Sexistischer Alltag: Arbeitsplatz

Unter dem Slogan „Verkäuferinnen sind keine Prostituierte!“ fasst dasbiber-Leserin „Langweilerin“ ihre Erfahrungen mit männlicher Grenzüberschreitungen in ihrem Berufsleben zusammen.
Zum einen schildert sie die konkreten Grenzüberschreitungen durch Kunden:

Es ist nicht erträglich, wenn einem dann unangenhemer Weise ins Ohr geflüstert wird, ob man denn mit einem zum Abendessen geht oder sich überhaupt ausfragen zu lassen, ob man denn schon vergeben ist. Vom morgentlichen Mundgeruch den viele Flirt-Kunden mitnehmen sollte hier gar nicht die Rede sein. Sogenannten unbeabsichtigte Grapschattacken nicht ausgeschlossen. Und wem das nicht genug ist geht noch weiter und macht einem einen Heiratsantrag. Der Glaube man hätte die große Liebe gefunden, während eines Verkaufsgesprächs.
Manch eine Verkäuferin wird so derart angebaggert, dass sie am Abend Angst haben muss von eigenartigen Kunden verfolgt zu werden
(…)

Sie schildert zudem jedoch auch die „sexuelle Arbeit“, die die Verkäuferin im Sinne ihres Jobs leisten muss. Das ist gewissermaßen die Performance, die eine erbringen muss, um in einem bestimmten Kontext auf eine bestimmte Art und Weise „Frau“ zu sein1:

Es ist verwunderlich, dass es Personen (meistens Männer) gibt die denken, dass wenn sie in ein Bekleidungsgeschäft gehen, sie das Recht dazu hätten etliche Verkäuferinnen blöd anzuflirten.
(…) Ja viele Verkäuferinnen sehen gut aus, viele sind schön gekleidet und sprechen einen im Geschäft an und bieten ihre Hilfe an wenn es um Beratung und Service geht, aber bitte kann man nicht daraus resümieren, dass diese Mädels vom Unternehmen selbst dazu gedrillt werden? Ihr Job ist es Textilien zu verkaufen, aber doch nciht sich selbst.

Denken diese Männer wirklich, dass es ungeheuren Spass macht ganz früh aufzustehen, die unbequemsten Schuhe anzuziehen, sich rauszuputzen als würde man auf eine Feier gehen und am Tag tausend mal ein „Grüß Gott“ oder „Kann ich was für sie tun“ wie ein Gebet am laufenden Fließband aufzusagen?

Ein wenig schwingt darin mit, dass es „verständlich“ sei, dass Frauen eines gewissen Äußeren eher belästigt würden. Auch bin ich mir nicht sicher, ob sie diese Grenze zwischen „Verkäuferin“ und „Prostituierter“ entlang eines moralischen Stigmas zieht (ich bin eine Verkäuferin, eine respektable Person vs. die Prostituierten, die mehr als nur ihre Körper her geben, nämlich „sich selbst“ verkaufen, was das schlimmste von allem ist) oder entlang konkreter Arbeitsaufgaben (als Verkäuferin gehört nicht zu meinem Job, dass va. zum Job einer Sex-Arbeiterin gehört es jedoch dazu).
Grenzüberschreitendes Verhalten ist nicht etwas, das mensch auf Sex-Arbeiterinnen abwenden kann. Weiter gedacht werden diese dadurch zur Pufferzone gemacht, in der „die Männer“ dann ihre unabwendbaren „Triebe“ ausleben können, um die Verkäuferinnen in Zukunft in Ruhe zu lassen … Das verschiebt das Problem in einen vermeintlichen „Randbereich“ von Gesellschaft und benennt lediglich eine neue Zuständigkeitsgruppe, nicht jedoch Sexismus als umfassendes soziales Element, das sich zwar nicht so einfach abschaffen, aber immer hin bezeichnen lässt, ohne dass mensch es gleich delegieren muss.

  1. ja, das ist arg vereinfacht und auch nur eine von vielen Möglichkeiten. „Sexuelle Arbeit“ ist ein analytischer Begriff, „um zu verstehen, wie Individuen unter historisch- und kontextspezifischen Bedingungen zu Subjekten werden und welche Praxen in diesen Prozess involviert sind. Sexuelle Arbeit bezeichnet den Aufwand, der mit Subjektivierung verbunden ist, sowie die Droungen und Versprechungen, unter denen er bewältigt werden muss. (…) Der Aufwand, die sexuelle Arbeit, kann formeller Teil der Arbeitsbedingungen sein (…) aber auch teil informeller, unbewusster Praxen (…).“ (Renate Lorenz/Brigitte Kuster: sexuell arbeiten. eine queere perspektive auf arbeit und prekäres leben. berlin 2007. hier: s. 19f.) [zurück]

