Neulich beim Auflegen…

Dialog auf der letzten Genderterror, zwischen einer Gästin und mir:

Sie: „Ey, die ganzen Leute rennen gerade von der Tanzfläche… Spiel doch mal was mit Text!“ (Anmerkung: Ich hab 80s gespielt, nachdem mir das mit dem Electrotechno zu krass wurde.)
Ich: „Achso. Meinst Du sowas wie Kate Perry?“ (#Ironie – Hat sie aber nicht kapiert.)
Sie: (strahlt) „Ja, zum Beispiel!!!“
Ich: (Fassungslos. … Lege nächsten Track auf, sie geht nicht weg.)
Ich: „Äh, du hast schon verstanden, dass ich das ironisch gemeint habe?!“
Sie: „Hmm, ja, ich weiss, das Lied diskrimiert alle Lesben und so, aber wenigstens hat es Beat!“
Ich: (immernoch fassungslos) „Vielleicht bist du auf der falschen Party…“

Letzteren Satz habe ich später noch zurückgenommen, mich dafür entschuldigt und eine Diskussion unter Erklärung meines Standpunktes angefangen. Trotzdem war ich mittel bis sehr geschockt von diesem Dialog.


35 Antworten auf “Neulich beim Auflegen…”


  1. 1 lyzi 17. Dezember 2008 um 15:16 Uhr

    1. Die Frau heisst Katy Perry. (Man sollte zumindest wissen, wie man den Namen derjenigen, die man aus irrsinnigen Gründen Scheisse findet, richtig schreibt.)

    2. Das Lied ist super.

    3. Auch textlich gibt es daran nichts auszusetzen. Lesben werden mitnichten dikriminiert (und erst recht nicht „diskrimiert“).

    „Katy Perry
    I Kissed A Girl lyrics

    This was never the way I planned
    Not my intention
    I got so brave, drink in hand
    Lost my discretion
    It’s not what, I‘m used to
    Just wanna try you on
    I‘m curious for you
    Caught my attention

    I kissed a girl and I liked it
    The taste of her cherry chapstick
    I kissed a girl just to try it
    I hope my boyfriend don‘t mind it
    It felt so wrong
    It felt so right
    Don‘t mean I‘m in love tonight
    I kissed a girl and I liked it
    I liked it

    No, I don‘t even know your name
    It doesn‘t matter,
    You‘re my experimental game
    Just human nature,
    It’s not what,
    Good girls do
    Not how they should behave
    My head gets so confused
    Hard to obey

    I kissed a girl and I liked it
    The taste of her cherry chap stick
    I kissed a girl just to try it
    I hope my boyfriend don‘t mind it
    It felt so wrong
    It felt so right
    Don‘t mean I‘m in love tonight
    I kissed a girl and I liked it
    I liked it,

    Us girls we are so magical
    Soft skin, red lips, so kissable
    Hard to resist so touchable
    Too good to deny it
    Ain‘t no big deal, it’s innocent

    I kissed a girl and I liked it
    The taste of her cherry chap stick
    I kissed a girl just to try it
    I hope my boyfriend don‘t mind it
    It felt so wrong
    It felt so right
    Don‘t mean I‘m in love tonight
    I kissed a girl and I liked it
    I liked it“

    Grüße

  2. 2 bigmouth 17. Dezember 2008 um 16:59 Uhr

    der song leugnet die ganze zeit, dass die sache irgend eien signifikanz besitzt – es ist nur ausprobieren, halt.

    Just wanna try you on

    You’re my experimental game

    Don’t mean I’m in love tonight

    Ain’t no big deal, it’s innocent (sic! sexueller charakter geleugnet) usw

    der dauernde verweis auf den boyfriend soll doch gerade die sicherheit herstellen: ne, irgendwie gay ist daran nix, das lyrische ich muss dringend als straight benannt werden, das halt nur was rumprobiert

    mit dem video zusammen wird endgültig klar, worum’s geht: homosexuelle handlungen zwischen frauen sind nicht ernst zu nehmen, sondern partyspiel/quatsch wie ne kissenschlacht.

