«Meine Freundin hat gesagt, ich bin dick.»

Schön, wenn Eltern gewisse Dinge auffallen. Wie etwa Nicole Althaus, die auf einem Mamablog die bei Kindern schon beliebten Schimpfworte „schwul“ und „fett“ kritisiert.

Dem neuen Komplex der Primarschülerinnen bin ich an der letzten Geburtstagsparty meiner Tochter zum ersten Mal begegnet: Eines der gelandenen Mädchen sass ganz allein auf dem Sofa, während die anderen Gäste Kuchen assen. Ich fragte die Neunjährige, ob sie keinen Schokoladencake möge, worauf sie nur mit den Schultern zuckte und sagte: «Meine Freundin hat gesagt, ich bin dick.»

Gut, jemanden als „dick“ zu bezeichnen, um sie zu beleidigen, ist nichts neues.
Trotzdem finde ich es irgendwie krass, wenn schon Neunjährige sich davon einschüchtern lassen (müssen).
Daß „schwul“ und „dick“ nur allzuoft bei vielen ganz unreflektiert als „anerkannte Mängel“ im Hirn gespeichert sind, Mängel, die es zu vermeiden gilt, zeigt ein polemischer Kommentator ganz musterhaft:

So, genau aus dem Grunde würde ich mit keiner eher dicklichen Frau ernstlich ein Kind zeugen wollen. Dies, dem Kind zu liebe! Es wird bis ins hohe Alter an einem dicken Po, flachen Brüsten zu leiden haben. Die Welt ist oberflächlich und fies- dies wissend, müssen einige Frauen und Männer eben auf Kinder verzichten, oder gut im Ignorieren der Probleme (sozialie Isolation wegen der Optik) sein.

Eine andere Kommentatorin hat mehr verstanden:

Diese Worte sollten in der Schule thematisiert und als diskriminierend dekonstruiert werden, damit sie nicht mehr als selbstverstaendlich und unabhaengig vom eigentlichen Wortsinn verstanden werden koennen. Zudem sollten Eltern darauf achten, dass sie Kinder darueber unterrichten, dass diese Worte sehr verletzend sind und nicht gebraucht werden.

Ich habe schon hunderttausendmal Eltern ihre Kinder zurechtweisen sehen, „Man sagt nicht Arschloch“, „Du darfst den Kevin nicht blöde Sau nennen, das tut man nicht!“ – aber noch kein einziges Mal habe ich eine Mama oder einen Papa darauf reagieren sehen, wenn ihr Kind die Worte „schwul“ oder „dick“ als Beleidigung nutzen.
Wahrscheinlich findet man es deswegen als harmlos, weil die Kleinen ja eh noch nicht genau wissen, was „schwul“ ist. Oder die Mutter denkt bei sich selbst im Stillen „Die kleine Anja könnte wirklich mal abnehmen!“
Der Punkt ist, daß Kinder noch nicht reflektieren können – von Eltern sollte man das aber erwarten können.

Kinder haben keine genaue Vorstellung von Übergewicht oder Homosexualität im Kopf, wenn sie den Kameraden diese Schimpfworte an den Kopf werfen. Aber sie haben ein feines Sensorium für das, was ausgrenzt, weil es von der propagierten Norm abweicht.

Auch wenn Althaus für meine Begriffe etwas zu zögernd vorgeht –

Sollte diese Reduktion auf Rollenklischees uns Müttern und Vätern zu denken geben? Oder handelt es sich dabei bloss um idiotische aber harmlose Auswüchse der Jugendsprache?

-
immerhin macht sie sich Sorgen und stellt sich diese Frage.
Sollten mehr Eltern tun.


13 Antworten auf “«Meine Freundin hat gesagt, ich bin dick.»”


  1. 1 kurukurushoujo 23. April 2009 um 11:04 Uhr

    Haha, der Kommentator, der mit keiner dicklichen Frau ein Kind zeugen will, hat mich wirklich amüsiert: um das Zeugen eines dicken Kindes zu vermeiden, müsste er nämlich die gesamte genetische Vergangenheit seiner Frau und seiner selbst kennen, was praktisch unmoglich ist- einmal abgesehen davon, dass viele genetisch zu Fettleibigkeit neigende Menschen durch strikte Diäten und/oder Essstörungen über viele Jahre hinweg ein dünnes Äußeres beibehalten.

