Sind Lesben vom Mars oder was??


Lesbisch? Hetero? Bi? Grün?

Zu manchen Menschen ist es irgendwie immer noch nicht durchgedrungen, daß mensch sich nicht allein duch seine sexuellen Vorlieben definiert. Und gerade weibliche Homosexualität scheint für viele immer noch von einem anderen Stern zu kommen…
So auch in einem Interview der NY Times mit Cynthia Nixon, die nun mit ihrer Lebensgefährtin zusammenlebt, nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hat. Und ich stimme Jessica von Feministing zu, wenn sie sagt, das ganze liest sich so

like some weird „Ask a Lesbian!“ column.

Es würde nur noch fehlen, daß so ein Interview unter der Rubrik „Wie lebt sich’s denn so als Lesbe?“ eingestellt wird…
Dieser wertvolle Beitrag zur Popkultur glänzt nicht nur mit Perlen wie dieser hier:

You can use the same bathroom in movie theaters, for instance. That’s absolutely true!

Nein, man erblödet sich sogar, die klassische Dumpfbackenfrage zu stellen:

Do you think of her as the male figure in the relationship? No, I don’t at all. Look at what’s happening now. She’s at home with the kids, and I’m the one out pounding the pavement. . . . She’s for Hillary, and I’m for Obama.

Wenn man solche Fragen iest, könnte man doch direkt meinen, daß lesbische Menschen zu irgendeiner anderen Spezies gehören: „Tragt ihr dieselben Klamotten?“ – „Kuckt ihr euch auch Sport an?“ – „Ist euer Blut grün wie in Akte X?“
Mann, und da dachte ich immer, Lesben seien ganz normale Menschen… oder eben genauso durchgeknallt wie der Rest.

Das erinnert mich an eine unsägliche Party vor ca. 2 Jahren, bei der auch ein befreundetes lesbisches Pärchen anwesend war. Als irgendsoein Vollidiot mitgekriegt hat, daß sie ein Paar sind, fühlte er sich dazu berufen, sie aufs intimste auszuquetschen: „Aber wie macht ihr denn da Sex? Ich meine – so ganz ohne Penis – fehlt da einem nicht was als Frau? Ich kann mir das gar nicht vorstellen, das ist doch dann kein richtiger Sex, auch nicht mit so nem Gummischwanz.“ Blahblahblah.
Die zwei waren zu Recht sehr pikiert und sind aus Gutmütigkeit auch noch auf die Scheiße eingegangen und haben ihm versucht zu erklären, daß lesbischer Sex auch nix anderes ist, nur daß ein Partner halt ne Frau ist.
Erstens frag ich mich, weshalb Homosexualität so einen Freakstatus hat, daß die Leute sich trauen, bei Dingen Fragen zu stellen, die sie absolut nichts angehen. Denn ich bin mir ziemlich sicher, daß der Typ sich nicht zu einem Heteropärchen gesetzt und auf die gleiche Weise losgelegt hätte: „Und, wie macht ihr so Sex?“ Wie kommt es, daß immer noch die Einstellung herrscht, hey, ihr macht was krass eigenartiges, also müßt ihr auch Rede und Antwort stehen? Und wie machen wohl Marsmenschen Sex? Vielleicht brauchen die ja auch nicht unbedingt nen Penis, oh Schock!!
Zweitens tut mir jede(r) leid, der/die Sex nur als das typische Mann-Frau-Rein-Raus-Spielchen versteht und die Phantasie nicht weiter als sowas geht. Spricht nicht gerade dafür, mit so jemandem in die Kiste steigen zu wollen. Und ich frage mich, ob jemand nicht in gewisser Weise zumindest selbst ein etwas verkorkstes Verhältnis zu siner Sexualität hat, wenn es nötig erscheint, andere so dermaßen unverschämt anzulabern, nur weil sie nicht in seine Klischeevorstellung eines sexuell aktiven Pärchens passen.
Und so ähnlich erscheint mir das auch bei dem interview, so nach dem Motto: hey, du hast dich als Lesbe geoutet, selber schuld, jetzt hast du gefälligst auch unsere „Lesbenfragen“ zu beantworten, auch wenn sie noch so dämlich sind.
Natürlich ist es ja eigentlich toll, wenn jemand für etwas Interesse zeigt, das ihn/sie nicht nur explizit selbst betrifft. Wenn man versucht, sich in die Lage anderer Leute hineinzuversetzen und auf ihren Lebensalltag mit seinen verschiedenen Perspektiven neugierig ist. Aber wieso fällt dann auf einmal sämtliches Taktgefühl und an sich selbstverständlicher Anstand unverschämter Sensationsgier zum Opfer?


