Weibliche Aggressivität=Amok?

Nachdem eine 16jährige bei dem geplanten Versuch, ihre Schule anzuzünden eine Mitschülerin verletzt hat, haben wir hier jetzt auch „unsere erste weibliche Amokläuferin“.
So. Und was sagt uns das jetzt? Erstmal gar nichts.
Denn eigentlich war es doch gar kein Amoklauf. Noch nicht mal ein geplanter.
Kuckt man bei Wikipedia nach, dann steht da:

Amok (malaiisch: meng-âmok, in blinder Wut angreifen und töten) ist eine psychische Extremsituation, die durch Unzurechnungsfähigkeit und absolute Gewaltbereitschaft gekennzeichnet ist.


So. Nach allem, was ich weiß, ist das Mädel aber geplant vorgegangen (wenn auch – gottseidank – nicht sonderlich effektiv) und die Merkmale eines Amoklaufs scheinen mir hier definitiv nicht zuzutreffen. Sie ist nicht außer sich in die Schule gestürzt und hat wild Mollies um sich geworfen.
Schon bei Winnenden fand ich die Bezeichnung „Amoklauf“ recht zweifelhaft, hier aber schlicht unangemessen.
Natürlich hat es was mit dem Zeitgeistphänomen von gewalttätigen und tötenden Jugenlichen an Schulen, der kurzen Zeitspanne zu Winnenden und dem nett griffigen und skandalverheißenden Wort zu tun, daß überall „AMOK!!!“ geschrieben und geschrieen wird. Paßt ja so schön ins Konzept.
Aber unterschwellig impliziert es noch etwas anderes, was gerade bei einer weiblichen Täterin bezeichnend ist.
„Amok“ impliziert psychischen Extremzustand, außer sich sein, etwas Rauschhaftes, nicht bei sich sein. Nochmal Wikipedia:

Unmittelbar vor der Tat erfolgt ein Wutanfall, der sich in einer Reihe von Tötungshandlungen ohne ersichtliches Motiv entlädt. Dabei wird der Blick des Amokläufers starr, er reagiert kaum auf andere Reize, ist nicht mehr ansprechbar. Während der Tat ist die Impulskontrolle ausgeschaltet, der Täter befindet sich in einem „Zustand der inneren Leere“.

Also eigentlich die ultimative Unzurechnungsfähigkeit.
Das muß auch so sein. Zumindest, wenn es eine Täterin ist.
Wahn, zerstörerische Leidenschaft, Rache, Irrsinn – all diese Attribute werden Frauen in Extremsituationen gemeinhin genauso zugestanden wie Männern (wenn auch meist in Form von „Mutter will Junges schützen“ bzw. „Verrückt vor Liebe zu einem Typen“).
Kühle Berechnung hingegen, die sich vielleicht auf eine geschädigte Psyche stützen, aber den Verstand nicht ausschaltet, scheint aber Privileg der Männer zu sein – es sei denn, man kann das Ganze schön mit einem patriarchatskonformen Mythos á la „destruktive Hure mit Herz aus Eis“ ausschlachten, siehe Amy Fisher. Da ist dann schön viel Sex dabei und ewig lockt das hinterhältige Weib und blah und blubb.
„Leider“ gibt die Story von der Schülerin in unserem Fall sowas nicht her (die BILD hätt’s inzwischen bestimmt schon ausgegraben!).
Aus berechnenden Gründen aktiv Rache nehmen gildet nicht, das muß also ein Amoklauf gewesen sein, so ist immerhin noch ein kleines Stückchen von dem Glauben an die Passivität der Frauen (in diesem Fall halt passiv, weil Hirn psychisch „fremdgesteuert“) zu retten.
Deswegen fände ich einen akkuraten Wortlaut bei der Beschreibung dieser Tat wichtig, statt einfach mit der restlichen Schafherde „AMOK!“ zu blöken (was leider, leider auch die Mädchenmannschaft tut.)
Und bevor irgendwer wieder Flaming-Material wittert: nein, es geht hier nicht darum, das Mädel hier als aktive, cool-berechnende moderne Femme Fatale zu feiern.
Es geht um Genauigkeit. Um die jeweilige Individualität einer solchen Gewalttat. Um die Gründe, die Wurzeln zu erfassen. Denn das ist meiner Meinung nach sinnvoller, als großkotzig über „Ballerspiele“ und Horrorfilme zu schimpfen.
Das fängt dann aber auch mit einer akkuraten Beszeichnung der Tat an. Mehr Analyse und weniger medienwirksam gespielte Schockiertheit seitens der Politiker und Presse. Um es mit der amerikanischen Autorin Elisabeth Wurtzel zu sagen:

In einem Land mit der weltweit höchsten Selbstmordrate unter Jugendlichen haben wir doch schon längst aufgehört, uns von selbst zugefügten Verhängnissen schockieren zu lassen: Wir akzeptieren den Harakiri-Autounfall als eine Art Kriegsverletzung, den tödlichen Crash beim Dragster-Rennen, den Tod durch Alkohol am Steuer, die Handgelenke, die für eine übergroße Blutspende geöffnet werden.
Eigentlich unverständlich, daß wir dagegen auf einen Mord – den seltenen Fall, daß eine Jugendliche tatsächlich einmal nicht sich selbst, sondern jemand anderem Schaden zufügen will – mit Fassungslosigkeit reagieren.


21 Antworten auf “Weibliche Aggressivität=Amok?”


  1. 1 frl. zucker 14. Mai 2009 um 19:36 Uhr

    hm, aber bei männlichen amokläufern (ich nenne sie jetzt einfach mal so, du weisst ja, was ich meine) wird doch auch immer davon geredet, dass sie psychisch krank sind und sich deshalb nicht mehr unter kontrolle haben. die sind also auch passiv, fremdgesteuert eigentlich, oder? also passiv trotz mann.

  2. 2 dodo 14. Mai 2009 um 20:01 Uhr

    sicher, für die gibt es beides.

  3. 3 w 14. Mai 2009 um 20:33 Uhr

    „wir hier“

    wer ist wir, und wo ist hier?

    bitte nicht antworten.

  4. 4 dodo 14. Mai 2009 um 20:42 Uhr

    wir hier im mädchenblog.
    (soll jetzt aber nicht heißen, die mädchenbloggerInnen seien selbst gewalttätig)
    zumindest wüßte ich von noch keinem bericht in diesem blog über eine weiblich gewalttäterin dieser coleur…

  5. 5 Adrian Lang 14. Mai 2009 um 20:54 Uhr

    Das einzige sexistische was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe ist dieser Beitrag. Bei welchem männlichen Amokläufer habt ihr euch über die Begriffe aufgeregt? Hm? Klar, ist nicht euer Thema, aber die Verwendung ist immer die selbe; das ist keine Zuschreibung von Berechnung oder Emotionalität.

    Mal abgesehen davon sind Amokläufe fast immer kühl geplant, heißt ja nicht dass bei den Leuten nicht trotzdem was vorher durchgeknallt ist.

    Und zu behaupten, „Kühle Berechnung“ würde Frauen nicht zugeschrieben werden, spricht für eine extrem selektive Klischeewahrnehmung. Nicht dass ich überhaupt irgendeinen Wert darin sehen würde, sich über Klischees zu unterhalten (Es gibt sowieso jede Zuschreibung für jedes Geschlecht), aber gerade „Kühle Berechnung“ ist nun echt keine Sache die Frauen zu selten attestiert wird.

  6. 6 Helga 14. Mai 2009 um 21:39 Uhr

    Ich habe geschrieben, dass das Mädchen verdächtigt wird, einen Amoklauf geplant zu haben. Da kein Mensch verletzt wurde, ist die Bezeichnung Amokläuerin für das Mädchen nicht angebracht. Mit mehreren Molotow-Cocktails in die Schule zu gehen ist dennoch krass.

    Da das Ganze an einer Schule stattfand, wäre der Fachbegriff „Amoklauf an einer Bildungseinrichtung“, bzw. „school shooting“. Im Gegensatz zum „klassischen“ Amoklauf sind diese selten spontan, sondern meistens angekündigt und durchgeplant.

    Da sich mein Beitrag aber von diesem einen Vorfall auf das Phänomen Amoklauf allgemein bezog, habe ich das tatsächlich nicht erläutert. Das ist noch mal ein neuer Beitrag. So wie in diesem Beitrag beschrieben, kann man es aber auch nicht stehen lassen.

  7. 7 tee 14. Mai 2009 um 22:26 Uhr

    Da kein Mensch verletzt wurde, ist die Bezeichnung Amokläuerin für das Mädchen nicht angebracht.

    falsche begründung für richtige feststellung.

