Definitiv Indefinitiv

Wenn din Feindnin uns bekämpft, ist das gut und nicht schlecht.

Nein, ich bin nicht betrunken, sondern hochkonzentriert. Was auf den ersten Blick ein wenig an kindliche Geheimsprachen erinnert (z.B. die „Hühnersprache“: „Wennhenlefen, diehilefie Feinheinlefein dinhinlefin…“), ist ein sprachwissenschaftlich gut durchdachter Versuch, transinterqueere Geschlechtlichkeiten zu einer grammatischen Kategorie, einem eigenen Genus, zu erheben. Während die Schreibweise des Unterstrichs geschlechtlich undefinierten Menschen lediglich einen Raum „zwischen“ den grammatischen und semantischen Kategorien „Mann“ und „Frau“ gibt, spreche ich davon, eine eigene Kategorie der Ungewissheit zu etablieren. Kein Neutrum (das), sondern ein Indifinitivum (din).

Aus feministischen und dekonstruktivistischen Versuchen, kreativ mit Grammatik umzugehen, sind verschiedene Konzepte hervor gegangen1. Die „Sylvain-Konventionen“ sind eines darunter. Ich habe in der Liminalis 02/2008 davon gelesen und möchte versuchen, sie hier kurz darzustellen, da der Artikel lang und z.T. trocken-sprachwissenschaftlich ist.2

Ausgehend von der queertheoretischen Forderung, dass die Selbstbezeichnung eines Menschen wichtiger zu nehmen ist als meine eigene (üblicherweise zweigeschlechtliche und heteronorme) Wahrnehmung einer Person, soll die deutsche Grammatik grundlegend transformiert werden. Wir stehen täglich vor der Notwendigkeit, Menschen zu bezeichnen. Während „die Autorin“ oder „der Autor“ zwar leicht verständlich ist, müssen sich diese Zuschreibungen nicht notwendig mit der Selbstwahrnehmung eines Menschen decken. Ein Ausweg ist eben der Unterstrich, zu schreiben und sagen „die_der Autor_in“. Sprache bleibt somit jedoch zweigeschlechtlich und eröffnet zwischen diesen Polen lediglich einen dritten, unbestimmten Raum, der sich sprachlich nicht gleichberechtigt, sondern lediglich als Zeichen „_“ (oder beim Sprechen: kurze Stille, Geste oder einfach Wissenheit der Zuhörenden) realisiert. Auch lässt sich der Unterstrich schwer Sprechen und führt oft zu grammatischen Schwierigkeiten.

Das Indefinitivum (hingegen) bezeichnet jene Menschen, die nicht männlich und nicht weiblich sind sowie alle geschlechtlich unbestimmten, uneindeutigen, zwei- oder mehrdeutigen und anderen Formen geschlechtlicher Liminalität. Es wird auch verwendet, wenn das Geschlecht einer Person oder Personengruppe nicht bekannt oder nicht eindeutig bestimmbar ist. Daher wird es in Bezug auf Personen grundsätzlich als Pluralform verwendet. Eine Ausnahme hiervon bildet die Nennung einer Gruppe von Menschen des gleichen Geschlechtes, die mit der Pluralform des jeweiligen Geschlechtes bezeichnet wird.

Heißt natürlich: Zuerst einmal sind alle Menschen indefinitiv – wer sich damit unwohl oder nicht angesprochen fühlt, gibt eben einfach an, wie sie/er/… bezeichnet werden möchte:

Menschen, die sich eindeutig männlich oder weiblich fühlen oder definieren – und zwar unabhängig davon, welche chromosomalen, hormonalen, gonadalen, genitalen oder morphologischen geschlechtlichen Merkmale sie besitzen oder welche körperlichen Modifikationen sie vornehmen (lassen) – werden mit dem Maskulinum oder Femininum bezeichnet. […]
Dies bedeutet auch, dass alle allgemeinen Formen, die zuvor mit dem Maskulinum bezeichnet wurden,
nun mit dem Indefinitivum bezeichnet werden.