19 Antworten auf “Sind Lesben vom Mars oder was??”


  1. 1 VomUranus 22. Mai 2008 um 1:02 Uhr

    Wie kommt es, daß immer noch die Einstellung herrscht, hey, ihr macht was krass eigenartiges, also müßt ihr auch Rede und Antwort stehen?

    Berechtigte Frage, die mich früher immer wieder beschäftigt hat.
    Ich bin Transmann und eine Weile nicht ganz eindeutig geschlechtlich zuordbar durch die Welteschichte gelatscht und habe mich eben auch oft outen müssen (heute ja glücklicherweise alles nicht mehr).

    Auch da war anscheinend meine Andersartigkeit Grund genug um alle sonst geltenden „guten Manieren“ über Bord zu werfen: Ich wurde auf offener Straße von Wildfremden Menschen jedweden Alters gefragt / angepöbelt was ich denn sei.
    Bei Leuten die von meiner Transsexualität wussten durfte ich die immer gleichen Fragen hören, die auch nicht bei „Zivilisten“ endeten, auch Ärzte die ich eigentlich wegen anderer Sachen konsultiert hatte interessierten sich auffallend für Trans*, meinten mich mit ihrer Sicht der Dinge beglücken zu müssen, mich beglotzen zu können oder obgleich sie keine Chirugen waren, über OPmöglichkeiten viel besser infomiert zu sein als ich.

    Gibt es keine Privat- und Intimsphäre für „Andersartige“?

    Und ist „was die Welt im Innersten zusammen hält“ (immernoch) der Penis?
    Lesben fragt man wie sie ohne denn Sex haben können, bei Schwulen dreht sich alles darum in welchem Loch ihrer Landen könnte, TMs werden darauf reduziert ob sie einen bekommen (können), TFs ob sie „ihn sich abschneiden lassen“ (und werden mitunter gar ungeachtet der persönlichen Präferenz danach mit männlichem oder weiblichen Personalpronomen bedacht).

  2. 2 hn 22. Mai 2008 um 1:28 Uhr

    noch jämmerlicher als die immer noch über „alternative“ (ahja) lebensweisen erstaunten (kann ja sein, dass leute hintern mond aufwachsen) sind aber die LGBTs, die sich selbst ausschließlich über ihre sexuelle Identität definieren. Und leider tun das geschätzte 80% die ich so kenne…
    Einige haben dazu Gründe, wie etwa das offen lesbische Paar im Kuhkaff (die seit 5 Generationen dort leben, man kann sichs vorstellen) — deren Sexualität ist leider das einzige, was sie von den anderen Dörflern unterscheidet, wenn sie nicht auf dem CSD herumtanzen, sind sie genauso intolerant wie ihre Nachbarn, allem anderen gegenüber…

    Aber moderne, „urbane“ LGBTs haben dazu wirklich keinen Grund, in den meisten Fällen interessiert es micht wirklich nicht, welche Präferenzen mein Gegenüber hegt, also möge man doch bitte mal aufhören, das ständig mit diesem „na, diskriminerste mich jetzt doch heimlich, fascho?“-Gesichtsausdruck aufs Brot zu schmieren… (Vergleichbar mit jugendlichen Punks irgendwie, „hey mamma, schaumal, ich hab rosa haare, das findste doch bestimmt total abartig, oder?“)

  3. 3 laylah 22. Mai 2008 um 7:12 Uhr

    naja, mit dem unterschied, dass LGBTs dann doch unbeliebter sind als menschen mit rosa haaren (und dass man sich die haare problemlos auch wieder neu färben kann, wenn man keinen bock mehr drauf hat), diese skepsis ist doch nicht einfach aus der luft gegriffen.

