Vorstellung: “Nicht allein” von Christine Striebel

Buchcover „Nicht allein“, Engelsdorfer Verlag„Nicht allein“ zeigt, wie Betroffene sexueller Gewalt Wege finden können mit ihren schrecklichen Erfahrungen und im Zusammenhang stehenden Problemen umzugehen. Die Autorin Christine Striebel spricht dabei nicht nur aus eigener Erfahrung sondern sammelt auch Ratschläge von anderen Betroffenen. Für die Autorin ist die Aufarbeitung einer Vergewaltigung wie das Zusammensetzen eines kaputten Puzzles, bei dem einige Teile wieder geklebt werden müssen und andere ganz fehlen und zeichnerisch ergänzt werden müssen. Ein_e Überlebende_r muss dabei den eigenen Weg finden und sich Schritt für Schritt mit dem erlebten auseinandersetzen.

Gut ein Drittel des Buches stellt die verschiedenen „Phasen“ dar, die ein Mensch nach einer Vergewaltigung so durchlaufen kann. Viele Betroffene entwickeln unmittelbar danach Überlebensstrategien, um mit der erlebten Hilflosigkeit und den (seelischen) Schmerzen fertig zu werden und erstmal weiter zu (über)leben, denn oft -gerade beim Missbrauch im Kindesalter- können sich die Betroffenen keine Hilfe holen, z.B. weil sie nicht genau verstehen, was eigentlich passiert oder weil ihnen gedroht wird, sie dürften nicht darüber sprechen. Doch über kurz oder lang kommen die Erinnerungen irgendwann hervor und so manche realisieren erst dann, was ihnen vor vielen Jahren widerfahren ist. Jeden Kapitel wird durch Zitate von real Betroffenen mit denen die Autorin Kontakt hatte ergänzt, was ich ganz gut fand. Dadurch wird gezeigt, dass die Dinge ganz verschieden laufen können, und verschiedene Menschen betroffen sein können. Die allgemeineren unpersönlichen Beschreibungen werden dadurch (auch und gerade für nicht Betroffene) leichter verständlich. Betroffene können sich in diesen Passagen selbst wieder finden, was schmerzliche Erinnerungen hervorholen kann, aber gut tun kann, wenn mensch merkt, dass mensch nicht allein ist.

Rund die Hälfte des Buches macht der Teil mit Anregungen für die Aufarbeitungszeit aus, die teilweise wohl auch in einer herkömmlichen Therapie erteilt werden würden, z.B. Visualisierungstechniken, Tipps zum Umgang mit Panikattacken, die Idee sich mit dem „Inneren Kind“ auseinanderzusetzen oder das Lob- und Anerkennungsbuch, in dem mensch sich für alles, was mensch geschafft hat lobt – und scheint es von außen auch noch so banal, z.B. „Ich habe mich heute eine Stunde auf meine Arbeit konzentrieren können.“ Der letzte Teil enthält Mutgeschichten, Tipps für das Umfeld und ein Kapitel über Therapiemöglichkeiten. Manchmal Hand in Hand gehende Erscheinungen wie Essucht, Multiple Persönlichkeiten oder Selbstverletzung werden zwar angeschnitten und erste Ratschläge erteilt, aber zur tiefen Auseinandersetzung ist wahrscheinlich mehr vonnöten.

Kritikpunkte: Die konkreten Vorschläge aus dem Buch sind nicht jedermans Sache. Teilweise handelt es sich um Psycho-Techniken auf die manche mit Abwehr reagieren mögen. Andere Tipps kommen recht Klischee-weiblich daher, z.B. dass mensch Schmuck tragen kann, um sich wertvoll zu fühlen oder dass Tanzen und Yoga beliebte Körpererfahrungstechniken sind (während Kampfsport zum Empowering unerwähnt bleibt). Eine deutlichere Warnung sei außerdem für die im Buch vorgestellten Familienaufstellungen nach Hellinger ausgesprochen, über die bestehende Kritik daran sollte mensch sich vorher selbst schlau machen.

Dennoch liefert das Buch einen guten Überblick und gibt Erfahrungen weiter, weshalb es sich als Einstieg eignet, auch für nicht Betroffene.

„Nicht allein.Unterstützung von Betroffenen sexueller Gewalt“, 169 Seiten, Orlanda Frauenverlag, ISBN-10: 3936937125, ISBN-13: 978-3936937121

Es gibt eine Neuauflage im Engelsdorfer Verlag: ISBN-13: 978-3-86901-767-9.


2 Antworten auf “Vorstellung: “Nicht allein” von Christine Striebel”


  1. 1 dodo 17. Oktober 2009 um 22:38 Uhr

    eine (betroffene) bekannte hat das buch auch schon gelobt.

  1. 1 Die Blogs der Woche: Jetzt mit noch mehr Männer « Maedchenmannschaft Pingback am 17. Oktober 2009 um 22:10 Uhr

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