Selbstachtung und Feminismus

The personal is political, bekannter Spruch. Und meiner Meinung nach sehr wahr. Kann man auch umdrehen: das Poitische ist persönlich. Daß diese beiden Ebenen nicht nur einzeln zu diskutierende Abstrakta sind, sondern beide – gerade beim Feminismus – ineinander verwoben sind, überrascht nicht sonderlich. Allerdings wird diese Thematik nicht allzuoft eingehend behandelt, was schade ist. Aber auch verständlich: Subjektives Denken und objektive Analyse in Einklang zu bringen ist eine Gratwanderung, die ziemlich schnell ins Ungenaue abrutschen kann.
Gloria Steinem hat sich trotzdem dran versucht, und zwar in ihrem – zugegebenermaßen nicht mehr ganz neuen – Buch „Was heißt schon emanzipiert. Meine Suche nach einem neuen Feminismus“.
Erstmal: ich find den deutschen Titel dämlich. Was der mit dem Buch eigentlich genau zu tun haben soll, ist mir schleierhaft. Der Originaltitel trifft es da logischerweise genauer, sogar ganz genau: „Revolution from Within. A Book of Self-esteem.“
Jetzt ist das Buch, wie schon erwähnt, nicht gerade neu. Ich hab’s aber gerade erst gelesen und will jetzt auch was dazu schreiben. Hat immerhin den Vorteil, daß vielleicht einige das Buch schon kennen, was die Diskussion darüber interessanter gestalten dürfte. Und wer es noch nicht kennt: lesen. Meiner Meinung nach ist es das definitiv wert!
Es ist kein „typisch feministisches Sachbuch“, bei dem die klassischen frauenbewegungsrelevanten Themen Kapitel für Kapitel vorgestellt, analysiert und abgenudelt werden (soll jetzt nicht so negativ klingen, wie es vielleicht tut: auch diese Bücher mag ich sehr gern). Stattdessen geht Steinem von einer sehr persönlichen Position an das Thema heran, so daß das Ganze fast schon zum Selbsterfahrungsbuch wird.
Hin und wieder hatte ich beim Lesen ja schon schwere Befürchtungen: wenn ein Kapitel „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ heißt und am Schluß Meditationsübungen angekündigt werden, riecht das schon streng nach Esoterikfeminismus. Und das ist eigentlich so ganz und gar nicht meins…
Doch Steinem schafft es ganz gut, die Waagschale zu halten. Ihre Herangehensweise an Selbstbetrachtung ist zwar gewöhnungsbedürftig, wenn sie einem da mit Selbsthypnose kommt, aber bei weitem nicht so schlimm wie befürchtet. Gut, manchmal braucht es ein wenig innere Überwindung, das Augenrollen zu unterdrücken und sich zu sagen „Okay… nicht vorher urteilen, jetzt kuck ich mir die Sache erstmal wohlwollend an“. Das lohnt sich aber.
Den trotz Begriffen wie „Selbstachtung ist kosmisch“ schafft die Autorin es immer, weit weg von einem „Wir gießen unseren Gummibaum mit Menstruationsblut“-Eso-Feminismus zu bleiben sondern mit beiden Beinen in der Realität zu stehen und in dem Buch nicht nur zahlreiche persönliche Schlüsselerlebnisse von sich selbst und anderen, sondern auch eine riesen Menge interessanter Fakten zu schildern und zu analysieren. Sie bietet also auch dem/der LeserIn, der/die mit dem „Selbsterforschungsaspekt“ nichts am Hut hat, mehr als genügend interessanten Lesestoff.
Und trotz allem ist das Buch durch und durch politisch:

Das Problem ist, daß Gesellschaften, die Gehorsam produzieren, indem sie Kernselbstachtung verhindern, vermutlich auch die Heilungsprozesse und Wiedergutmachung beeinträchtigen. Die Vorstellung von einem unumstößlichen inneren Wert stellt für autoritäre Systeme eine solche Gefahr dar (aber auch für unvollständige Demokratien, in denen manche Gruppen gleicher sind als andere), daß er als Zügellosigkeit, Selbstsucht, Egoismus, Gottlosigkeit, konterrevolutionär und anderswie beschimpft wird. Die Schuld wird dem Individuum gegeben. (…)
(…)[I]n der frühen Kindheit, in der Phase, in der wir wahrscheinlich am bedingungslosesten geliebt werden, [lernen wir] mehr und [strengen wir uns] mehr an als vermutlich zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in unserem Leben. Niemand brauchte uns zu belohnen, damit wir herumtollten und krabbelten, oder zu bestrafen, weil wir nicht standen und liefen. Wir brauchten keine Befehle, um die Welt ringsum zu erforschen, keine Konkurrenz, um die ersten Worte zu sagen. Diese Dinge wurden aus reiner Freude an der Leistung erlernt, indem wir unsere Fähigkeiten ausprobierten, uns aussuchten, was wir tun wollten, und es dann taten. Das ist in jedem Alter der sicherste Weg zu guter Arbeit.

Und natürlich auch feministisch:

Wir sind (..) in Vorstellungen von romantischer Rettung befangen, vom magischen „anderen“. Doch ohne einen Blick nach innen kann es passieren, daß sich eine Frau immer wieder mit wütenden Männern einläßt, denn sie drücken die Wut aus, die sie in sich birgt. Viele Männer heiraten immer wieder Frauen, die sie nicht in ihrer Firma einstellen würden. Denn sie können Frauen nicht als gleichberechtigt sehen. Doch auch wenn wir das Glück einer erfüllten Kindheit erleben konnten, werden Frauen, die ihre Wut ausdrücken, oft bestraft, ebenso wie die Männer, die sich mit Frauen verbünden. Wir müssen klar sehen, daß sich das Streben nach einem ganzheitlichen Selbst gegen die herrschende Kultur richtet und so hilft, sie zu verändern.

Zudem ist „Was heißt schon emanzipiert“ auch ausdrücklich an Männer gerichtet und bezieht die männliche Sichtweise explizit mit ein, das Ganze dann so verschachtelt, daß es in sich wieder einen Fluß ergibt.
Alles in allem führt Gloria Steinem immer wieder auf den Aspekt der Selbstachtung und seiner Wichtigkeit in Bezug auf politisches Verhalten und Reflektieren zurück, und das auf so vielfältige und raffinierte Weise, daß es mir unmöglich ist, hier alles zusammenzufassen. Es ist eine Art feministisch-anspruchsvolles Selbsthilfebuch, durch und durch politisch. Die Gratwanderung zwischen „personal“ und „political“ bzw. das Aufzeigen der zwei als einer Einheit, ist Steinem meiner Meinung nach wunderbar gelungen.
Es ist eine Art Aufforderung, back to the roots, ein Vorschlag, sich selbst zu erforschen und die Verknüpfungen mit einer hierarchisch-unterdrückenden und sexistischen Gesellschaft in sich selbst aufzuspüren, zu vergessen und neu zu lernen, zurück auf Los. Und dann weiter mit den gewonnenen Erkenntnissen über sich selbst – und somit auch über andere. Und die Schaffung bzw. Kultivierung der Selbstachtung dient als Schlüssel.

Eines ist klar: Der menschliche Verstand kann sich beides vorstellen, wie man Selbstachtung bricht und wie man sie fördert – und die Vorstellung ist immer der erste Schritt dazu, etwas zu schaffen. Der Glaube an ein echtes Selbst ermöglicht, daß dieses echte Selbst entstehen kann.

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Zitate aus: Gloria Steinem, „Was heißt schon emanzipiert. Meine Suche nach einem neuen Feminismus.“, Knaur Verlag, München 1993


2 Antworten auf “Selbstachtung und Feminismus”


  1. 1 benny 11. Juni 2008 um 3:41 Uhr

    Sonderlich begeistert klingt das in meinen Ohren jetzt nicht.
    Und für einen Aufruf zu mehr Selbstachtung und zu ‚back to the roots‘ brauche ich auch keine 440 Seiten.
    Was hat Dich denn nun so faszininiert an dem Buch?

  2. 2 dodo 11. Juni 2008 um 13:23 Uhr

    oh, dann kam da falsch rüber! ich hab das buch sehr genossen!
    besonders fasziniert hat mich diese verknüpfung von ganz tief persönlichem mit weitreichend politischem. das ist schwer zu erklären wahrscheinlich.

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