Die Geister, die ich rief…

Vielleicht erinnert sich noch wer an den Emma-Artikel „An der Sexfront“.
Aufgrund dieses Artikels und vor allem der Leserbriefreaktionen darauf hat eine Bekannte von mir selbst einen Leserbrief verfasst. Und damit der nicht untergeht, mich gebeten, ihn auch im Mädchenblog zu posten.
Voilà:

Liebe Emma und auch liebe EmmaleserInnen,

erstmal vorweg: wir waren nie immer der gleichen Meinung. Gut so, das qualifiziert uns schon mal als denkende Individuen. Aber als treue Abonnentin, nach dem Lesen der Leserbriefe über den „Sexfront-Selbstversuch“ möchte ich doch aufmucken!
Erstmal zu mir: ich bin Mitte zwanzig, weiblich, heterosexuell, selbstbewußt, glühende Feministin und – bevor früher oder später der Verdacht aufkommt – JA, ich hatte eine glückliche Kindheit mit sehr viel Wärme und großartiger Familie.
Ich bin Studentin. Bastle gerade vielbeschäftigt an meiner Karriere, wenn man das so nennen will. Ich habe einen festen Freundeskreis, auf den ich mich verlassen kann und bin deswegen trotz Singledasein alles andere als einsam. Böse Zungen behaupten ja, das ginge nicht.
Nun denn. Ich bin ein sexuelles Wesen. Ich habe gerne Sex. Auch nix besonderes. Aber anscheinend doch – hatte ich nicht gerade gesagt, ich sei Single? Ja.
Erstes Outing: ich habe eine Affäre laufen und bin One Night Stands nicht abgeneigt. Schließlich bin ich eine emanzipierte Frau und kann durchaus entscheiden, ob ich mich mit einem Mann einlasse, den ich sexuell attraktiv finde und mich mit ihm ins Bett begebe. Aber: das heißt nicht, daß ich mich von jedem Erstbesten „abschleppen lasse“. Stets bin ich es, die entscheidet, was sie mit wem wann macht. Und ob überhaupt. Manchmal hat frau ja auch einfach keine Lust auf Sex, nicht wahr? Tja, und dann laß ich’s eben. (Und schwupps, schon bin ich drin in der Rechtfertigungsfalle. War ja nicht zu vermeiden.)
Für eine feste Beziehung ist in meinem Leben momentan kein Platz. Ich habe weder Zeit noch Energie oder Bedürfnis, ein Stück meines Lebens auf intime Art mit einem anderen Menschen zu teilen, das muß warten. Gut – sollte ich über einen großartigen Mann stolpern, in den ich mich verliebe, ja prima! Dem ist aber gerade nicht so. Und ich bin damit sehr zufrieden.
Deswegen will ich mein sexuelles Ich aber nicht beiseite schieben. Ist ja schließlich kein allzu unwichtiger Teil von mir. Also, kurzum: ich gehe hin und wieder mit fremden Männern ins Bett. Und habe einen mords Spaß daran.
Warum also der ganze Aufstand, warum schreibe ich diesen Sermon? Outing Nummer zwei: auch ich bin bei poppen.de angemeldet, ebenjenem Portal, über das Frau Kullmann berichtet hat.
Teilweise überschneiden sich unsere Erfahrungen. Zig Mails mit Anmachsprüchen der übelsten (und manchmal auch komischsten) Sorte. Wie im echten Leben. Aber immer mal wieder wirklich nette Menschen. Wie im echten Leben.
Nun brauche ich keine Netzcommunity, um hin und wieder mal Sex zu haben. Aber mir schien der Gedanke reizvoll, Blind Dates zu haben, Menschen sozusagen per Zufallsprinzip kennenzulernen, die man sonst wohl nie getroffen hätte.
Gut – ganz so sehr Zufall ist es nicht. Ich treffe mich nicht mit Menschen, deren erste an mich gerichtete Worte „Willst du ficken?“ sind.
Aber ja, ich habe mich mit Männern getroffen über dieses Portal. Vieren insgesamt.
Einer war ca. 20 Jahre älter als angegeben. Ja, das war wohl ein Griff ins Klo. Da hab ich mich dann auch recht schnell wieder verabschiedet. Ein andermal fanden wir uns beide nicht sonderlich attraktiv, hatten aber trotzdem einen netten Abend mit interessanten Gesprächen bei ein paar Bier in einer Kneipe.