    nun gibt es durchaus wenige zeilen, die man anders deuten könnte

    It’s not what,
    Good girls do
    Not how they should behave
    My head gets so confused
    Hard to obey

    der oder die songwriter hätte sich dafür entscheiden können, diese diskrepanz zwischen begehren und gesellschaftlicher rollekonformität stärker rauszustellen, dann wäre die wirkung vielleicht anders. aber so verleugnet der song, dass homosexuelles handeln etwas anderes sein könnte als ein kurzes abgehen vom rechten pfad. und damit wird homosexuelles begehren als nicht gleichwertig diffamiert

  3. 3 bigmouth 17. Dezember 2008 um 17:02 Uhr

    dass der song verdammt catchy ist, und vielleicht die gekonnteste nutzung eines eigentlich nervigen vokaleffekts in der hook seit Chers „believe“ darstellt, möchte ich übrigens gar nicht bestreiten.

  4. 4 chica 17. Dezember 2008 um 17:14 Uhr

    @sv: warst Du jetzt fassungslos, weil die Gästin wollte, dass Du auf einer expliziten Queerparty einen mindestens heteroaffirmativen Song spielen solltest und damit gegen das Partykonzept und Interessen der anderen Gäst_innen verstoßen wird oder weil es der Frau zu dem Zeitpunkt wichtig war, etwas tanzbares zu hören und die political correctness für sie in diesem Moment zweitrangig war?

  5. 5 ruhf 17. Dezember 2008 um 17:19 Uhr

    „der song leugnet die ganze zeit, dass die sache irgend eien signifikanz besitzt – es ist nur ausprobieren, halt.“

    Ja und?

    Ich seh nicht wie daraus wird, dass jedem homosexuelle Begehren die „Signifikanz“ abgesprochen wird.

    Genauso könnte ich das was du schreibst auch deuten als: Sobald jemand nen Anderen vom gleichen Geschlecht küsst, hat dieser sich gefälligst mal als „gay“/“homosexuell“ zu identifizieren.

    Zustimmung bezüglich des Vokaleffekts, das ist mir auch als erstes aufgefallen.

  6. 6 lyzi 17. Dezember 2008 um 17:29 Uhr

    WICHTIGE DURCHSAGE:

    JedeR, der/die/das heute noch heterosexuelle Erfahrungen künstlerisch verarbeitet ist homophob, lesbenfeindlich & hat daher auch kein recht, irgendwo gespielt zu werden, wo Leute gefälligst politisch korrekt zu tanzen haben, merkt Euch das mal, niederes Gesocks!

    Und wenn bigmouth das sagt, dann erst recht!!

  7. 7 bigmouth 17. Dezember 2008 um 17:55 Uhr

    @5 ruhf: um identität geht es nicht. es geht darum, dass das lyrische ich sein begehren ausschließlich in heteronormativen bahnen zu deuten vermag, und der song da überhaupt keine brüche zulässt. und das nicht ernst-nehmen-wollen des eignene begehrens ist heteronormativ. denn: neben diesem song existieren 1000e popsongs, wo leute sich küssen, und das halt sehr wohl was bedeutet, und erotik und begehren nicht verleugnet werden.

    Ich seh nicht wie daraus wird, dass jedem homosexuelle Begehren die “Signifikanz” abgesprochen wird.

    zumindest aber jedem homosexuellen begehren, das irgend jemandem unterläuft, der in einer vergleichbaren situation ist (mit „boyfriend“ und so). der song affimiert doch von vorne bis hinten: was nicht sein darf, das nicht sein kann. das eine begehren ist nprmal, so normal, dass es nicht mal expliziert zu werden braucht (da reicht „boyfriend“ erwähnen), das andere _muss_ als experiment abqualifiziert werden.

    @lyzi: das ist ja nu mal keine heterosexuelle erfahrung. sie wird aber in dem song versucht, als ein bloßes abweichen von der „echten sexualität“ abzuweichen

  8. 8 lyzi 17. Dezember 2008 um 18:18 Uhr

    @bigmouth:

    Doch, die Frau ist hetero und singt darüber, dass sie ne Frau geküsst hat.
    Erfahrung einer Hetereosexuellen also.

    Nix lesbendiskriminierendes.

