Bemerkt werden vs. Gesehen werden

Einen sehr begrenzten Schönheitsstandard zu kreieren ist das Ziel der Industriekultur; würden wir eine weite Vielfalt von Schönheit anerkennen, gäben Frauen weitaus weniger Geld für Diätratgeber und Wunderpillen aus und Männer würden weniger für Markenklamotten und Haarwuchsmittel berappen. Eine riesige Industrie ist dafür zuständig, um uns unattraktiv zu fühlen. Das Marketing für Unzulänglichkeit unterminiert auch den Blick, den wir auf uns selbst haben und wie wir unseren Wert in der Welt verstehen. Anstatt auf unsere eigene Rezeption zu vertrauen, schauen wir nach außen, um ständige Bestätigung zu suchen.
(…)
Wir sind irgendwie abhängig von der Nettigkeit Fremder, wegen dem Ansturm von weiblichen dünn-und-fit oder den männlichen groß-und-trainiert – Bildern, den wir täglich erleiden. Wir werden schon so früh beim eigenen Anblick unsicher, überzeugt, daß der einzige akkurate Blick auf uns selbst nicht der eigene ist. Wir suchen nach Zeichen dafür, daß wir in die Schablone passen – eine Einladung zum Homecoming von einem Footballspieler, ein Blinzeln des netten Kollegen im Fahrstuhl, Eintritt in einen exklusiven Club. Bei diesen kurzen, meist fruchtlosen Begegnungen fühlt es sich an, als würden wir gesehen, wenn wir aber doch eigentlich nur bemerkt werden [im Original: to be seen/to be noticed]. Der Unterschied ist maßgeblich.

Bemerkt zu werden ist alltäglich, vorübergehend und unpersönlich. Gesehen zu werden ist ungewöhnlich, dauerhaft und intim. Bemerkt zu werden ist gewöhnlich und nur oberflächlich. Gesehen zu werden ist selten und tiefgängig. Wie wenn man die ganze Nacht wach bleibt, im Auto eines eigentlich Fremden, weil die Unterhaltung so gut ist, daß man vergißt, nach dem Türgriff zu fassen. Und auf einmal wird es draußen hell und dein Magen knurrt und deine Zuunft scheint so deutlich ausgelegt wie ein Highway in der Wüste. Gesehen zu werden, ist, wenn dein Freund weiß, daß diese hufeisenförmige Narbe an deinem Knie daher stammt, als du in der sechsten Klasse beim Fußballspielen hingefallen bist, und er liebt sie. Gesehen zu werden ist eine Hand auf deinem Rücken, wenn du durch die Tür gehst, ein Glas Wasser, wenn du mitten in der Nacht hustest, eine Bemerkung nebenher, die sich auf etwas bezieht, das du vor so langer Zeit gesagt hast, daß du dich schon selbst kaum mehr daran erinnerst. Gesehen zu werden ist, wenn deine Freundin fragt „Warum bist du denn traurig?“, bevor du selbst bemerkt hast, daß du in der Tat traurig bist. Gesehen zu werden, da geht es nicht darum, ob man dünn oder muskulös ist.

Bemerkt zu werden hingegen ist leicht. Es ist für die meisten Frauen zu erwarten, vor allem für die jüngeren, daß sie bemerkt werden, es ist ein Ritual, das in unserer Kultur tief verwurzelt ist. Männer schauen an. Frauen werden angeschaut. In dieser unserer Reality-TV-Kultur gewöhnen sich gewöhnliche Mädchen ganuso daran, zum visuellen Objekt zu werden wie Schauspielerinnen oder Models. Das eindrücklichste Beispiel dafür ist wohl „Girls Gone Wild“, das einen geschätzten Marktwert von $100 Millionen hat und dessen Konzept einzig und allein daraus besteht, die nackten Brüste von Mädels auf Spring Break zu zeigen, Studentinnenverbindungsschwestern und Intelligenzbestien, die den Kopf verlieren und das T-Shirt gleich mit.
Sie werden gedrängt, es auszuziehen – von ihrem eigenen Hunger nach Aufmerksamkeit – was, auf einer anderen Ebene, wohl ein Zeichen dafür ist, sich fundamental ungesehen zu fühlen.

