Darwin mal anders

Ein Tübinger Professor schlußfolgert: Bi- und Homosexualität sind evolutionär wichtig.


4 Antworten auf “Darwin mal anders”


  1. 1 rhizom 02. Dezember 2009 um 3:29 Uhr

    Da find ich diesen Ansatz dann doch ein bisschen durchdachter, weil er nicht die zeitgenössische Konstruktion von Homosexualität als „Andersartigkeit“ ins Tierreich projiziert (und damit eine bestimmte historische Verfasstheit von Sexualität biologisch festzuschreiben versucht). Vielmehr wird darin gleichgeschlechtliches Verhalten (wie Sexualität überhaupt) als ein neuer – aber im Einzelnen sehr unterschiedlich realisierter – Modus affektiver Gemeinschaftsbildung in über 450 verschiedenen Wirbeltiergattungen aufgefasst, bei denen evolutionär nicht mehr nur das Überleben einzelner Individuen, sondern das ganzer Gruppen oder Gesellschaften im Vordergrund steht:

    Male big horn sheep live in what are often called “homosexual societies.” They bond through genital licking and anal intercourse, which often ends in ejaculation. If a male sheep chooses to not have gay sex, it becomes a social outcast. Ironically, scientists call such straight-laced males “effeminate.”

    Giraffes have all-male orgies. So do bottlenose dolphins, killer whales, gray whales, and West Indian manatees. Japanese macaques, on the other hand, are ardent lesbians; the females enthusiastically mount each other. Bonobos, one of our closest primate relatives, are similar, except that their lesbian sexual encounters occur every two hours. Male bonobos engage in “penis fencing,” which leads, surprisingly enough, to ejaculation. They also give each other genital massages.

    As this list of activities suggests, having homosexual sex is the biological equivalent of apple pie: Everybody likes it.

    Der Ansatz von Thomas Junker widerspricht diesen empirischen Beispielen, in denen nicht einzelne Individuen, sondern ganze Wirbeltiergemeinschaften in gleichgeschlechtliche „Orgien“ verwickelt sind. Deswegen argumentiert die Evolutionsbiologin Joan Roughgarden auch nicht mit „kin selection“, sondern mit „communal bonds“:

    In fact, Roughgarden even argues that homosexuality is a defining feature of advanced animal communities, which require communal bonds in order to function. “The more complex and sophisticated a social system is,” she writes, “the more likely it is to have homosexuality intermixed with heterosexuality.”

    Japanese macaques, an old world primate, illustrate this principle perfectly. Macaque society revolves around females, who form intricate dominance hierarchies within a given group. Males are transient. To help maintain the necessary social networks, female macaques engage in rampant lesbianism. These friendly copulations, which can last up to four days, form the bedrock of macaque society, preventing unnecessary violence and aggression. Females that sleep together will even defend each other from the unwanted advances of male macaques. In fact, behavioral scientist Paul Vasey has found that females will choose to mate with another female, as opposed to a horny male, 92.5% of the time. While this lesbianism probably decreases reproductive success for macaques in the short term, in the long run it is clearly beneficial for the species, since it fosters social stability.

    Die weiblichen Makaki-Affen sind ein Beispiel, dass in Wirbeltiergesellschaften gleichgeschlechtliches Verhalten das fortpflanzungsbezogene „heterosexuelle“ Verhalten sogar in einem Verhältnis von (mehr als) 9:1 überwiegen kann und also von der Evolution aus irgendeinem Grund massiv begünstigt wird.

    Thomas Junkers Ansatz der „kin selection“ kann das nicht wirklich erklären, weil dieses Verhalten bei ihm nur von einzelnen, devianten „Onkeln“ praktiziert werden darf, wenn es den Fortpflanzungserfolg nicht gefährden soll, während es aber in einer ganzen Reihe von Wirbeltierspezies von fast allen Individuen kollektiv „geteilt“ wird.

    Über die Verfasstheit von Sexualität beim Menschen kann die Evolutionsbiologie dagegen überhaupt keine autoritative Auskunft geben, weil Sexualität immer nur in einer historisch bestimmten Form vorliegt. Es gibt Gesellschaften, die hochgradig heteronormalisiert und binarisiert sind (wie etwa die moderne westliche), aber auch solche, in denen gleichgeschlechtliches Verhalten als eine universelle Disposition erscheint, an der teilzuhaben von praktisch allen Gesellschaftsmitgliedern erwartet wird (Persien, die griechisch-römische Antike, das alte China usw.).

    Ich verbitte mir daher jede Übergriffigkeit der Biologie in den Bereich der Soziologie, weil damit der Versuch verbunden ist, die spezifische historische Verfasstheit einer durch veränderliche Machtbeziehungen geprägten Gesellschaft biologisch festzuschreiben. Und das nennt man zu Recht Biologismus – nämlich den essenzialistischen Traum von einem „eigentlichen“ Zustand vor dem Gesetz. Es gibt aber keine Gesellschaften ohne durchgesetzte Konventionen, ohne Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und ohne die Wirkung sozialer Hegemonien. Oder anders ausgedrückt: „die Natur des Menschen ist die Kultur“, d.h. die nahezu unendliche Variabilität gesellschaftlicher Institutionen, welche es erforderlich macht, den Menschen ständig neu zu erfinden – zwar, gewiss, in einer künftig hoffentlich etwas lustvolleren, aber doch nicht in einer „eigentlichen“, von irgendwelchen bestehenden Autoritäten festzulegenden Weise.

  2. 2 rhizom 02. Dezember 2009 um 7:50 Uhr

    Oops, ich war etwas voreilig und hab die zweite Seite des von euch verlinkten Textes nicht gelesen. So groß ist die Differenz zwischen Junker und Roughgarden dann wohl doch nicht. Im Grunde sagen beide ungefähr dasselbe. Trotzdem bleib ich bei meinem Widerspruch, dass man menschliches Handeln (im Unterschied zu tierischem Verhalten!) kaum noch – und wenn, dann in einer nicht sehr bedeutsamen Weise – biologisch erklären kann. Das liegt einfach daran, dass zwischen Natur und menschliche Gesellschaft eine intervenierende Ebene symbolischer Repräsentationen tritt, welche die Möglichkeit von etwas eröffnet, das es im Tierreich schlechterdings nicht gibt: Geschichte.

  3. 3 bigmouth 02. Dezember 2009 um 12:04 Uhr

    ich stimme zu.

    es gibt natürlich grobe biologische begebenheiten, die schon wichtig sind. es ist etwa mit sicherheit bedeutsam für menschliches verhalten, dass menschen überhaupt das ganze jahr über sex haben können, und keine brunftzeit besitzen. oder dass menschen stark davon geprägt sind, eigentlich immer in gruppen gelebt zu haben. dass wir säugetiere sind.

    nur sind alle diese sachen auf vielfältigste art & weise lebbar.

    eine wirklich ahnung, wie sehr unsere spezifischen biologischen grundlagen uns prägen, könnten wir eh nur haben, wenn wir den vergleich zu einer anderen intelligenten, kulturbildenden nichtmenschlichen spezies hätten. haben wir aber nicht

  1. 1 Maedchenmannschaft » Blog Archive » Nutzlose Männer, Brüste, Multitasking und Kristina Köhler Pingback am 28. November 2009 um 17:52 Uhr

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