Buchprojekt sucht Erzählerinnen*

Ein Flugblatt mit Erzählaufforderung landete auf meinem Schreibtisch. Ein feministisches Kollektiv in Wien möchte einen Band mit Kurzgeschichten herausgeben, in denen Frauen und Trans*frauen wehrhafte und „erfolgreiche“ Strategien gegen Übergriffe aller Art erzählen. Lest einfach selbst:

Alle von uns haben auf die eine oder andere Art Erfahrung mit sexualisierten Übergriffen und sexualisierter Gewalt gemacht. Die Strategien, damit umzugehen bzw. darauf zu reagieren können sehr unterschiedlich sein und sind natürlich auch immer von der Art des Übergriffes abhängig. Die Orte an denen Übergriffe passieren sind so vielfältig wie unsere Lebensbereiche: Straßen, der Arbeitsplatz, privater Wohnraum, Uni/Schule, Bars, Discos, Beziehungen, Supermarkt, AMS1, Altersheim, Wartezimmer, Behörden, Toiletten, Polizei, Krankenhaus…
Wie wir reagieren: Wir reagieren unmittelbar auf die Situation oder wir bemerken erst später dass eine Belästigung/Übergriff stattgefunden hat, wir schauen betreten zur Seite, wir lassen es über uns ergehen, wir schimpfen, es ist uns zu anstrengend schon wieder Energie fürs sich wehren aufzubringen, wir lachen sie aus, wir schreiben Artikel, wir laufen davon, wir suchen Unterstützung bei anderen, wir machen eine gemeinsame Aktion, wir zertrümmern ihre Einrichtung, wir reden mit Kolleginnen und/oder mit dem/der BetriebsrätIn, wir schütten Bier über den Kopf, wir erstatten Anzeige, oder wir wehren uns erst Jahre nachdem der Übergriff erfolgt ist…

Jede von uns hat unterschiedliche Strategien auf Situationen zu reagieren. Wie und ob wir uns wehren ist auch von der eigenen Stimmungslage abhängig. Gespräche unter FreundInnen, „Weißt du was mir unlängst in der U-Bahn/im Café/in der Vorlesung/in der Rauchpause passiert ist…“ Die Geschichte wird erzählt, es wird zugehört, beraten und eventuell sogar gelacht. „Erfolgreiche“ Geschichten übers sich wehren zu erzählen oder zu hören macht Spaß, erheitert und stärkt. Wir suchen „erfolgreiche“ Geschichten übers sich wehren, wobei es schwierig ist, in diesem Zusammenhang überhaupt über „Erfolg“ zu sprechen: Hier ist mit Erfolg vor allem gemeint, was jede unter erfolgreich versteht, entweder weil sie nachher über den Übergriff lachen konnte, weil sie das Gefühl hat sich gut gewehrt zu haben, weil nachher die Angreifenden die Trottel waren/davon laufen mussten/still waren/zum Arzt mussten/so was nie wieder machen werden…, weil anders reagiert werden konnte als sonst, weil sie nach langer Zeit Genugtuung für einen lang zurück liegenden Übergriff hatte, weil die Geschichte gut zum Angeben ist.

Wir sind der Ansicht, dass Strategien gegen Übergriffe aller Art wenig Thema sind, dass Frauen und Transfrauen als wehrhafte, handelnde Akteurinnen zu selten im Mittelpunkt der Erzählung stehen. Ziel unseres Buchprojektes ist, diese Strategien, über die (zu) wenig gesprochen wird, sichtbar zu machen, die Vielfalt an Wehrhaftigkeiten darzustellen und kollektiv nutzbar zu machen!

Schick uns deine wehrhafte Erzählung bis Ende Juni per Mail an: fem.book [ät ] reflex [dot] at […]. Länge: ein Absatz bis ca. 2 Seiten (1.000 – ca. 6.000 Zeichen)

Die Geschichten werden anonymisiert veröffentlicht. Wenn dir ein Titel für deine Geschichte einfällt schreib ihn am besten dazu. Damit das Buch gut lesbar ist, werden wir eventuell leicht umformulieren, vor Abdruck bekommt ihr eure Texte nochmals zu lesen. Wir freuen uns auf eure Erzählungen, auch in anderen Sprachen. Wir sorgen für eine Übersetzung.

