Christival – das Festival der missionarischen Jugend

Vom 30. April bis zum 4. Mai 2008 findet in Bremen das „Christival“ statt. 20 bis 30 000 junge Christ_innen werden zu diesem missionarischen Jugendevent erwartet.
Mit viel Popkultur und jugendlichem Schwung wirkt alles zunächst schön rosig und weltoffen. Die Inhalte und Themen der verschiedenen Seminare, Andachten, Sport- und Kulturveranstaltungen sind davon allerdings oft weit entfernt: Ihr verbindendes Element ist ein christlich- evangelikaler Wertekanon, der sich durch extrem konservative und reaktionäre Wertvorstellungen auszeichnet.
Die evangelikale Bewegung unterscheidet sich deutlich von den evangelischen Landeskirchen: Innerhalb dieser existieren unterschiedlich stark reaktionäre Strömungen, wie z.B. Babtist_innen, Methodist_innen und Pfingstler_innen. Die Grundlage ihres Glaubens ist die Annahme einer absoluten Irrtumsfreiheit der Bibel. Sie verstehen das Evangelium als unmittelbar von Gott gegebene Handlungsanweisung für das eigene Leben; die Bibel wird hierbei wortwörtlich interpretiert. Daher könnte man einige Teile der evangelikalen Bewegung durchaus als fundamentale Christ_innen.
Ein weiterer zentraler Eckpfeiler der Evangelikalen ist die Pflicht zur Mission. So versteht sich auch das Christival als ein „missionarischer Kongress junger Christ_innen“ und als Teil der evangelikalen Bewegung mit auf der Grundlage der Lausanner Verpflichtungen (http://www.evangelikal.de/lausanne.html) dem Ziel der Weltmission verschrieben haben. Daher liegt der inhaltliche Schwerpunkt, neben Fragen der christlichen Lebensgestaltung, auf der missionarischen Arbeit und der Vermittlung der dafür notwendigen pädagogischen und rhetorischen Kompetenzen.
Die genauen theologischen Leitlinien des Christivals, die sich neben den erwähnten insbesondere auf die Grundlagen der Evangelischen Allianz(http://de.wikipedia.org/wiki/Evangelische_Allianz und den Grundlagen der Arbeitsgemeinschaft Jugendevangelisation, kann man auf ihrer Homepage nachlesen. (https://www.christival-anmeldung.de/img/%DCbereinkunft%20zur%20Mitarbeit%20-%20Christival%202008.pdf)
Während den Landeskirchen die Leute weglaufen bekommt die Bewegung der christlichen Fundamentalist_innen starken Zuwachs. In Deutschland wird die Gesamtzahl der Evangelikalen unterschiedlicher Couleur auf ca. 1,3 Millionen Menschen geschätzt. Weltweit sind etwa 10 % der Bevölkerung evangelikal.

Die evangelikale Bewegung ist Teil eines konservativen Backlashs und einer neuen Religiosität.
Die alltägliche Unzufriedenheit vieler mit den gegenwärtigen Verhältnissen wird nicht gegen diese gerichtet, sondern mit Hilfe der Religion als gottgegeben und unveränderlich legitimiert. So wird diese stabilisiert und gefestigt. In der scheinbaren Sicherheit traditioneller Werte und Moralvorstellungen wird Halt und Geborgenheit vermittelt, wodurch die alltäglich niederschmetternde Realität aushaltbarer erscheint.
Besonderes attraktiv werden evangelikale Glaubensveranstaltungen durch den sinnlich und körperlich erfahrbaren Glauben. In spirituellen Gruppenerlebnissen werden ekstatische Zustände erreicht – das Individuum kann seine Auflösung in der Einheit mit Jesus Christus und der Gemeinschaft erleben. Es wird also eine gemeinsame, kollektive Identität geschaffen. Dass diese mitunter eine ziemlich große Nähe und Offenheit zu nationalistischen und rechten Bewegungen schaffen, wird in der sehr empfehlenswerten Doku „Jesus junge Garde – Die christliche Rechte und ihre Rekruten“, die man auch bei youtube (http://www.youtube.com/watch?v=9ao25QEkN2U) gucken kann, sehr deutlich.
Problematisch an dieser Gemeinschaftsideologie ist, dass individuelle Bedürfnisse unter die des Kollektivs untergeordnet werden müssen. Eigenständiges, kritisches Denken ist damit nicht erwünscht – die Forderung nach Selbstbestimmung wird mit der Vorstellung der Allmächtigkeit Gottes abgelehnt. „Gott hat einen Plan für dich“ ist damit eine gängige Floskel unter evangelikalen Jugendlichen.
Was ist aber, wenn du einen eigenen Plan für dich hast?

Das Christival ist besonders wegen dessen antifeministischen und homophoben Inhalten in den Fokus (durchaus öffentlicher) Kritik geraten.
Unter den Veranstalter_innen befinden sich Etliche, die erkämpfte Rechte, wie z.B. das auf Abtreibung revidieren wollen. U.a. wird das Seminar „Sex war Gottes Idee – Abtreibung auch?“ angeboten – eine Frage, die die Veranstalter_innen längst beantwortet haben. Der das Seminar anbietende Verein „die Birke e.V.“ zählt sich selber zu den sog. „Lebensschützer_innen“ und steht damit in dem Kontext der radikalen pro-life- Bewegung, deren Anhänger_innen (nicht nur) in den USA vor den Abtreibungskliniken demonstrieren. Frauen werden ausschließlich auf ihre reproduktive Rolle als Mutter festgelegt – das Recht auf Selbstbestimmung hat hier keinen Platz.
Ein weiterer sexistischer Evergreen der Christ_innen ist das Thema „Homosexualität“. Diese ist laut Bibel eine „Greulsünde“ (3. Buch Mose, Leviticus 18:22) und müsse daher u.a. mit sog. reperativen Therapien bekämpft werden. Die Pathologisierung von SchwulLesBiTrans wird auch auf dem Christival durch entsprechende Ex- Gay- Organisationen betrieben. So z.B. durch das „Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft“, die das Seminar „Homosexualität verstehen – Chancen zur Veränderung“ anbieten wollte, welches allerdings inzwischen auf Grund des öffentlichen Druck abgesagt werden musste. Sie erfahren von den Evangelikalen zahlreichen Zuspruch, wie spätestens die Reaktionen auf die Absage des Seminars zeigte.
Heterosexualität hingegen finden sie ganz klasse:
Das oberste Anliegen von „Mann“ und „Frau“ habe die Zeugung möglichst vieler Kinder zu sein. Doch Achtung: Sex vor der Ehe ist absolut tabu und eine Sünde!
Die Ehe soll anhand klar festgelegter, antiquierter Geschlechterrollen und in den engen Grenzen von Zweigeschlechtlichkeit und Mononormativität geschehen.
Feminismus und die Emanzipation aller Geschlechter und Sexualitäten wird als ein sogenanntes „zersetzendes Element“ für Familie, Ehe und Gesellschaft angesehen.
Strukturelle Elemente der evangelikalen Weltanschauung wie Homophobie, Sexismus, Antifeminismus, Heteronormativität und Aufrechterhaltung der Zwangszweigeschlechtlichkeit sind keinesfalls Privilegien christlicher Fundermentalist_innen, sondern fest in den Strukturen dieser Gesellschaft verankert.
Also, nicht nur das Christival, sondern auch die zu Grunde liegenden gesellschaftlichen und sexistischen Strukturen sind kacke.


42 Antworten auf “Christival – das Festival der missionarischen Jugend”


  1. 1 brib 27. April 2008 um 23:43 Uhr

    Der „Chritival“ wird wohl von einer Demo kritisch begleitet werden, siehe:
    http://www.8mars.com/weblogs/chrisrival in Bremen.htm

  2. 2 unGeDuLdig 28. April 2008 um 4:16 Uhr

    @Paul_a

    Was Du so alles zusammenträgst, hat im Einzelnen seine Richtigkeit, ergibt aber insgesamt ein zu einfaches Bild. Auch wenn die Abweichungen, auf die ich abziele, Minderheitenpositionen bei den Evangelikalen darstellen, sollten sie nicht unerwähnt bleiben.

    Es geht damit los, dass es hunderte verschiedener Freikirchen ohne zentrale Autorität gibt. Die meisten sind aus der Unzufriedenheit mit ihren ursprünglichen Gemeinden entstanden, eine Fortsetzung der Dissidenz Luthers. Die allen gemeinsame Berufung auf die Bibel als oberste Autorität macht es nicht einfacher, es lässt sich bekanntlich alles hinein- und hinausinterpretieren, weil sie im Gegensatz zum Koran ein Gemeinschaftswerk sehr verschiedener Persönlichkeiten ist. Die Evangelikalen lassen sich nur mit äusserster Mühe unter einen Hut bekommen, viele der Lehren der Einzelkirchen widersprechen einander total, mit am schärfsten verläuft eine Front zwischen den Charismatikern und den Nicht-Charismatikern, also zwischen denen, die heute noch das unmittelbare, übernatürliche Eingreifen Gottes durch Zeichen und Wunder erwarten und denen, die zwar allen Berichten der Bibel wörtlich glauben, modernen Wundern aber äusserst skeptisch gegenüberstehen. Es gibt ausserdem einen Konflikt über das Verhältnis zum Staat, der einerseits unter der Herrschaft Satans steht (Lukasevangelium), andererseits das Instrument Gottes ist (Römerbrief). Es gibt eine kaum nach aussen dringende Debatte über Autoritätsmissbrauch in den Freikirchen, das Thema Umgang mit Geld (Spenden und Zehnter) ist ebenfalls ein häufiger Auslöser von neuen Abspaltungen und nicht zuletzt lässt sich so etwas wie ein Marsch der Frauen durch die kirchlichen Institutionen beobachten, der zu heftigen Reibereien an gewissen Lehren der Bibel führt („Das Weib aber schweige in der Gemeinde“ usw.)

    Am Anfang vieler Sekten- und Freikirchengründungen stand sogar ein halbwegs emanzipatorischer Ansatz: Nachdem Luther gegen das privilegierte Amt der Priester das allgemeine Priestertum der Gläubigen gestellt und die Erlösung unabhängig von den Sakramenten aus dem Glauben bezog, war für allerlei fruchtbare oder furchtbare Experimente Tür und Tor geöffnet. Sehr oft wurden von den neuentstandenen Kirchen die verknöcherten und religiös erstarrten Formen der alten Sekten kritisiert, was sie freilich nicht davor bewahrte, im Laufe der Zeit selbst traditionalistisch und priesterherrschaftlich zu werden.

    Ich habe einige dieser Bewegungen kennengelernt und muss Dein Urteil bestätigen, dass Kritik an der eigenen Kirche tendenziell in der Nähe der Gotteslästerung angesiedelt wird. Gerne wird dabei das Wort Jesu missbraucht: „Richtet (kriteite) nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.“ Obwohl m.E. vom Zusammenhang des Zitats her eher das abschliessende, unerbittliche Urteil über einen Menschen abgelehnt wird. Wie auch immer, selbst in den „softeren“ Gemeinschaften ist die Person, die einen Einwand vorbringt, schnell in der Rolle des verbitterten Anklägers – ein Codewort für den Satan.

