It’s easier to make a hole than building a pole


(Bild von Erika Moen)

In der Süddeutschen gibt es einen Artikel zu Intersexualität.
Vorweg: ich finde einige Begriffe und Formulierungen problematisch:

Schon gleich nach der Geburt hat Eva Veitl gespürt, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt.

…und anderes.
Trotzdem wollte ich das hier posten, da die Hölle, die ein Mensch „ohne klares Geschlecht“ allzuoft durchmachen muß, gut geschildert wird.

Als die Eltern ihr Kind in die Uniklinik Heidelberg bringen, rückt der Professor gleich mit einer ganzen Schar von Assistenzärzten und Studenten an. In dem kleinen Untersuchungsraum drängen sich 15 Menschen in weißen Kitteln um das nackte, heulende Kind. Als Markus Veitl sieht, dass auch seiner Frau die Tränen in den Augen stehen, bricht es aus ihm heraus: „Schluss, alle raus hier!“


Freakshow für Ärzte. Ärzte, die offensichtlich auch keinen anderen Rat wissen, als das Kind in althergebrachte Rollenmuster zu zwingen.

Auch ihre Tochter ahnt bis heute nicht, dass sie anders ist. „Sie können Ihren Sohn weiter als Mädchen erziehen“, gab der Arzt den Eltern damals mit auf den Weg. Noch am Abend zerriss Eva Veitl das einzige Foto, auf dem das beunruhigende Genital zu sehen war, warf Holzautos, rote Strampler und grüne Mützchen in den Müll. Sogar der blaue Pulli, ein Geschenk der Oma, flog in die Tonne. Nur Rosa durfte bleiben – als könnte die Kleiderfarbe die Chromosomen verändern.

Was einem auch zu denken gibt, ist, daß man meistens versucht, aus diesen Kindern Mädchen „zu machen“ – ganz einfach, weil es leichter ist, Dinge wegzuoperieren als anzufügen. Denn darum geht es doch beim Geschlecht – oder? Eindeutige körperliche Merkmale zu erzeugen, wo vorher etwas undefiniertes war – das soll den Mann zum Mann und die Frau zur Frau machen: „it’s easier to make a hole than building a pole“ heißt die Devise.

Die gesundheitlichen Schäden, die solch radikale Eingriffe verursachen, sind enorm:

Es gab Tage, da bekam auch ihr Freund sie nicht aus dem Bett. „Mit Anfang 30 war ich ein Pflegefall“, erzählt die 34-Jährige. Dass sie jetzt überhaupt noch am Nachmittag in ihrer Dachgeschosswohnung sitzen und erzählen kann, verdankt sie den kleinen, silbernen Päckchen, die in ihrem Kühlschrank lagern. Jeden Morgen nach dem Duschen schmiert sie sich ein Päckchen auf den Oberarm. 20 Gramm Testosteron-Gel geben ihr Kraft für den Tag.

Interessant ist auch die Einstellung von PsychologInnen: während die eine den Eltern von „Lena“ rät, ihrem Kind was von einer Blinddarmoperation vorzulügen, um den eigentlichen Zweck der OP zu vertuschen (nämlich die Entfernung der Hoden), haben andere gottseidank eine sensiblere Sichtweise:

Doch Richter-Appelt und viele ihrer Kollegen plädieren inzwischen dafür, nicht mehr im Kindesalter zu operieren, wenn es medizinisch nicht notwendig ist. „Die Betroffenen sind ja nicht krank“, sagt die Psychoanalytikerin. Wie Erfahrungen zeigten, könnten sich die Kinder häufig erst in der Pubertät einem Geschlecht zuordnen – wenn überhaupt.

Sie sagt aber auch:

Eine vorläufige Entscheidung müssen die Eltern trotzdem treffen. Innerhalb von sieben Tagen muss das Geschlecht eines Kindes in Deutschland dem Standesamt gemeldet werden. „Außerdem braucht ein Kind Klarheit“, so Richter-Appelt. „Sie können es nicht vor eine Herren- und eine Damentoilette stellen und sagen: ,Entscheide selbst, wo du reingehst.“

Jetzt finde ich die Erklärung von wegen „Klarheit“ sowie den Toilettenvergleich nicht besonders glücklich.
Aber wenn man sich unsere Gesellschaft so anschaut, stellt man fest, daß das Thema Intersex nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird; Kinder können verdammt grausam sein, ihre Eltern vielleicht alles andere als vernünftige Ansprechpartner, KindergärtnerInnen und Lehrer eventuell selbst sexistische Arschlöcher. Ganz zu schweigen von den zu erwartenden Problemen, die sich aus der Pubertät ergeben, wo dann die sexistischen Rollenmuster für einen jungen Menschen nochmal ganz andere Ausmaße annehmen. Unterstützung vom Umfeld kann man nicht unbedingt erwarten.
Und von dem her verstehe ich es durchaus, wenn die Eltern ihr Kind zumindest nach außen hin als klar definiertes Mädchen bzw. als klar definierten Jungen präsentieren wollen, um ihm Leid zu ersparen.
Das Problem liegt also offensichtlich nicht bei dem Kind oder an einem „fehlenden Geschlecht“.
Es liegt an der Gesellschaft, die einerseits nicht genug aufgeklärt ist:

Die junge Mutter, damals Anfang 20, mittlere Beamtenlaufbahn, ging in die Bibliothek, wälzte Fachbücher, befragte Spezialisten, suchte nach anderen Betroffenen. „Aber immer wieder wurde uns gesagt, es gäbe keine anderen Fälle“, sagt die heute 41-Jährige. Jahrelang glaubten die Eltern, sie seien mit ihrem Schicksal allein. „Das war das Allerschlimmste.“

- und wenn sie es ist, ist der Umgang damit in der Regel unter aller Sau. Weiblich oder männlich – alles andere wird ignoriert, als nicht real anerkannt, als problembelastet, anormal und krank gebrandmarkt. Nicht verwunderlich, wird schon unter Ärzten Intersexualität offiziell als eine Störung angesehen:

Unter dem Begriff Intersexualität verstehen Mediziner verschiedene Störungen der Geschlechtsentwicklung, kurz DSD genannt, „Disorders of Sex Development“.

Und als Elternteil, der diese sexistische Gehirnwäsche von dualer Geschlechtlichkeit Tag für Tag immer wieder erhält, redet man mit seinem Kind am besten gar nicht drüber. Oder negativ. Oder ausweichend („Ja, solche Leute gibt es halt auch“). Absolutes Tabu.
Man wächst auf mit der Vorstellung, daß es nur weiblich und männlich gibt; vielleicht kriegt man später mal im Biounterricht diese Thematik als Freakshow zu Gesicht. Das war’s dann. Wundert einen da noch was?

Aber wie wäre es denn, wenn von Anfang an erklärt würde, daß es mehr als zwei Geschlechter gibt? Daß das normal ist, nur halt nicht so oft vorkommt. Daß das eigentlich auch unwichtig ist. Daß der Mensch zählt.
Dann gäbe es die Möglichkeit, daß ein Intersexkind einfach nur als Individuum aufwächst, ohne psychisch und körperlich verstümmelt zu werden, weder von Ärzten noch vom Umfeld.
Und dann später selber entscheiden kann, ob es Mann oder Frau oder was auch immer sein will. Oder sich diese Frage einfach gar nicht mehr stellt.


6 Antworten auf “It’s easier to make a hole than building a pole”


  1. 1 watcherx 23. November 2009 um 11:46 Uhr

    übel, wenn ein Mensch in so ne Zwickmühle gerät und darin zerraspelt wird. :( Danke für den Hinweis auf diesen Artikel!

  2. 2 Morjanne 23. November 2009 um 12:10 Uhr

    Ich fand den Artikel sehr gut und hatte, anders als du, wenig Probleme mit den Formulierungen – einfach, weil es die Realität in den Köpfen wiederspiegelt.

    Und das Toilettenproblem ist ziemlich beispielhaft für die Gesellschaft. Ich hab mal ein Video über eine(n) intersexuelle(n) Künstler(in) gesehen, die(der) durch Kneipen zog und Intersex-Schildchen an die Toilettentüren klebte. Fand ich gut.

  3. 3 dodo 23. November 2009 um 12:17 Uhr

    ja klar, ich will auch nicht sagen, daß das toilettenproblem nicht besteht. ich wollte nur sagen, daß ich es noch für eins der lösbareren probleme halte und somit eher für ein unglücklich gewähltes beispiel um ausdrücken zu wollen, daß intersexuelle leute früher oder später unausweichlich vor richtig fiesen barrikaden stehen, die die gesellschaft errichtet.

  4. 4 Morjanne 23. November 2009 um 15:44 Uhr

    Okay, das stimmt. Wobei ich persönlich finde, dass die kleinen, alltäglicheren Probleme, auch wenn sie genau betrachtet lösbarer sind, einfach die fieseren sind.

    Die großen kann man immer noch öffentlich anklagen und die Gesellschaft zur Verantwortung ziehen, aber was ist, wenn dich tatsächlich jemand vor zwei Toilettentüren stellt und sagt: Such dir eine aus?

  5. 5 heidrun 23. November 2009 um 17:51 Uhr

    ich hatte beim lesen auch ein ungutes gefühl wegen mancher formulierungen. die „süddeutsche“ hat nicht genug position bezogen. mir haben auch verweise darauf gefehlt, dass eventuell auch etwas mit der gesellschaftsordnung nicht stimmt (ach!), wenn intersexuelle menschen solche probleme haben. allgemein war der ton wirklich eher so ein „achje, die armen“. als ob man damit nicht auch positiv umgehen könnte.
    ist wohl och ein sehr weiter weg…

  6. 6 mismis 25. November 2009 um 20:04 Uhr

    Ein wirklich sehr empfehlenswerter „Klassiker“ zum Thema: Anne Fausto-Sterling: „Sexing the body“. Besonders die Kapitel 1-4.

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