    Aber klar, bei euch rigiden postheteronormativen Genderdiskurs-Spinnern ist man ja eh schon Faschist, wenn man als heterosexuelle Frau mal ne andere Frau küsst und es „NUR OK“ findet. Bisexualität ist für Dich scheinbar ein Verbrechen.

    Und, himmel hilf: Die Normalität wird als „normal“ angesehen! Schweinerei!!

  9. 9 sammy 17. Dezember 2008 um 18:19 Uhr

    Also, mal ganz ehrlich, ich finde es nicht so einfach, das Lied in einen „heteronormativen“ Zusammenhang zu stellen, nur weil „my boyfriend don‘t mind it“ darin vorkommt… da steht ja auch „it felt so wrong it felt so right“. Die problematische Betonung liegt für mich auf „normativ“, denn ich sehe nicht, wie über die individuelle Erfahrung hinaus ein normativer Anspruch auf das eine oder das andere erhoben wird.

    Am Rande, habe ein Mädel letzte Woche gefragt, ob es für sie Betrug sei, wenn eine Frau mit einem Typ rumknutschen würde, und sie hat es bejaht. Dann habe ich sie gefragt ob es das gleiche sei, wenn eine Frau mit einer Frau rummachen würde, und sie hat es verneint, denn das sei ja etwas „anderes“, aber bejaht für den Fall daß ein Typ mit einem anderen Typ rummachen würde. Das logische Problem war ihr schon klar, nur hat sie sich nicht von ihrer Wahrnehmung abbringen lassen (sonder mir stattdessen von ihrem eigenen diesbezüglichen Erlebnis erzählt, was ich auch interessanter und „zielführender“ fand ;))

    DAS ist vielleicht das problematischere definitorische Element hier: Zuviele Frauen machen auch mit Frauen rum, ohne das in einen expliziten sexuellen Zusammenhang zu stellen. Vielleicht ist das einfach auch so, und man sollte das akzeptieren ohne gleich „Diskriminierung“ zu schreien. Ich kenne allerdings auch einige Frauen, die schon in sexuellen Beziehungen mit anderen Frauen gelebt haben, ohne das zu definieren. Allerdings waren diese Frauen auch bald wieder aus der Beziehung raus, nämlich wenn ein neuer Traumprinz um die Ecke marschiert kam…

  10. 10 gtz 17. Dezember 2008 um 18:32 Uhr

    Zuviele Frauen machen auch mit Frauen rum, ohne das in einen expliziten sexuellen Zusammenhang zu stellen

    dann, mit verlaub, sollten „viele frauen“ sich mal ganz erhebliche gedanken über ihr urteilsvermögen machen. in was für einen kontext, wenn nich einen sexuellen, kann man „rummachen“ denn stellen?

  11. 11 bigmouth 17. Dezember 2008 um 18:34 Uhr

    Doch, die Frau ist hetero und singt darüber, dass sie ne Frau geküsst hat.
    Erfahrung einer Hetereosexuellen also.

    da sieht man eindeutig, wie sehr leute an ihre kategorischen zuschreibungen kleben.

    lyzi, woher weisst du, dass sie heterosexuell „ist“? und nicht etwa bi? (wobei du mir das lustigerweise vorwirfst. strange). (könnte ja auch sein, dass sex mit ihrem „boyfriend“ nich so der bringer ist) ihr macht das doch spaß, und ihre zeilen künden recht deutlich von begehren, was sexuell ist. homosexuell. das macht sie nicht zu einer homosexuellen

    gore vidal schrieb mal dazu „‚There are no homosexual people, only homosexual acts“

  12. 12 sv 17. Dezember 2008 um 18:37 Uhr

    @lyzi: Machst Du sonst noch was in Deiner Freizeit außer Flamen? :) Ich hab keine Lust, auf Flamerei zu reagieren.

    Musikalisch finde ich den Song ganz gut, allerdings würde ich ihn nie als DJ auf einer politischen Queerparty spielen. Nicht, dass ich immer nur PC-Musik spiele (mitnichten), aber der Song ist einfach meiner Meinung nach hochgradig unemanzipatorisch und heteronormativ. Schade, Katy Perry. Ein bisschen mehr kritische Reflektion und der Song hätte vielleicht ganz gut werden können.

