Feminismus, Freiheit & Revolution


Die organisierten Frauenbefreierinnen sind eine Minorität mit großer Publicity; wo immer ein feministisches Thema diskutiert wird, sieht man die gleichen Gesichter. Selbstverständlich werden sie als Führer einer Bewegung bezeichnet, die im wesentlichen führerlos ist. Sie sind auf dem Weg zu einer revolutionären Strategie nicht viel weiter als ehedem; Demonstrieren, Zusammenstellen von Leselisten und Komiteearbeit sind nicht in sich selbst befreites Handeln, besonders dann nicht, wenn sie weiterhin im Dunstkreis aus Hausarbeit und weiblichen Tricks gedeihen. Als Mittel zur Erziehung von Menschen, die ihre Befreiung selber aktiv in die Hand nehmen müssen, ist ihre Wirksamkeit begrenzt. Der Freiheitsbegriff dieser Befreiung ist nichtssagend; schlimmstenfalls bemißt er sich an der Situation der Männer, die selber unfrei sind, und bestenfalls bleibt er unartikuliert in einer Welt sehr beschränkter Möglichkeiten. Auf der einen Seite findet man Vorkämpferinnen der Frauenbewegung, die dem Gedanken der Gleichheit dienen, der „sozialen, gesetzlichen, beruflichen, ökonomischen, politischen und moralischen“ Gleichheit; ihr Gegner ist die Diskriminierung, ihre Methoden sind Wettbewerb und Forderung. Daneben gibt es solche, die das Ideal eines besseren Lebens hätscheln, das sich einstellt, wenn durch die richtigen politischen Mittel ein besseres Leben für alle garantiert ist.
Für Frauen, die sich von jeder konventionellen politischen Methode abgestoßen fühlen, sei sie parlamentarisch, totalitär oder revolutionär, ist keine der beiden Alternativen sonderlich attraktiv. Der Hausfrau, die für ihre Befreiung auf die Weltrevolution wartet, mag ihre schwindende Hoffnung verziehen werden, während konservative Politik überhaupt keinen Weg zur Auflockerung der ökonomisch notwendigen Zelle der Ein-Mann-Familie aufzuzeigen weiß. Aber es gibt einen anderen Bereich, der für sie Anlaß und Motiv zu Handeln werden lassen kann, auch wenn sie dort kein Rezept für Utopia finden wird. Sie könnte damit anfangen, nicht die Welt zu verändern, sondern selber zu einem neuen Selbstverständnis zu gelangen.
(…)
Der Weg ist unbekannt, ebenso wie der Sex der nichtkastrierten Frau unbekannt ist. So weit wir auch blicken, so doch niemals weit genug, um die Umrisse des letztlich Erstrebenswerten zu erkennen. Also kann man auch keine endgültige Strategie entwerfen. Und frei zu sein und Begleiter für unsere Reise zu finden, brauchen wir nur von unserem Standort aus so weit zu blicken, wie das Auge reicht. Die erste Übung der freien Frau heißt, den Modus ihrer eigenen Revolte entwerfen, einen Modus, der ihre Unabhängigkeit und Originalität widerspiegelt. Um so klarer wird sie die Umrisse ihres zukünftigen Handelns sehen, je klarer die Formen der Unterdrückung in ihr Bewußtsein treten. Auf der Suche nach politischem Bewußtsein gibt es keinen Ersatz für Konfrontation.
(…)
Die Furcht vor der Freiheit ist stark in uns. Wir nennen sie Chaos oder Anarchie, und die Worte sind eine Bedrohung. Wir leben in einem echten Chaos widersprüchlicher Autoritäten, in einem Zeitalter des Konformismus ohne Gemeinschaft, der Nähe ohne Kommunikation. Wir können das Chaos nur fürchten, wenn wir so tun, als sei es uns unbekannt, aber in Wirklichkeit kennen wir es sehr gut.

Germaine Greer: Der weibliche Eunuch. Aufruf zur Befreiung der Frau, 1970


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