Bei den anderen beiden Malen lief etwas und es war eine recht angenehme Erfahrung. Mit einem von diesen habe ich unter anderem auch stundenlang über Gott und die Welt philosophieren können, eine richtig schöne Bekanntschaft. UND guter Sex.
Nun ist es ja nicht bei jeder so, daß Sex und Verliebtheit oder gar Liebe getrennt voneinander gelebt werden können. Bei mir ist es so, ich genieße es und finde, das gehört respektiert. Gerade in feministischen Kreisen erwarte ich eigentlich, daß selbstbestimmte und selbstsichere Sexualität eher applaudiert als bedauert wird. Dafür gibt’s ja auch in der Emma genügend Beispiele.
Aber hin und wieder fühle ich mich „weggestoßen“.
Wenn Frau Kullmann tagelang nicht mehr vom Computer wegkommt, andere Frauen auf einmal als Schlampen oder Rivalinnen oder so sieht und sich am Ende auch noch kurz Gedanken macht, Geld für Sex zu verlangen – und das alles wegen einem Internetportal, auf dem man Sexkontakte knüpfen kann, dann kann ich nur verwundert den Kopf schütteln.
Ich hab mir nach der Lektüre dieses Artikels so meine Gedanken gemacht, mich selbst beobachtet. Und irgendwie hat besagtes poppen.de mein Leben kaum tangiert. Mein Männer- und auch Frauenbild hat sich nicht verändert (und ehrlich gesagt und ohne beleidigend sein zu wollen: aber wer wie Frau Kullmann wegen Sexkontakten übers Internet auf einmal andere Frauen verächtlich sieht, der sollte vielleicht an seiner generellen Einstellung zu anderen Frauen und/oder sich selbst arbeiten). Außer daß ich mir vielleicht manchmal verschmitzt Gedanken drüber mache „Wer weiß, vielleicht ist der/die am Cafétisch neben mir auch dort angemeldet? Irgendwo müssen die Leute im Internet ja herkommen“. Das war’s denn aber auch.
Vielleicht bin ich einfach aus einer anderen Generation, die das Internet als alltägliche, nicht besondere Plattform wahrnimmt und sich deswegen nicht so sehr vereinnahmen läßt? Wenn ich diese Sexcommunity im Netz (manchmal monatelang) nicht mehr besuche, dann weil es mich gerade langweilt, ich andere Sachen zu tun habe (mein Leben kreist ja nicht um das Abgreifen möglichst vieler Männer!) oder einfach grad keine Lust dazu habe – und nicht etwa, weil mich diabolische Prostitutionsgedanken plagen.
Nun ja, jeder macht andere Erfahrungen und man könnte es dabei belassen.
Aber die Leserbriefe in der aktuellen Ausgabe der Emma, ja, da hab ich zum Teil große Augen gekriegt! Der Artikel sei eine Zumutung, das sei Pornographie, dazu geeignet, sich aufzugeilen, der Spaß dabei sei nur Fassade und eine andere hat gar die Seiten rausgerissen, bevor sie das Heft weitergab.
Daß der Artikel derart krasse Emotionen auslöst, zeigt für mich weiterhin, daß die Emanzipation noch nicht am Ende ist, daß noch viel getan werden muß. Auch und gerade im Bereich weiblicher Sexualität.
Früher war allein die Ehe die offizielle „Eintrittskarte“ in das sexuelle Erleben als Frau. Dem ist heutzutage Gott sei Dank nicht mehr so. Aber ich hab das Gefühl, daß das Prinzip dasselbe geblieben ist, unbewußt, vielleicht eine Art Sicherheitsgefühl, das an die bekannten Strukturen von damals anknüpft. Denn heute soll frau, um nicht als Schlampe oder Opfer zu gelten, gefälligst Blümchensex in einer romantischen Zweierbeziehung haben. Nur innerhalb dieses Rahmens ist gelebte Sexualität „erlaubt“. Alles andere ist schmutzig. Aber ist das de fakto nicht genau dasselbe in grün?
Ich kann ehrlich zu mir sagen, ich WILL Sex und nein, ich will KEINE feste Beziehung. Nicht jetzt, nicht in diesem Abschnitt meines Lebens.
Es hat viele Jahre Feminismus gebraucht, um Mädels wie mich zu „schaffen“. Doch nun haben manche FeministInnen Angst vor den Geistern, die sie riefen. Nun heißt es, eigentlich seien wir ja Opfer, wir wüßten es nur nicht.