Mit feministischen Grüßen, das Herausgeberinnenkollektiv

  1. Österreichisches Äquivalent zum Arbeitsamt [Anm. #3]zurück]

Wenn ich mir zum Abschluss eine persönliche Anmerkung erlauben darf: Ich finde die Idee wirklich toll. Leider werden aber im Aufruf nur Strategien aufgeführt, die suggerieren, nach einem Übergriff müsse man sich auf eine Weise „wehren“, dass der/die Täter danach leiden/leidet, sanktioniert werden/wird etc. Ein gewisses, durchaus nachvollziehbares, Rachebedürfnis wird ersichtlich.
Wovon nicht geredet wird, sind Strategien innerhalb des persönlichen Nahbereiches wie Täterarbeit. Oder auch einfach ein gutes Gespräch nach einem Vorfall mit dem Täter und Freund_innen, eine Entschuldigung, eine Zeit der gemeinsamen oder getrennten Auseinandersetzung, die zu einem Umdenken geführt hat. Oder auch „erfolgreiche“ Präventionsmaßnahmen: Total besoffen abgestürzt, im Wissen, dass das was gleich passieren wird unschön sein könnte, und gerade nochmal die Kurve gekriegt, nach Hause getorkelt, trotz Geilheit am Nächsten morgen glücklich gewesen, und es vielleicht bald darauf nochmal nüchtern(er) probiert. Jemanden kennengelernt und ein cooles Gespräch über Gewalterfahrungen, Ängste und Bedürfnisse geführt und danach Wahnsinnssex gehabt. Ich meine Erfahrungen, in denen versucht wird, konstruktiv mit der Situation umzugehen, in denen „erfolgreich“ bedeutet: zu zweit oder kollektiv an heteronormativen Strukturen zu arbeiten, statt eine Art „Geschlechterkampf“ jenseits der „Privatsphäre“ zu inszenieren und diesen dann als „erfolgreiche“ antisexistische Strategie abzufeiern… Natürlich ist es kein Quatsch, den die Frauen* in dem Text schreiben, da draußen passieren jeden Tag ätzende Sachen. Nur mich selber ermutigt ein angepisster Typ auf der Arbeit weniger, als zu hören, dass eine Freundin nach einem Übergriff und Wochen der Depression eine Aussprache mit dem Täter hatte, dass dieser sich konstruktiv und entgegenkommend verhält, und dass allein damit schon eine Menge Schrecken und Verletzung genommen wurde. Aber vielleicht erzähl ich den Kollektivistinnen einfach auch eine Geschichte…? :)


10 Antworten auf “Buchprojekt sucht Erzählerinnen*”


  1. 1 abc 26. Mai 2009 um 8:52 Uhr

    Aussprache mit dem Täter! Kommt vielleicht drauf an, wenn ich an meine Erfahrungen nur denke kommt mir aber schon das kotzen, ich will Täter nicht mal sehen, um mich zu rächen! vergewaltiger und grapscher und gaffer aufs maul! „täterschützer“ auch, obwohl da aussprachen eventuell, vielleicht noch was bringen könnten, aber naja.
    Wütende Grüße

  2. 2 abc 26. Mai 2009 um 8:54 Uhr

    die buchidee finde ich aber sehr gut und hilfreich, ich würde das buch gerne lesen, wenn es fertig ist.