    Was ich aber wirklich ernüchternd an den Freikirchen finde, ist der hemmungslose Kult um die 50er-Jahre-Familie, mit allen mal sanfteren, mal brutaleren Formen der Ausgrenzung (und manchmal Verfolgung) von Einzelgängern, Singles, Schwulen und Lesben, Geschiedenen, und dem Rest der langen, langen Liste derer, die nicht ins glückliche Bild dieser family values passt. Während noch im Mittelalter das Ideal eines christlichen Lebens der oder die Heilige war, womöglich sogar in der Märtyrerform, die alles (einschliesslich der Familie) hinter sich liessen, wird heute ein Tanz um das goldene Kalb (materieller Erfolg, Fruchtbarkeit, Gesundheit) aufgeführt, der Moses spontan zum Kotzen gebracht hätte. Nicht, dass ich Moses so toll finde, aber die Verschiebung des Schwerpunkts ist auffällig. Das Christentum in der protestantisch-freikirchlichen Form hat sich so tief in die kapitalistische Ideologie vom ewigen Wachstum verstrickt, dass es auch die antichristlichsten Aspekte der neoliberalen Heilslehre integriert hat. Ganz zu schweigen vom momentanen Bündnis dieser Kirchen mit den Neokonservativen und Rechtspopulisten.

    Verdammt, eigentlich wollte ich die wenigen positiven Entwicklungen beleuchten, und jetzt habe ich mich über diese Leute wieder in Rage geredet. Liegt wohl daran, dass ich mit ihnen noch lange nicht fertig bin. Es ist aber auch zum in den Teppich beissen, wie sie die vielen schönen Gedanken, die im Christentum herumschwirren, in ihr Gegenteil verwandeln. Die Nächstenliebe, Vergebung, Barmherzigkeit, das Teilen mit den Armen, die Neigungen zum Pazifismus, zum Misstrauen gegen Staat und Autorität, die Heiligkeit des Lebens… Mir ist klar, dass sich bei diesen Begriffen vielen die Fussnägel hochrollen, aber ein „guter Kern“ ist wohl nicht zu leugnen. Umso schlimmer, wenn dann aus Nächstenliebe Zwang zur Harmonie, aus Vergebung Schweigepflicht, aus Barmherzigkeit arrogante Herablassung, aus der Heiligkeit des Lebens das Belagern und Verfolgen z.B. von Abtreibenden wird.

    Ich sehe in vielen Christen eine Art Menetekel dessen, was auch in der Linken und im Feminismus geschehen ist: Mit den besten Vorsätzen und im festen Glauben, das absolut Richtige zu tun, sind extrem üble Dynamiken in Gang gekommen, die den hoffnungsfrohen Anfang historisch diskreditiert haben. Wenn jemand das Christival heimsuchen und die frommen Brüder und Schwestern mit ihrer reaktionären Verlogenheit konfrontieren möchte, muss sich seiner eigenen Widersprüche bewusst sein. Um es provokativ zu sagen: Wenn Linke und Feministinnen die Gläubigen kritisieren, blicken sie in eine Art verzerrten Spiegel. Schlimmstenfalls sehen sie in eine Karikatur ihrer Zukunft.

    Es wäre ein Anfang, wenn die Erkenntnis aufkäme, dass es in dieser Christenszene keinen einheitlichen, fanatischen Block gibt, sondern eine Vielzahl von Leuten, die ihrem Leben einen Sinn geben wollten und sich z.T. in ihren kleinen und grossen Lebenslügen heillos verstrickt haben. Müsste jedem an der Emanzipation interessierten Menschen bekannt vorkommen.

  3. 3 Judith 28. April 2008 um 9:53 Uhr

    Hey unGeDulDig!
    mir gefällt deine differenzierte und selbstkritische analyse. schon erschreckend, wie prima sich klangvolle worthülsen von barmhezigkeit und nächstenliebe mit anschlägen auf abtreibungskliniken und kreuzzügen gegen das „böse“ vereinbaren lassen.

    und ja, auch mir stellen sich bei diesen begriffen die fussnägel auf, dieses „wir sind die guten“, „wir haben extra christen-spezifische begrifflichkeiten für „das gute“ erfunden, weil anders-(bzw. nicht-)gläubige zum „gut sein=christlich sein“ gar nicht fähig sind.“ pfui teufel. ;-)

    vielleicht ein hinweis dafür dass auch „wir“ lieber konkrete forderungen stellen sollten, statt uns hinter einem theoretischen, gutgemeinten diskurs zu verstecken. ich persönlich fühl mich zumindest wohler mich hinter einer konkreten forderung zu positionieren als hinter einem schwammigen ideologischen begriff, der dann beliebig interpretiert und instrumentalisiert werden kann.

  4. 4 Lizzi: Lest lieber Langzam! 28. April 2008 um 10:28 Uhr

    Das unsere Kultur christlich geprägt ist, dürfte ja allen schon klar sein, wann wir Ferien haben richtet sich oft nach christlichen Feiertagen und an dem Tag wo der kleine Jesus Christus angeblich geboren wurde gibt’s fette Geschenke. Diese christliche Prägung ist auch an der gesellschaftlichen Herstellung ungleicher Geschlechter beteiligt. Naja Jesus war halt kein Mädchen. Aber das reicht noch viel weiter. Über Jahrhunderte haben vor allem weiße, westliche Männer mithilfe des „Christentums“ Frauen und viele andere Gruppen unterdrückt. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Hexenverbrennungen. Heute setzen sich solche Gedanken fort. Die Hexen waren natürlich keine richtigen Hexen, sondern oft Frauen -vielleicht auch Trans*Leute-, die sich nicht in die Gesellschaft fügen wollten. Also vielleicht sogar widerständige, coole, freie Personen, die für verrückt erklärt wurden. Heute werden solche Mädchen und Frauen von manchen auch für verrückt erklärt. Von vielen aber werden sie das längst nicht mehr, weil die Frauengenerationen vor uns und für die Rechte von Mädchen, Frauen und Leuten die sich da geschlechtlich nicht so einordnen wollen, wie z.B. Trans*personen gekämpft haben. Auch sie sind auf die Straße gegangen, haben demonstriert und damit offen gesagt, was sie sich wünschen und was sie nicht haben wollen. Deshalb ist es ganz ganz wichtig, sich diese Rechte nicht wieder nehmen zu lassen sondern dafür gerade zu stehen.
    Innerhalb der Gruppierungen die sich auf dem Christival treffen gibt es solche, die uns Mädchen, Frauen und Trans* in ihren Rechten einschränken wollen. Sie wünschen sich traditionelle Geschlechterrollen für Mädchen und Frauen aber auch für Jungs. Und in anderen Ländern, wie zum Beispiel Kanada gibt es viele AnhängerInnen, die Gruppe ist also größer geworden.
    Weil wir das nicht wollen ist es wichtig auch verhältnismäßig kleinen Gruppen unseren Widerstand zu zeigen und für unsere Freiheit und Selbstbestimmung zu demonstrieren.
    Schließlich planen einige von uns noch einen HEIDENspaß im Leben zu haben!

  5. 5 unGeDuLdig 28. April 2008 um 14:09 Uhr

    @Judith

    Es darf nicht übersehen werden, dass die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit und die eigene Verlogenheit und Heuchelei manchen von den Christen sehr wohl bewusst sind und problematisiert werden.

    Wenn mensch sich den Verlauf linker Debatten zur eigenen Verstrickung in autoritäre und reaktionäre Muster ansieht, wird deutlich, dass der selbstkritische Blick nicht nur in den Kirchen fehlt. Dafür besteht in beiden Gruppen umso mehr die Bereitschaft, die jeweils anderen zu verteufeln – meine private Theorie dazu ist, dass nur dort soviel Hass projiziert wird, wo eine entfernte Verwandschaft spürbar ist. Der Vergleich der Kirchengeschichte mit den verschiedenen Emanzipations- und Revolutionsbewegungen offenbart peinliche Ähnlichkeiten: Die Verherrlichung der eigenen Gruppe (Hier die Partei, die immer Recht hat, dort die auserwählte Kirche), die Vorstellung eines triumphalen Endes der Weltgeschichte (Hier die sozialistische Morgenröte, dort die Wiederkunft Christi), die ewigen Grabenkriege um die richtige Auslegung der heiligen Schriften (Bibel, Marx, usw.), die Neigung, bei geringer gesellschaftlicher Akzeptanz gefährliche Sekten zu bilden, Arroganz gegen die Ungläubigen, verschwundene Kassen, autoritärer Personenkult, Partei- und Kirchenausschlüsse, Ketzer- und Abweichlerverfolgung, Verrat an den grundlegenden Ideen (Inquisition, Stalin), usw.

    Du hast Recht mit den schwammigen Begriffen, mit denen sich jeder Wahnsinn begründen lässt. Es stellt sich daraus die Frage, wie sich das allmähliche Abgleiten in die kollektive Psychose verhindern lässt. Ich glaube, einer der Schlüssel ist die Dekonstruktion von allzu bequemen Feindbildern, die oft nur dazu dienen, die eigenen Widersprüche nach aussen projizierbar zu machen. Es ist wichtig, ein nicht ganz geschlossenes Weltbild auszuhalten, mit dem sich eben nicht alles erklären und einordnen lässt. Das typisch linke „einerseits – andererseits“ ist keine theorielastige Schwäche, sondern eine ständige Selbstimpfung gegen die Fanatisierung. Wo diese ausbleibt, sind die modernen Hexenprozesse nicht fern. Was mich zu

    @Lizzi

    bringt. Erlaube mir, Deine erstmal richtige Bewertung mit meinem „andererseits“ zu ergänzen. Die Frauenfeindlichkeit der christlichen Religion ist unübersehbar. Andererseits konnte so etwas wie Aufklärung, Frauen- und Arbeiterbewegung nur im Kontext einer christlich-jüdischen Zivilisation entstehen. Von den jüdischen Wurzeln her spielt anders als in den östlichen und Naturreligionen das Individuum und seine Suche nach persönlichem Glück eine zentrale Rolle. Die Bibel strotzt vor Geschichten, in denen sich ein/e Gottsucher/in von seiner Volksgruppe oder Familie abwendet und sogar in einen offenen Konflikt mit ihnen gerät. Das Wort des Apostels Paulus, man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen, enthält im Kern auch die Idee, vor dem „wir“ erstmal „ich“ zu sagen. Dieses Widerspenstige „ich“ ist einer der Gründe für die vielen Verfolgungen von Juden und Christen in der Geschichte – bis zum heutigen China, wo eine unerbittliche Christenverfolgung stattfindet.

    Die jüdischen Propheten, die Vorläufer Jesu, haben sich gegen die Priester, gegen die Könige und oft gegen das eigene Volk gestellt. Dieses kritische Element ist ein roter Faden, der oft unterbrochen oder missbraucht, aber nie wirklich abgerissen ist. Flapsig ausgedrückt könnte mensch darauf kommen, Karl Marx, Sigmund Freud, Theodor Adorno und Simone de Beauvoir als späte, religionslose „Propheten“, also Kritiker der sie umgebenden Kollektive anzusehen. Die Propheten gehören zu den ersten Religionskritikern, obwohl sie ihrerseits zutiefst gläubig sind. Jesaja, Amos und Jeremia werden nicht müde, die religiöse Heuchelei und die Unterdrückung der Schwachen anzuklagen, werden vertrieben, zu Ketzern erklärt, sehr oft auch ermordet, um später in Gestalt ihrer Schüler wiederzuerscheinen. Diese Neigung zum Widerspruch hat dem Judentum das Misstrauen und die Verfolgung durch persische und römische Kaiser eingebracht, doch der rote Faden der Kritik und Dissidenz zieht sich auch durch die ganze Geschichte des Mittelalters bis hin zur Aufklärung, wo der Gottesbegriff selbst angegriffen wurde.