(…)
Wenn man dünn ist wird man vielleicht bemerkt, aber man wird nicht automatisch gesehen und es wird einem auch keine echte Liebe bringen. Nur alle vier Dimensionen – Geist, Seele, Köpfchen und, ja, auch der Körper – bringen einem dem näher.
Sowohl Männer wie auch Frauen sind gefangen in diesem Irrgarten von Selbstüberwachung, Gewicht, Figur, dem Rausputzen und Aufmotzen, Suchen und Geldausgeben. Aber am Ende des Irrgarten wartet nicht wie durch ein Wunder die Liebe, selbst wenn man seinen Weg durch das Labyrinth findet. Liebe kann nicht gewonnen werden wie in einer Lotterie oder wie ein Tier gejagt werden, sie ist viel komplexer und schwerer fassbar. Genau genommen ist es nichts, das außerhalb von uns ist und darauf wartet, von uns gefunden zu werden. Es ist bereits in uns drinnen, auch wenn es manchmal lange, träge Nickerchen hält und manchmal zukuckt und darauf wartet, von einer widerhallenden Stimme aufgeweckt zu werden.

Es gibt keine one-szie-fits-all Schönheit, kein perfektes Mädchen, keinen idealen Typen. Es gibt nur sowas wie ein Passen, schlicht und einfach und unfassbar.

aus: Cortney E. Martin: Perfect Girls, starving daughters. The frightening new normality of hating your body; Free Press 2007, S. 149-166; Übersetzung von mir.


5 Antworten auf “Bemerkt werden vs. Gesehen werden”


  1. 1 Cyrano 20. August 2009 um 21:42 Uhr

    „Wir werden schon so früh beim eigenen Anblick unsicher, überzeugt, daß der einzige akkurate Blick auf uns selbst nicht der eigene ist. Wir suchen nach Zeichen dafür, daß wir in die Schablone passen“

    Dem ist erstmal zuzustimmen. Ein Faktor ist tatsächlich die weiter oben erwähnte „Industriekultur“, also die exemplarische Form kapitalistischer Vergesellschaftung, die die Vergleichbarkeit als Zentrum ihres Denkens kennt. Aber strebt die derzeit noch allumfassend danach „Einen sehr begrenzten Schönheitsstandard zu kreieren“, wie es analog zu den Produktionsbedingungen des Fordismus denkbar währe?
    Angesichts der Subsumierbarkeit jeglicher Subkultur unter das Kapitalverhältnis halte ich die These nur für bedingt haltbar. Denn der/die Einzelne entwirft sich in aller Uniformität, die Form des Lebens betreffend, noch immer als „vollwertiges Individuum“. Daher scheint die Behauptung „würden wir eine weite Vielfalt von Schönheit anerkennen, gäben Frauen weitaus weniger Geld für Diätratgeber und Wunderpillen aus und Männer würden weniger für Markenklamotten und Haarwuchsmittel berappen“, nur bedingt zuzutreffen. Gerade auf die Selbstversicherung von Individualität stellt sich die Industrie doch ein, vernünftig, aus kapitalistischer Sicht, bedient sie die Nachfrage nach der Punk-Identität als scheinbar Wiederständiges ebenso wie die des/der SportlerIN etc… Gerade darin werden Identitäten dann wirklich gleich gemacht. (Und was die/der hier zitierte Cortney E. Martin hier als bemerkt vs. gesehen werden nennt unterscheidet wirkt zwar emphatisch richtig, aber auch irgendwie recht idealistisch)
    Die These dass Dünnheit auffällt wiederum stimmt absolut, ebenso wie mit Abstrichen die vom „muskulösen Mann“. Es wäre nachzufragen warum das hier und heute so ist, im Holland des 17. Jahrhunderts aber anders war, und wieder anders ist etwa in den ländlicheren Regionen Kenias bis heute…