  4. 4 Judith 22. Mai 2008 um 11:14 Uhr

    @hn: natürlich muss ich mich als heterofrau nicht über mein heterosein definieren, weil ich im nebensatz smalltalk-mäßig meinen männlichen partner erwähnen kann, und es niemanden interessiert, weil es als normal und gegeben gesehen wird. wenn ich als frau eine weibliche partnerin beiläufig im nebensatz erwähne, wäre das thema sexuelle orietierung sofort thema und ich hätte keine wahl als innerhalb der nächsten viertel stunde fragen wie „aber diese hella von sinnen findest du nicht sexy, oder?“, „willst du denn keine kinder?“ „wer ist den bei euch der mann?“ zu beantworten -eben à la „ask a lesbian“. und wenn du dann häufiger höflich und geduldig immer wieder die selben idiotische fragen beantwortest („aus Gutmütigkeit ..auf die Scheiße eingehst“), wirst du irgendwann zur „spezialistin für queer-fragen“ gemacht, obwohl du eigentlich immer nur ein bisschen smalltalk über deine eigene person und dein privatleben machen wolltest wie alle anderen auch. und dann meint dein gegenüber auch noch einen “na, diskriminerste mich jetzt doch heimlich, fascho?”-Gesichtsausdruck“ wahrzunehmen.
    ach und hn, du kennst ein lesbisches paar, dass hinterwäldlerisch und intolerant ist. na sowas. hast du die erwartung dass nur weil jemand lesbisch ist sollte derjenige ein besserer mensch sein, vernünftige politsiche ansichten haben, usw. häh? wenn schon „provozierender“ lebensstil (siehe rosa-haare punks vergleich) dann bitte die richtige partei wählen??
    wie laylah auch schon gesagt, der rosa-haare-vergleich hinkt gewaltig, oder meinst du ein einziger mensch mit rosa haaren hätte sich schon mal gedanken drüber gemacht, ob er gegenüber seiner mutter beim nächsten treffen endlich mal damit rausrücken sollte, dass seine haare rosa sind? das ganze thema outing, wann, gegenüber wem, wie..etwas was vielleicht manche vermuten, aber dich ja auch niemand direkt drauf anspricht, wie gehe ich und wo mit meiner freundin in der öffentlich keit um, bringt viele ja ganz natürlich dazu, sich vielleicht mehr über seine sexuelle orietierung zu definieren als jemand der sich in fragen der partnerwahl einfach genau so verhält, wie es weltweit in der regel erst mal erwartet wird.

  5. 5 J. 22. Mai 2008 um 14:16 Uhr

    Es ist wahrscheinlich eine große Ichbezogenheit, die da so nen Quatsch reden lässt. Vielleicht ist diese Ichbezogenheit besonders groß bei Themen, die man seltener mit vielen Menschen abgleicht. Ich empfehle zu dem Thema den tollen Artikel von Greta Christina namens : „Sexual Perspective, or, how can you eat that?“

    „If other people do sexual things that I don‘t enjoy,“ the thinking goes, „they must not be enjoying it either. And there must be something dreadfully wrong with them for them to do sexual things that are so obviously not enjoyable. They must be troubled, crazy, under coercion.“

  6. 6 st_eve 22. Mai 2008 um 16:03 Uhr

    Wenn Du eine Lesbe triffst…

    - renne nicht schreiend aus dem Zimmer, das ist unhöflich. Wenn du dich zurückziehen mußt, tu es langsam und diskret.