    Ich möchte bezüglich der Frauenfeindlichkeit noch etwas sagen, was schwer in Begriffe zu fassen ist. Von den ältesten Quellen der Bibel her finden sich Geschichten, in denen Gott in einer Konfliktsituation zugunsten der Frau entscheidet. Nur als Beispiel sei die Geschichte Saras erwähnt, die als Unfruchtbare von Abraham durch eine Zweitfrau gedemütigt und durch das Eingreifen Gottes vor der Verstossung gerettet wurde. Für die damaligen Verhältnisse ist das äusserst fortschrittlich. Es tauchen, anders als im Koran, immer wieder weibliche Heldengestalten wie Deborah und Judith (Kriegerinnen) auf, eine Prophetin Hulda wird (wenn auch kurz – Zensur?) erwähnt, und schliesslich im Neuen Testament spielen die Anhängerinnen Jesu eine Schlüsselrolle. Es muss nur mit den damaligen Augen und nicht mit den heutigen Masstäben gelesen werden. Selbst der Lieblingsfeind der Feministinnen, Paulus, zählt im Römerbrief, Kapitel 13, eine lange Reihe von Frauen als Leitungsfiguren der jungen Kirche auf und fordert die Gemeinden auf, ihnen zu gehorchen. Und das in der römisch-griechischen Welt, wo der Mann per Gesetz selbst das Lebensrecht seiner Familie besass, also das Recht hatte, ungestraft Frau und Kinder zu töten!

    Da fragt mensch sich, was eigentlich passiert ist. Der Hass auf die Frauen im späteren Christentum ist ja unübersehbar. Einerseits haben sich die reaktionären, konservativen Elemente dieser Religion nach und nach durchgesetzt, andererseits hat sich das in Rom zur Macht gelangende Christentum immer stärker von der Kultur des Imperiums anstecken lassen.

    Was die Hexenverfolgungen genau waren, ist schwer zu sagen. Im Ursprung waren es Kriege gegen abweichende Sekten wie die Katharer und Templer, stark mit antijüdischen Projektionen aufgeladen. Ich halte die Geschichte mit der weisen Kräuterfrau, die von eifersüchtigen Mönchen ermordet wird, für eine feministische Konstruktion, obwohl es bestimmt vorgekommen ist. Es wird dabei übersehen, dass eine Unzahl an männlichen Hexen zugrunde ging, dass der Widerstand gegen die Inquisition genauso wie die Inquisition selbst aus den Reihen der Kirche und ihrer Orden kam, dass nach Aktenlage die Anzeigen sehr oft bis überwiegend von Frauen ausgingen, usw.

    Das alles soll nicht die historische, frauenfeindliche Hypothek entlasten, muss aber in das Gesamtbild hineinbezogen werden. Es ist auch immer eine Frage des eigenen Standpunktes. Esoteriker und Neoheiden interpretieren die Inquisition als Kreuzzug gegen keltische Urreligionen um, Feministinnen machen sie zum Krieg der Männer gegen die Frauen, sogar die Nazis haben ihre eigenen Theorien dazu – römisch-jüdischer Katholizismus gegen germanischen Volksglauben. Ich behaupte, dass sich ein so komplexer, Jahrhunderte überspannender Vorgang nicht so bequem auf eine Formel bringen lässt, ohne wesentlichen Aspekten der Geschichte Unrecht zu tun.

  6. 6 Judith 28. April 2008 um 15:05 Uhr

    @ungeduldig:
    ich hätte die aufklärung eher in der tradition und wiederentdeckung antiker (=vorchristlicher) demokratie-bestrebungen gesehen. immerhin waren die bestrebungen der aufklärer ja in der regel anti-klerikal.
    was meinst du mit „das allmähliche Abgleiten in die kollektive Psychose“? die apokalypse? seh ich nicht.
    wenn alle von dir genannten propheten der neuzeit, mit dem selben religiöse eifer betriebene „exegese“-streitigkeiten nach sich ziehen, wäre die konsequenz dann nicht eher diesen personen-kult um „propheten“ an sich zu hinterfragen, statt damit zu argumentieren in welchen religiösen büchern mehr, die besseren, oder mehr weibliche propheten vertreten sind?
    mir ist auch ziemlich wurscht wieviel frauenfreundliches in der bibel zu lesen wäre und ob es historisch den ein oder anderen aufgeklärten christen gab. mich interessiert eher, ob die art von christlicher religiosität von der ich mich heute umgeben sehe, der sache der frauen zuträglich ist oder eher weniger. und ich vermute eben auch: eher weniger. siehe mixa, siehe bible belt-anti choice-religious rights, siehe homosexualität als sünde bei den oben genannten evangelikalen, siehe der wieder beliebt gewordene jungfräulichkeits-irrsinn in den usa.

  7. 7 Crash 28. April 2008 um 15:06 Uhr

    „Nur als Beispiel sei die Geschichte Saras erwähnt, die als Unfruchtbare von Abraham durch eine Zweitfrau gedemütigt und durch das Eingreifen Gottes vor der Verstossung gerettet wurde.“

    Ich glaube das hast du falsch in Erinnerung, ich hab das ganz anders gelesen. Sara sollte niemals verstoßen werden. Es war zur Zeit der Erzählung normal, dass bei Unfruchtbarkeit der Frau die Nachkommen mit einer Zweitfrau gezeugt wurden, meist eine Sklavin. In diesem Fall war das Hagar die Ismael gebahr. Hagar aber demütigte nach der Geburt Sara. Sie fragte Abraham um Rat und er sagte ihr, dass es ja ihre Sklavin sei und sie machen soll was sie für richtig hält. Sara verstößt daraufhin Hagar. Dieser erscheint dann ein Engel und sagt ihr, dass ihr Sohn einmal ein großes Volk gründen würde und dass sie zurückkehren und sich bei Sara entschuldigen soll.

  8. 8 unGeDuLdig 28. April 2008 um 16:19 Uhr

    @Judith

    Die Aufklärung enthält Rückgriffe auf das vorchristliche Erbe, ist aber auch konsequente Fortsetzung und Radikalisierung der Reformation. Ich glaube, dass die Vorstellung einer demokratischeren Antike, die durch das Mittelalter verschüttet wurde und von den Renaissance-Leuten wieder ausgegraben wurde, für etwas einseitig. Immerhin mündete die antike Republik ganz ohne Christentum in den übelsten Cäsarenwahn, der ja auch die nicht ganz undemokratische Urgemeinde ansteckte.

    Das Problem der Exegetenkriege etc. liegt m.E. tiefer als der Personenkult um Philosophen und Religionsbegründer. Jede neue, fortschrittliche Idee enthält naturgemäss Widersprüche und Unzulänglichkeiten, die sich je nach Grad der Verblendung mit der Zeit steigern. Adorno sagte mal, dass Aufklärung sich dieses gegenläufigen Moments in ihr selbst bewusst werden muss, wenn sie nicht in ihr Gegenteil umschlagen will. Ich würde da keine wesentliche Trennlinie zwischen der religiösen und irreligiösen Kritik ziehen wollen, wir sind – spätestens nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts – nirgendwo auf wirklich sicherem Boden. Nicht nur die schönen christlichen Begriffe wie Nächstenliebe sind historisch belastet, sondern auch die nichtreligiös daherkommenden, wie Fortschritt, Solidarität, Pazifismus, usw. Alles hat scheinbar einen Haken, der nicht übersehen werden darf, wenn aus der schönen Idee keine Ideologie werden soll, die Menschen zum Objekt machen.

    Du hast vollkommen mit dem Hinweis Recht, dass das real existierende Christentum inn- und ausserhalb von Kansas nicht viel befreiendes Potential bietet. Nur würde ich dieses Problem nicht auf die Christen beschränken. Um ehrlich zu sein, ist für mich keine Gruppe oder Philosophie in Sicht, die von vornherein Vertrauen verdient, auch nicht bei denen, die sich die Befreiung des Menschen, der ArbeiterInnen, der Frauen, der unterdrückten Völker usw. auf die verschiedenfarbigen Fahnen geschrieben haben. Um es mit Sokrates antik auszudrücken, ist der Platz jedes anständigen Philosophen immer der eines Aussenstehenden. Wir müssen der Versuchung widerstehen, uns in einem geschlossenen Denksystem häuslich einzurichten. Damit ist natürlich nicht die ewige Zuschauerrolle gemeint, es ist bei aller Problematik nötig, immer wieder einzugreifen.

    @Crash

    Ich muss leider zur Spätschicht, möchte aber später was zu Sara und Haggar sagen.

  9. 9 laylah 28. April 2008 um 21:54 Uhr

    ungeduldig, welches superhirn hat denn deiner meinung nach den koran geschrieben? deine vergleiche mit der linken finde ich, vorsichtig ausgedrückt, ein wenig krude; die treffen allenfalls auf ein paar MLler_innen zu.

  10. 10 Paula Schramm 28. April 2008 um 22:45 Uhr

    laylah, das „Superhirn“ Mohammed hat den Koran geschrieben. Das der Koran von einer einzigen Person aus einem relativ kurzen Zeitraum stammt und die Bibel von vielen Personen übe Jahrhunderte geschrieben wurde ist ja nun kein Geheimnis.

    Ganz im Gegensatz zu dir finde ich die Ausführungen von unGeDuLdig sehr gut überlegt. Vielleicht sind sie etwas zugespitzt. Die Warnung vor ideologischen Gräben (mit oder ohne Kampf)finde ich sehr zeitgemäß, besonders auf der Linken.

  11. 11 bigmouth 28. April 2008 um 23:38 Uhr

    ich dachte, nach muslimischer tradition ist der koran komplett durch mohammed überliefert in dieser form

  12. 12 Judith 28. April 2008 um 23:43 Uhr

    ..und nach christlicher tradition ist die bibel komplett gottes wort..

  13. 13 laylah 29. April 2008 um 0:05 Uhr

    nach muslimischer „tradition“ war muhammad analphabet und hat den koran (genauso „gottes wort“) „diktiert“. (man kann auch ma wikipedia anklicken, übrigens.)

  14. 14 bigmouth 29. April 2008 um 0:50 Uhr

    das meinte ich ja

    @judith: ein wenig mehr distanz existiert schon. immerhin gab es jahrhundertelang streitereien darüber, welche überlieferungen überhaupt in den korpus gehören. und zb 4 unterschiedlich akzentuierende evangelien mit menschlichen autoren

  15. 15 unGeDuLdig 29. April 2008 um 1:43 Uhr

    @Crash

    Ich gebe zu, die Gefahr des Verstossenwerdens Saras durch Abraham habe ich zwischen den Zeilen gelesen. Es war so, dass Abraham im Laufe der Jahre langsam in Panik geriet, weil kein stammerhaltender männlicher Erbe nach Saras Menopause zu erwarten war. Da nahm er sich die Ägypterin Haggar zum Weib und zeugte mit ihr Ismael, den Stammvater der Araber. Nun war es so, dass Haggar in der damaligen Logik wertvoller als Sara geworden war und anfing, Sara zu demütigen. Sara beschwerte sich darüber bei Abraham, woraufhin er nichts tat. Das ist die Stelle, an der ich zwischen den Zeilen die Gefahr für Sara sehe, gestützt auf die bis heute fortdauernden Erfahrungen von vielen Frauen im Nahen Osten, besonders da, wo es einen grossen Bedarf an Söhnen gibt (Landwirtschaft, Stammeszwistigkeiten). Nach biblischer Überlieferung redete Gott Abraham schliesslich ins Gewissen, woraufhin dieser Sara erlaubte, Haggar zu demütigen, wie steht da nicht genau, und die Ägypterin floh, bis Gott auch ihr zuredete, zurückzukehren. Jahre später geschah das Wunder und Sara gebar Isaak. Als Sara eines Tages beobachtete, wie Ismael mit dem kleinen Isaak scherzte bzw. ihn misshandelte (die genaue Bedeutung des einen hebräischen Verbs füllt ganze Seiten des Talmud), wandte sich Sara wieder an Abraham, mit demselben Ergebnis wie vorher. Er tat nichts, und Gott redete ihm ins Gewissen, woraufhin er Haggar und Ismael fortschickte.