Es wird gefordert, daß Frauen ihre Sexualität selbstbestimmt leben – und so lange das in ein Schema paßt, das den alten Mustern ähnlich und somit leichter verständlich ist, ist das in Ordnung. Aber wir sind ja Individuen, wir passen nicht in Muster! Und nur, weil ich nichts ins Muster passe, will ich mich nicht schlecht fühlen müssen.
Ich tue, was der Feminismus fordert: ich lebe und genieße meine Sexualität ohne Ende! Aber da sie anscheinend nicht die Erwartungshaltung mancher FeministInnen erfüllt – KANN es ja gar nicht so sein. Oder wie jetzt?
Wenn ich lesen muß, daß Kullmann, deren Internetexperiment ja nur kurze Zeit andauerte, laut einer Leserbriefschreiberin eine „verlorene Seele“ ist – ja, wie muß ICH mich dann erst fühlen? Daß es bei solchen Portalen nur um Geschlechtsteile geht – und ich diese Erfahrung nicht teilen kann? Daß emanzipierte Sexualität sich solcher Methoden nicht bedienen darf, weil frau sonst automatisch Opfer sei?
Ich bin kein Opfer. Wenn mich mein One Night Stand vorm Verlassen meiner Wohnung, wenn ich noch im Bett liege, zärtlichst auf den Oberarm küßt und ein „Dankeschön“ raunt, kann ich von Respektlosigkeit nichts fühlen. Wenn ein Mann, einen Tag, nachdem ich Sex mit ihm hatte, den Text auf seinem poppen.de-Profil ändert, und zwar in: „Männer, benehmt euch hier nicht immer wie Höhlenmenschen. Jeder von „uns“ vergibt sich hierdurch auch nur annähernd die Chance eine Frau als Frau hier kennen lernen zu dürfen.
Dieses „Forum heißt für euch ab jetzt nicht mehr „Poppen.de“ Sondern : Faszination Frau!!!!
Danke!““, ja, wieso sollte ich den Eindruck haben, ich sei ein Opfer, eine verlorene Seele gar? Sei zum Objekt gemacht worden?
Ich fühlte mich beim Lesen der Leserbriefe regelrecht „schmuddelig gemacht“. Von Frauen, die eigentlich dasselbe wollen wie ich: individuell-genußvolle Sexualität für alle Frauen und die Möglichkeit, diese ohne Scham auszuleben. Und ich tue das. Sicher bin ich nicht das Feministinnen-Vorzeigemodell, ich hab noch gut an mir zu arbeiten. Aber was meine Sexualität angeht, bin ich mit mir im Reinen. Ich kann in den Spiegel sehen und ehrlich zu mir sagen: Du traust dich, das zu tun, was du willst und tust nichts, was du nicht möchtest!
Und ich dachte immer, gerade die feministische Gemeinschaft würde sich darüber freuen.
Denn ihr, Frau Schwarzer, Frau de Beauvoir, all ihr FeministInnen, IHR habt mir das ermöglicht, IHR habt mir beigebracht, mich so zu verhalten, nämlich ehrlich zu mir selbst und mit einem riesen Dickschädel, der sich eben nicht immer nach dem Mainstream richtet. IHR habt mir beigebracht, mich einen Dreck drum zu scheren, ob man mich als „verfehlte“ oder „unanständige“ Frau ansieht, sondern selbstbewußt mein Ding durchzuziehen. Dafür herzliche Küsse und abermals Dank!!!!! Aber ihr? Fürchtet ihr euch jetzt vor eurer eigenen Courage?
Denn ihr habt eure Töchter ganz nach eurem Ideal zu unabhängigem Verhalten, auch und gerade in der Sexualität, erzogen. Jetzt unterstützt sie doch auch weiterhin, statt ihnen vorzuwerfen, sie suchten nur nach Genitalien oder seien Gefühlskrüppel, verlorene Seelen.
Denn wenn ich so etwas lese, gerade in meiner vielgeliebten Emma, dann fühlt es sich an, als würde ich weggestoßen, als hätte ich mal so gar nichts kapiert. Dieses paternalistische Gehabe erlebe ich täglich, wieso denn auch noch in der Emma? Wenn ich diese lese, will ich mich zu Hause fühlen. Und nicht zu Unrecht derart verurteilt werden. Ich will keinen Feminismus, der von oben auf mich herabschaut und mir erklärt, wie ich ja „eigentlich fühle“ und mich dann verwirrt zurückläßt, weil ich doch eigentlich ganz gut weiß, wie ich mich fühle, wobei es mir gut geht und wobei nicht. Denn diese Verwirrung besorgt schon das Patriarchat.
Schwesterliche Grüße, Liebe und Respekt an alle!
B.M.