8 Antworten auf “Sexistischer Alltag: Arbeitsplatz”


  1. 1 dodo 23. November 2009 um 12:15 Uhr

    ich hab auch schon die erfahrung gemacht, daß man bei arbeiten, die es von einem verlangen, leute anzusprechen, sehr häufig unangenehm angebaggert wird. und man sich zigmal denken muß „du depp, du weißt doch genau, daß ich dich anspreche, um dir was anzudrehen und nicht, weil ich an dir interessiert bin!“
    obwohl ich deine kritik vertshe und unterstütze: den vergleich mit prostitution find ich allerdings gar nicht so weit hergeholt – nur eben in abstrahiertem sinne.
    als frau wird man regelrecht dazu angehalten, sich in gewissem sinne zu „prostituieren“: wer als bedienung arbeitet oder hinter ner bar steht und bißchen flirtet, kriegt mehr trinkgeld. charmant-neckisches auftreten schmeichelt so manchem männlichen ego und der herr kauft dann seine socken aher im herrenmodegeschäft als im 5erpack beim aldi. auf werbeplakaten gibts zu hauf zum produkt noch ein bild von ner halbnackten frau dazu. beim h&m wollen sie frau auch irgendwie sexy und nicht im XL-pullover, egal wie stylish der sein mag. undundund…
    also seinen eigenen (weiblichen) körper in sexueller hinsicht zum zwecke des geldverdienens vermarkten.
    hat mit prostitution als „beruf“ nicht 1:1 zu tun, aber wie gesagt, in abstrahiertem sinne schon!

  2. 2 louise 23. November 2009 um 14:25 Uhr

    hallo ihr lieben,
    ich bräuchte Infos zu deutschen oder österreichischen feministischen Mailinglisten.
    Danke!

  3. 3 laylah 23. November 2009 um 16:05 Uhr

    dodo: ich glaub, das hat nummer.drei schon verstanden und eigentlich auch ganz gut kritisiert – geh da doch drauf ein?
    die sexarbeiterin is halt doch genau wie die verkäuferin nett zu den kunden, um ihnen „was anzudrehen“. das ist im falle der verkäuferin ein produkt, im falle der sexarbeiterin eine dienstleistung (und nicht etwa „ihren körper“ – sie versklavt sich doch nicht).

  4. 4 dodo 23. November 2009 um 17:51 Uhr

    ja, weiß ich doch, daß nummerdrei das kapiert hat, wollt’s halt nur nochmal rausstreichen.
    deswegen auch das „obwohl ich deine kritik verstehe und unterstütze“.

  5. 5 nummer.drei 23. November 2009 um 23:59 Uhr

    louise:
    in österreich gibt es „femail“, schau mal HIER nach, da gibt es mehr infos.

    aus deutschland kenn ich nur lokale mailverteiler, keine feministische vernetzung. aber wnen du eine info herum schicken magst, funktioniert es sicher auch gut, wenn du konkrete gruppen anschreibst und um weiter leitung bittest?

  6. 6 nummer.drei 24. November 2009 um 0:06 Uhr

    dodo:
    wenn mensch es so fasst, dann kann ich – abstrakt – jede form von lohnarbeit mit dem begriff „prostitution“ bestimmen. in dem sinne, als dass ich mich als (vergeschlechtlichtes, rassifiziertes) subjekt „verkaufe“ und nicht die konkrete dienstleistung/tätigkeit von mir, meinem ich, meinem körper, trennen kann.

    darum markiert umgekehrt der begriff sex-arbeit ja auch eine grenze zu „prostitution“ – diese erscheint nämlich, und eben das unterstelle ich der zitierten autorin, nicht als „arbeit“, sondern als stigma/zustand.

    damit aber eine begriffliche unterscheidung zwischen einer arbeit, welche sexuelle dienstleistungen anbietet, und einer arbeit, welche als dienstleistung vergeschlechtlicht konnotiert ist, aber keine klassische sexualität beeinhaltet, jedoch sexuelle anzüglichkeiten va. durch kunden ansprechbar macht, habe ich den begriff von lorenz/kuster, „sexuelle arbeit“, verwendet.

  7. 7 VerIN* 24. November 2009 um 12:07 Uhr

    sehr bezeichnend übrigens auch die kommentare zu dem verlinkten artikel (ist nich zufällig jemand dort angemeldet und kann mal zum mädchenblog verlinken?), zb. über den „jungen ausländer“ oder „wir leben in Österreich und nicht in Afrika, Indien oder China wo Betriebsräte und Anwälte die Arbeitsrechte durchsetze, ermordet, eingesperrt oder gefoltert werden.“
    - ich will die situation in diesen damit gemeinten ländern gar nicht schönreden (by the way ist „afrika“ ein riesiger kontinent und kein land), aber finde die gegenüberstellung schon etwas schräg

  8. 8 Thoma 23. Dezember 2009 um 19:46 Uhr

    Das Spannende an dem beschriebenen Grundproblem UNANGENEHME Anmache fänd ich mal rauszuarbeiten, worin das Doofe genau besteht. Fühle mich gleich ertappt bei der beschriebenen Situation „Verkauf“. Ich treff auch immer viele spannende Verkäufis, Zahnärztis, Pflegehelfis, Handwerkis…usw. Is ja erstmal halt so, wennste nicht dauernd auf Parties fremde Leute ansprichst lernste die meisten Leute auf der Arbeit kennen (auf ihrer Arbeit in den hier beschriebenen Fällen). Und da sind viele natürlich auch spannend und schön und sowas und öh ja was dann??? Anscheinend ist das ne Problemsituation. Anmachen im Zweifelsfall unerwünscht? Die große Liebe nicht wahrnehmen (ja, auch von Heiratsanträgen war hier die Rede!) ist ja möglicherweise auchn Fehler …Problemproblem???

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