    @chica: Ich war fassungslos, dass sie sich auf einer expliziten Queerparty genau diesen Song gewünscht hat, als erstes. Dabei erhebe ich nicht mal den Anspruch, die ganze Zeit nur PC aufzulegen (meiner persönlichen Meinung nach geht das auch nicht). Also ersteres.

  13. 13 leonie 17. Dezember 2008 um 20:49 Uhr

    „Ain’t no big deal, it’s innocent“

    ja so richtig dreckig wird die Sache für uns Mädchen erst wenn ein Penis involviert ist.

    „It’s not what,
    Good girls do“
    Oh ja, Lesben sind ganz schlimme Frauen, ACHTUNG

    JA ein wirklich sehr unemanzipatorisches Lied, mit einem komplett bescheuerten Text.

  14. 14 sofias 18. Dezember 2008 um 14:35 Uhr

    warum nicht einfach das lied zurechtschnipseln?
    wenn schon „boy“ und „girl“ drin vorkommt, liegte es doch nahe sie nach belieben durcheinanderzuwerfen :D
    (wenn es trashig klingt um so besser ^^ )

    ps: woah, habt ihr krasse smileys hier.. sogar son goku o->
    :P

  15. 15 lyzi 18. Dezember 2008 um 16:24 Uhr

    man sollte sich eh von diesen idioto-normativen zuschreibungen mal endlich verabschieden, die stützen doch nur die herrschende bildung und so!
    bin halt postheteroidiotisch^^

    ich verleugne nämlich ned, dass homoidiotisches handeln etwas anderes sein könnte als ein kurzes abgehen vom rechten pfad. und damit würde homoidiotisches begehren als nicht gleichwertig diffamiert, was ich ned ok finden soll, hamse mir im autonomen juze gesagt.

  16. 16 st_eve 18. Dezember 2008 um 21:51 Uhr

    was man dem lied immernoch zu gute halten könnte: es thematisiert bisexuelle erfahrungen offen und offensiv (auch wenn die konnotationen durchaus nicht im sinne emanzipatorischer, dekonstruktivistischer geschlechtlichkeiten stehen, ja.)
    und wer entscheidet überhaupt, wann ein kuss „ernsthaft“ (hetero) und spaßeshalber (homo, bi, whatever) ist?

  17. 17 sofias 19. Dezember 2008 um 1:54 Uhr

    @lyzi
    echtmal, nur nachplappernde klonkrieger bei den linksradikalen.. nicht wie damals in der fdj, wo ständig hegel diskutiert und der unterschwellige nationalismus zersetzt wurde..

    aber deine kommentare hier sind lahm, und den mädchenbloggern will ich eigentlich einen offtopic-flamewar ersparen

    komm lieber mal in mein blog, dort wartet das grauen ;)

  18. 18 Miss Taken Identity 19. Dezember 2008 um 17:38 Uhr

    Mal ernsthaft, würd’s irgendwas an der Heteronormativität drehen, wenn das Lied von einer gesungen würde, die richtig ernsthaft lesbisch ist (oder der Bigmouth es wg. dem anderen Inhalt dann abnimmt)?
    Und Steve, „offensiv thematisieren“ – was bringt es denn? Immer dieser Sichtbarkeitswahn, wo es eigentlich gar nicht viel zu sehen gibt.

  19. 19 st_eve 19. Dezember 2008 um 18:04 Uhr

    Und Steve, “offensiv thematisieren” – was bringt es denn? Immer dieser Sichtbarkeitswahn, wo es eigentlich gar nicht viel zu sehen gibt.

