang scheiterte jeder Versuch der Verifikation psychoanalytischer oder genetischer Erklärungsmodelle (vgl. befah.de). Die einzige eindeutig belegbare Aussage ist und bleibt:

Homosexualität ist […] keine Krankheit, auch wenn das viele Ärzte und Psychologen seit dem 19. Jahrhundert fest geglaubt haben. Sie haben Schwule und Lesben menschenverachtenden „Therapien“ unterzogen, um deren sexuelle Identität „umzupolen“. Alles ohne Erfolg. Homosexualität ist unheilbar gesund. Genauso wie jede andere Ausdrucksform gegenseitiger Zuneigung. (lsvd.de)


8 Antworten auf “Unheilbar gesund”


  1. 1 pascal 10. April 2008 um 18:46 Uhr

    oh und die „diskussionen“ im forum, auch recht unterhaltsam, erschreckend allerdings, wie positiv die fundi-beiträge bewertet wurden (und auch ein offensichtlich ironischer, was allerdings die fundis nicht verstanden zu haben schienen:

    „militante Homo-Ideologie“ bitte – so viel Zeit muss sein ;-)

    Schade allerdings, dass der Firmenname des Herrn nicht genannt wurde, offensichtlich steht er ja zu seiner Meinung, da sollte es ihn nicht stören, in Zukunft von einigen (hoffe ich doch) boykottiert zu werden…

  2. 2 dodo 10. April 2008 um 20:27 Uhr

    boah wie krass. bei „krankheit“ dachte ich ja zuerst, der meint aids (was eh ein klischee ist und genausowenig sinn gemacht hätte), aber homosexualität als krankheit? daß sich die leuts sowas noch öffentlich trauen… ich hoff, dem wurde/wird von irgendwem kräftig dampf unterm hintern gemacht!

  3. 3 chkbd 10. April 2008 um 20:45 Uhr

    „einklagbar“
    „rechtlich“

    „Schade allerdings, dass der Firmenname des Herrn nicht genannt wurde,“

    „daß sich die leuts sowas noch öffentlich trauen… ich hoff, dem wurde/wird von irgendwem kräftig dampf unterm hintern gemacht!“

    Der Staat greift nicht ordentlich durch, nun muss wohl der Mob ran?

  4. 4 dodo 10. April 2008 um 21:03 Uhr

    mob???

  5. 5 Bobo 13. April 2008 um 14:29 Uhr

    ich lach mich schief, das es so behinderte menschen geben kann XD

  6. 6 Crash 13. April 2008 um 15:27 Uhr

    Wenn die mal behindert wären, dann könnten sie wenigstens nix dafür.

  7. 7 unGeDuLdig 25. April 2008 um 14:35 Uhr

    Vielleicht ist es in der Sache nicht hilfreich, aber ich sage es der Genauigkeit halber trotzdem: Von der Bibel her wird Homosexualität nirgendwo als Krankheit bezeichnet, vielmehr als Sünde. Klingt erstmal nicht besser, ist es aber in gewisser Weise. Denn alle, auch der oberösterreichische Mediendesigner, sind nach christlicher Lehre Sünder und brauchen Erlösung – das Neue Testament fordert uns eingedenk dessen auf, einander nicht zu verurteilen. Das ist jedenfalls die Kurve, die manche christlichen Gruppen gekriegt haben.

    Das Hantieren mit dem Begriff Krankheit dagegen kommt nicht aus dem Mittelalter, sondern aus der frühen Neuzeit, als sich moderne Psychologie und Medizin entwickelten. Es ist natürlich auch der Jargon der Nazis, der sich in manchen Bereichen der Genforschung und Verhaltenstherapie wieder breit macht.

    Das Christentum hat starke autoritäre Neigungen und liebäugelt immer wieder mit faschistischen Ideen. In Osteuropa sind die Kirchen zuverlässige Verbündete oder wie in Serbien und Polen sogar die Anführer des Schwulenhasses. Und Österreich ist immer wieder ein dankbarer Boden für Schwulenhass gewesen.

    Ich meine, niemand zwingt Herrn M. dazu, beim nächsten CSD in Wien mitzumachen. Dafür könnte er sich wenigstens zurück- und seine Fresse halten, wie es in den Sprüchen Salomos heisst:

    „Auch ein Narr, wenn er schweigt, kann als weise angesehen werden.“

  8. 8 maria 19. August 2008 um 10:15 Uhr

    sorry für den unqualifizierten kommentar

    Bobo 13. April 2008 um 14:29 Uhr
    ich lach mich schief, das es so behinderte menschen geben kann XD

    Crash 13. April 2008 um 15:27 Uhr
    Wenn die mal behindert wären, dann könnten sie wenigstens nix dafür.

    es wäre nett wenn die menscheit aufhören könnte das wort „behinderung“ als beleidigung zu verwenden. da dies genauso respektlos und beleidigend ist wie die behauptung homosexualität sein eine krankheit die behandelt werden muss

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