    Es gibt in der Bibel ein Wiederholungsmuster dieser Entscheidung Gottes für die Frau. Trotz der kruden Härte dieser Geschichten wird immer wieder deutlich, dass der biblische Gott dazu neigt, sich auf die Seite der Unterlegenen und Bedrückten zu schlagen. Der Preis dafür ist freilich hoch: Von der Frau wird Gehorsam auch gegen den ungerechten Mann erwartet, darauf vertrauend, dass Gott sich um ihr Recht kümmern wird. Ähnliches bekommen alle Unterdrückten zu hören, Sklaven, Kranke, im Krieg Besiegte. Paulus sagt an einer Stelle: Wenn Du Sklave bist und es bietet sich die Chance, freizuwerden, nutze sie! Doch wenn Gott Dich nicht befreit, betrachte Dich als Freier vor Gott und bleibe Deinem Meister untertan. Hier ist die ganze Ambivalenz sichtbar, die einerseits den Wunsch nach Befreiung aufgreift, andererseits die totale Unterwerfung unter den Willen Gottes fordert. Diese Zwiespältigkeit zieht sich durch die ganze Kirchengeschichte.

    @Judith

    Was die kollektive Psychose angeht… Erlaube mir, Deine Nachfrage mit dem Einwand durch

    @laylah

    gegen krude Vergleiche mit der Linken zusammenzuführen. Es ist nicht nötig, bis in die Hölle der Hardcore-Antiimperialisten hinabzusteigen, um paranoiden, ressentimentgeladenen Kollektiven zu begegnen. Die beschissene Atmosphäre der Entmündigung und Dürftigkeit, die uns wohl allen begegnet, erzeugt einen starken Wunsch, endlich das allesverursachende Übel greifen zu können. Besonders wenn es misslingt, die Massen zu erreichen, sei es als christlicher Missionar oder als linker Agitator, kehrt sich die Frustration darüber, dass sie „es“ nicht begreifen, oft in bittere Verfolgung nach innen um. So wie im Mittelalter nach Missernten und Fehlgeburten schnell die Ursache im Schadzauber oder bei jüdischen Brunnenvergiftern gesucht und gefunden wurde, kommt es sowohl bei den gläubigen wie den ungläubigen Kämpfern für das Gute zu reinigenden Prozessen, die sich gegen irgendwie angreifbare, konkrete Personen der eigenen Gruppe richten. Bei den ganz Frommen wird eine Teufelsaustreibung fällig, bei den ganz Radikalen muss irgendjemandes reaktionäre Grundgesinnung aufgedeckt und kritisiert werden. Das Schlimme dabei ist, dass sich immer jemand finden lässt, der in das Verfolgungsmuster passt, es gibt weiss Gott genug Leute mit offenkundigen Charakterschwächen. Ich habe in Christengemeinden erlebt, wie jemand mit sexuellen „Problemen“ in Grund und Boden exorziert wurde, bis sich die modernen Schamanen der Psychiatrie seiner annehmen mussten.

    Doch sowas mittelalterliches wird hier niemanden wundern, nicht wahr? Diese meine Augen haben diesen traurigen Vorgang aber auch in einem besetzten Haus gesehen, als aus einer verkorksten Hetero-Beziehungsgeschichte ein peinliches Détail (beim Wichsen mittels heteronormativer Pornos erwischt) durch die stille Post ein Vergewaltigungsfall entstand, der nicht nur die Beziehung (um die es vielleicht nicht schade ist), sondern auch das ganze Haus verwüstete und einige Heimflüchtlinge in allergrösste Prekarität stürzte. Dies nur als Beispiel dafür, dass wir nicht gleich bei den stalinistischen Schauprozessen der 30er ansetzen müssen, um die extrem deutsche Neigung zur Treibjagd zwecks Herstellung von Wir-Gefühlen zu diagnostizieren.

    Dass der Vergleich an vielen Stellen hinkt, will ich gar nicht bestreiten. Schon gar nicht will ich denen das Wort reden, die jeden Vergewaltigungsvorwurf zur Hysterie erklären – solche waren in der aufgeheizten Atmosphäre im B-Haus eindeutig Teil des Problems. Doch ganz gleich, wie übel sie waren: Aus dem Fehlverhalten anderer lässt sich guten Gewissens kein Ticket für die eigene Raserei ziehen, die schnelle Genugtuung, endlich was getan zu haben, wird teuer bezahlt.

    Ich fürchte, mein Beitrag ist zu lang geworden, also breche ich fürs erste ab.

  16. 16 laylah 29. April 2008 um 2:04 Uhr

    ok, besetzte häuser sind mir eigentlich tendenziell egal. ärger darüber, dass „sie“ „es“ nicht begreifen, kommt möglicherweise eher auf, wenn man selbst nicht zu „ihnen“ gehört (und eine sehr einseitige auffassung von der entstehung von klassenbewusstsein hat). ansonsten fühle ich mich in der hölle der (ressentimentgeladenen) hardcore-antideutschen auch nicht sehr wohl.

  17. 17 unGeDuLdig 29. April 2008 um 10:50 Uhr

    @laylah

    Wie gesagt, das Ressentiment tritt gerne im Gewand einer guten Sache auf. Selbstzweifel sind zwar lästig, aber notwendig, eine Impfung gegen allerlei Fieberkrankheiten der Seele.

  18. 18 Lizzi: Lest lieber Langzam! 29. April 2008 um 11:20 Uhr

    Tatsächlich ist die Bibel und auch der Koran (und einige andere Bücher auch) ein interessantes „Kulturbuch“, das kontradiktorisch ist. Aber mir geht es hier nicht um Exegese und auch nicht darum, welche „emanzipatorischen Bewegungen“ sich positiv auf das Christentum bezogen haben.

    Der Blog geht zu dem Thema Christival und um den Zustrom, den die sehr ausdifferenzierte aber in den Lausanner Verpflichtungen gemeinsam fundierte, Evangelikale Bewegung, in den letzten Jahren zunehmend hat.. 2001 lag der Anteil der Evangelikalen in der BRD bei 1,3 Mio. Menschen. Experten rechnen mit einem Zuwachs seit diesem Zeitpunkt von 30-50%. (hexhex!)

    An der Oberfläche sind deutlich höchst problematische Wertorientierungen zu erkennen: Die Absprache der Selbstbestimmung der Frau durch eine Kritik an Schwangerschaftsabbrüchen und offenkundige Homophobie. Hintergründig sind andere Dinge ebenso von Interesse:

    Nur ein kurzes Zitat aus § 10 Lausanner Verpflichtung: „Die Entwicklung von Strategien zur Weltevangelisation erfordert bei der Wahl der Methoden Einfallsreichtum“. Es geht um eine globale Verbreitung des Christentums evangelikaler Fasson. Kulturell unterschiedlichen Regionen wird sich in der Missionierungsabsicht differenziert angepasst. Massives Missionieren reicht von wirklich kleinen Gemeinden im Sudan (siehe Roland Werner, der Vorsitzende des Christivals) zu gesellschaftlich-medialen Großereignissen, wie Sportveranstaltungen in der Größenordung Europameisterschaft, Olympische Spiele oder TV-Predigten von Billy Graham (Siehe hierzu auch den Film: Jesus Junge Garde: Die christliche Rechte und ihre Rekruten. ARD-Produktion)

    Es geht zusätzlich um die schleichende Propagierung eines so genannt kreationistischen Weltbildes, in der die Weltentstehung gemäß der biblischen Schöpfung aufgefasst wird. (Na, geht Euch ein Licht auf?) Diese Schöpfungslehre gilt es mittelfristig für viele Evangelikale in Programme von Schulen, öffentliche und semiöffentliche Bildungseinrichtungen wie Museen und in Curricula von Universitäten zu tragen. (Stichwort: Einflussnahme durch Public-Private Partnerships)
    Strömungen wie „The Call“ werben aggressiv in einer Verknüpfung aus nationalistischen und christlich-„fundamentalistischen“- Prinzipien um neue Mitglieder.
    Offen bleibt die Frage:
    Warum kann die Evangelikale Bewegung zunehmend neue Anhängerinnen werben?

  19. 19 Judith 29. April 2008 um 11:43 Uhr

    @unGeDulDig: klingt ja in beiden Fällen schrecklich was da passiert ist. Zu was gruppendynamische Prozesse doch alles führen können…und Du mitten drin, Du Ärmster. Ich möchte in keinem Gruppenkontext mein Sexualleben ausbreiten oder gar rechtfertigen (darf man sich als Feministin rasieren usw..) müssen. Und wenn das obligatorischer Teil einer ideologischen Bewegung ist, dann möchte ich KEIN Teil einer Jugendbewegung sein.
    Also doch wieder Exegese. Versteh nicht, warum man den genauen Wortgehalt der Bibel überhaupt so wichtig nehmen sollte. An ihren Taten werdet ihr sie erkennen, soll angeblich bei Matthäus stehen. Irgendwie ragen Christen in meinem Umfeld selten durch Taten heraus, die von menschlicher Größe zeugen. Wenn das so wäre, müssten sie ja gar nicht drauf hinweisen, dass sie die besseren Menschen sind.

    Mein Problem mit „Exegese“ ist, dass die Prämisse immer ist: alles was Jesus, Marx, Freud, Adorno.. sagt ist wahr und somit gegeben. Jetzt müssen wir nur noch überlegen wie wir das zu interpretieren haben.
    Vielleicht ist halt viel was in der Bibel steht (neben ein paar sehr kugen Sachen) einfach nur Blödsinn, auch nach langem Hin-und Hergedeute. Und Freud, meine Güte, was wusste Freud von den Frauen (bei aller Genialität)? Nur diese relativierende Ansicht, ist bei christlichen Theologen, Freudianern, Marxisten.. zu oft tabu.
    Es geht zu oft um das wörtliche Zitat (am besten in der Orginalsprache usw…) und darum wie ER es „wirklich“ gemeint haben könnte. Wird doch nichts dadurch wahrer, nur weil der große Prophet irgendetwas so oder so gemeint hat. Und ich find’s auch super ok, mich mit meinen Ansichten auch mal gegen alle Propheten zu stellen. Hab damit noch lange nicht unrecht..