19 Antworten auf “Die Geister, die ich rief…”


  1. 1 lahmacun 01. März 2009 um 19:51 Uhr

    Der Artikel sei eine Zumutung, das sei Pornographie, dazu geeignet, sich aufzugeilen, der Spaß dabei sei nur Fassade und eine andere hat gar die Seiten rausgerissen, bevor sie das Heft weitergab.

    krass.

    die leserbriefe gibt’s nur im heft (und nicht online), oder?

  2. 2 Alice 02. März 2009 um 8:59 Uhr

    Bravo!

  3. 3 julinoir 02. März 2009 um 13:01 Uhr

    die kommentare im forum sind ja auch schon krass genug. da wird die reine, weibliche sexualität angepriesen, immer latent bedroht von den bösen perversen männern. da sehen sich einige als letzte hüterinnen der menschlichkeit usw. usf. hier nur mal ein kurzer ausschnitt:

  4. 4 Julinoir 02. März 2009 um 13:03 Uhr

    die kommentare im forum sind ja auch schon krass genug. da wird die reine, weibliche sexualität angepriesen, immer latent bedroht von den bösen perversen männern. da sehen sich einige als letzte hüterinnen der menschlichkeit usw. usf. hier nur mal ein kurzer ausschnitt:

    Ebenso geht es mir in meinen eigenen Beiträgen nicht darum, wer recht behält. Ich habe nur noch die Erinnerung daran behalten, wie Menschen a n d e r s zusammenleben und empfinden können und was Sex sonst noch bedeuten kann – der ist mir nämlich sehr wichtig, und ich persönlich leide unter der Vorstellung, bald nur noch von Menschen umgeben zu sein, die nichts anderes kennen, als nach irgendwelchen vorgegebenen Praktiken übereinander herzufallen.

