Genderstudies als Hindernis?


Kathryn schreibt in der feministing community über ein verzwicktes Problem bei der Jobsuche.
Sie hat als Hauptfach Englisch und Gender Studies, im Nebenfach Philosophie studiert.
Bei Vorstellungsgesprächen scheint aber ein ganz spezielles Interesse an den Gender Studies aufzutauchen:

I have had several interviews where the interviewer asks about my GWS major and seems rather preoccupied with it. The line of questioning tends to revolve around my idea of what sexual harassment is, and whether or not I am inclined to bring frivolous lawsuits.

Anstatt es als Gewinn anzusehen, eine Mitarbeiterin mit Wissen in diesem Feld zu haben, fürchtet man sich vor ihrer Gefährlichkeit. Das mag in gewissem Sinne ja bestätigen, wie notwendig dieses Fach noch ist, gereicht der Bewerberin aber nicht zum Vorteil.
Den Grund hat Kathryn schon herausgefiltert:

I happen to live in Kentucky, and a lot of the people who are in a position to hire/pay me don‘t have a very clear concept of what Gender Studies is all about.

Scheint mir bei diesen Reaktionen auch so.
Daß das frustriert, kann ich mir lebhaft vorstellen. Kathryn ist sogar schon so weit, daß sie sich überlegt, ob sie ihre Ausbildung in Gender and Womens Studies verschweigen soll.

My question is this: as someone who needs a job, badly, would it be permissible (as a feminist and just as an honest human) to leave my second major off of my resume when I apply for certain jobs? I know that I would feel like I was disowning myself a bit to do it, but I really need work, and I know how competitive the market is right now.

Ich frage mich, wie könnte man das ändern? Eine Ausbildung in Gender Studies als das, was sie ist, darstellen – nämlich vorteilhaft?
Und außerdem – ist das hierzulande auch so? Hat jemand Erfahrungen damit?


15 Antworten auf “Genderstudies als Hindernis?”


  1. 1 gend-a 07. Mai 2009 um 12:23 Uhr

    was meinst du denn mit „vorteilhaft“? natürlich können gender studies „vorteilhaft“ sein für ein unternehmen. schließlich kann man dann schöne diversity konzepte imlementieren um die produktivität zu erhöhen. aber geht es dir daurum, denn herren unternehmern beizubringen, dass sie ihre zwecke auch mit absolventinnen aus diesem studiengang ganz gut erreichen können?

    ich weiß persönlich von einem angebot an einer deutschen uni, dass dort im rahmen des studiums erworbene gender-zertifikat gesondert zum abschlusszeugnis ausgestellt zu bekommen. dies geschieht aus dem oben genannten grund – zukünftigen arbeitgebern stößt eine solche qualifikation mitunter auf.

  2. 2 lahmacun 07. Mai 2009 um 12:59 Uhr

    >Anstatt es als Gewinn anzusehen, eine Mitarbeiterin mit Wissen in diesem Feld zu haben

    also ich kenne ne frau, die schreibt – mit unterstützung von nem konzern – grad ihre abschlussarbeit zu nem arschaffirmativen genderkram, nämlich gender mainstreaming im personalmanagement (zum glück gibt’s feministische marxistinnen, die das gm kritisieren, leider marginalisiert). wenn ich das schon höre! weibliche arbeiterinnen etc. mit super special weiblichen superfeatures.
    - ob lohnarbeit dabei zB thema ist? LOL, natürlich nicht! und so kam es auch, bei all der umwerfenden kritik, dass die frau nun angesichts der finanzkrise die sorge plagt, ob ihre erkenntnisse überhaupt verwurschtbar sind, weil jetzt wird ja gekündigt und nicht mehr eingestellt.

    >Eine Ausbildung in Gender Studies als das, was sie ist, darstellen – nämlich vorteilhaft?

    ja, mach mal. dann kannste dich, wie andere expertinnen, auch beim bundesheer als gender-expertin andienen. und zB untersuchen, ob das mitm mainstreamen beim heer schon klappt (eifler, zB).

  3. 3 lahmacun 07. Mai 2009 um 13:02 Uhr

    ergänzung: das mit der verwurschtbarkeit plagt sie natürlich, weil sie ja als gender-expertin ins perso-management will. DASS gekündigt wird, findet sie voll ok – versteht sich. bringt nur leider die karriereplanung ein bissl durcheinander.