  20. 20 bigmouth 29. April 2008 um 11:53 Uhr

    insofern finde ich es beruhigend, dass sich zZ eher eine neue marxlektüre durchzusetzen scheint, die marxismus nicht als system oder weltanschauung betrachtet, sondern bei marx nicht viel mehr gelten lässt als halt das „kapital“, und auch dort ordentliche kritik übt. freudianer dagegen… urgs. theologieersatz par excellence

  21. 21 unGeDuLdig 29. April 2008 um 14:41 Uhr

    @Lizzi

    Das bisschen Zivilisation, dass unter unsäglichen Mühen, Gefahren und Rückschlägen bisher entstanden ist und uns ebenso unvollkommene wie unverzichtbare Fortschritte gegeben hat, wurzelt hauptsächlich in der europäisch-abendländischen Kultur. Wenn wir angesichts der schrecklichen Verbrechen dieser Zivilisation in Versuchung geraten, die problematischen Wurzeln zu kappen, laufen wir Gefahr, das emanzipatorische Kind mit dem reaktionären Bade auszuschütten. Das Dreieck von Athen, Rom und Jerusalem bildet die Koordinaten, von denen sowohl unsere kühnsten Träume als auch unsere schlimmsten Alpträume ausgehen. Diese Ambivalenz ist der Grund, warum sich Christentum und Judentum bei aller Problematik nicht aus dem Projekt der Aufklärung herausfiltern lassen. Der aggressive Monotheismus hat bestimmte Formen, „ich“ zu sagen, erst möglich gemacht, die ganze Idee vom Individuum, die uns vielleicht davor bewahren wird, eines Tages zum kosmischen Ameisenstaat zu werden, leitet sich nicht nur, aber auch, vom Gott ab, der sich als der „ich bin“ ansprechen lässt.

    Aber ich möchte nicht theologisch-kulturgeschichtlich herumnerven. Du hast zutreffend die Politisierung der christlichen Sekten geschildert. Rechtslastig waren sie ja schon immer, es gibt eine Grundhaltung, die am liebsten die Zeit bis vor 1789 zurückdrehen würde, als es noch von Gott gesalbte Könige und täglich eine Messe gab. Der Drang, einen messianischen König zu bekommen, fand einen vorläufigen Höhepunkt in der Person George W. Bushs, der wunschgemäss einen heiligen Krieg gegen die verhassten Muselmanen entfachte. Der nicht nur in den USA stattfindende culture war trägt viele, aber nicht alle Züge einer Faschisierung des Westens, die im Islamfaschismus ihre primitive, rabiate Spiegelung findet.

    Warum sich im Jahre des Herrn 2008 die Kirchen und Moscheen, und zwar die autoritärsten, wieder füllen, fällt in die selbe Sparte des Comebacks der NPD, der Wiederkehr der orthodoxen Kirche in Osteuropa, dem Erstarken der Hindu-Fundamentalisten usw. Ach, ich vergass: Eva Hermann. Was bewirkt diesen Triumphzug der Fiesen und Doofen?

    Ein Teil der Antwort liegt wohl darin, dass die Punks scheinbar damit Recht behalten, dass es keine Zukunft mehr gibt. Die ganzen tausend Jahre des Mittelalters waren erfüllt von der hoffnungsfrohen bzw. schreckenserfüllten Erwartung des Jüngsten Gerichts. Auch wer die Welt nicht mehr verstand, glaubte zu wissen, dass ein neuer Himmel und eine neue Erde bevorstanden, in denen das Lamm neben dem Löwen grasen würde. Als man später Amerika entdeckte, war es möglich, eine neue Welt ohne Jüngstes Gericht zu erträumen, es gab von nun an immer die Option, das verkorkste, altgewordene und übervölkerte Europa zu verlassen. Das geht nahtlos in den grossen kapitalistischen Traum von Wohlstand und ewigem Wachstum über, der vor den Augen der ganzen Welt z.Z. an die Wand gefahren wird. Auch die Träume einer sozialistischen Morgenröte entpuppten sich als erfolglose Fortsetzungen der Paradieshoffnung. Es bedarf heute entschlossenen, realitätsleugnenden Mutes, eine linksradikale Zeitschrift „junge Welt“ zu nennen. Die Welt ist geologisch vielleicht jung, aber sie fühlt sich alt und zerbrechlich und fürchtet sich vor dem Morgen.

    Nachdem sich also nach und nach alle irdischen Hoffnungen zerschlagen oder selbst diskreditieren, und überhaupt irgendetwas, was nach dem kapitalistischen Weltmarkt kommen könnte, undenkbar oder unwünschbar erscheint, bleibt nur noch der Rückgriff auf die Hoffnungen, die sich durch keine Realität mehr widerlegen lassen.

    Das erklärt aber noch nicht die manifeste Bösartigkeit, die sich durch die momentanen Lieblingsideologien der Menschheit zieht. Zu der Verzweiflung kommt wohl noch die autoritäre, verstümmelte, durch den unerbittlichen Verwertungsprozess geformte Persönlichkeit, die ein Vehikel für ihre diffusen Aggressionen sucht. Die Gewalt des kapitalistischen Ausbeutungsvorgangs erzeugt durch Entmündigung, sinnlosen Arbeitszwang, Zurichtung auf reine Funktionszwecke am laufenden Band sadistisch verdrückte Typen, die jede Menge offener Rechnungen mit der Welt und ihren Mitmenschen haben.

    Hinzu kommt noch, dass die Welt trotz Wikipedia und explosionsartig zunehmendem Wissen scheinbar immer unbegreifbarer wird. Hier setzen die Verschwörungstheorien, Denkschablonen und griffigen Formeln an, die je nach Geschmacksrichtung den Juden, den Moslems, dem Teufel und seinen Adepten, dem US-Präsidenten, Herrn Ackermann, wieder im Angebot: den 68ern und den Feministinnen die Schuld an allem von A wie Arbeitslosigkeit bis Z wie Zinsknechtschaft geben. All diese Konstrukte sollen helfen, die Tatsache zu überdecken, dass die grosse Bestie 666 unser aller tägliches Erzeugnis ist, unser gemeinsam geschaffenes, aus Milliarden von eigensüchtigen Entscheidungen bestehendes Reich der Finsternis.

    Das Christentum bietet übrigens die Neugeburt, also die Rückkehr zur Unschuld an. In einer Welt, in der mensch sich schon durch den Kauf einer Tafel Schokolade an irgendwelchen westafrikanischen Kindern zutiefst schuldig macht, hat es einen ungeheuren Reiz. Wenn ich die vielen Bekehrungsgeschichten, die ich zu hören bekam, rekapituliere, ist der Faktor der als überwältigend empfundenen Schuld an Gott und den Mitmenschen, das Gefühl, durch eigenes Handeln und Denken heillos in der Sackgasse zu stecken, wohl das Hauptmotiv, das Angesicht Gottes zu suchen. Ich denke, das ist auch der „echteste“ Teil des Ganzen. Doch kaum ist diese manchmal sehr tiefgehende und nicht von vornherein als verlogen abzukanzelnde Reue da, wird das Programm in Gang gesetzt, aus dem reumütigen Sünder den strahlenden, unbesorgten Himmelsbürger zu machen, der seinen Nachbarn mit von Drohungen strotzenden Traktaten auf die Nerven geht. Trotzdem: Wenn es sich nicht um eine komplett bekloppte Kirche handelt, wird an ihren Mitgliedern nicht selten eine Verbesserung des Verhaltens wahrgenommen. Oft gelingt es, Alkoholismus, Heroinsucht oder häusliche Gewalt abzustellen. Es lässt sich natürlich einwenden, dass der Gottesglaube selbst eine Suchtverlagerung ist und dass das patriarchale Familienmodell auch dort, wo nicht die körperliche Züchtigung gepredigt wird, etwas dominant-gewaltförmiges hat. Und nun mein Lieblingswort: Andererseits möchte ich fragen, was ein Kind dazu sagt, das den Vater nicht mehr regelmässig in seiner Kotze liegen oder die Misshandlung der Mutter praktizieren sieht. I‘m just saying.

  22. 22 Judith 29. April 2008 um 15:25 Uhr

    gandhi brauchte für seinen zivilen ungehorsam auf jeden fall keinen abendländischen background.
    dass in christlichen familien weniger geschlagen wird als in nicht-christlichen hab ich noch nie gehört. im gegenteil wird körperliche züchtigung von kindern zumindest in den usa oft mit bibelzitaten gerechtfertigt..
    die große bestie 666? ich sag’s doch: die apokalypse. jetzt mach mal halblang. oder rauch nicht so viel. wenn wir bei deiner europa-zentrierten sicht bleiben, muss einfach auch mal gesagt werden dass es den frauen z.b. besser geht denn je, natürlich gilt es weiter zu kämpfen und eine wirkliche gleichberechtigung ist noch lange nicht erreicht. aber zumindest müssen wir nicht mehr so sehr für die selben basics auf die barrikaden gehen, für die sich emily pankhurst
    und ihre mitstreiterinnen eingesetzt haben. und das kann man ja auch mal gut finden.

  23. 23 Paul_a 29. April 2008 um 15:54 Uhr

    @ungeduldig
    Ich wollte mit meinem Eintrag in erster Linie darauf aufmerksam machen, dass es überhaupt Evangelikale gibt und dass sie gerade sowohl in Deutschland, als auch weltweit immer mehr Zulauf bekommen. Ich wollte darauf hinaus, dass diese Bewegungen (ich weiß, es gibt sehr unterschiedliche Gruppen innerhalb der Evangelikalen, die man auch nicht alle über einen Kamm scheren kann)sehr reaktionäre und vor allem (dies ist mir wichtig und deswegen hab ichs auf diesem Blog gepostet) antifeminstische, sexistische und homophobe Inhalte haben. Ich wollte hier keine detaillierte theologische Diskussion führen – die ist vielleicht an anderer Stelle angebrachter. Abgesehen davon, waren deine Einträge so lang, dass ich am Ende nicht mehr alles lesen konnte…
    Ich denke das es wichtig ist, Evangelikale als politische Akteur_innen ernst zu nehmen und sich darauf zu beziehen, was sie ganz konkret sagen und wollen. Dafür kann ich mich in der Bibel gut auskennen, muss es aber nicht umbedingt, bzw. muss mich nicht über die Exegese verschiedener Stellen mit ihnen streiten.

  24. 24 unGeDuLdig 29. April 2008 um 15:57 Uhr

    Kleiner Nachtrag: Bush „entfachte“ den heiligen Krieg nicht, er nahm ihn aber freudig an, als er ihm von Al Qaida angeboten wurde.

  25. 25 Judith 29. April 2008 um 16:03 Uhr

    wo ist denn meine antwort auf ungeduldig von heute morgen hin?

  26. 26 unGeDuLdig 29. April 2008 um 16:43 Uhr

    @Paul_a

    Ich weiss, meine Beiträge ufern etwas aus. Sorry. Doch die Frage, was die Evangelikalen so anwachsen lässt, rührt an tieferliegendes, nicht nur theologisches, und lässt sich nicht so schnell abhandeln.

    Ich wünsche denen, die zwecks Ruhestörung zum Christival fahren, ja allen Spass der Welt, aber interessanter ist doch, warum diese reaktionären Positionen in allen erdenklichen Varianten Hochkonjunktur haben. Offenbar gibt es ein starkes Bedürfnis danach, das Rad der Zeit zurückzudrehen, was nicht auf die Christen beschränkt ist. Wenn es nicht gelingt, den Entstehungsprozess des autoritären Charakters zu durchschauen und zu durchkreuzen, werden uns noch viele Christivals, Megachurches, Karikaturenaufstände und NPD-Parteitage beschäftigen, mehr als alle Gegendemos der Welt zu belästigen vermögen.