    1. war es ein konjunktiv, um zu verdeutlichen, dass es eine zusätzliche deutungsfacette ist. davon, was es bringt, war nie die rede.
    2. halte ich dannoch und darüber hinaus „sichtbarkeit“ für einen wichtigen punkt für menschen, welche von gesellschaftlichen strukturen „unsichtbar“ gemacht und gehalten werden, da in ihr die möglichkeit eines „erkannt werdens“ liegt, was eben vielen eine ERLEICHTERUNG darstellt. klar ist das in gewissem maße identitär, aber noch leben wir nicht in der lustigen zukunft, in der alle menschen sein können was und wie sie wollen ohne nachteile davon zu haben, sondern in der ätzenden gegenwart, die missliebige identitäten sanktioniert und ignoriert.wenn ich nicht „gesehen“ werde, kann ich dementsprechend nicht „sichtbar“ für meine rechte eintreten, sofern dies mein bedürfnis ist.Ich meine, du schreibst doch auch mit gender-gap. warum eigentlich, es gibt doch nix zu sehen? ist doch auch ne form von sichtbarkeitswahn…

  20. 20 Miss Taken Identity 19. Dezember 2008 um 19:52 Uhr

    @st_eve:
    1. na gut.
    2. also doch. Mal nur kurz empfohlen:

    Resignification failed?
    Für Butler besteht der Erfolg einer am Hirschfeldschen Paradigma orientierten Lesben- und Schwulenbewegung darin, „dieselbe .Homosexualität.“, die zunächst im „Dienst der normalisierenden Heterosexualität“ stand, „in den Dienst ihrer eigenen Entpathologi-sierung“ zu nehmen.(22) Dabei leugnet sie nicht das Risi-ko, durch Verwendung des Begriffs selbst zum „Werkzeug“ einer „heterosexuelle[n] Normalisierung“ zu werden: „Betrachten wir denjenigen, der sich trotzig .outet. und seine/ihre Homosexualität erklärt, nur um zur Antwort zu erhalten: .Ach so, das sind Sie also, nur das..“(23) Jedoch verschwindet für sie dieses Risiko hinter der sich durch die Aneignung des Begriffs eröffnenden Möglichkeit einer „Bedeutungsverschiebung“, denn „die ursprünglichen Verwendungen eines gegebenen Zeichens seien“, so zitiert sie Nietzsches Genealogie der Moral, „.Welten auseinander. mit den späteren“.(24)
    Am Imagegewinn der „Homosexualität“ in den letzten Jahrzehnten kann kaum ein Zweifel bestehen. Untergräbt das jedoch ernsthaft ihre Fungibilät als Instrument der heterosexuellen Normalisierung? Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, wie eine Längsschnitt-Studie zur Jugendsexualität belegt, die das Hamburger Institut für Sexualforschung im Abstand von zwanzig Jahren durchführte. Danach hat sich der Homo-Hetero-Binarismus in den letzten Jahrzehnten nur noch tiefer in die Gesellschaft eingegraben. Gaben 1970 noch 18 Prozent aller männlichen Jugendlichen an, gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben, waren es 1990 gerade einmal zwei Prozent. „Seitdem die Homosexualität als eine eigene Sexualform öffentlich verhandelt wird, kommt die Befürchtung der Jungen hinzu, womöglich als .Schwuler. angesehen zu werden“, erklärt der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch dieses Ergebnis.(25) Mit diesem Befund korreliert die Tatsache, dass „schwul“ heute in der Jugendsprache zum verallgemeinerten Synonym für alles geworden, von dem man sich, aus welchem Grund auch immer, abgrenzen möchte. Die Situation Jugendlicher, die sich in Personen des eigenen Geschlechts verlieben, hat sich dadurch sicher nicht verbessert. Eine Studie der Berliner Senatsverwaltung für Jugend, Schule und Sport von 1999 kommt nach einer Umfrage unter 217 lesbisch-schwulen Jugendlichen zu dem Ergebnis: „Sechs von zehn Befragten haben schon einmal daran gedacht, ihrem Leben ein Ende zu setzen, die Mädchen/Frauen etwas häufiger als die Jungen/Männer. 18 Prozent haben bereits einen (oder mehrere) Suizidversuch(e) hinter sich.“(26) Bei der Angabe der Gründe für die eigenen Probleme rangiert dabei mit 84 Prozent „Einsamkeit“ an der Spitze; nur 16 Prozent gaben an, dass sie ihre „homosexuellen Gefühle nicht akzeptieren“ konnten.
    Diese einzelnen Schlaglichter auf die bundesdeutsche Realität stehen nicht im Widerspruch zur Emanzipation der „Homosexuellen“ in den letzten 35 Jahren; sie sind aber das Ergebnis einer sozialen Organisationsform, welche die Möglichkeit der Erfahrung gleichgeschlechtlicher Liebe respektive Lust mehr denn je an die Übernahme einer als abweichend konstruierten „homosexuellen Rolle“ bindet. Lesbisch-schwule Identitätspolitik bedeutet nicht die Infragestellung dieser Rolle, sondern ihre nachdrückliche Bejahung und oft auch ihre Ontologisierung zu einer transhistorischen Konstante. Butlers Verteidigung dieser Identitätspolitik ist die Folge einer vor-kopernikanischen Sichtweise, die das Regime heterosexueller Normalisierung nicht „produktiv“ – d.h. als Hervorbringung von devianten Subjekten –, sondern weiterhin negativ in den Begriffen von Tabu, Unterdrückung und Verbot denkt.