    - bilde dir nicht ein, daß du attraktiv auf sie wirkst

    - bilde dir nicht ein, daß du unattraktiv auf sie wirkst

    - erwarte nicht, daß sie ebenso aufgeregt ist, einer Hetero-Frau zu begegnen, wie du einer Lesbe. Wahrscheinlich wuchs sie mit Hetero- Frauen auf.

    - erwähne nicht sofort deinen Freund oder Ehemann, um sie darauf hinzuweisen, daß du heterosexuell bist. Höchstwahrscheinlich weiß sie es bereits.

    - sage ihr nicht, daß es sexistisch ist, Frauen vorzuziehen, daß Menschen Menschen sind, und daß sie fähig sein sollte, alle zu lieben

    - sage ihr nicht, daß auch Männer unterdrückt sind und daß Frauen ihnen helfen sollten, sich zu befreien. Das sind altbekannte Verwirrungen und sollten als solche behandelt werden.

    - frage sie nicht, wieso sie lesbisch wurde. Frage dich, wieso du heterosexuell wurdest.

    - bilde dir nicht ein, daß sie es kaum erwarten kann, mit dir über ihr Lesbischsein zu sprechen

    - erwarte aber auch nicht, daß sie nicht darüber sprechen wird

    - trivialisiere ihre Erfahrungen nicht, indem du annimmst, es handle sich nur um Bettgeschichten. Sie ist Lesbe für 24 Stunden täglich.

    - erwarte nicht, daß sie ausflippt vor Entzücken, wenn du sie am Arm berührst

    - falls es dich reizt, ihr zu sagen, daß sie den einfacheren Weg gewählt hat, dann denke ersteinmal darüber nach.

    Quellenangaben finden sich 2:
    - Text von einem Plakat in Seattle, USA, 1980
    - Rebecca Felsenfeld

  7. 7 ulli ahrendt 22. Mai 2008 um 16:15 Uhr

    Meine Frau und ich gehören ja zu den urbanen Lesben, deshalb müssen wir auch nicht auf dem CSD rumtanzen Ich persönlich werde auch selten diskriminiert, da ich schon immer eine Zumutung war ist das lesbisch sein nur ein weiteres Detail meiner wenig gesellschaftsfähigen Charakters. Wenn man diese eigentlich der Mehrheit nicht vermittelbaren Eigenschaften aber entspannt auslebt, werden sie irgendwann als künstlerische Persönlichkeit geschluckt und man hat weitestgehend seine Ruhe. Mein Papa hat sogar auf meiner Hochzeit Walzer getanzt, was will man mehr.
    Letztens war ich jedoch mit einer Kusine und ihrem neuen Freund und meiner Frau essen. Woraufhin er uns ganz aufgeregt fragte, wann wir denn gemerkt hätten, dass wir auf Frauen stehen? Warum wir denn auf Frauen stehen?
    Meine Frau hat tatsächlich freundlich und ausführlich geantwortet.
    Ich habe lediglich gefragt, ob er wirklich noch niiiiie ein homosexuelles Erlebnis hatte, das könnte ich mir ja gar nicht vorstellen. Sowas gibts doch heutzutage gar nicht mehr.
    Irgendwann kramte er dann eine Knutschgeschichte aus der Grundschule aus und alle waren zufrieden.
    Irgendwie schon ganz niedlich. Das zweite Treffen verlief dann wesentlich entspannter. Für mich ist mein Zusammenleben mit einer Frau wirklich absolut nichts spektakuläres. Ich glaube auch, dass sich abseits der Bevorzugung von Männer, Frauen, Transidentischen oder Transsexuellen und wie sie alle heißen die Liebe zwischen zwei Menschen nicht sehr unterscheidet. Mit allen Problemen und Freuden.
    Für manche Männer ist es eine Abweisung, wenn Frauen Lesben sind. Genauso unentspannt sind sie oft, wenn sie auf Schwule treffen. Die beiden Extreme „Die wollen nichts von mir“ „Die wollen mir alle an die Wäsche“ weisen daraufhin, dass man fremde Sexualität zwanghaft auf sich beziehen muss. Sie kann nicht als Phänomen außerhalb der eigenen Person wahrgenommen werden. Im Bezug auf Sexualität ist manchem Menschen neutrale Wahrnehmung nicht möglich. Deshalb auch die Frage, wie es möglich ist, ohne Penis Sex zu haben. Da ich ja ohne Penis keinen Sex haben kann, können es die anderen unmöglich auch nicht. Ich bin die Welt. Alle anderen sind genau wie ich. Und dann ertrank Paris im Teich.