  27. 27 Paul_a 29. April 2008 um 18:02 Uhr

    @ judith: dein Beitrag müsste wieder da sein – irgendwie waren auch noch andere kurzzeitig verschwunden . aber ich hoffe alles ist wieder lesbar.
    Kann mich dir ansonsten gut anschließen…

  28. 28 unGeDuLdig 29. April 2008 um 19:10 Uhr

    @Judith

    Gandhi bezog sich ausdrücklich auf die Bergpredigt, die jüdischen Propheten, die Quäker, etc. Er mag von einem hinduistischem, genauer gesagt: jainistischem background ausgegangen sein, doch damit allein wäre er nie auf die Idee gekommen, aktiv in das Weltgeschehen einzugreifen. Wenn wir uns seine Lehre genauer ansehen, wird es btw höchst problematisch. Die extreme Lustfeindlichkeit der Anhänger Mahaviras und die Absage an das Individuum sprechen aus fast jeder Zeile.

    Ich wollte nicht die Behauptung aufstellen, dass in christlichen Familien nicht geschlagen wird, sondern dass ich beobachtet habe, dass manche Bekehrung für die unmittelbare Umwelt erstmal ein Segen gewesen ist. Das ändert natürlich nichts am insgesamt autoritären, patriarchalen Weltbild, das von diesen Gruppen aufgebaut wird und das sie in die politische Realität umzusetzen versuchen. Ausserdem habe ich doch gleich dazu gesagt, dass der reuige Sünder gleich in ein Programm eingespannt wird, das ihn vom Segen gleich wieder zur Plage für die Umwelt werden lassen kann.

    Die grosse Bestie 666… Ich rauche nur Tabak und trinke zuviel Kaffee. Betrachte es bitte als misslungene Poetisierung des Weltbildes der Autoritären. Es ging mir darum, dass sowohl von faschistischen, islamistischen und fundamentalistischen Menschen die Welt als ein bedrohliches, vom Teufel oder seinen Handlangern gelenktes Übel wahrgenommen wird. Nun mag mensch nicht bestreiten, dass es um homo sapiens nicht zum Besten steht und tatsächlich grosse Übel auf dieser Welt stattfinden. Anstatt aber finstere Mächte zu beschuldigen, wäre es angebrachter, die eigene Beteiligung am allgemeinen Übel zu bedenken.

    Eurozentrismus ist kritisierbar, aber von welchem Standpunkt aus und mit welchen Motiven? Selbst der gute Gandhi geriet in völkische Sackgassen mit seiner indischen Dorfdemokratie. Bei allem Abscheu vor den Verbrechen des Abendlandes gibt es keine wünschbare Alternative, schon gar nicht für den Feminismus, wenn er diesen Namen verdienen will. Was alles an erfreulichen Bewegungen ausserhalb des Westens entstanden ist und immer noch entsteht, spricht zwar mit der jeweiligen, örtlichen Zunge, hat sich aber mit den Ideen Europas vermischt. Die Fundamentalisten und Reaktionäre, die z.B. im Iran, in Saudi-Arabien, China und sonstwo die Emanzipation bekämpfen, sind die ersten, die von westlichem Einfluss sprechen, und sie haben Recht damit.

    Vorläufiger Abbruch wegen Überziehungsgefahr… Habe ich schon erwähnt, wie sehr ich diesen Blog geniesse und dass manche Beiträge mich den ganzen Tag begleiten?

  29. 29 Judith 30. April 2008 um 0:14 Uhr

    glaubt ihr eigentlich, dass die evangelikalen hier genauso erfolgreich werden können wie in den usa? oder bleiben wir hier beim „benedetto“-kreischen. bin mir auch nicht sicher ob ich die katholische variante von homophobie, frauenfeindlichkeit und intoleranz gegenüber anders-bzw. nichtgläubigen vorziehe.

    (über kolonialistisch-gefärbten chauvinismus würde ich lieber an anderem ort diskutieren.)

  30. 30 unGeDuLdig 30. April 2008 um 18:52 Uhr

    @Judith

    Ja und nein, eine 1:1-Übertragung ins Deutsche ist schwer denkbar. Die Benedetto-Rufe sind nur eine Variante der ewigen deutschen Suche nach einem guten Führer, der sich ohne schlechtes Gewissen bejubeln lässt. Doch das konservative Christentum steht mit vielen seiner Eigenschaften dem Volksbedürfnis nach kollektiver Identität eher im Weg. Dazu ist es für den deutschen Geschmack zu Universalistisch, auch einfach zu sperrig für die Deutschland AG, die viel flexiblere und wirtschaftskompatiblere Ideologien braucht.

    Die übelste Reaktion in Deutschland wird wohl nicht in Gestalt von baptistischen Erweckungspredigern auftreten, sondern ist längst auf allen Kanälen zugange, wo all die Errungenschaften der westlichen Zivilisation, die auch mal gutzufinden Du mich ermahnt hattest, eine nach der anderen zur Disposition gestellt werden. Kein Artikel des Grundgesetzes, von der Unantastbarkeit der Wohnung bis zum Folterverbot, bleibt ungefährdet, und obwohl die Basics in Sonntagsreden, Gedenkstättenbesuchen und Abgrenzungen gegen den Islamismus beschworen werden, lässt sich die langsame Erosion der rechtsstaatlichen und freiheitlichen Werte nicht leugnen. Wo das Grundgesetz und die Richter in Karlsruhe noch das gröbste aufhalten, sorgt die ökonomische Realität für höchst repressive Tatsachen. Was die Evangelikalen tun, ist diesen Zeitgeist aufzugreifen und nach Kräften damit zu wuchern. Beim Auftreten Eva Hermanns müssen in manchen Freikirchen die alkoholfreien Sektkorken geflogen sein, ebenso bei den Einlassungen Frau von der Leyens. Sie werden von diesem konservativen Ticket bestimmt profitieren und eine Weile mitfahren, doch letztlich glaube ich, dass ihnen die selbe Enttäuschung wie ihren Brüdern und Schwestern in den USA bevorsteht. Nachdem sie sich wahltaktisch nützlich gemacht haben, sind sie nur noch geistiges Kanonenfutter des war on terror und haben ihre Sache mit dem „worst president ever“ auf Gedeih und Verderb verbunden. Fundamentalist und republican sind beinahe zu Synonymen geworden, so dass bei Umfragen in den USA deutlich wird, dass die Amerikaner nicht nur das Vertrauen in ihre Politiker (war eh nie so gross) verloren haben, sondern auch ihren Pastoren zunehmend misstrauischer begegnen, speziell den televangelists und megachurches. Noch rollt zwar keine atheistische Welle durchs Land, doch es sei gesagt, dass Christopher Hitchens‘ Buch „God Is Not Great: How Religion Poisons Everything“ Platz 1 bei Amazon, Richard Dawkins‘ „The God Dellusion“ den 4. Platz und Chris Hedges‘ „American Fascists: The Christian Right and the War on America“ (ein linker Christ) immerhin Platz 16 auf der Bestsellerliste der New York Times erreichten. Die Verkaufszahlen müssen in die Millionen gehen, um nur auf die unteren Ränge zu kommen.

    Die deutsche Hinwendung zu christlich-konservativen Ideen hat aber eher den Grund, dass ein teils infantiles, teils faschistoides Bedürfnis nach Führung und Identität sich ein weniger tabuisiertes Ventil als dem reinen NS sucht. Es gibt auch eine Zunahme von deutschen Bekehrungen zum Islam, und meistens nicht zur „türkisch-laizistischen“, sondern zur „saudisch-fundamentalistischen“ Variante. Ich behaupte, dass in vielen, vielleicht den meisten Bekehrungsfällen eigentlich ein glaubensloser Glauben besteht, der umso missionarischer und aggressiver auftritt, je mehr er sich durch die eigenen Zweifel angegriffen fühlt. Glaube um des Glaubens willen, nicht weil ein spirituelles Erlebnis vorausging, sondern um eine magnetisierende, ausrichtende Kraft im Graubereich des Alltags zu finden.

  31. 31 bigmouth 01. Mai 2008 um 12:33 Uhr

    Die Verkaufszahlen müssen in die Millionen gehen, um nur auf die unteren Ränge zu kommen.

    das ist bei sachbüchern mit sicherheit falsch

    dass v der leyyen und Eva Hermann auf dme gleichen ticket sitzen, halte ich auch für unfug. wenn erstere doch gerade männer an die kindererziehung rankriegen möchte und frauen im beruf stärken, widerspricht sie letzterer doch ganz offensichtlich

  32. 32 unGeDuLdig 01. Mai 2008 um 16:31 Uhr

    @bigmouth

    Es war wohl falsch, Hermann und von der Leyen so unmittelbar in einem Satz zu nennen. Sie sind aber beide durch ihr konservatives Familienleitbild verbunden, die eine mit nationalistischen, die andere mit modernisiert-christlichen Schwerpunkten. Sie fahren zwar auf dem gleichen Ticket der Familie als zentraler Sinngeber, steigen aber an verschiedenen Haltestellen aus. Frau Hermann fährt fast bis zur Endstation, dem Mutterkreuz. Gebärmütter müssen flutschen für den Sieg oder so ähnlich…

    Frau von der Leyen ist nicht so eindeutig, da es ihr gelungen ist, an einer konservativen Umdeutung des Feminismus anzuschliessen, in verschiedenen Varianten mitbetrieben von Silvana Koch-Merin, Iris Radisch und – sorry everybody – auch von Alice Schwarzer. Auffällig ist bei diesem Feuilletonfeminismus die Ausblendung der Tatsache, dass emanzipatorische Vorstellungen scheinbar nur noch die Schichten anzugehen haben, die sie sich finanziell leisten können. Die mütterlichen Powerfrauen, die Beruf und Familie erfolgreich jonglieren, stützen sich wie Frau von der Leyen auf Hausangestellte und Privatschulen, während das weibliche Prekariat nicht weiss, woher die tollen Lebensmittel und Schulausrüstungen bezahlt werden sollen, die das Familienministerium empfiehlt. Aus dem Anspruch, den Frauen die finanzielle Unabhängigkeit zu erkämpfen, ist fast nur noch die Ausweitung und Verschärfung des Arbeitszwangs geblieben, gestützt durch das Vorhaben, flächendeckende Kitaversorgung einzuführen. Marx sagte mal was von doppelt freigestellten Proleten: Frei im Sinne von „nicht an die Scholle gebunden“ und frei von eigenem Reichtum, damit sie lohnabhängig sind. Die Kitas bringen mit dieser Freistellung verstärkt junge Frauen auf den Arbeitsmarkt, die beschissener werdenden Reallöhne sorgen für den nötigen Druck, sich einen Job zu suchen. Vielleicht als Betreuerinnen von Oberschichtkindern? Der Dienstmädchenmarkt soll gerade boomen…

    Was die Sachbücher angeht, hatte ich genau diesen Deinen Einwand gefürchtet, weil ich die genauen Zahlen nirgendwo finden konnte. Mindestens Platz 1 bei Amazon.com (nicht .de!) muss aber siebenstellige Verkaufszahlen beinhalten, oder? Ich nahm – wohl etwas leichtfertig – das Wort „Millionen“ in den Mund. Ich finde jetzt beim zweiten Suchen ums Verrecken keine absoluten Zahlen, also nehme ich die „Millionen“ erstmal zurück. Was aber sicher ist, ist die Tatsache, dass die drei Bücher, das dritte etwas weniger, durch so gut wie jede radio talk show getingelt sind und Debatten weit über die üblichen linken Verdächtigen hinaus ausgelöst haben. Und darauf wollte ich hinaus: Dass es ein zunehmendes Problembewusstsein zum Thema Fundamentalismus gibt, auch bei den vielen moderaten Christen.