  5. 5 bigmouth 02. März 2009 um 14:09 Uhr
  6. 6 bigmouth 02. März 2009 um 14:13 Uhr

    oh, mittlerweile isser ja auch bei der emma komplett online, war vor 10 tagen noch anders, sorry

  7. 7 bigmouth 02. März 2009 um 14:16 Uhr

    sehr schöner kommentar aus dem forum

    „Ich war von dem Artikel enttäuscht. Die Autorin erscheint mir wie ein Vegetarier der eine Kritik zu einem Kochbuch für Rindfleischspezialitäten schreibt.“

  8. 8 illith 02. März 2009 um 18:12 Uhr

    fand den artikel, gerade auch, wie er auf dem cover beworben wurde, schon ziemlich BILDesk reißerisch.
    der hat mich außerdem in bedrägnis gebracht, da ich die EMMA mit auf arbeit (jugendhilfe) hatte, ein mädel angelockt durch die catchline den artikel las – und ich ihr dann erklären musste, um was es bei „natursekt“ handelt @-) b-( sowas kann einen kopf und kragen kosten #:-s

    zum inhalt: war leider EMMA-linientreu, alles, was irgendwie mit sex (minus liebe/beziehung) zu tun hat, in ne komische schmuddelecke zu drängen…
    grade auch diese als ‚zwischenüberschriften‘ eingefügten männer-zitate (jaja, ganz schlimm sowas *betroffenheit*) und dieses strange „fazit“ am ende (kann ich mich ja auch gleich auffn strich stellen).

  9. 9 gtz 02. März 2009 um 18:25 Uhr

    wieso genau liest man die emma? is da ernsthaft erkenntnisgewinn draus zu ziehen? oder gehts um distinktionsgewinn?

  10. 10 dodo 02. März 2009 um 19:13 Uhr

    ich kann da jetzt nur für mich selber sprechen, aber an und für sich mag ich die emma. es gibt immer wieder themen, da les ich die artikel gleich gar nicht (alphamädchenbashing, böse moslems,…) – aber was den rest betrifft, da kann ich schon was damit anfangen. die recherche ist auch meist besser als bei vielen anderen zeitungen.
    bis auf die paar artikel, wo ich echt denke das hätt jetzt nicht sein müssen – freu ich mich auf die emma.

  11. 11 lea 02. März 2009 um 21:54 Uhr

    dodo – warum überrascht uns dieses bekenntnis nicht?

  12. 12 bigmouth 03. März 2009 um 0:07 Uhr

    dodo, willst du nich deiner freundin bescheid sagen, dass sie sich mit der autorin auch auf deren seite auseinander setzen kann (s trackback unten)? ich würe das gerne lesen, und fände das spannend

  13. 13 Georg 03. März 2009 um 1:48 Uhr

    Ich finde den Bericht über ihren Selbstversuch von Katja Kullmann großartig. Ich bin wirklich kein Emma-Leser, und hätte ich den Bericht darin gelesen, wäre ich vielleicht voreingenommen gewesen.

    Diese strotzende Würdelosigkeit und Armseligkeit ist für mich der Dreh- und Angelpunkt. Das hat sie wirklich schonungslos ehrlich dargestellt.

    Aber ich kann mir vorstellen, dass Frauen die mit so etwas umgehen können (solchen massiven SPAM ausklammern können), dort auch ansprechende Kandidaten finden können. Die Masse macht es möglich, alles eine Frage der Geduld.

    Ich würde das sicher anders beurteilen, wenn ich gewusst hätte, dass das für die Emma war. Aber so finde ich den Bericht angenehm entsetzt und angewidert und auf die 12 benannt: Raumausstatterfratze, Eigenheimsofa, Pimmelbilder und Schmerbäuche in Tangas, das wuchernd Eklige, Niedrige und Ungeile.