Das von Cabala de Sylvain im Science Fiction-Roman „Wandelnde/Jungle Juice” konzipierte „Indefinitivum“ (oder auch: liminales/“drittes“ Geschlecht) erweitert die deutsche Grammatik um Artikel, Pronomen und Deklinationen und korrigiert einige Unregelmäßigkeiten. Grundlage sind das Personalpronomen „nin“, der unbestimmte Artikel „einin“, der bestimmte Artikel „din“ sowie die Personenbezeichung „Lim“. Es ergeben sich so vier (grammatische/semantische) Geschlechter:

Maskulinum/männliches Geschlecht: der/ein Mann, viele Männer, viele Leser
Femininum/weibliches Geschlecht: die/eine Frau, viele Frauen, viele Leserinnen
Indefinitivum/liminales und/oder “drittes” Geschlecht: din/nin Lim, viele Lims, viele Leserninnen
Neutrum/sächliches Geschlecht: das/ein Tier, viele Tiere.

Man kann din auch toll deklinieren:

Nominativ: Din Lim hat Hunger. (vgl. „Die Frau hat Hunger“)
Genitiv: Das Wurstbrot dins Lims habe ich aufgegessen.
Dativ: Das Wurstbrot gehörte dim Lim.
Akkusativ: Din Lim habe ich natürlich vorher nicht gefragt, ob das ok für nin ist.

Unbestimmte Artikel und Adektivendungen kann mensch ganz gut zusammen erklären (Plural wird wie im Deutschen üblich gebildet):

Nominativ: Einin jungin Lim hat Hunger. (vgl. „Eine junge Frau hat Hunger“)
Genitiv: Das Wurstbrot einins jungen Lims habe ich aufgegessen.
Dativ: Das Wurstbrot gehörte einim jungen Lim.
Akkusativ: Einir jungin Lim habe ich natürlich vorher nicht gefragt, ob das ok für nin ist.

Das kann ich jetzt noch ewig weiter aufzählen, ich glaube gerade das weite Feld der Pronomen (z.B. Personal: nin, nimser, nim, nin) lohnt sich dann doch eher einfach tabellarisch nachzuschlagen im besprochenen Artikel. Dort finden sich auch queere Überwindungshinweise für als höflich geltende Anreden, diverse Ausgleichskonzepte für sonstige grammatische Unregelmäßigkeiten des Genus sowie eine Literatur- und Hinweisliste.

Sprache ist keine unveränderliche Einheit. Die ihr zugrunde liegenden Regeln nicht nur zutiefst widersprüchlich, sondern unterliegen in verschiedenen Sprachstufen, Epochen, Regionen und Kontexten maßgeblichen Veränderungen/Unterschiedlichkeiten. Kreativer, lustvoller Umgang mit diesem Wissen ist Grundvoraussetzung, um einen Vorschlag wie den zum „liminalen Geschlecht“ umzusetzen. Vieles wirkt zunächst unverständlich und kompliziert. Gleichzeitig muss mensch sich vor Augen führen: Aus Texten von vor 300 Jahren ist vieles auch kaum mehr verständlich oder wirkt „falsch“. Buchstaben ändern sich. Bezeichnungen. Schreibweisen. Grammatik. Es zeigt sich, dass Sprache flexibel und veränderlich ist, dass an verschiedenen Ort im gleichen Sprachraum auf verschiedene Weisen gesprochen und bezeichnet wird. Vielleicht inspiriert dies ja dann doch die Eine, den Anderen oder din Lim.