  3. 3 Annie_Slut 26. Mai 2009 um 15:51 Uhr

    Das ist sicher auch von Fall zu Fall unterschiedlich, ob ein_e Betroffene_r Bock drauf hat, sich mit ‚nem_r Täter_in (ich schreibe das jetzt mal gegendert, merke aber an, dass der Großteil der Täter_innen bei sexueller Gewalt Männer sind) auszusprechen oder nicht. Ich finde es dabei gerade wichtig, dass klar ist: Es gibt nicht sowas wie eine allgemeine Empfehlung, was frau_man da „am Besten tun sollte“, es lässt sich nicht generalisiert sagen „Es ist besser, sich mit einem_r Täter_in auszusprechen/nicht auszusprechen.“ Das sollte allein nach den Bedürfnissen der_s jeweiligen Betroffenen gehen.
    Und Betroffenen-solidarische Täterarbeit setzt dazu noch erstmal eine Bereitschaft des_r Täters_in voraus.

  4. 4 nummer.drei 26. Mai 2009 um 16:47 Uhr

    nur um das nochmal klar zu stellen: im sinne der erzählaufforderung „erfolgreiche“ geschichten zu erzählen, denke ich bei „erfolgreich“ eben eher an geglückte auseinandersetzung, entschuldigung etc. und weniger an strafen. damit klammere ich wie das gesamte buchprojekt, eben jeden fall aus, in dem das nicht möglich ist oder misslingt. und darum geht es eben im buchprojekt nicht vordergründig.

  5. 5 Annie_Slut 26. Mai 2009 um 22:14 Uhr

    Ich glaube, es gibt verschieden Möglichkeiten, die eigene Geschichte als „erfolgreich“ zu empfinden.
    Ich weiß nicht, ob ich den Macherinnen des Buches ankreiden würde, dass eine geglückte Auseinandersetzung mit einem_r Täter_in, die zu Einsicht, Verantwortungsübernahme, einer Entschuldigung, der Akzeptanz von Konsequenzen und einer Verhaltensänderung führte, nicht als Geschichte in dem Buch vorkommt. Vielleicht hat auch einfach keine so eine Geschichte eingeschickt, weil sowas einfach bedauerlich selten ist. Vielleicht hätten sie so eine Geschichte ja total gerne abgedruckt.

  6. 6 nummer.drei 26. Mai 2009 um 23:13 Uhr

    ich glaube nicht, dass wir da verschiedener meinung sind.
    ich habe mich an eine schlichte textanalyse gehalten und in der erzählaufforderung meint „erfolgreich“ eben „strafe, rache, genugtuung“. das mag für die eine oder dem anderen „erfolgreich“ sein, es kann nicht im sinne _meiner_ feministischen kritik sein, einen geschlechterkampf zu inszenieren.

  7. 7 laylah 27. Mai 2009 um 6:51 Uhr

    erklär doch mal, was das konkrete „opfer vs. täter“ hier mit einem allgemeinen „geschlecht vs. geschlecht“ zu tun haben soll.

  8. 8 abc 27. Mai 2009 um 17:24 Uhr

    danke laylah!

  9. 9 m_adam 28. Mai 2009 um 8:05 Uhr

    ich verstehe die anmerkungen und kritik von nummer.drei nicht als gegenrede, sondern als ergänzung bzw. eben kritik an einer auslassung in der aufzählung von erfolgreichen strategien. ich lese daraus weder eine bevorzugte handlungsstrategie noch -aufforderung gegenüber täter_innen sexualisierter gewalt.
    außerdem, da stimme ich nummer.drei ebenfalls zu, ist täter-innenarbeit total notwendig, um patriarchale strukturen eventuell irgendwann mal zu überwinden – geht ja schließlich alle was an. dabei kann selbstverständlich jede_r betroffene selbst entscheiden, ob sie_er persönlich eine auseinandersetzung mit dem_der täter_in will. täter_innenarbeit bedeutet aber nicht zwangsläufig eine persönliche auseinandersetzung, sondern kann von ganz anderen personen geleistet werden.
    ich hoffe, nummer.drei denkt da so differenziert wie ich es ihr hier unterstelle ;)

  10. 10 nummer.drei 31. Mai 2009 um 16:34 Uhr

    you‘re prefectly right, m_adame :x

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