  4. 4 dodo 07. Mai 2009 um 13:46 Uhr

    ähm, könntest du mir den gefallen tun und mich nicht mit deiner gender mainstreaming-bekannten verwechseln?
    danke.
    ICH schreibe hier nirgendwo von „weiblichen superfeatures“, noch davon, daß das thema lohnarbeit in den gender studies ausgespart werden sollte noch bin ich dafür, daß sämtliche gender-studentInnen in den bund eintreten sollen (das kapier ich eh nicht, was das jetzt sollte).
    abgesehen davon, daß diese unterstellungen nicht grad produktiv sind, wär ein angemessener umgangston mir ganz lieb.

  5. 5 lahmacun 07. Mai 2009 um 14:21 Uhr

    was ich sagen wollte: natürlich kann man gender studies – und ich behaupte jetzt auch mal frech, das das nicht wenige tun – derart systembejahrend lehren, forschen und sonstwie anwenden, dass sie sich sehr gut verwurschten lassen (eiflers zB habe ich bei nem vortrag gehört – da ging es um gm beim militär: auch da kann man mittlerweile arbeiten in dem feld, no problem*). es kommt also drauf an, was man machen will. – und welche position man einnimmt. gender studies ist ja nicht gleich gender studies, von der ausrichtung her gibt’s da schon verschiedenste ansätze. mit gender mainstreaming kann man sich durchaus erfolgreich andienen zB. (man kann Zb arbeitgebern erklären, dass arbeiterinnen produktiver sind, wenn sie nicht ständig sexuell belästigt werden: dass sich mit vorkehrungen gegen sexuelle belästigung also die ausbeutung steigern lässt. – das ist ok, es wäre ja auch reichlich absurd, umgekehrt dann – weil man gegen ausbeutung ist – aktionen gegen sexuelle belästigung abzulehnen; aber man sollte sich dann zB nicht das schild radikaler gesellschaftskritik umhängen. manche tun das trotzdem.) mit nem feministischen antikapitalismus tut man sich da schon schwerer.

    ich frage mich ja manchmal, ob es für „den“ feminismus nicht ein riesiger nachteil war, im nachhinein, dass er in der 08/15-wissenschaft angekommen ist (als gender studies studiengänge zB). radikale systemkritik (im sinne: eine ganze andere gesellschaft muss her! kein arrangieren!) war, zumindest bilde ich mir das ein, früher schon etwas öfters zu hören.

    - und der beitrag von dir, der handelt halt von sowas: wie komm ich im system vorwärts? ein bisschen hier ändern, ein bisschen da – reformismus eben. damit schluckt man eben auch ne ganze menge systemscheisse.

    mein umgangston ist dem thema durchaus angemessen.

    *eben, eiflers – ein gutes beispiel: keine kritik am militär an sich. das einzige, was sie kritisierte, war dass gm noch nicht ideal läuft. früher gab’s noch ne knallharte feministische kritik an krieg und militär, oft auch verknüpft mit ner kapitalismuskritischen perspektive. bei diesem vortrag aber: ne. und auch das publikum – zufrieden. es geht eben nur noch darum, das system geschlechtergerecht auszugestalten, inkl. ausbeutung, krieg und anderen späßen. die fragen sind dann: durften bei nem kriegseinsatz auch frauen an forderster front „den gegner“ kalt machen? wieviele frauen sind schon offiziere? wieviele panzerfahrerinnen gibt es?
    und dann in allen anderen bereichen dasselbe.

  6. 6 gend-a 07. Mai 2009 um 14:35 Uhr

    ich muss hier – wie immer&überall – lahmacun zustimmen. und hätte von dir, dodo, gerne eine antwort auf meine fragen. beispiele für genderzentrierte abschlussarbeiten an/in unternehmen kenn ich übrigens auch einge. ist das jetzt „vorteilhaft“, und: für wen?