  8. 8 bikepunk 089 23. Mai 2008 um 13:46 Uhr

    Vom Mars? Nee, from outer Space!

  9. 9 Viktoria 23. Mai 2008 um 15:43 Uhr

    Hi!

    Also eine gewisse grundliegende Neugier kann ich irgendwo nachvollziehen. Ich bin auch immer neugierig, wenn ich auf Menschen treffe, die in irgend einer Weise „anders“ sind, als ich. :)

    Allerdings, da muss ich einfach recht geben, vermischt sich diese Neugier in dem dargestellten Fall mit einfacher Blödheit, einem Rückgriff auf Klischeevorstellungen und antiquierten Rollenbildern. ICH finde es unbegreifbar, dass es anscheinend immer noch Menschen gibt, die nicht akzeptieren, können, dass Männer und Frauen nicht auch schlichtweg Menschen des eigenen Geschlechts lieben können, ohne irgendwelche vermeindlichen Geschlechterrollen zu zu ordnen.

  10. 10 unGeDuLdig 23. Mai 2008 um 18:10 Uhr

    Ich schliesse mich der Idee an, dass hinter manchen Verhören Neugier auf das Andere stecken kann. Natürlich ist es dann ärgerlich, wenn der Fragenkatalog von vornherein darauf angelegt ist, Klischees zu verfestigen anstatt sie zu unterminieren. Ich persönlich kann nicht genug coming-out-Geschichten hören, da muss ich mich richtig zusammenreissen, um nicht in die Attitüde eines Insektenforschers zu kommen.

    Dass ausgerechnet die NY Times den alten Klassiker „Wer von Euch ist der Mann?“ auflegt, hat aber einen Kontext. Miss Nixon hatte zwei Sätze vorher gesagt, dass sie nur weibliche, ihre Frau nur männliche Klamotten trage. Die Versuchung für die Interviewerin ist zumindest nachvollziehbar, zumal das Interview mehr in die Sparte „magazine“ als „opinion“ o.Ä. angesiedelt ist und nicht auf Erkenntnisgewinn angelegt war.

  11. 11 dodo 24. Mai 2008 um 13:39 Uhr

    ich find die frage trotzdem oberbescheuert. wenn es irgendwie schon interessiert, warum die partnerin nur männliche klamotten trägt, da fallen mir spontan 10 andere, respektvollere und weitaus interessantere fragen dazu ein… erkenntnisgewinn hin oder her.

