Babysimulatoren- Schwangerschaftsabschreckung per Tamagotchi

Nimmt in Industriestaaten die soziale Ungleichheit zu, geht das in der Regel mit einem Anstieg von Teenagerschwangerschaften einher. Junge Frauen, die wenig Chancen auf einen interessanten Job/Ausbildung haben, entscheiden sich oft früh dafür, Mutter zu werden, um einen gesellschaftlich und in der Peergroup anerkannten Status zu besitzen und gegebenenfalls für einen Zeitraum (mehr) Sozialleistungen zu erhalten. Gern gesehen wird das nicht, in den USA stigmatisiert man diese Mütter als „Welfare Queens“, die dem Staat auf der Tasche liegen anstatt zu malochen und in der Bundesrepublik sind erziehungsunfähige Unterschichts-Mütter, die ihre Kinder vernachlässigen, ein beliebtes Thema in Zeitung und TV.
Um die Mädchen vom Kinderkriegen abzuhalten, werden Babysimulatoren eingesetzt, computergestützte Puppen, mit denen Mädchen erste Erfahrungen mit Neugeborenen sammeln sollen. Wird das Projekt von den Medien erstmal gutgeheißen, da es die Unterschicht mit den gut sichtbaren String-Tangas (stern) zur Vernunft bringt, kommt eine Studie der Uni Oldenburg (mehr) zu kritischeren Ergebnissen. Erstens wird eine frühe Mutterschaft nicht zwangsweise als Notlösung, sondern auch als eine bewusste Entscheidung und zu unterstützender Lebensentwurf gesehen. Zweitens wurde festgestellt, dass der Babysimulator zur Abschreckung eingesetzt wird, indem er die „Mütter“ konsequent überfordert. Notfalls ermöglicht es die Technik, besonders ambitionierte Mütter mit besonderes problematischen Babys (Schreibabys, drogenabhängige Säuglinge) zu frustrieren. Damit sollen die Mädchen von dem gesellschgaftlichen Ideal „Erst die Ausbildung, dann die Familie“ überzeugt werden. Bei der Zielgruppe des Babysimulators handelt es sich um Mädchen mit geringen Bildungs- und Berufschancen, also Jugendliche, die ohnehin schon vielfältige Ausgrenzungs- und Verunsicherungserfahrungen gemacht haben. Über mögliche Wege zur Lebensgestaltung als junge Mütter (Männer kommen in dem Projekt sowieso nicht vor) wird nicht informiert, gelernt wird lediglich “ ich werde einen schlechte Mutter sein“.


12 Antworten auf “Babysimulatoren- Schwangerschaftsabschreckung per Tamagotchi”


  1. 1 Jay 06. September 2008 um 20:15 Uhr

    Einerseits ist es natürlich die freie Wahl der jungen Mütter (Väter können sich ja notfalls immernoch absetzten, wenns zu kompliziert wird, das wäre für ein Mädchen gesellschaftlich wahrscheinlich viel schlimmer..) ein Kind zu bekommen, auch wenn das möglicherweise alle „Zukunftschancen“ verbaut.
    Andererseits weiß ich nicht, wieso man den jungen Müttern nicht auch Schreibabies etc. geben soll. Die sind zwar seltener, als nicht dauerhaft plärrende Blagen, aber die Chance, dass sie so eins erwischen besteht durchaus. Aus welchem Grund sollte man es also schönfärben bzw. immer vom Bestfall ausgehen?

    Ich finde es gibt in dieser Gesellschaft (noch) viel zu wenig Aufklärung / Hinweise zu Möglichkeit 3: statt bösem „Babymord“ oder eben Teenagerschwangerschaft die Babyklappe.
    Erlaubt der Mutter (…) ein gutes Gewissen und dem Kind eine bessere Zukunft, als wenn es ungewollt bei überforderten Eltern landet. Die ganzen adoptierwilligen (Hetero..)Pärchen für die es nicht genug Babies gibt wären darüber natürlich auch erfreut.
    Dieser Ausweg scheint allerdings noch gesellschaftlich verdammt oder unbekannt.

  2. 2 chica 06. September 2008 um 20:31 Uhr

    Mir geht es v.a. um die gesellschaftliche Ambivalenz: Einerseits vermittelt die „Du bist Deutschland“-Kampagne“ deutschen hetero Mittelschichtspärchen wie geil Kinder doch sind, anderseits soll jungen Unterschichtsfrauen gezeigt werden, dass sie eigentlich gar nicht in der Lage sind ein Kind zu erziehen.

