Kein Fußball dem Sexismus

Es heißt, während Männerfußball-Großereignissen steige die Zahl sexualisierter Übergriffe im häuslichen Nahbereich um rund 30%. Erschreckend, wenn eine_r bedenkt, dass in Deutschland bereits alltäglich

mindestens jede vierte Frau im Alter von 16 bis 85 Jahren, die in einer Partnerschaft lebt oder gelebt hat, (…) körperliche (23 Prozent) oder – zum Teil zusätzlich – sexuelle (7 Prozent) Übergriffe durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner mindestens ein- oder auch mehrmals erlebt. (…) (Desweiteren hatten) insgesamt 58,2 Prozent aller befragten Frauen Situationen sexueller Belästigung erlebt, sei es in der Öffentlichkeit, im Kontext von Arbeit und Ausbildung oder im sozialen Nahraum. 27 Prozent aller befragten Frauen und knapp die Hälfte (49 Prozent) derjenigen, die sexuelle Belästigung erlebt hatten, haben Situationen von sexueller Belästigung erlebt, in denen sie sich ernsthaft bedroht fühlten oder Angst um ihre persönliche Sicherheit hatten. 9 Prozent aller befragten Frauen, die sexuelle Belästigung erlebt haben, gaben an, dass eine oder mehrere dieser Situationen auch zu einem ungewollten Geschlechtsverkehr oder zu körperlicher Gewalt geführt haben.

So die Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen“ hier zitiert nach dem BMFSJS.
Während der Männerfußball-WM 2006 hatte ich das Gefühl, arbeitete linke Kritik sich vornehmlich an Themen wie Sicherheitswahn und Nationalismus ab, in Sachen Antisexismus wurde gelegentlich erwähnt, Fußball sei männerbündisch und damit sexistisch und homophob, oder aber die Mediendiskussion um sogenannte „Zwangspostitution“ kritisiert. Ich habe mich nochmal ein wenig umgehört und umgesehen, einiges zu Homophobie gefunden, von antirassistischen Interventionen gehört, aber wenig zu konkreter sexualisierter verbaler und physischer Gewalt gegen Frauen zusammenbringen können. Dank dem wundervollen Blogsportplaneten bin ich nun jedoch glücklich, auf eine (offenbar noch im Anlauf befindliche) Kampagne gestoßen zu sein, die genau diese Lücke zur Euro2008 in Österreich und der Schweiz zu füllen versucht: Expect Resistance: Kein Fußball dem Sexismus!“ (ja, von denen hab ich auch die famose Überschrift geklaut, ich hoffe das geht klar…) organisiert in Wien eine Veranstaltungreihe “Was die Männer-EM für Frauen bedeutet”, einen feministischen Selbstbehauptungsworkshop und offenbar steht auch ein Reader bevor, denn gestoßen darauf (und überhaupt erst auf den Kampagnenblog) bin ich über einen Text der Gruppe Aua „Fight the Players, Fight the Game: Männerfußball, Männlichkeiten & nationale Mobilmachung“, der in Sachen Erarbeitung konkreter Auswirkungen zwar auch nicht besser ist als zuvor Mokiertes, immerhin aber pünktlich mit dem Eintreffen nationaler Devotionalien (mit allzuoft sexistischer Konnotation) Hierzulande für eine erste Einstimmung eine stimmige Analyse zum neuen Modethema „Männlichkeit“ bietet und immerhin sich selber dessen bewusst zu sein scheint, dass Gesellschaftskritik sich zwar wundervoll an Männerfußball aufmachen lässt, eine umfassende Analyse jedoch kaum gelingen kann und jeglicher Versuch sich also schlauerweise auf die Ausführung ausgewählter Einzelaspekte beschränken muss. Ich jedenfalls freue mich auf weiteres Material, das erklärt, dass nationaler Frauenfußball auch keine Lösung ist. Wink mit dem Zaunpfahl, gerne Hinweise in den Kommentaren geben! Wer sich bis es endlich soweit respektive vorbei ist, dass Nationalfußball seinen patriotische Anschlussfähigkeit erneut beweist, langweilt, der_dem seien hiermit einige Links zum Thema Fußbal & Geschlecht serviert:

gender kicks: Texte zu Fußball und Geschlecht (Buch, online abrufbar)
Textsammlung von F_in (Netzwerk Frauen im Fußball)
B.A.F.F.: Textsammlung Fußball und Geschlecht
Kick Sexism: Frauenfußball – Männersport
Anja Walther: KICK IT OUT. Homophobie im Fußball (mit weiterführenden Links am Ende der Arbeit)
Flyer & Text zu Fußball & Geschlecht der Kampagne „Vorrundenaus 2006″
Eva Kreisky und Georg Spitaler: Geschlecht als fußballanalytische Kategorie
Verschiedene Vortragspräsentationen einer Ringvorlesung „Arena der Männlichkeit. Über das Verhältnis von Fußball und Geschlecht“
Fußballnummer der Context XXI
Queer Football Fanclubs
Ballesterer #24 („Dieses Heft ist schwul“)
Zuletzt meine persönlichen Negativbeispiele, die genau die Lösung anbieten, dich ich für einen Trugschluss halte: Dass mehr kickende Frauen die Welt verbessern würden… bzw. keine Interventionsansätze zu Sexismus während der EM anbieten, was ich mir ehrlich gesagt von beiden Institutionen (Onlinezeitung mit frauenrechtlerischem bzw. feministischem Fokus und Frauenministerium) erhofft hätte – ein Umstand der aber letztlich die Beobachtungen während der EM und den mitteleuropäischen Alltag widerspiegelt: dass sexualisierte Gewalt kein Thema ist, das zu bekämpfen man sich mehr als in einem Nebensatz auf die Fahnen schreibt:
Verschiedene Artikel von diestandard.at sowie Sonderseite des Frauenministeriums Österreich (na immerhin gibtz ein dezidiertes Frauenministerium).


21 Antworten auf “Kein Fußball dem Sexismus”


  1. 1 bigmouth 19. Mai 2008 um 19:16 Uhr
  2. 2 TiniDO 21. Mai 2008 um 16:14 Uhr

    Mir ist deine Kritik an die Standard.at nicht ganz klar, könntest du dich da nochmal näher erklären? Ein Absatz zum Thema sexualisierte Gewalt während Fußballgroßereignissen ist zu wenig? Stimmt natürlich generell, betrachtet man aber das Hauptthema des Artikels (Frauen und Fußball in Österreich) ist es wiederum ziemlich viel. Würde ich sowas endlich mal in einem deutschen Medium lesen, würde ich mich freen. Aber ich bin vermutlich schon so abgestumpft von der normalen heterosexistischen (Nicht-)Berichterstattung, dass ich den von dir verlinkten Artikel schon geneigt bin toll zu finden. :(

  3. 3 Daniel 09. Juni 2008 um 18:16 Uhr

    Hi da draußen,

    Ich sehe es ähnlich wie du, dass es einen Mangel an Auseinandersetzung mit dem Thema der körperlichen Übergriffe gegenüber Frauen (und homosexuellen Menschen) gibt.

    Meine Theorie dazu ist, dass es den meisten Menschen/Männern schlichtweg zu nahe geht sich mit ihrer eigenen Rolle in diesem Punkt auseinanderzusetzen.

    Hier aus meinem persönlichen Erleben:

    Ich sitze bei meinem 12°° Frühstückskaffee und siniere (schlaftrunken) darüber was für Rollenbilder ich gestern Abend, und in dem moment in dem ich das denke, erfüllt habe. Ich wandere also leichtfüssig über den Katalog des humanen/aufgeschlossenen Mannes und versuche (vermutlich aus selbstschutz) möglichst viel zu relativieren und mich so immer weniger als Mann, sondern vielmehr als Mensch wahrzunehmen. Das funktioniert auch einige zeit gut bis ich an einen Punkt komme an dem meine körperliche Überlegenheit durchaus eine Rolle spielt. Auf einmal sehe ich mich wieder als Mann, als (potent(iell)en) Täter, als möchtegern-Feministen. Ich erlebe wieder eine Zukunftsvision in der Feminismus eine Männertopic ist und wieder Männer allen Menschen erklären wie sie zu leben und zu fühlen haben. Angewiedert und verwirrt wende ich mich ab und meinem Notebook zu …

    Männer die sich mit Gewalt an Frauen auseinandersetzen, müssen sich also gezwungenermaßen mit ihrer eigenen (mit)Täterschaft auseinandersetzen. Und wer jetzt sagt „ne muss isch nüscht weil isch bin doch kein Frauenklopper“ der soll sich mal selbst an der Nase fassen und überlegen ob er bereit ist Männer zu schlagen oder es zumindest erwähnt hat zu tun. Wenn ja dann ist der einzige Grund eine Frau nicht zu schlagen ein ganz und gar chovinistischer.