  2. 2 anti 23. April 2009 um 15:43 Uhr

    Obwohl ich grundlegend dem Beitrag zustimme insofern, als dass die beiden „Schimpfworte“ noch ungenügend thematisiert werden, scheint mir ein anderes Problem wichtiger zu sein – aber das wird auch an den grundlegend unterschiedlichen politischen Strömungen liegen aus denen wir kommen: Ich glaube nicht, dass eine Dekonstruktion der beiden Begriffe irgendwie weiterhilft.
    Das heißt nicht, dass ich es nicht für zumindest eingeschränkt nützlich hielte, wenn in der Schule eine Art Awareness Unterricht eingeführt würde. Grundlegend scheint es mir ein Problem zu sein, dass überhaupt keinerlei Möglichkeit der sensiblen Bezugnahme auf die Situation anderer mehr besteht, wie überhaupt sämtliche Beziehungen zwischen Menschen langsam dahinschwinden.
    In Zeiten zunehmender Prekarität – und des damit einhergehenden Schwundes an Ausbildung zumindest, eher an Bildung generell – werden nur noch wenige in den Genuss kommen, sich der Konkurrenz so vornehm entziehen zu können, wie es vielleicht noch einigen Gymnasiasten und Gymnasiastinnen erlaubt ist: Den kleinen Dirks und Jennys von nebenan bleibt da, mangels tatsächlicher Vorzüge die sie auf dem Kapitalmarkt vorweisen können, nur der Verweis auf ihre körperliche – womöglich optische – Überlegenheit, um sich zumindest einen gewissen Sozialstatus zu erhalten.
    Solange wir nicht aus der universellen Verwertungslogik herauskommen, nützt uns die schönste Dekonstruktion nichts – denn diejenigen, die die Bildung besitzen eine solche Dekonstruktion anzuwenden, benötigen sie zumeist – wenn auch nicht immer – ohnehin nicht.
    Für sie rangiert ein Verweis auf derartige Qualitäten in den meisten Fällen ohnehin unter „Oberflächlichkeit“ (in bürgerlichen Kreisen) oder „Lookismus“ (in linken Klitschen), was nichts daran ändert, dass noch immer von jeder Werbesäule herab ein durchnormierter Sexualreiz gafft, der über Photoshop stets näher an ein fiktives Ideal gebracht wird. Womöglich ist noch dieses Ideal zu verändern, dadurch neue Diskurse zu öffnen – abgeschafft wird es dadurch aber nicht.
    Womit ich vermutlich mit dir übereinstimme: „Idiotisch aber harmlos“ gibt es nicht. Die Jagd auf die Abweichler und Abweichlerinnen trägt potentiell immer ein bedrohliches Element in sich, das beachtet werden muss. Ich glaube nicht, dass wir – innerhalb der bestehenden Verhältnisse – die Rollenklischees vollkommen entkräften oder gar aufheben können. Was wir sehr wohl können, ist intervenieren, wenn es zu einer irrationalen Ausgrenzung von Minderheiten kommt, nämlich durch das Einstehen mit der eigenen Person.
    Diese solidarische Praxis, die sich auch Beleidigungen und dergleichen gegen Freunde und Freundinnen nicht bieten lässt, die ebenjene da denunziert wo sie kann – scheint mir sinnvoller als eine Dekonstruktion der Kategorie. Aber das sind ja nur meine zwei Cent, die sich ja auch nicht zwingend ausschließen.

  3. 3 Zer-Schmetterling 29. April 2009 um 17:29 Uhr

    Es ist wirklich nicht gut, dass Neunjährige so reagieren. Bei meinem Praktikum im einem Kindergarten fiel mir ein fünfjähriges Mädchen auf, das nie etwas essen wollte. Als ich sie fragte, ob sie das Essen nicht möge, antwortete sie mir, dass ihre Mutter gesagt hätte, sie sei zu dick.

  4. 4 illith 30. April 2009 um 13:29 Uhr

    ist ja auch kein wunder, diese hysterische panimache der letzte jahre über das verfettende deutschland hat ja offenbar dazu geführt, dass bereits kindergartenkinder auf „gesunde“ ernährung getrimmt werden. plus diese ganzen dreckssendungen im TV über abnehm-camps und ernährungsberaterinnen und diät-reportagen – da könnt ich kotzen (nicht aus gewichtsreduktions-gründen ;) )

  5. 5 Katze mit Hut 30. April 2009 um 17:20 Uhr

    Genauso häufig wie „dick“ oder „schwul“ tönt es in Grund- und weiterführenden Schulen „behindert“. Da sind sogar nicht funktionierende Stifte, Nachmittagsunterricht und ähnlich unbelebte Dinge „behindert“. DAS stört allerdings weder Lehrer noch Eltern – sind diese entweder ebenfalls „nichtbehindert“ oder aber sie „finden nichts dabei“.

    „Du Opfer“ oder „Jude“ sind weitere „Schmipf“-Wörter. Allen zusammen eignet die Reflexion darauf, wie „man“ nicht zu sein hat. Übrigens auch nicht „weiblich“. „Hey Mädels“ ist in einer Männerclique nicht gerade wohlgelitten …

  6. 6 sakura 14. Juli 2009 um 20:06 Uhr

    hi.. also du willst wissen ob du dick bist also ich sage jetzt meine meinung: ich finde du bist zu dick.. sri aber ja wenn ich du wäre würde ich mehr sport machen und mehr gemüsse essen und keine süssigkeiten essen etwa eine woche oder so aber pass auf das du nicht zu dünn bist!! und noch etwas.. ich würde kein herz zeichnen bei deinem bauch und ich würde mal rassieren du hast nehmlich extrem viele haare aber du musst nicht ;) das ist deine entscheidung.. ich wollte einfach meinen kommentar geben :d

  7. 7 Annie_Slut 14. Juli 2009 um 23:07 Uhr

    @sakura: Was soll denn der Scheiß? Hat dich irgenwer danach gefragt, ob du den Bauch auf dem Foto „zu dick“ findest? Ich glaube nicht. Und ich glaube auch zu wissen, warum nicht: Weil sowas völlig Irrelevantes wie dein lookistischer Müll niemanden interessiert.