  33. 33 lesebrille st_eve 03. Mai 2008 um 21:10 Uhr

    Unter dem Motto „Gegen den sexistischen Normalzustand – auf dem Christival und überall“ sind gestern abend in Bremen 800 – 1000 Menschen auf die Straße gegangen, die z.T. extra aus Berlin, München, Hannover, Hamburg, Göttingen, Kassel, Bielefeld, Mühlheim… angereist sind.In diesem Jahr fand die traditionelle „Take back the night“ Demo auch anlässlich des „Christivals“ statt. Das Christival ist ein „missionarischer Jugendkongress“ unter der Schirmherr(!)schaft von Ursula von der Leyen auf dem im Namen des Christentums homophobe, sexistische und auch rassistische Inhalte sowie antiquierte Moralvorstellungen mit viel Popkultur verbreitet werden.
    Antisexistische Demo in Bremen gegen das Christival und den sexistischen Normalzustand

    Unter dem Motto „Gegen den sexistischen Normalzustand – auf dem Christival und überall“ sind gestern abend in Bremen 800 – 1000 Menschen auf die Straße gegangen, die z.T. extra aus Berlin, München, Hannover, Hamburg, Göttingen, Kassel, Bielefeld, Mühlheim… angereist sind. Der 30.4. (Walpurgisnacht) ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Tag für FrauenLesbenTrans ihren Protest gegen patriarchale Strukturen zum Ausdruck zu bringen und sich die Nacht und den öffentlichen Raum zurückzuerobern.
    In diesem Jahr fand die traditionelle „Take back the night“ Demo auch anlässlich des „Christivals“ statt. Das Christival ist ein „missionarischer Jugendkongress“ unter der Schirmherr(!)schaft von Ursula von der Leyen auf dem im Namen des Christentums homophobe, sexistische und auch rassistische Inhalte sowie antiquierte Moralvorstellungen mit viel Popkultur verbreitet werden. Viele der sogenannten Evangelikalen Christen, vertreten unter anderem die Auffassung, dass Homosexualität eine Krankheit sei und geheilt werden könne, dass Sex vor der Ehe sowie Selbstbefriedigung Sünde sei und das Abtreibung (auch nach einer Vergewaltigung) Mord sei, um nur einige Beispiele zu nennen.
    Die Demo ging direkt an dem Gelände vorbei, auf dem der Eröffnungsgottesdienst stattfand und lief dann weiter am Bahnhof entlang zur „Discomeile“. Diese wurde zwar nicht als Ursache, aber als symbolischer Ort für Sexismus im öffentlichen Raum angesteuert. Ziel der Demo war es, die beiden Themen sexualisierte Gewalt im privaten wie im öffentlichen Raum zusammen anzuprangern und somit hinter die geblümten Gardinen der Bürgerlichkeit zu schauen.
    Alles in allem war die Demo ein voller Erfolg. Es gab einen FrauenLesbenTransblock, einen Queerblock und einen gemischten Block. Diese Öffnung wurde kontrovers diskutiert und die sich als Männer definierenden BioMänner, die gegen Sexismus und das Christival auf die Straße gehen wollten, wurden aufgerufen, sich im Hintergrund zu halten.
    Zu Beginn der Demo gab es zwei Verhaftungen, als Leute versuchten möglichst nah ans Christival heranzukommen. Die Polizei, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht an den Rändern der Demo präsent war, traf erst wesentlich später ein und trieb die Teilnehmenden zu der Demo zurück. Ab da hatte der FrauenLesbenTransBlock Spalierbegleitung gegen die sich u.a. mit der Parole „Masturbieren statt Spalieren!“ gewehrt wurde.
    Trotz des unglücklichen Vorfalls der Verhaftungen, sind wir im Großen und Ganzen doch sehr zufrieden. Die Demo war laut, es wurde zwischenzeitlich der gute Sound im Tunnel, durch den die Demoroute ging, zum Tanzen genutzt und es gab immer wieder neue Sprüche („Wir sind die Perversen, wir sind euch auf den Fersen!“), umgetextete christliche Lieder (Danke…) sowie kleine Performances. Gut geklappt hat auch die Kommunikation und der Informationsfluss in der Demo. Ein fettes Danke an alle die da waren! Wir hoffen, dass zu der Kundgebung am Samstag, den 3.5. um 14.00 Uhr am Bremer Domshof noch mehr Menschen auf die Straße gehen werden!

    kommentare & bilder auf indymedia

    desweiteren wird auf indy von einem hack auf die christivalseite berichtet:

    Nach der überaus erfolgreichen Demo gegen das christival in Bremen ist dem Ärtzeteam NordWestSüd ein weiterer genialer Coup gelungen. Unter Einsatz ihres Lebens haben sie sich in die Serverräume der Christlichen InterNet-Arbeitsgemeinschaft (cina.de (grade nicht benutzbar)) eingeschlichen und die grundgesetzkonforme Ordnung im Computerkühlschrank wieder hergestellt. Die Webseiten der Sektenclique sind vorrübergehend nicht erreichbar. christival.de wurde zu therapiezwecken umfunktioniert.
    Als Beweis für ihre Heldentaten hat das Ärtzeteam NordWestSüd dieses Foto von der Geisel gemacht. Die Vorführung beginnt erst nach einem Klick auf die Hompage. rave on!

  34. 34 unGeDuLdig 04. Mai 2008 um 3:27 Uhr

    Gibt doch nichts schöneres als ein klar definiertes Feindbild. Versteh ich das richtig, es gab auf der Demo eine Anwesenheitsberechtigungshierarchie? Bezieht sich der „religionskritische“ Beitrag positiv auf Leute, die im Mondschein Flugsalben rühren? Und, nicht dass es undenkbar wäre, aber wo präzise verbreitet das Christival rassistische Inhalte?

    Fragen über Fragen, die mir meine Glaskugel nicht beantwortet…

  35. 35 unGeDuLdig 04. Mai 2008 um 15:20 Uhr

    Ich bin mit meinem Unbehagen gegen die antichristlichen Kreuzfahrer nicht allein. Sehr Euch bitte mal die Diskussion zu den beiden indymedia-Beiträgen an!

    Eine/r der Diskutanten dort hat etwas gesagt, was mich schon in der Debatte hier beschäftigte, aber zunächst zu weit hergeholt schien und schwer zu formulieren ist. Jede gesellschaftliche Bewegung zeigt zu dem Zeitpunkt, wo sie (noch) eine Minderheitenposition einnimmt, in embryonaler Form die Grundzüge der künftigen Gesellschaft, die sie schaffen möchte. Z.B. gibt es kaum Zweifel darüber, wie eine von Neonazis beherrschte Gesellschaft aussehen würde, wenn mensch von ihren heutigen Parolen und Aktionen ausgeht.

    Wenn wir uns nun die Bremer Walpurgisnacht ansehen, entsteht der traurige Eindruck, dass die dort auftretenden ganz zu Recht auf den Status einer gesellschaftlichen Minderheit beschränkt bleiben, die sich hoffentlich so nie durchsetzen. Ich möchte jedenfalls weder nach den Bibelauslegungen der Evangelikalen noch in der Geschlechterordnung der Polithexen leben müssen.

    So wie die einen mit den Köderworten Barmherzigkeit und Nächstenliebe ihre autoritäre Menschenfeindlichkeit verhüllen, vernebeln diejenigen, die nach primären Geschlechtsmerkmalen und sexuellen Vorlieben sortiert unter der Fahne der Emanzipation und des Fortschritts marschieren, ihren Hass auf alle, die sich nicht in die neue Ordnung einfügen lassen werden.

    Wenn bei den Hetztiraden der Evangelikalen auf Schwule und Emanzen gleich Erinnerungen an Inquisition und Kreuzzüge wach werden, so ist es nur statthaft, die vor Selbstgerechtigkeit strotzenden Linken und Feministinnen an die lange Reihe von Verbrechen gegen religiöse Menschen zu erinnern, die die Geschichte der Befreiungsbewegungen historisch belastet und in den sich noch sozialistisch nennenden Ländern (China, Nordkorea, Vietnam, z.T. auch Kuba) fortsetzt. Wem es in den Fingern juckt, aus Kirchen Schweineställe zu machen und christliche Eltern zu psychiatrisieren, ist von denen nicht allzu fern, die im besetzten Polen gerne Rabbinerbärte angezündet haben. Die Verlogenheit wird noch verstärkt durch die grosse Bereitschaft in der Linken und in Teilen der Frauenbewegung, feinfühlig und dialektisch ausdifferenziert das Herz der Islamfaschisten zu erforschen und zu erklären, die weiss Gott keine Schwulenheilungsseminare anbieten, weil Allah da ganz andere (End-)Lösungsansätze hat.

    Ich weiss schon, das wird hier wieder zu lang. Mich ärgert nur der Mangel an seelischer Hygiene in linken Zusammenhängen, der jetzt schon künftige Katastrophen ankündigt. Ist es nicht inzwischen rum, dass falsche Weichenstellungen, gerade im frühen Stadium, zu schweren Entgleisungen führen, weil mit zunehmender Geschwindigkeit und Dynamik kein Nothalt mehr möglich ist? Was ist schon alles Entsetzliche aus einer ursprünglich guten Idee mit nur ein Paar kleinen Denkfehlern geworden, die nicht beizeiten korrigiert wurden!

    Und schliesslich keimt da noch ein schlimmerer Verdacht in mir auf. Kann es sein, dass die Emanzipation nur ein billiger Vorwand ist, um der deutschesten aller Sportarten, der Hetzjagd, zu frönen? Dass viele Akteure kein wirkliches Interesse an einer zwangs- und angstfreien Gesellschaft haben, weil sie durch die aktuellen Zwangseinrichtungen so tief geprägt sind, dass sie gar nicht in Freiheit leben können und wollen? Schreck lass nach.

  36. 36 Judith 04. Mai 2008 um 17:56 Uhr

    fein, andere auch doof, fundamentalistische islamisten scheiße, und nordkorea sowieso katastrophe. kein widerspruch. von niemand.
    nur: an der stelle geht’s halt mal um spezifische homophobie und sexismus bei den neuen christlichen evangelikalen bewegungen. und diese kritik hat halt mal ihre berechtigung ohne, dass man zuerst sämtliche historische und aktuelle missstände weltweit relativierend und vergleichend benennen müsste.

  37. 37 unGeDuLdig 04. Mai 2008 um 19:32 Uhr

    @Judith

    Was in dieser Walpurgisnacht abgelaufen ist, lässt sich nicht unter Kritik verbuchen, sondern unter der linken Entsprechung des Bauernmobs mit Mistgabeln und Fackeln, der sich vor Dr. Frankensteins Schloss einfand.

    Gerade dieser Zustand der Dauerempörung und Feinddämonisierung erzeugt die relative emotionale Nähe zu den Islamisten, Fundamentalisten und Faschisten. Das sich Einschliessen der Demo in ihren Transparenten hat nicht nur taktische Gründe, es macht den geistigen Zustand derjenigen sichtbar, die bei allem Aufruhrgehabe die nüchterne Radikalität vermissen lassen, die zur Veränderung unserer Gesellschaft bitter nötig ist. Der glasklar definierte Feind macht es möglich, die innere Hackordnung und Strukturierung nach dem Grad der Penishaftigkeit durchzusetzen.