  12. 12 unGeDuLdig 25. Mai 2008 um 19:01 Uhr

    Oberbescheuert könnte locker der Oberbegriff für die meisten Interviews sein. Ich erleide angesichts von mancher vertanen Chance, aus dem Gesülze auszubrechen und in irgendetwas vorzustossen, was hinter den Masken liegt, regelmässig intellektuellen coitus interruptus. Beim Nixon-Interview sehe ich keine Böswilligkeit, sondern das, was die gesamte Kultursphäre auszeichnet: Ein auf Schwachstrom beruhender, leichtverdaulicher Chitchat, der Abgründe von Ahnungs- und Substanzlosigkeit offenbart. Man muss sich freilich den persönlichkeitsverstümmelnden Idiotisierungsprozess vor Augen halten, der die Medienlandschaft beherrscht und insbesondere aus dem Interview, wo es auf biographische Substanz ankäme, zum Offenbarungseid macht. Vorgefertigte „Gedanken“ und Laberschablonen, die nichts mehr fürchten, als irgendetwas wirklich kontroverses zu berühren und womöglich jemanden zu wecken. Ach, da lobe ich mir Herrn Nikel Pallat, der die Axt zur Talkshow mitnahm und die Mikros klaute!

    http://www.youtube.com/watch?v=sa0rpCgVLs4

    Ist natürlich so nicht wiederholbar, ganz abgesehen von einer Frauenquote von 0,0%. Der Tisch ist damals übrigens nicht kaputtgegangen, was sich in Bezug auf den Kapitalismus als prophetisch erwiesen hat. Es sind offenbar schärfere Instrumente vonnöten, um dem Übel an den Kragen zu gehen.

    Aber ich will mich wieder beruhigen: Miss Nixon ist nunmal keine Judith Butler und ihre Interviewerin will ihren prekären Praktikumsplatz nicht verlieren. Für Emanzipatorisches wird die liberale New Yorkerin auf die üblichen Spartenblätter, die niemand liest, angewiesen bleiben, genauso wie hier. Dass die NY Times, die den Namensvetter Miss Nixons zu stürzen half, mal für etwas anderes stand, ist lange her und doch nicht ganz vorbei. Die Hauptkampflinie ist aber woanders, die Hypothek der Unterstützung Bushs nach 9/11 lastet schwer.

  13. 13 Thomas 26. Mai 2008 um 16:35 Uhr

    Sehr interessant finde ich, dass die „andersartigen“ sich meist verpflichtet fühlen die dämlichen und distanzlosen (oft sogar intimen) Fragen der „Normalos“ zu beantworten. Man steht dann daneben (oder liest/sieht das Interview) und fragt sich warum „Geht Sie nichts an.“ keine zulässige Antwort ist.
    Man denkt, selbst würde ich das nicht beantowrten wollen. Aber hätte man die Courage? Würden die „Normalen“ bei solchen Fragen vielleicht auch notgedrungen reden?
    Das würde ich gerne mal wissen:
    „Ute, als gläubige Christin hast Du Dich doch sicherlich noch nie selbet befriedigt, oder?“
    „Peter, Du ist so gepflegt, rasierst Du Dir auch Deine Arschhaare?“
    „Herr Busch, sind Sie zuhause eher der Mann oder sie Frau in der Beziehung?“

  14. 14 laylah 27. Mai 2008 um 16:57 Uhr

    ungeduldig: prekärer praktikumsplatz, geht so: http://en.wikipedia.org/wiki/Deborah_Solomon

  15. 15 unGeDuLdig 28. Mai 2008 um 3:41 Uhr

    @laylah

    Ich hatte Miss Solomon nur aus reiner Herzensgüte Prekarität unterstellt, jetzt, wo ich Dank Dir weiss, dass sie cultural critic ist und einen master’s degree von der Columbia hat, hat sie für ihre Doofheit wirklich keine Ausrede mehr. Erschütternd.

    Jetzt sag‘ schon, wie Du den 68er mit der Axt findest!

  16. 16 laylah 28. Mai 2008 um 17:23 Uhr

    von den mikros wusst ich gar nix.. ich kann das hier grad nicht gucken, aber soweit ich das im kopf habe, wirkte er für mich etwas zu bemüht.. aber natürlich trotzdem geil.