  8. 8 dodo 15. Juli 2009 um 11:26 Uhr

    lol wie geil haha
    das herz hat mein damaliger freund gemalt, „um die süßen härchen zu umrahmen“.
    aber schön, daß mir jetzt auch von offizieller seite erlaubt wird, sie zu haben.
    hab ich ja grad noch glück gehabt…:d

  9. 9 frankenstein 15. Juli 2009 um 12:39 Uhr

    mobbing ist in jedem fall scheiße. egal, ob man nun als „dick“, „schwul“ oder sonst was bezeichnet wird. ich schätze mal, dass der gebrauch von schimpfworten – oder was man dafür hält – nicht nur bei grundschülern völlig unreflektiert ist, aber ihnen lässt man es deswegen wohl noch eher durchgehen. als fände das eben nur in einer phase statt, aus der sie „rauswachsen“. in der regel geht aber den wenigsten von alleine ein licht auf.
    manche lassen solche angriffe auch gar nicht an sich ran. für die sind die täterInnen eben einfach blöd. schwierig wird es für einige doch erst dann, wenn sie merken, dass hinter diesen täterInnen eine ganze gesellschaft steht, die auch was gegen „dicke“, „schwule“ etc hat. erst dann suchen sie gezielt die fehler bei sich und versuchen womöglich sich anzupassen. und da kinder heute viel medienverseuchter sind als früher, kommt es eben schon vor der pubertät zu solchen auswüchsen, in denen sich neunjährige vom schokokuchen fernhalten. wobei in dem fall ja sogar die mutter eine idealvorstellung von ihrer tochter hat, die diese erfüllen will.

    @lilith: ich finde zwar auch, dass diese sendungen furchtbar sind, aber ich glaube trotzdem, dass es wichtig ist, im konsolen-fast-food-zeitalter über den zusammenhang zwischen einer ausgewogene ernährung und gesundheit zu reden – natürlich in anderer form. dick zu sein sollte einen nicht zum mobbingopfer werden lassen, aber ich finde auch nicht, dass man es verharmlosen sollte. natürlich spreche ich jetzt nicht von dem ein oder anderen fettpolster, sondern von starkem übergewicht. was aber wirklich keine seltenheit mehr ist und eben auch keine ungefährlichen folgen nach sich zieht.

    @sakura: ein paar satzzeichen wären auch nicht verkehrt gewesen. aber vielleicht ist es bei diesem kommentar auch besser, wenn man nicht weiß, wo ein satz anfängt oder aufhört.

  10. 10 illith 16. Juli 2009 um 1:08 Uhr

    es heißt illith ;)
    ja, ist ein schwieriges thema. mittlerweile steigt mein blutdruck schon immer augenblicklich, wenn ich nur die worte „gesunde ernährung“ & co höre/lese.
    ich empfehle das buch Lizenz zum Essen (Gunther Frank) und unter einschränkung auch die Werke von Udo Pollmer.
    die legen – für mich überzeugend – dar, warum diäten, aber auch empfehlungen für „gesunde ernährung“ und klörperliche ertüchtigung bestenfalls nutzlos sind, schlimmstenfalls krank und gestört machen. und was darüberhinaus für lügen und fehlinformationen bei den themen gewicht, essen und gesundheit kursieren.

    kann aber auch sein, dass ich kompensatorisch in die entgegengesetzte richtung ein bisschen überreagier.

  11. 11 neuer nick 16. Juli 2009 um 9:25 Uhr

    Meinen bescheidenen Erfahrungen mit Sport nach zu urteilen kann ich da zwar durchaus einen Nutzen daraus ziehen, ich werde aber in Zukunft darauf verzichten um nicht krank oder „gestört“ zu werden :(

  12. 12 frankenstein 16. Juli 2009 um 10:03 Uhr

    @illith: oh entschuldigung! hab ich irgendwie immer falsch gelesen. lilith lag nur irgendwie so nahe ;)
    ich kann das schon verstehen. es wird ja auch viel übertrieben und irgendwelche ideale aufgestellt. fließt ja auch viel geld, wenn es ums abnehmen geht, oder überhaupt um „gesunde ernährung“.
    es soll ja aber niemand zum genussverweigerer werden. nur bin ich der meinung, dass sich viele krankheiten (z.b. allergien, zucker, aufmerksamkeitsstörungen etc), die mittlerweile schon viele kinder treffen, besser mit einer gesünderen ernährung behandelt werden sollten, als (nur) mit medikamenten.
    das buch klingt aber interessant. werd ich mir mal ansehen.
    aber nicht falsch verstehen. mir geht es nicht um körpergrößen und gewicht, sondern nur um gesundheit. und das kann, muss aber nicht in zusammenhang stehen. jeder ist anders veranlagt.

  1. 1 Diese Woche in den Blogs « Maedchenmannschaft Pingback am 26. April 2009 um 14:49 Uhr

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