    Die Homophobie der Evangelikalen gehört tatsächlich in Grund und Boden kritisiert, am Besten so, dass die Kritik die dort irgendwo noch Erreichbaren erreicht. Doch das ist nicht der Zweck der linken Selbstinszenierung, ein echtes Interesse an Bewusstseinsveränderung würde sich anders äussern. Die Evangelikalen z.B. ringen tendenziell um jede Seele, betrauern jeden Überläufer mit nächtelangen Gebeten und zerbrechen sich den Kopf, wie sie ihre Botschaft möglichst modern unters Volk bringen, ohne den konservativen Kern zu verraten. Wenn die Linke endlich einmal damit anfängt, diesen steinigen Pfad der Seelengewinung zu beschreiten, anstatt sich hinter einem Wall von schlecht verstandenen und oft bös gemeinten Parolen zu verschanzen, wird sich vielleicht auch die Ghettoisierung überwinden lassen. Fairerweise ist zu sagen, dass die Geschlossenheit und Undurchdringlichkeit nach aussen höchst praktische und repressionsbedingte Gründe haben, sowohl auf Demozügen wie auch im Denken. Das hebt die Aufgabenstellung, die Selbstisolation endlich zu durchbrechen, keineswegs auf.

    Bis dahin stehen noch viele Niederlagen bevor, die sich ja locker durch die Allmacht des „Systems“ wegerklären lassen. Alles, nur nicht über die fatale Tendenz reden, mit der das alte, reaktionäre Denken, aus dem wir wohl alle kommen, ins sogenannte revolutionäre Denken und Handeln einfliesst und die emanzipatorischen Träume zunichte macht. Bloss nicht das eigene Sündenregister aufschlagen, der autoritäre, menschenfeindliche, repressive Übeltäter muss unbedingt irgendwo da draussen sein, und tatsächlich: Wohin mensch auch sieht, das Böse lauert überall, nur nicht bei uns, der heiligen Kirche äh… der emanzipatorischen Bewegung.

    Den Vorwurf der Relativierung nehme ich da gerne auf mich. Es besteht für mich eindeutig eine autoritäre Relation zwischen ALLEN momentanen gesellschaftlichen Bewegungen und Gruppen, von der EZLN bis zur NPD, von den Kirchen zu den Neoheiden, von der Bourgeoisie zum Proletariat. Wie sollte es auch anders sein? Die entscheidende Frage ist, ob sich das repressive Moment in der jeweiligen Gruppe ansprechen und bekämpfen lässt oder (wie im Falle der NPD) den ganzen Charakter der Gruppe ausmacht. Was die heutige Linke angeht, ist in meiner persönlichen und unmassgeblichen Einschätzung der Würfel noch nicht gefallen, der Rubicon noch nicht überschritten und was es sonst an cäsarischen Sprüchen gibt.

  38. 38 laylah 04. Mai 2008 um 19:59 Uhr

    ich hab eigentlich keine lust, indymedia jetzt nach den belegen für deine kritik abzusuchen – kannst du nicht mal was zitieren? deine kritik richtet sich also gegen christenhass, gegen transparente und mangelnde „volksnähe“ und gegen männerfeindlichkeit. du hast kein problem damit, wenn religion in ihrer funktion kritisiert wird, sondern wirfst der linken heuchelei und islamophilie vor. das find ich ein wenig absurd, aber gut, kommt sicherlich vor. dann der vorwurf, dass sich alle nur ständig selbst feiern, statt sich mal zu überlegen, wie sie leute erreichen können – nicht gänzlich von der hand zu weisen, aber bei dir viel zu pauschal formuliert. und das ding mit den männern hört sich für mich viel mehr danach an, als hätten einige kräfte gefordert, männern die demo komplett zu verbieten, wären mit dieser forderung jedoch gescheitert, mit der „biomänner“-formulierung als daraus resultierender kompromiss. das mag dir nicht gefallen, aber so funktioniert nun mal bündnispolitik. eins noch: dein rumgebashe in alle richtungen könnte man durchaus auch als sektiererisc („dauerempörung“) betrachten.

  39. 39 unGeDuLdig 04. Mai 2008 um 22:51 Uhr

    @laylah

    http://de.indymedia.org/2008/05/215175.shtml?c=on#comments2
    http://de.indymedia.org/2008/05/215236.shtml?c=on#comments2

    Das sind besagte Artikel in der Diskussionsform.

    Was die Bündnispolitik angeht, kommt niemand um die genauere Betrachtung ihrer/seiner politischen Bettgenossen herum. Wenn jemand Probleme mit manchen letztlich antiemanzipatorischen Strömungen anmeldet, stellt sich schnell der Vorwurf der Sektiererei ein. Ich betrachte ein Kollektiv, das sich flugs per Feinderkennung formiert, nicht als wärmende Gemeinschaft, sondern als unerträglichen Mief, in den mal kräftig die Fenster aufgestossen werden müssen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der autoritären Sortierung nach innen und der paranoiden Abschottung nach aussen.

    Was ich da wahrzunehmen glaube, ist natürlich nicht die ganze Realität, sondern ein repressiver Anteil, der nicht zu leugnen ist und dazu neigt, die Oberhand zu gewinnen. All die wunderschönen Ideen von Freiheit, Lust und Liebe, die ebenso vorhanden sind, stehen leider in der Gefahr, durch unerledigtes autoritäres Geröll verschütt zu gehen. Natürlich pauschal gesehen, aber das Pauschale ist ja das, was sich meistens historisch durchsetzt.

    Es ist nicht mein Wunsch, dass die Linke volkstümlicher wird, Gott bewahre! Es geht vielmehr darum, dass es zur echten Konfrontation, Provokation, Bewusstseinsbildung kommt. Dabei ist sowohl elitäres als auch volkstümelndes Gehabe zu vermeiden, wie, weiss ich einfach nicht. Die Erregungskurve gegen das Christival folgte jedenfalls einem öden Muster, das keinen Platz mehr für Überraschung und Erkenntnisgewinn übrigliess, auf keiner Seite. Noch bevor das erste Flugblatt geschrieben war, stand das Urteil schon fest: Die Evangelikalen sind irgendwie Nazis, deren Frauen Gebärmaschinen und ihre Kinder Opfer von rituellem Missbrauch. Einwände gegen dieses allzu simple Bild gefährden scheinbar die unheilige Allianz gegen sie.

    Bei den Christen wird sich genau spiegelverkehrt die ebenso verlogene Idee bestätigt haben, dass sie eine Bastion gegen die Mächte des Bösen darstellen, das in Gestalt von Sodomiten, die ihnen die Kinder wegnehmen wollen, auftritt. Ich behaupte, dass kaum jemand in Bremen klüger oder differenzierter geworden ist, die gegenseitigen Verteufelungen haben zu einem rundum gelungenen Festival der Selbstbestätigung geführt. Gäbe jemand den Christen mehr Macht in dieser Gesellschaft, würde es den Linken, Feministinnen usw. bös ergehen. Würden die Linken sich durchsetzen, so wie sie jetzt drauf sind, möchte ich lieber kein Christ sein, besser auch kein Jude. Das Gift ist alt und sitzt tief und scheint sich immer weiter zu vererben. Ich weigere mich aber, ein abschliessendes Urteil zu sprechen, obwohl sich manchmal die Waagschalen zur bösen Seite neigen – ein „Erledigt“-Vermerk auf der Akte Linke oder Christen oder sonstwer führt zum geschlossenen Weltbild, das ich vermeiden will.

  40. 40 laylah 05. Mai 2008 um 12:15 Uhr

    gift, böse seite? vererben? tradition und so? davon halte ich nicht viel. und von linken antisemiten in der überzahl zu fantasieren zeugt auch nicht gerade von einer rationalen sicht der dinge.
    meinetwegen waren die antichristen zu fanatisch, das will ich jetzt nicht alles nachlesen, ist ja auch gut möglich.
    zu den ideen von freiheit, lust und liebe gibt es eigentlich nur zu sagen, dass es kein richtiges leben im falschen gibt. es gibt nunmal viele linke macker, und dass man auf die mal keinen bock hat, ist völlig nachvollziehbar. eine demo ohne männer ist geeignet, den frauen (und so) ihre eigene stärke bewusst zu machen und zwingt sie des weiteren, alle funktionen selbst zu besetzen. es ist übrigens möglich, diese position zu kritisieren, ohne sofort polemisch zu werden – das stimmt mich in dieser frage immer schnell skeptisch. versuch, mich als vernünftige diskussionspartnerin (von mir aus auch: -gegnerin) zu sehen, statt ständig zu fiktiven oder zumindest abwesenden verrückten feministinnen zu sprechen.

  41. 41 unGeDuLdig 05. Mai 2008 um 15:10 Uhr

    @laylah

    Das autoritäre Denken ist als Gift zu bezeichnen, weil es wie eine Droge den Verstand betäubt, die Wahrnehmung verzerrt und irreparable Schäden zufügen kann. Eine Person oder Gruppe, die sich ihre Identität aus der Feindschaft zur Aussenwelt holt und zu einem Sammelsurium von repressiven Reflexen verkommt, ist funktional, d.h. in ihrer Wirkung böse. Das ist kein moralischer Vorwurf, ich sehe keine satanischen, sondern höchst menschliche Kräfte am Werk. Die Vererbung ist der verkürzte Ausdruck dafür, dass sich dieses Verlangen nach dem konkreten, greifbaren Feind über die Erziehung im Elternhaus, Zurichtung im Bildungssystem, Einfügung in den Arbeitsprozess überträgt. Wenn wir den Gedanken hinzufügen, dass es sich hier auch noch um deutsche Erziehung, Zurichtung und Einfügung handelt, und im Ergebnis eben diesen deutschen Charakter selbst bei denen wieder durchkommen sehen, die laut Selbstauskunft nicht viel mit Deutschland anfangen können, ist es, glaube ich, nicht unangemessen, von Vererbung zu reden. Ich halte dieses Erbe in den meisten Fällen nicht für unentrinnbar, aber für extrem hartnäckig, weil sich das Muster gerne auch mit ganz anderen Inhalten wiederholt.

    Der Wunsch, das Mackertum aus linken Demos zu verbannen, stellt zwar die richtige Frage, gibt aber die falsche Antwort, weil sich nun mal die klare, saubere Grenze weder entlang von Geschlechtslinien noch Verhaltenscodices ziehen lässt. Schon aufgrund des Themas Homophobie ist der Duldungsstatus der „Biomänner“ mehr als fragwürdig. Und wenn ich wieder einen fiesen Vergleich machen darf: Es gibt nicht wenige Freikirchen, in denen Sonntags die Gemeinde nach Geschlechtern getrennt sitzt, dort aber haben die Frauen zu schweigen. Die Befreiung von diesen Zwängen kann doch nicht durch die spiegelverkehrte Nachahmung kommen?

    Der Grundgedanke, Frauen erstmal ihre Stärke erfahren zu lassen, ist kein schlechter. Die Aufgabe bleibt, in Bremen wurde sie keineswegs glücklich gelöst. Und ich sage nicht mit Befriedigung, sondern mit Trauer: Das war kein Bild der Stärke.

  1. 1 [Politik] Ich will auch ein Manifest | Loveletters Pingback am 22. September 2009 um 22:15 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sieben × = sechsundfünzig