Bevölkerungspolitik

Schon war infolge besserer Hygiene und geringerer Sterblichkeit ein großer Teil des Planeten überbevölkert.
In zwei Dritteln von China, in weiten Gebieten Indiens gab es kein Land mehr zur Bebauung. Schon hatten die Straßen durch die Reisfelder eine Breite von kaum noch neunzig Zentimetern, und auch an diesen schmalen Pfaden nagten die Bauern, bis die unterhöhlten Pflastersteine absanken.
Sogar im weiträumigen Russland, da die Sexualmoral Geburten nicht beschränkte, befürchtete man Mangel an Land schon für die übernächste Generation.
Dennoch drängten überall Industrieführer, imperialistische Politiker auf Bevölkerungszuwachs. Leben musste für ihre Zwecke im Überfluss vorhanden sein, musste billig sein. War billig. Finanzierte zum Beispiel einer einen Ozeanflug, ein Freikorps oder sonst dergleichen, so konnte er sich kaum retten vor dem Gedränge derer, die bei schlechter Chance bereit waren, ihr Leben zu wagen für ein bisschen Geld oder Tagesruhm.[…] Der Staat selber tat alles um den Kurswert des Lebens zu drücken. Seine Justiz, die Tötungen vornahm und politischen Mord kaum bestrafte, die Art, wie er falsch verstandenen Patriotismus, wie er den Wehrgedanken hätschelte, das alles untergrub die Idee vom Wert des Lebens. Schätze der Staat das entstandene Leben sehr gering ein, so verteidigte er mit um so größeren Nachdruck das entstehende, das keimende Leben. Eine solche Gesetzgebung schien unlogisch, war es aber nicht. Gerade um den Kaufpreis der Ware Leben niedrig zu halten, bestand der Staat auf Gebärzwang statt auf Gebärverhinderung.

Lion Feuchtwanger „Erfolg“ 1927-1930, Aufbau Taschenbuch


1 Antwort auf “Bevölkerungspolitik”


  1. 1 lysis 31. August 2009 um 16:11 Uhr

    Das ist aber selber eine durch und durch bevölkerungspolitische Argumentation. Es gibt ja genauso auch negative Bevölkerungspolitik wie z.B. die Zwangssterilisation in Peru unter Präsident Fujimori.

    Der Begriff „Überbevölkerung“ ist ebenfalls ein Mythos, den Marx als erster dekonstruierte, indem er zeigte, dass Armut und „Überflüssigkeit“ nicht durch das Vorhandensein zu vieler Menschen bedingt ist, sondern der Effekt einer Gesellschaftsordnung, für die Hunger kein Grund zur Produktion ist.

    Marx spricht deshalb von der „relativen Überbevölkerung“ (den temporär Arbeitslosen) sowie der „absoluten Überbevölkerung“, d.h. jener Gruppe von Leuten, die das Kapital für die Verwertung des Werts auf Dauer nicht mehr benötigt und daher ökonomisch „abgehängt“ hat – z.B. die Bewohner der Pariser Banlieues oder auch den durchschnittlichen Neuköllner, der aber im Unterschied zu einem x-beliebigen Bürger der sog. Dritten Welt bislang noch staatlich alimentiert wird (auch wenn das einige Parteien wie die F.D.P. gern abschaffen würden).

    Dass der Boden diese Menschen nicht mehr ernähren könnte, ist ein malthusianisches Argument, das überhaupt nichts mit den Tatsachen zu tun hat. Wenn die „Überflüssigen“ ein Einkommen hätten, würde der Markt einfach mehr Nahrungsmittel, mehr Schuhe, mehr alles produzieren. So lässt er sie einfach verhungern, denn er kann ja nichts an ihnen verdienen.

    Aus Verlierern der kapitalistischen Konkurrenz, deren Arbeitskraft sich nicht mehr gewinnbringend verwerten lässt, eine „physische“ Überbevölkerung zu machen, ist nichts als Ideologie. So als würden die Menschen in der „Dritten Welt“ deshalb hungern, weil sie nicht genug produzieren könnten, und nicht etwa deshalb, weil die OECD-Staaten ihre Agrarmärkte gegen landwirtschaftliche Importe aus den sog. Entwicklungsländern abgeschottet haben – und die Leute auf diese Weise ihres Verdienstes beraubt werden.

    Entgegen anders lautender Gerüchte haben die Menschen, genau wie zu Marxens Zeiten, nichts zu fressen, weil sie keinen Lohn haben (und nicht weil Mama Boden sie nicht mehr ernähren könnte). Alles andere ist bürgerliche Ideologie, die Hunger und Armut naturalisiert, um, wenn es – wie so oft in Deutschland – rassistisch wird, mit bevölkerungspolitischen Lösungen à la Aids und Zwangskastration aufzuwarten.

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