  2. 2 dodo 21. August 2009 um 4:09 Uhr

    „Gerade auf die Selbstversicherung von Individualität stellt sich die Industrie doch ein, vernünftig, aus kapitalistischer Sicht, bedient sie die Nachfrage nach der Punk-Identität als scheinbar Wiederständiges ebenso wie die des/der SportlerIN etc…“

    scheinbar, ja. aber doch nicht wirklich. ein untergrundstil wird aufgegriffen, aber dann wieder so zusammengestaucht, daß es in die konforme schablone paßt.

    sonst wäre der bei quickshuh verkaufte sportliche stil beispielsweise nach funktion ausgelegt – und würde nicht total für den sport unbrauchbare turnschuhe (entschuldigung: „sneakers“ :P )mit plateausohlen anbieten und weil sich wer ein ramones-shirt bei h&m kaufen kann, läuft er nicht automatisch mit ungewaschenen haaren rum und schnorrt in der fußgängerzone, um jetzt mal fiese klischees zu bedienen.
    und auch die dove-werbung kommt auch nur scheinbar den „kräftigeren frauen“ ein minischrittlein entgegen, um denen creme für die cellulite zu verkaufen, die die models an ihren schenkeln dann eben doch nicht haben.

  3. 3 crashintoahouse 21. August 2009 um 8:15 Uhr

    scheinbar, ja. aber doch nicht wirklich. ein untergrundstil wird aufgegriffen, aber dann wieder so zusammengestaucht, daß es in die konforme schablone paßt.

    das ist doch das, was cyrano meinte (glaube ich): dass subkulturen, ideologien und identitäre merkmale trotz ihrer vielfalt vom kapitalismus aufgegriffen, einverleibt und vermarktbar gemacht werden.

    deshalb kann im kapitalismus im ersten moment jede (sub)kulturelle idee funktionieren, ob feminismus, homophilie (gibts das als wort?)/gender deconstruction, ökogutfinderei oder nationalismus, solange sie sich nicht auch dezidiert antikonsumistisch gibt.

  4. 4 earendil 21. August 2009 um 12:26 Uhr

    das ist doch das, was cyrano meinte (glaube ich): dass subkulturen, ideologien und identitäre merkmale trotz ihrer vielfalt vom kapitalismus aufgegriffen, einverleibt und vermarktbar gemacht werden.

    Stimmt, bis auf das „trotz“. Cyrano schreibt von der „„Industriekultur“, also die exemplarische Form kapitalistischer Vergesellschaftung, die die Vergleichbarkeit als Zentrum ihres Denkens kennt“, was ich mal richtig gut finde. Prägend zumindest für den heutigen Kapitalismus ist ja grade nicht Uniformität, sondern vergleichende Diversifizierung. Ein Apfel und eine Taxifahrt sind Waren unterschiedlichen Werts; Antifa, Tekkno und Queer sind Subkulturen unterschiedlicher Bedeutung und Anziehungskraft. Individualismus ist in diesen Verhältnissen die Verlängerung der Konsumlogik in die Sphäre der Persönlichkeit: Unter einem vorhandenen Angebot wird verglichen und ausgewählt, und dann wird auch ausgiebig über erlaubte und unerlaubte Kombinationen und die Reinheit der Marke gestritten. („Ist das wirklich noch Punk?“)

    Damit will ich nicht bestreiten, dass es trotzdem allgemeinverbindliche, sich durch (fast?) alle Diversifikationen ziehende Ideale gibt (z.B. Schlankheit). Ich meine aber, dass man mit einer verbreiterten Palette ästhetischer Ideale dem Konformitätsdruck kein Stück entkommt.

    Sorry, ziemlich weit vom Originaltext abgekommen…

  1. 1 „Now Baby what‘ve you done to your hair?“ « Die Kleine Göttin: Kopfüber in die Hölle! Pingback am 21. August 2009 um 2:33 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


fünf × acht =