  8. 8 bigmouth 15. Mai 2009 um 9:57 Uhr

    amoklauf ist idR eine dumme bezeichnung, unabhängig vom geschelcht der täter_in. im englischen wird vernünftigerweise eher von „school shooting“ gesprochen

    und sexismus ist da bei der wortwwahl wirklich nicht zu sehen. sexismus-FAIL also bei diesem artikel

  9. 9 dodo 15. Mai 2009 um 10:33 Uhr

    @adrian: lesen hilft mitunter. ich habe auch erwähnt, daß ich den begriff im fall winnenden für zweifelhaft halte. es ist IMMER wichtig, den begriff akkurat zu verwenden. das streitet keiner ab.
    im kontext (der in meinem beitrag erwähnt wird) halte ich es aber in diesem fall nochmal für besonders wichtig.
    und einfach nochmal die wiki-definition durchlesen.
    was die „kühle berechnung“ angeht, ja, die wird frauen oft zugeschrieben. ABER ich rede hier explizit von (geplanten) exzessiven gewalttaten und nur in diesem rahmen. und da liegt die sache nunmal noch ein bißchen anders.

    @helga: es geht mir nicht um ein bashing eures beitrags. der ist im prinzip gut. ich habe euch nur nebenbei erwähnt, als beispiel für verwendung des begriffs. also keine aufregung.

  10. 10 Adrian Lang 15. Mai 2009 um 10:53 Uhr

    @dodo: Hab ich gesehen. Ich meinte auch eher im zeitlichen Zusammenhang mit dem Vorkommnis und nicht Monate später zu einem anderen Thema. Aber wie gesagt, „Amokläufe“ sind halt nicht euer Bereich.

    Warum hältst du die falsche Begriffsverwendung im Kontext für besonders wichtig?

    Hast du Nachweise dafür, dass „kühle Berechnung“ Frauen im Kontext von Gewalttaten signifikant weniger zugeschrieben wird als Männern?

  11. 11 henteaser 15. Mai 2009 um 12:51 Uhr

    Deutschlands Lieblingskriminologe Christian Pfeiffer im Interview:

    Ist so ein Vorgehen typisch weiblich?

    Ja, Frauen sind nicht so brutal gefährlich wie Männer. Es fehlt ihnen an der Tötungsentschlossenheit. Eine Junge beschafft sich eine Schusswaffe, tötet einzelne Menschen Auge in Auge und weidet sich an der Panik seines Gegenübers, kurz bevor er den Finger krumm macht. Ein Mädchen nimmt ein Messer, um bewaffnet zu sein, falls es angegriffen wird, und begeht, wenn es denn seine Brandsätze überhaupt angezündet hätte, eine brutal gefährliche Tat, die aber die Möglichkeit offenlässt, dass sich alle retten. Amok zu laufen ist ja der Versuch, Herr über Leben und Tod zu sein, das Opfer winseln sehen. Diese Befriedigung hat man nicht, wenn man eine Schule anzündet und rausläuft.

    Warum laufen Mädchen fast nie Amok?

    Zum einen ist das genetisch bedingt. Über die Jahrtausende hinweg sind die Frauen Mütter geworden, die Geborgenheit, Wärme und Zuverlässigkeit vermitteln konnten. Bei den Männern hatten vor allem die herausragenden und rücksichtslosen Kämpfer die Möglichkeit, viele Kinder in die Welt zu setzen. Zum anderen kommen Rollenmuster hinzu. 17-jährige Mädchen identifizieren sich mit den Protagonisten aus „Verbotener Liebe“ oder spielen „Sims“, wo man eine Familie gründet. Die Jungs spielen Kämpferrollen in brutalsten Computerspielen und lieben Gewaltfilme. Jungs spielen neunmal häufiger brutale Spiele als Mädchen.

  12. 12 bigmouth 15. Mai 2009 um 13:35 Uhr

    dodo, der fall gibt eifnach bsiher überhaupt nix her für sexismus. du hast bisher 0 belegt, dass der fall gesachelctsspezifisch verhandelt würde

  13. 13 Annie_Slut 15. Mai 2009 um 18:15 Uhr

    Also Christian Pfeiffer ist offensichtlich ziemlich doof.
    Er bezieht sich da so halb auf pseudowissenschaftliche Evolutionpsychologie und reduziert mal eben Frauen auf Mütterlichkeit. Klar, ein genetisch angelegter „mütterlicher“ Charakter. Für sowas gibt es keine überzeugenden Nachweise, aber jede Menge offensichtlicher Gegenbeispiele. Also Frauen, die alle einen Genfehler haben müssten, weil sie überhaupt nicht „mütterlich“ drauf sind. Und Männer, die keine starken Kämpfer sind.
    Mal ehrlich. Bekloppt.