    Die Ablehnung von Identitätspolitik hat nichts mit einem besonderen Radikalismus zu tun, der einem kompromissbereitem Pragmatismus entgegenstünde. Das hat etwas damit zu tun, dass Identitätspolitik, wie Georg Klauda in dem Absatz zeigt, einfach scheiß-gefährlich ist.
    Das ich Gender-Gaps benutze hat übrigens nichts damit zu tun, dass ich Transsexualität oder Gender-Bending oder ähnlich Konzepte sichtbar machen möchte. Es geht mir nicht darum, die Aufmerksamkeit auf eine aus welchen Gründen auch immer, aus der Zweigeschlechtlichkeit ausbrechenden Minderheit zu lenken, sondern die mitgedachte stinknormale Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit eben auch „mitzuschreiben“. Da gibt es nicht viele andere Möglichkeiten und Gender-Gaps sind m.E. auch ne recht miese.

  21. 21 Miss Taken Identity 19. Dezember 2008 um 19:53 Uhr
  22. 22 katzi perri 19. Dezember 2008 um 19:59 Uhr

    Ich glaube das Lied ist gar nicht mal so schlecht, weil dadurch vielleicht das eine oder andere Klischee-Heten-Maedel mal ein „girl kissed“ und das ist doch toll. :x

  23. 23 st_eve 19. Dezember 2008 um 23:03 Uhr

    @MTI: naja, ich finde es eben schwierig einen mittelweg der ausdrucksweise zu finden. zum einen fühlt es sich eben im altag als erleichterung an, sichtbar zu werden. das hat nix radikales, das stimmt, es hat für einzelne sowie identitäre gruppen ein moment der raumnahme auf einem feld, das ihnen sonst nicht begehbar ist (aber verfügbar) ist.
    ein anderer punkt ist aber richtigerweise der, ob damit denn „weiterhin negativ in den Begriffen von Tabu, Unterdrückung und Verbot“ agiert und gedacht wird oder aber, was eben wie du sagst misslingt, „deviante Subjekte“ hervorgebracht werden. ob das wiederum überhaupt möglich ist, solange die welt in heterosexuellen matrizen organisiert ist, ist dann die nächste frage. denn wenn ich setze, dass ich mich immer nur in einer solchen matrix bewegen kann, da sie das deviante, das nicht-sein-sollende, das a-normale immer schon mitschreibt, kann ich mich freuen, dass meine darin verfangene identität einmal nicht beschimpft, sondern abgefeiert wird. (s.o.)

  24. 24 Stephan 26. Dezember 2008 um 15:32 Uhr

    Katy Perry’s „I kissed a girl“ war doch ein Fake, mit dem sie sich interessant machen wollte.
    Es gibt dazu eine Persiflage von Amanda Palmer und dem Danger Ensemble: http://www.youtube.com/watch?v=zy9mRvQYAlE (schlechte Qualität, aber mit Ansage von Amanda Palmer) oder http://www.youtube.com/watch?v=BDGAedaWR_c (bessere Qulität). Vielleicht könnt ihr bei der nä#chsten Party den Song mit dem Video von Amanda Palmer spielen und alle sind zufrieden.:d

  25. 25 w 29. Dezember 2008 um 1:15 Uhr

    ausnahmsweise muss ich bigmouth mal 100% worden
    :)

    anekdote:
    mediokrer süddeutscher popdudelfunk, august 2008, „i kissed a girl“ läuft. männlicher dj1 zu männlichem dj2: „hey, diese katy perry ist ja extrem heiß. hast du vielleicht ihre nummer?“

    genau solche hetero-spacken werden von dem scheiß angefixt, irritation durch homo- oder bi-begehren war da null zu spüren.