    Was Frauen in diesem Punkt betrifft, kann ich nur spekulieren, aber ich glaube das es sich ähnlich verhält. Körperliche Unterlegenheit ist nur schwer rational entkräftbar.

    Kurzum: Ich habe oft den Eindruck als seien wir linken Menschen gut darin alles mögliche anzuprangern. Geht es aber darum sich mit der eigenen Person/Persönlichkeit zu befassen, scheitert es bei vielen Menschen/Männern schon beim Gedanken daran.

    LiGrü
    Daniel

  4. 4 Miss Taken Identity 09. Juni 2008 um 18:25 Uhr

    Daniel, Gewalt gegen Frauen hat nichts mit körperlicher Überlegenheit zu tun.

  5. 5 Daniel 09. Juni 2008 um 19:57 Uhr

    Wieso gibt es dann weniger Frauen die Männer vergewaltigen als umgekehrt ?

    Körperliche Überlegenheit lässt einen Gutteil der persönlichen (nicht der ethischen) Hemmschwelle sinken.

    Soll heißen:

    In einer agressionsbeladenen Situationen überlege ich mir zuerst wie die chancen für mich stehen da heil rauszukommen, bevor ich mir Gedanken darüber mache ob ich mit Prügeln wirklich das erreiche was ich will. (oder ähnliche Gedankengänge)

    Wenn du meinst das körperliche Überlegenheit dich nicht automatisch zur TäterIn macht, dann gebe ich dir recht. Aber oben ging es ja auch nicht um Fakten sondern um mein persönliches Gefühl und meine Gedanken, von denen ich annehme das ich nicht die einzige Person bin die so denkt, oder zumindest Angst vor der Möglichkeit hat das diese Gedankengänge wahr sein könnten.

    LiGrü
    Daniel

  6. 6 laylah 09. Juni 2008 um 20:01 Uhr

    1. ich würd jede_n schlagen, der_dies verdient hat. meine biologisch krass determinierte körperliche unterlegenheit mache ich durch überdurchschnittliche aggressivität leicht wett. hoff ich.
    2. männer pauschal als potentielle täter zu bezeichnen, halte ich für sehr altbacken und eigentlich nicht mehr diskussionswürdig. und warum du dich als „möchtegern-“feministen siehst, musst du erstmal erklären – weil du ein mann bist oder was? das wär dann leider auch sexistisch. bist du eigentlich der typ, der letztens diesen lustigen blogeintrag geschrieben hat, der gelöscht wurde? nee, ne?

  7. 7 Miss Taken Identity 09. Juni 2008 um 20:15 Uhr

    Wieso gibt es dann weniger Frauen die Männer vergewaltigen als umgekehrt ?

    Gesellschaftliches Verhältnis, zugeschriebene Passivität usw.

    Auf einmal sehe ich mich wieder als Mann, als (potent(iell)en) Täter, als möchtegern-Feministen.

    Wenn du dich darüber ausheulen willst, dass du für dich nicht auschließen kannst deine wahrgenommene körperliche Überlegenheit mal zur Geltung zu bringen und eine Frau zu vergewaltigen, dann bist du ein bisschen an der falschen Adresse. Ich kann dir als männlich sozialierter Mensch keine Absolution dafür erteilen, die deinem Bedürfnis da gerecht wird.

  8. 8 Judith 09. Juni 2008 um 20:37 Uhr

    also ich prügel mich weder mit meinem kleinen bruder (körperlich untelegen) noch mit meiner ex-mitbewohnerin (die schon lange regelmäßig karate trainiert), was wohl weniger an meiner unzureichenden männlichkeit liegt sondern eher daran, dass mir irgendwie eher selten der gedanke kommt, dass ich „mit Prügeln wirklich das erreiche was ich will“
    qua „körperlicher überlegenheit“ ist männern das frauen-verprügeln also angeboren. können nicht aus ihrer haut, die armen. und jeder der nicht herum prügelt ist in denial, oder sowas? wassn gaga-feminismus.