  17. 17 CrazyInLove 27. Juli 2008 um 2:10 Uhr

    Hallo…
    …also…Huiuiuiui…Also als ich den anfang des Blogs gelesen habe,wusste ich ehrlich gesagt nicht ob ich zuerst lachen oder weinen möcht…Einerseits konnte ich mir das lachen nicht verkneifen-ich kenn selbst Menschen die mich solche Fragen fragten-aber das ein so großes Blatt solch ein Interview druckt-ich war schon fast amüsiert…
    ABER
    da war dann auch diese schreckliche Erkenntnis,dass dieses Interview leider auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft ist- und schon konnte ich nicht mehr so herzhaft lachen..!
    Ich geh schließlich auch nicht zu meinen nachbarn und frage sie über ihre Bettgeschichten aus „hey-warum steht ihr auf Lack&Leder-wie läuft bei euch so ne Nummer abends ab?!“ etc…
    Denn in der Liebe zu seinem Partner unterscheiden sich die Menschen ja nicht-egal wen sie lieben Männlein/Weiblein egal in welcher Kombi…Und welche Vorlieben ein jeder hat,welche Lebensweise,wie eine Beziehung arrangiert ist- wen gehts was an?

    By the way:
    @Thomas: Du sprichst mir aus tiefster Seele!!!

    Wobei ich eingestehen muss,dass ich natürlich auch neugierig bin und Fragen stelle,aber es gibt durchaus Grenzen und es kommt drauf an wie ich frage und in welchem Rahmen.
    Wenn es reines Interesse ist aus der heraus ich gefragt werde : No Prob!Dann beantworte ich viel- sollte ich das Gefühl haben,dass da jmd bespaßt werden möchte und reißerisch damit umgeht,alles durch den Kakao zieht,dann gibts definitiv keine Antwort!
    Und diese kleinen doofen Fragen kenn ich zu gut!
    Selbst meine BESTEN FREUNDE (!!!) machen keinen Halt und fragen in na lustigen Partyrunde wie ich denn Sex hab mit meiner Freundin…Wie sie sich das vorstellen können und welche Positionen sich anbieten blabla-ich denk ich muss da nicht ins Detail gehen!
    Naja ich sollt vll erwähnen dass speziell zu den genannten besten freunden ein schwules Paar gehört die genug Phantasie besitzen und wirklich nur auf „Sensationen“ und so aus sind…

    Um auf den Punkt zu kommen: Warum muss man sich über seine Sexualität definieren-bzw wird darüber definiert?
    warum ist das so ein großes Thema in unserer Gesellschaft?
    Gibt es keine interessanteren Themen auf unserer großen,weiten Welt?

  18. 18 mensch im mohn 29. Juli 2008 um 3:28 Uhr

    @CrazyInLove:
    Nein, man wird nicht nur über seine Sexualität definiert. Als ich noch zur Schule ging, wurde ich anderen Menschen gerne als „vegan“ vorgestellt. Dabei war das nicht alles über mich, aber irgendwie war es die eigenschaft, die am stärksten aus dem Rahmen fiel und deshalb wurde ich damit assoziiert. Ich musste mir dann auch so Fragerunden antun mit „was isst du denn so als veganer?“ „machst du das, weil dir die tiere leidtun?“ und „aber rauchen ist doch vegan, oder?“
    oh, und jedes zweite mal kam der witz „und ich bin vegan stufe 5, ich esse nichts, was einen schatten wirft!“ *gähn*

    ich schätze, es ist für manche nicht leicht zu verstehen, dass jemand anders / nicht wie sie ist.

  19. 19 Psychopapst 29. Juli 2008 um 11:58 Uhr

    Naja, dass man darüber definiert wird, wodurch man sich von anderen Unterscheidet, ist doch eigentlich ziemlich logisch. Und dass Menschen ein Interesse daran haben, wie sich Veganer_innen ernähren, halte ich auch für nicht so sonderbar.
    Das Problem ist eher, dass sich die wenigsten bewusst sind, dass die vegane, lesbische oder sonstwie normabweichende Person andauernd Löcher in den Bauch gefragt bekommt und davon vielleicht auch irgendwann die Schnauze vollhaben.

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