  14. 14 Mad Maxx 17. Mai 2009 um 1:31 Uhr

    Zunächst mal ist, wer sich auf Wikipedia verlässt, verlassen. Bitte selber denken.

    Selbstverständlich war das ein geplanter Amoklauf.

    „(wenn auch meist in Form von „Mutter will Junges schützen“ bzw. „Verrückt vor Liebe zu einem Typen“)“

    Da musste ich laut lachen!

    „Kühle Berechnung hingegen, die sich vielleicht auf eine geschädigte Psyche stützen, aber den Verstand nicht ausschaltet, scheint aber Privileg der Männer zu sein – …“

    Und hier schon wieder!

    Mädchen, versucht Euch doch bitte nicht als Hobby-Psychologinnen. Die Welt ändert sich, auch wenn’s weh tut …

  15. 15 lahmacun 17. Mai 2009 um 1:43 Uhr

    was pfeiffer da über männer ablässt, ist aber auch nicht ohne:

    Bei den Männern hatten vor allem die herausragenden und rücksichtslosen Kämpfer die Möglichkeit, viele Kinder in die Welt zu setzen.

    was der da naturalisiert, ist nichts anderes als das männer-leitbild des kapitalistischen nationalstaats.

  16. 16 dodo 17. Mai 2009 um 17:15 Uhr

    @bigmouth: ich habe das auch nicht gepostet, um sexismus anzuprangern.

  17. 17 Pepper 18. Mai 2009 um 12:00 Uhr

    Murder kill for occasion, school shooter have their subjective justifications. The society has to unfold the enigma of WHY they do that. Paintball, Weapons, FPS, mental disorder or gender – falls to short for an explanation.
    Everyone could be driven into violent behavior – if your existence seems to be at stake you would run amok.

    Quest to understand school shootings

  18. 18 bigmouth 18. Mai 2009 um 13:56 Uhr

    „Selbstverständlich war das ein geplanter Amoklauf.“ das ist halt eigentlich eine contradictio in adjectio

  19. 19 s.l. 19. Mai 2009 um 13:44 Uhr

    Wer sich da tiefer mit auseinandersetzen will: Zu dieser falschen Benutzung des Begriffs „Amoklauf“ haben Holtert / Terkessedis in ihrem Buch „Entsichert“ einge schöne, teilweise etwas zu polemische Thesen niedergeschmissen.
    Der Begriff „Amoklauf“ wurde konsequent, egal ob in Erfurt, Littleton, Winnenden oder jetzt in Sankt Augustin, benutzt, vom Geschlecht unabhängig. Das ist ganz einfach falsch, wenn wir uns an die oben angegebene Definition halten. Hier Sankt Augustin ob der Wortwahl eine besondere, Sexismus-relevante Bedeutung zuzumessen, halte ich für falsch.
    Was aber weitaus spanender ist, ist die Frage, wieso die Wahl der Waffen hier nicht aus den Schusswaffen bestand. Ich halte nix von den Naturalisierungen eines Pfeiffer , sondern sehe das durchaus in diversen Sozialisations-Mustern verhaftet.
    Eigentlich stellt sich mir gerade die Frage, ob es in dem Haushalt der Sank-Augustin-“Attentäterin“ etwa keine Waffen gab, im Gegensatz zu den anderen Haushalten in den aufgezählten „Amokläufen“. Und wie bisher der Zugang zu Waffen für diese Person überhaupt war. Ich vermute ja mal, dass es da ganz schön krasse geschlechsspezifische Unterscheidungen gibt (ich vermute mal ganz klischee-patriarchal einen signifikant geringeren „Frauen“anteil im Schützenverein), lass mich aber gerne eines Besseren belehren.

  20. 20 bigmouth 19. Mai 2009 um 20:44 Uhr

    harris & klebold hatten die waffen aber zum größten teil auch extra gekauft, meine ich. ah ja, ist nachzulesen: http://en.wikipedia.org/wiki/Columbine_High_School_massacre#Firearms

  21. 21 Felix Nagel 03. Juni 2009 um 13:37 Uhr

    Hast Recht: war kein Amoklauf. Wurde ja auch vorher gestört.
    Aber wenn das Mädel einen Rucksack mit Mollys fertig packt und diese nur nicht benutzt, weil sie vorher einem anderen Mädel den Finger abschneidet — halte ich das trotzdem für einen Amoklauf. Wenn auch nicht zu Ende ausgeführt.

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