Feminismus ist Spitze

War „Feminismus“ bis vor kurzem noch ein Distinktionsbegriff zahlreicher Schmierblätter und Lokalpostillen, zumindest rhetorisch bekundete, aufklärerische – sprich: androzentrische – Ideale gegen vermeintlich blinden Emanzipationswahn und Männerhass selbsternannter Frauenrechtler_innen und Feminist_innen aufzuspielen und somit jedes reformistische oder revolutionäre Streben nach Egalität der Lächerlichkeit preiszugeben, ist es in den vergangenen 12 Monaten verdächtig chic geworden, Personen das Attribut „feministisch“ anzuheften. Sowohl im Sinne des hier bereits erwähnten ÖVP-Politikers Missethon, der rassistische Politiken durch das F-Wort als fortschrittlich zu kennzeichnen versucht, als auch im Sinne so ziemlich jeder Zeitung, welche sich anlässlich Madonnas 50. Jubiläum über deren feministischen Gehalt ausließ. In der Bundeszentrale für politische Bildung bekommt man Thea Dorns „Die neue F-Klasse“ gratis nachgeschmissen und die Autorinnen der Mädchenmannschaft sind nicht nur dort überpropotional produktiv, sondern schmeißen noch lockerflockig ein Alphamädchen-Machwerk auf den Markt.
Autorinnen der Emma stehen derartigen Entwicklungen mit einer gewissen maternalistischen Hähme entgegen, wenn sie anmerken, die „‚neuen‘ Feministinnen“ würden schon“noch merken, worauf es wirklich ankomm[e]“. Letztlich tut im verlinkten Artikel eine alt gewordene Feministin genau DAS, was – zumindest meines Erachtens – von heutigen Feminist_innen vermieden wird: Abgrenzung um jeden Preis. Denn, so würde ich ihr widersprechen, wenden sich heutige Feminist_innen und Frauenrechtler_innen eben nicht „rituell von Geschichte ab“, sondern haben aus den Sackgassen und Kurzschlüssen älterer Kaliber gelernt und bauen dankbar auf ihnen auf. Demgegenüber beweist der zitierte Emma-Artikel, dass es offenbar allzuschwer ist, neuere Feminismusentwürfe zu akzeptieren und man sie daher lieber gleich geradezu stutenbissig verharmlost und als wirkungslos abtut.
Versteht mich nicht falsch, das ist ja systemimmanent betrachtet alles ganz großartig, wenn es in Sachen Gleichberechtigung voran geht. Und gerade aus Sicht langjähriger Aktivist_innen muss es eine immense Erleichterung sein, wenn bestimmte Anliegen erreicht wurden und das eigene Engagement nicht per se mit rhetorischen Figuren (s.o.) abgeblockt wird, sondern bestimmte (natürlich: nicht alle!) Paradigmen gesellschaftliches Allgemeingut werden.
Was ich aber am neuen F-Wort-Trend wirklich so gar nicht verstehe und wovon ich befürchte, dass es (nicht nur) mir, noch häufiger unter die Augen kommen wird, ist folgender Auszug aus einem Interview mit Prada Kreativ-Chef Hans Schneider, in welchem er den aktuellen Trend zur Spitze erklärt:

Der Feind war in diesem Fall ein kleines Stück alter Guipure-Spitze, das sie (Miuccia Prada) in ihrem Studio fand und ihr eigentlich nie gefallen hatte. Es habe sie immer an einen «Velo da lutto», einen Witwenschleier erinnert. Spitze sei in Italien ein fester Bestandteil im Leben einer Frau: Bei der Taufe, der Hochzeit, beim Trauern. Genau diese feministisch-soziale Rolle wollte sie mit ihren Entwürfen zeigen. (Quelle: tageblatt.ch)

Was ist daran feministisch? Die Üblichkeit Kinder zu gebähren und danach auch noch rituell einer Institution zu übergeben, welche Frauen das Recht auf Selbstbestimmung am eigenen Körper verwehrt? Die heterosexuelle Paarbeziehung, geschlossen vor dem Staat oder ebenfalls der Kirche? Einzig im Witwendasein kann ich einen Hauch der Emanzipationsfähigkeit erkennen, waren doch zumindest im Mittelalter Witwen deutlich einflussreicher als die meisten verheirateten und unverheirateten Frauen und darüber gegenüber vielerlei misogyner Verdachtsmomente gefeit. Mit ein bisschen Glück erben hinterbliebe Frauen heute das Geld ihres verstorbenen Ehemannes und können dann so richtig auf den Putz hauen? Oder sie waren doch „nur“ Hausfrau, ihr Oller hat Schulden hinterlassen, die Kinder wollen nicht zahlen und sie gehören im neuerlangten Status zum völlig veramten Teil der Gesellschaft? Ist Prekariat feministisch? Oder sind nun doch gute, alte Traditionen feministisch, weil sie im Sinne von Frauen ihnen ihrgendwelche von mir völlig übersehenen Privilegien sichern? Ist das Polemik? „Feminismus ist, wenn Frauen das Privileg haben, schicke, schwarze Fetzen zu zentralen Anlässen ihrer Biografie zu tragen“?
Vielleicht war das eine F-Wort aber auch nur ein taktisches Attribut, um die altbackene Spitze Pradas zu modernisieren. Und wenn dem dann so ist, hat die Emma-Tante vielleicht ein kleines Bisschen doch recht mit ihrer Sorge des entpolitisierten Feminismus: dass er in einer derartigen inhaltslosen Beliebigkeit mündet. Wenn „Feminismus“ plötzlich nurmehr Synonym für „Frauenrechte“ ist, dann ist das nicht meiner, nein nein.


4 Antworten auf “Feminismus ist Spitze”


  1. 1 hn 25. August 2008 um 2:41 Uhr

    wenn man im Zitat einfach „feministisch-sozial“ durch „feminin-sozial“ austauscht könnte es eher passen…

    was ist eigentlich mit dem [/feminism] im bild gemeint? dass die sache jetzt abgeschlossen sei?

  2. 2 st_eve 25. August 2008 um 10:12 Uhr

    so hab ichs noch nicht gesehen… :-?

  3. 3 Judith 25. August 2008 um 21:19 Uhr

    ich kenn ja nur den [/patriarchy] slogan, will [/feminism] dann das gegenteil sagen?, und wenn ja, währe das feministisch? denke da hat einfach jemand was ein kleines bisschen missverstanden. macht nix.

  4. 4 lahmacun 31. August 2008 um 9:24 Uhr

    „stutenbissig“

    misogyne scheiße!

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