  14. 14 izzy 03. März 2009 um 3:39 Uhr

    ich finde diesen kullmann-artikel furchtbar langweilig und belanglos, so a la: „was, es gibt seiten im internet, über die sich leute zum sex verabreden?! oh nein, schockierende neuigkeiten! menschen schicken einem dort unmissverständliche angebote voller rechtschreibfehler? und sind im wirklichen leben gar nicht so gutaussehend und sexy wie vermutet?! das kann nicht sein!“
    also, ich finde der artikel zeugt von einem typischen case der internetphobie. genau auf die gleiche konservativ-ängstliche weise kann mit allen sachen das internet betreffend umgegangen werden.
    kennt mensch ja von studivz: oh nein, alles ist so oberflächlich, alle sind mit 100.000 leuten befreundet, die sie in wirklichkeit gar nicht kennen! die wahre freundschaft wird bald als solche nicht mehr existieren!
    oder wikipedia: oh nein, alle schreiben da mit, dass ist überhaupt nicht objektiv und ersetzt alle RICHTIGEN informationsquellen!
    oder blogs: oh nein, jeder idiot kann seine meinung überall hinschreiben, informationsüberfluss, selektionsprobleme, usw.
    tja, das internet ist halt komplex, hat gute und schlechte seiten, die man oft nicht auseinanderhalten kann, und der user muss eben lernen, irgendwie damit klarzukommen. bei dem kullmann-artikel hatte ich das gefühl, dass das wirkliche problem der autorin eher im umgang mit der internet-welt lag. also zum beispiel darin, wie sich die konstruktion einer identität im internet von der im „wirklichen leben“ unterscheidet/unterscheiden kann, wie interaktion zwischen menschen oder verschiedenen identitäten im internet anders als im „wirklichen leben“ funktioniert, inwieweit die eigene „internet-identität“ die „wirkliches leben -identität“ beeinflussen kann/soll/darf, etc.

  15. 15 illith 03. März 2009 um 19:07 Uhr

    gut gesagt (*)

  16. 16 Caroline-NL 07. März 2009 um 11:38 Uhr

    Von einem Portal namens „poppen DE“ kann frau nun wirklich nicht auf anspruchsvolle Erotik schließen. Ich lese die EMMA seit 2 Jahren nicht mehr, weil sie nur negativ über Pornographie und Sexualität urteilt. Positive Elemente, die es ja auch gibt, werden konsequent ausgeklammert. Wer dies kritisiert, ist anti-feministisch, intellektuell minderbemittelt oder beides zugleich.

  17. 17 Jazy 12. März 2009 um 16:15 Uhr

    danke für den großartigen leserbrief!
    ich fand den kullmann-artikel schlichtweg nichtssagend und schlecht – traurig, wenn EMMA solche aufmacher braucht. kullmann schreibt selbst, dass es sich schlicht um ein protokoll ohne jegliche politische aussage handelt, ein unreflektierter ersatztext – so what? und was haben die EMMAS da reininterpretiert? a) im netz tummeln sich perverse schweine b) single frauen und schneller heterosex funktioniert nicht c) frauen verlieren ihre selbstachtung und die achtung vor anderen frauen durch „Selbst-Pornoisierung“ d) egal, müssen nur eine lücke im heft füllen…keine ahnung.
    anyway – wie es die autorin des lesebriefes auf den punkt gebracht hat – mit selbstbestimmter weiblicher sexualität hat das herzlich wenig zu tun und das liegt wohl nicht allein an portalen wie poppen.de. :-?

  18. 18 mononoke 27. März 2009 um 13:15 Uhr

    solche pages haben potenzial, grad für frauen (die Autorin spürt diese Definitionsmacht sofort!)

    wenn ich in fascho-foren stöbere, schreib ich danach auch artikeln in diesem tenor, nicht wenn ich dem projekt eigentlich positiv gegenüber stehe – war sicher ein fesselnder selbstversuch, der aber die grundlage hatte, dass Fr. Kuhlmann wohl nicht so richtig „wusste, was sie wollte“, ausser einen artikel drüber zu schreiben. (ich glaub ihr nicht so recht, dass sie echt auf der suche war)

    sich klipp und klar zu sex und lust zu bekennen hat doch ungemeines emanzipatives potenzial in dieser -zwar sexuell diffusen, aber- prüde gebacklashten gesellschaft.

    (auch liessen sich solche pages weit anregender gestalten)

    ich seh mir poppen.de mal an…

  1. 1 Katja Kullmann » Blog Archive » Internet-Sex - die Nachwehen Pingback am 02. März 2009 um 23:11 Uhr

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