  1. vgl. Persson Perry Baumgartinger: Lieb[schtean] Les[schtean], [schtean] du das gerade liest… Von Emanzipation und Pathologisierung, Ermächtigung und Sprachveränderungen. In: Liminalis 02/2008 [zurück]
  2. vgl. Cabala de Sylvain und Carsten Balzer: Die SYLVAIN-Konventionen – Versuch einer „geschlechtergerechten“ Grammatik-Transformation der deutschen Sprache. In: Liminalis 02/2008. Alle weiteren Beispiele sind wörtlich oder theoretisch dem Text entnommen. [zurück]

15 Antworten auf “Definitiv Indefinitiv”


  1. 1 pia 17. Februar 2009 um 22:41 Uhr

    danke für den artikel, sehr interessant :-) hatte bisher noch nie etwas von liminalität gehört, aber die idee klingt für mich erstmal nach einer sehr bemerkenswert lösung!

  2. 2 bigmouth 19. Februar 2009 um 11:04 Uhr

    nachdem ja schon esperanto ein ausserordentlicher erfolg war…

  3. 3 nummer.drei 19. Februar 2009 um 12:08 Uhr

    bigmouth, dir wird klar sein, dass der Vergleich mit Esperanto nicht funktioniert, da dort eine völlig neue Sprache geschaffen wird, während in diesem Falle die geläufige zum Großteil unangetastet bleibt, sich lediglich einen 4. Genus zulegt.
    Aber mal unabhängig von solchen Schönheitsfehlern im Vergleichen, hast du natürlich Recht, dass sich die Frage stellt: Wer wendet das an?
    Schon so kleine Versuche wie „per“ als unbestimmtes Personalpronomen zu verwenden (ich erinnere mich an einen Sommer vor 3 oder 4 Jahren als das sehr in Mode war) sind nicht besonders weit gekommen. Andererseits: Das Schreiben mit Binnen-I ist weit über linke Flugzettel hinaus verbreitet (hier in Österreich wohl noch mehr als in D), und statt „man“ „frau“ oder „mensch“ zu sagen und zu schreiben ebenso und wird auch verstanden.

  4. 4 flawed 19. Februar 2009 um 23:50 Uhr

    Schade, dass in dem Artikel nicht linguistisch motiviert wird, warum der Indefinitiv gerade so realisiert werden soll.

    Warum braucht man mit Indefinitiv eigentlich noch ein Binnen-N?

  5. 5 nummer.drei 20. Februar 2009 um 1:45 Uhr

    @flawed
    grundsätzlich: nimm kontakt zur liminalis auf, dass sie dir den kontakt von persson baumgartinger geben und frag nin.
    mein geheimtip: kontaktiere queeropedia – laut impressum müsstest du bei persson ankommen: office_at_queeropedia_dot_com

  6. 6 laylah 20. Februar 2009 um 13:33 Uhr

    „din“ klingt wie „dein“ (hieß es im mittelhochdeutschen ja auch), schlimm. dass der akkusativ „einiR jungin lim“ sein soll statt „einiN“, versteh ich auch nicht. phonetische aspekte scheinen komplett außer acht gelassen worden zu sein („einins“, na klar).

  7. 7 postidentitaer 26. Februar 2009 um 12:52 Uhr

    von der idee her interessant, aber wie laylah schon schrieb, klingt das alles ziemlich mittelhochdeutsch oder in meinen ohren auch altnordisch. hab ich keine sonderlich positiven assoziationen mit…

  8. 8 illith 03. März 2009 um 0:40 Uhr

    „din“ klingt mir auch zu plattdeutsch^^

    ansonsten bin ich ja auch schon seit ewigkeiten dafür, dass ich ein paar findige linguistInnen mal zusammensetzen und praktikable alternativen auf den tisch packen. kann doch nicht so schwer sein.
    obige find ich aber weniger ansprechend….

  1. 1 Gesammelter Kram #4 « medium - wenn schon n3rd, dann richtig! Pingback am 23. Februar 2009 um 15:58 Uhr
  2. 2 Literatur und Links für Pronomen ohne Geschlecht « annaHeger Pingback am 02. August 2009 um 2:24 Uhr
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