  3. 3 Liane 08. September 2008 um 19:01 Uhr

    @chica: ganz falsch! die genannten beispiele sollen nur den zugriff des staates in die privatsphäre von unterschichtlern rechtfertigen, sowie neue kürzungen von sozialleistungen rechtfertigen. kinder kriegen soll die unetrschicht so viel wie nur geht – merkt man ja auch daran, dass imer mehr sozialleistungen von der bedürftigkeit abgekoppelt und zur belohnung fürs kinder in die welt setzen umgestaltet werden. so wird das kinder kriegen für immer mehr arbeitslose zur einzigen sicheren geldquelle. jeden monat werden über 100.000 dreimonatige komplettsperren für alg II verhängt – nur kindern dürfen die sozialleistungen nicht ganz gestrichen werden. ein kind ist also z.b. eine möglichkeit, um trotz des arbeitsagentur-terrors nicht verhungern zu müssen.
    politik und konzerne haben übrigens sehr großes interesse daran, dass die unterschicht durch höhere geburtenraten wächst – das sorgt durch die konkurrenz um arbeitsplätze zu ständig sinkenden löhnen.

  4. 4 bachmann 04. Juni 2009 um 0:45 Uhr

    wo kriegt mann ein computergesteuerten Babypuppe?

  5. 5 Annie_Slut 06. Juni 2009 um 18:56 Uhr

    Naja, ich würde schon sagen, dass Kinderkriegen bei armen Menschen eher weniger gefördert wird als bei Mittel- und Oberschicht. (Und bei Deitschen ohne Migrationshintergrund auch mehr als bei Migrant_innen).
    Die Regeln beim ALG2 sind diesbezüglich eigentlich nur inkonsequent, weil da eine Grenze dessen erreicht ist, mit welchen Mitteln du Bevölkerungspolitik betreiben kannst, ohne dass du zu offensichtlich gegen Menschenrechte verstößt. (Kinder so offen und absichtlich verhungern lassen wäre gesellschaftlich sicher nicht so anerkannt…)

    Aber sonst heißt es bei armen Menschen immer „asozial“ und „unverantwortlich“ und „Belastung für die Steuerzahler_innen“, wenn sie viele Kinder haben, bei reichen Leuten heißt es einfach „große Familie“ und wird als lobenswert herausgestellt.
    Ganz zu schweigen von den „Oh-Gott-die-Deutschen-sterben-aus“-Statistiken, in denen das Sinken der Geburtenrate beklagt wird, die sich nur auf Leute mit deutscher Staatsbürgerschaft bezieht, während gleichzeitig angeblich „das Boot voll“ sei und kinderreiche migrantische Famileien unerwünscht sind (ihre Kinder seien ja schließlich „Problemkinder“ und es sei ja ganz unzumutbar, vor allem für die deutschen Kinder, wenn es in der Schule „zu viele“ Kinder gibt, die Deutsch als Fremdsprache lernen, völlig undenkbar, sich mal darauf einzustellen…)

    Es gibt staatlich und gesellschaftlich erwünschten und unerwünschten Kinderreichtum, ganz klar.

  6. 6 laylah 06. Juni 2009 um 23:47 Uhr
  7. 7 Leilo 07. Juni 2009 um 1:23 Uhr

    Familienpolitik heute – Wie der Staat den Kinderwunsch fruchtbar machen will und warum.

  8. 8 bigmouth 07. Juni 2009 um 10:08 Uhr

    bei der letzten „du bist deutschland“-kampagne war zu besichtigen, dass die unterschicht definhitiv nicht zu den wunscheltern dieses staates gehört. wozu auch? die liegen ihm ja eh mit größerer wahrscheinlichkeit nur auf der tasche. als industrielle reservearmee taugen die auch nur für eine sehr eingeschränkte anzahl von jobs – nämlich nur die gänzlich nichtqualifizierten. diese leute sind im kapitalismus schlicht überflüssig

  9. 9 crashintoahouse 08. Juni 2009 um 8:41 Uhr

    bigmouth – in wie fern war das, was du beschreibst, explizit in der kampagne zu sehen? hast du da zufällig quellen zu? ich hab tatsächlich nur im hinterkopf, dass das kinderkriegen im allgemeinen affirmiert wurde.

  10. 10 bigmouth 08. Juni 2009 um 19:25 Uhr

    in meinem blog steht da was zu. schau‘ dir mal an, wie die eltern und kinder aussehen, wie die wohnungen eingerichtet sind usw. das zielt auf engagierte mittelschicht, die ihr kind ordentlich fördern

  11. 11 ancalola 16. August 2009 um 16:45 Uhr

    Ich finde solche baby-simulatoren ganz praktisch! Ich würde auch gerne einen kaufen aber ich finde nirgends eine seite wo das geht! kennt jemand so eine seite?

  1. 1 Diverses gegen 1000 Kreuze « bikepunk 089 Pingback am 08. September 2008 um 16:45 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei × sieben =