  7. 7 dodo 07. Mai 2009 um 14:51 Uhr

    zu der eiflers: die kenn ich nicht. aber von dem was du geschrieben hast, geb ich dir recht. das ist ne sehr komische schiene.
    „– und der beitrag von dir, der handelt halt von sowas: wie komm ich im system vorwärts? ein bisschen hier ändern, ein bisschen da – reformismus eben. damit schluckt man eben auch ne ganze menge systemscheisse.“
    das ist bestimmt ein problem, das oft auftaucht. wäre ein eigenes topic wert.
    aber mir ginge es in erster linie darum, daß bestimmt viele leute feministisch-progressive arbeit (ich nenn das jetzt mal so) unterstützenswert fänden, wenn sie wüßten, was das ist. welche vorteile das hat (und ich spreche ja nicht nur von vorteilen für eine kapitalistische ausbeutung)und statt einer sache, die sehr wertvoll sein kann, nur klischeebehaftete nachteile sehen.
    bestimmt gibts auch in den genderstudies schrott (siehe die von dir zitierte armee-tante) – aber dann wäre es als arbeitgeber sinnvoller, nach der abschlußarbeit etc. zu fragen statt gleich beim wort gender studies ne panikattacke zu kriegen.
    es geht ja auch nicht nur darum, daß der potentielle wert der g.st. nicht (an)erkannt wird, sondern, daß er auch in anderen bereichen, die gar nix damit zu tun haben, weil man nicht als jemand gesehen wird, der/die ne solide ausbildung in nem bestimmten fach hat, sondern als jemand, der/die in erster linie im hinterkopf zumindest als männerhassende furie abgestempelt wird, die nur darauf aus ist, auf kosten der männlichen mitarbeiter oder der firma stunk zu machen.
    das läßt sich ja durchaus wieder auf das grundprinzip zurückführen, daß man, wenn man sich – jetzt schon mal ganz allgemein – kritisch mit gender usw. auseinandersetzt, irgendwie auch das patriarchat angreift und dieses dann aggressiv mit ausgrenzung reagiert.
    das find ich durchaus ein problem, das es wert ist, diskutiert zu werden!

  8. 8 lahmacun 07. Mai 2009 um 15:37 Uhr

    >und ich spreche ja nicht nur von vorteilen für eine kapitalistische ausbeutung

    schau, das problem ist doch, dass in nem kapitalistischen betrieb nur das zählt. unternehmer/innen mögen privat noch so nett sein, aber in der konkurrenz geht es nicht um nettigkeit oder menschenliebe. – sonst würde ja vieles anders aussehen.

    >nach der abschlußarbeit etc. zu fragen statt gleich beim wort gender studies ne panikattacke zu kriegen.

    was du sagst, ist: arbeitgeber/innen halten uns ZU UNRECHT für ganz radikale! – derweilen sind wir doch so super konstruktiv.

    schade.

    ***

    zum thema an sich: bei manchen bewerbungen habe ich angegeben, dass ich schon gender-vas gemacht habe, bei anderen nicht. – kommt drauf, für was man sich bewirbt. bei nem unternehmen raushängen zu lassen, dass man sich mit „frauensachen“ beschäftigt, vllt sogar nicht kritisch (also nicht gender mainstreaming zb, oder nur kritisierend), kann schon ein fehler sein, weil die sich vor allen fürchten, die ihre arbeiter/innen aufwiegeln könnten. – und das kann so ne „gendertante“ eben auch machen. ich hab irgendwann den schluss daraus gezogen, mich auf stellen, wo ich den eindruck habe, das verstecken zu müssen, nicht mehr zu bewerben. lohnarbeit ist ein muss, da kann man nicht aus, aber man muss sich ja nicht mit den schlimmsten jobs quälen. seelenheil, quasi.
    gender studies ist halt auch so ein ein studium, das sich, wenn man nicht grad stockaffirmativ karriere machen will im personalmanagement, eignet für ne verwurstung im öffentlichen oder politischen bereich. der eu-kommission gut entlohnt zuarbeiten oder ein bissl prekär forschen. oder gewerkschaft …

  9. 9 dodo 07. Mai 2009 um 16:48 Uhr

    schau, das problem ist doch, dass in nem kapitalistischen betrieb nur das zählt. unternehmer/innen mögen privat noch so nett sein, aber in der konkurrenz geht es nicht um nettigkeit oder menschenliebe. – sonst würde ja vieles anders aussehen.
    das problem kann man aber auch auf jenseits der lohntätigkeit ausweiten.
    konkretes beispiel: ne freundin ist umgezogen, wollt sich in ner linksalternative kollektivkneipe engagieren. als sie dann nebenbei erwähnte, daß sie mal vor paar jahren einen feministischen diskussionsabend organisiert hat, kam als reaktion von ein paar leuts auch so ein panikanfall à la „aber nicht, daß du hier jetzt alles nur auf feminismus und so umkrempeln willst!“
    das grundproblem ist umfassend, geht über den lohnarbeitsbereich hinaus. ist in dem aber halt deswegen schmerzhafter, weil man sich’s nicht aussuchen kann, ob man jetzt da mitmacht oder nicht.
    was du sagst, ist: arbeitgeber/innen halten uns ZU UNRECHT für ganz radikale! – derweilen sind wir doch so super konstruktiv.

    schade.
    nä. das sag ich nicht. ich sage: sie haben eine falsche vorstellung, IN WAS GENAU wir radikal sind.
    als beispiel jetzt, ein arbeitgeber kann sehr wohl für radikale gleichberechtigung in seinem betrieb sein, hat aber keine ahnung was genderstudies sind und denkt, die will sie für radikale frauenbevorzugung einsetzen (um jetzt mal klischees zu bemühen).