  26. 26 _ 29. Dezember 2008 um 13:38 Uhr

    Ich habe die böse Vermutung, mit dem Lied soll Geld verdient werden, indem es Wichsphantasien wie hier vertretene anspricht. R.A.F.F.I.N.I.E.R.T.!.

  27. 27 isabelle 29. Dezember 2008 um 22:49 Uhr

    ich weiss nicht, dass kann man so oder so sehen. sehr queer ist das lied natuerlich nicht, aber wenn man sich die zb kommentare auf youtube zu dem video anguckt, scheint gleichgeschlechtliches knutschen schon ein gewissen schock fuer einige menschen darzustellen und gar nicht so mainstreaming sein. und naja, nur super queere songs von super queeren kuenstler_innen aufzulegen ist meiner meinung nach nur schwer moeglich (wenn man moechte dass auch tatsaechlich leute dazu tanzen).

  28. 28 neitherfishnorfowl 31. Dezember 2008 um 19:39 Uhr

    als intellektuell benachteiligter kann ich hier leider nicht so mitreden von wegen gender, sexualität und so. aber das lied ist doch eindeutig bloß zum geld verdienen auf die zielgruppe hingeschnitten. pubertierende jugendliche die nicht wissen mit ihren hormonen oder was auch immer.

    ps: ich bin heterosexuell und interessiere mich daher auf dem gebiet der sexualität ausschließlich für frauen. ich hoffe das stört hier niemanden.

  29. 29 Paula 06. Januar 2009 um 17:14 Uhr

    Mensch, da habt ihr ja mal wieder ein beachtliche Buzzword-Liste zusammenbekommen.

    Bei dem Lied hat mich besonders genervt, dass alle Party-Lezzards total drauf abgehen, weil da eine „I Kissed A Girl“ schreit. Bei genauem Hinhören ist es aber nur heiße Luft mit fragwürdiger Grundattitüde. Bei folgender Textstelle ist mir dann die Hutschnur hochgegangen:

    Us girls we are so magical
    Soft skin, red lips, so kissable
    Hard to resist so touchable

    Soso. Frauen sind also zauberhafte Wesen, geschminkt, weich und grundsätzlich ganz besonders gut zu küssen und unwiederstehlich und sowieso ganz toll anzufassen?! Gehts noch?! Dass dem so sei stellt der Text als vollkommen selbsverständlich dahin. Das Frauenbild, das dieser Text transportiert, ist einfach nur bemitleidenswert schwach. Und das Video zum Song unterstreicht das ganze nochmal sehr schön.

    Immerhin finden es 90 Prozent aller heterosexuellen Männer ganz toll, heterosexuellen Frauen beim Küssen zuzusehen. „I Kissed a Girl“ bedient fast ausschließlich dieses uralte Klischee.

    Paula

  30. 30 Eliska 10. Januar 2009 um 14:23 Uhr

    @ Paula:
    Ja so geht es mir jedesmal, wenn ich das Lied im Radio höre. Ich finde einfach, dass dieses Frauenbild etwas naja, übersexualisiert ist und dass das Video wiederum die ganze Schiene einfach bedingt.

    Ich selbst finde das Lied einfach nur schlecht (das ist von meinem Geschmack abhängig)!

  31. 31 Tuff 10. Januar 2009 um 16:02 Uhr

    Stellt euch mal dieses Lied vor, nur von einem Mann gesungen „I kissed a guy“ ;) Würde das Lied dann überhaupt noch funktionieren?

    Wohl nicht, da männliche und weibliche Homosexualität in der Wahrnehmung der breiten Masse nochmal zwei unterschiedliche Sachen sind.

  32. 32 Lena 17. Februar 2009 um 19:52 Uhr

    Ja, wenn Frauen sich knutschen ist das sexy & scharf aber wehe zwei Männer küssen sich…pfui bah bah…

    ;)

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