  9. 9 bigmouth 09. Juni 2008 um 21:13 Uhr

    Daniel, Gewalt gegen Frauen hat nichts mit körperlicher Überlegenheit zu tun.

    ich nehme an, dass du meinst, dass sie nicht der grund ist. aber sie begünstigt deren ausführung bestimmt

    und das mit dem grund: die ursprünge des patriarchats liegen ziemlich im dunkeln…

  10. 10 Miss Taken Identity 09. Juni 2008 um 21:55 Uhr

    bigmouth, ich kenne ne menge Frauen die speziell dir körperlich überlegen sind. Aus einem statistischen Unterschied folgt sicher keine Gewalt gegen Frauen. Oder würdest du einer 1,80 großen Ringerin die von einem 1,55 großen Schachprofi vergewaltigt wurde so kommen?

  11. 11 bigmouth 09. Juni 2008 um 21:59 Uhr

    ich habe nicht gesagt, dass das daraus folgt. der bestehende unterschied ist der unterschiedlichen konstruktion von männlich
    und weiblich aber gewiss zuträglich

    und der von dir konstruierte fall scheint mir ohne waffeneinsatz tatsächlich verdammt unwahrscheinlich

  12. 12 der Klassensprecher von 1984 09. Juni 2008 um 23:26 Uhr

    @mti
    Ich kann dir als männlich sozialierter Mensch keine Absolution dafür erteilen, die deinem Bedürfnis da gerecht wird.

    Meintest du „als männlich sozialierteM Mensch“?

    Sonst wird’s evtl. missverständlich.

  13. 13 Daniel 09. Juni 2008 um 23:56 Uhr

    “ Wenn du dich darüber ausheulen willst, dass du für dich nicht auschließen kannst deine wahrgenommene körperliche Überlegenheit mal zur Geltung zu bringen und eine Frau zu vergewaltigen […] “

    Finde ich krass und eigentlich in dem ton nicht diskussionfähig.

    laylah:

    1.) Gebe ich dir vollkommen recht.
    2.) Ich weiß nicht welchen Blogeintrag du meinst – also: nein, bin ich nicht.

    Mir ist die Atmosphäre jetzt ein wenig zu unangenehm geworden. Ich habe keine lust mehr mich zu prügeln – weder verbal noch physisch.

    LiGrü
    Daniel

  14. 14 laylah 10. Juni 2008 um 1:03 Uhr

    kann bitte jemand mal den ajk-trottel rauslöschen?
    bigmouth, ich habe den verdacht, dass du dir einen sehr eingeschränkten begriff von einer vergewaltigung machst. da körperkraft als einzigen faktor zu berücksichtigen, ist sogar gefählich.

  15. 15 Miss Taken Identity 10. Juni 2008 um 1:20 Uhr

    Klassensprecher: Nein, ich meinte mich damit. Daniel will Absolution von Frauen die er ob ihrer köperlichen Unterlegenheit bemitleidet. Kann ich ihm nicht geben, gehe allermeistens als Typ durch die Welt.

  16. 16 bigmouth 10. Juni 2008 um 1:21 Uhr

    „einziger faktor“? das ist ja jetzt wirklich dreist. ich habe lediglich einen einspruch dagegen formuliert, dass missy das als faktor komplett ausschliesst

  17. 17 laylah 10. Juni 2008 um 1:26 Uhr

    ich finde die formulierung „ohne waffeneinsatz tatsächlich verdammt unwahrscheinlich“ eigentlich nicht sehr missverständlich..?

  18. 18 st_eve 11. Juni 2008 um 17:11 Uhr

    @all: ich habe mich entschieden die /ajk-kommentare zu löschen, weil sie inhaltlich nichts als spam sind und eben KEINE kritik, sondern nur polemik, die die stimmung hier unnötig aufheizt.

    @ajk: ich habe gesehen, dass du oben verlinkte beinträge anderenorts auf absolut unterirdischem niveau diskutierst – mach das doch bitte dort, dazu sind antifeministische foren da, dort ist deine bühne. wir sind keines, sondern ein blog.

  19. 19 JungdemokratIn 12. Juni 2008 um 15:18 Uhr

    Hallo,

    falls jemand Interesse hat:
    Am 26. Juni veranstalten wir in Aachen eine Diskussionsveranstaltung unter dem Titel „Macht Fußball blöd?“ mit der Psychoanalytikerin Vera Thomas-Ohst. Bislang wollten wir uns hauptsächlich auf das Thema Fußball und Massenpsychologie konzentrieren, aber es spricht nichts dagegen auch die Verknüpfung von Fußball und Sexismus zu beleuchten.

    Stattfinden wird das ganze im Café Mundo im Welthaus, An der Schanz 1 und los geht es um 19:30 Uhr. Der Ort liegt direkt am Bahnhaltepunkt Aachen-Schanz.

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