  10. 10 lahmacun 08. Mai 2009 um 13:18 Uhr

    >sie haben eine falsche vorstellung, IN WAS GENAU wir radikal sind.

    eben. und da spaltet sich der feminismus dann eben in verschiedene strömungen, zuvorderst:

    - bürgerlich-liberaler feminismus, der im prinzip auf das hinausläuft, was ich zuspitzte mit dem beispiel militär (und durften frauen gleichberechtigt menschen abknallen): die geschlechtergerechte teilhabe im system.
    - marxistischer/sozialistischer feminismus, der eben sagt: erstens sind die meisten benachteiligung eng mit dem herrschenden politökonomischen verknüpft. und, zweitens: bei ner gleichstellung innerhalb dieses systems wollen wir gar nicht stehen bleiben. weil: ein geschlechtergerechter kapitalismus eben immer noch oben und unten kennen würde, nur eben geschlechtergerecht sortiert. (dann haste ne geschlechtergerechte armut – aber eben immer noch armut etc)
    die sagen dann zB auch so „anmassendes“ (für manche feministinnen), wie: ein schwarzer prolet ist mieser dran als ne weiße kapitalistin. – d.h. sie beziehen eben die soziale lage mitein, rassismus etc. (class, race, gender) d.h. sie brechen da auch das paradigma „patriarchat“ – und das zurecht.

    es ist ja nicht so, dass es nicht mal debatten drüber gegeben hätte im feminismus, dass konkurrenz zB vollkommen abgeschafft werden muss (und da stellte sich dann auch nicht die frage, ob man sich – in der konkurrenz um ausbeutung – mit abschüssen „wertvoller“ machen kann für arbeitgeber/innen.). – marcuse hat gegen lebensende nicht ohne grund (allerdings auch ein bissl den – allerdings nicht biologistischen, sondern sozialisationstheoretischen – differenzfeminismus hochhaltend) seine ganze hoffnung auf einen systemumsturz durch den feminismus gesetzt.
    aber heute posieren bürgerliche wie scharzer unter dem banner des feminismus für die bild – d.h. feminismus ist zu weiten teilen systemintegrierend. nicht, dass es das nicht auch schon in der geschichte gegeben hätte: bürgerlich-liberale feministinnen waren früher schon für nationalismus und ähnliche späße zu haben, und auch der nationalsozialismus sorgte in so manchem bereich für geschlechtergerechtigkeit (was wiederum so mancher feministin gefiel).

  11. 11 gtz 09. Mai 2009 um 6:50 Uhr

    ich finde, das is ein guter beitrag.

  12. 12 lahmacun 17. Mai 2009 um 17:41 Uhr

    man kann sich durchaus einbringen. zB

    Diversity Management ist keine Modeerscheinung und keine kurzfristige Sache! Diversity Management ist eine Unternehmensstrategie, die gerade in schwierigen Zeiten nicht brach liegen sollte!

    Durch vielfältige Mitarbeiterstrukturen lassen sich Märkte und Kundengruppen erschließen und die Innovations-
    fähigkeit steigt. Dadurch trägt Diversity Management zum
    Gesamterfolg einer Organisation bei.

    Nutzen Sie daher die Möglichkeiten, die sich für Ihr Unternehmen bieten: Schöpfen Sie die Vielfalt aus und etablieren Sie Diversity Management als Strategie und damit als Wettbewerbsvorteil. So steuern Sie Ihr Unternehmen auch in schwierigen Zeiten in die richtige Richtung.

    (aus nem folder für so ne diversity management tagung)

    oder auch: IKEA – auf bei der tagung vertreten – stellt zB nicht aus reiner menschenfreundlichkeit parkplätze für familien mit kindern zur verfügung. – das ist einfach n wettbewerbsvorteil gegenüber der konkurrenz.

    maßnahmen hingegen, die dem unternehmen schaden, zB wenn mitarbeiter_innen nachhause gehen könnten zur betreuung eines kranken kindes bei lohnfortzahlung, wird man nicht durchsetzen können. bzw. wenn man sie doch durchsetzen kann, setzt das unternehmen halt auf kinderlose. kennt man ja: es ist eben ein hindernis, wenn man kinder hat und daher zB nicht unbeschränkt überstunden machen kann. gar nicht auszudenken, wenn noch mitarbeiter_innen jederzeit bezahlt nachhause gehen könnten, nur weil das balg kränkelt!

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