Mary Daly: 16. 10. 1928 – ­ 3.01. 2010

Mary DalyÜber einen Emailverteiler erreichte mich die Nachricht vom Tod Mary Dalys am 3. Januar. Sie war feministische Theologin und Aktivistin. Warum Daly heute so unbekannt ist, begründet Imrgard Neubauer in einem Nachruf so:

Zu radikal, zu feministisch ­ und dann obendrein auch noch lesbisch! Damals wie heute. Dem 
heutigen Zeitgeist, wo viele im „Gender mainstream“ hängenbleiben,
wo viele Frauen (und solchen, die es gern wären) sich selbst als queer, inter­bi­trans­undwasweißichnoch­sexuell  definieren, so gar nicht entsprechend. (…)
Mary Dalys Texte veränderten mein Denken, mein Fühlen,
mein Handeln, mein Leben. 


Luise F. Putsch schreibt:

Erst in den letzten Jahren ist es um Mary Daly etwas stiller geworden. Seit Beginn der neuen Frauenbewegung gehört die radikale und streitbare feministische Denkerin zu den umstrittensten public intellectuals der USA. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde sie hauptsächlich durch zwei Skandale, die die unbequeme und kompromisslose Professorin mit dem Boston College durchstand und umgekehrt.
Die beiden einflussreichsten Werke der dreifachen Doktorin, bedeutenden Philosophin und Kirchenkritikerin erschienen in den siebziger Jahren: In Beyond God the Father (1973) formuliert sie ihre fundamentale Kritik an der katholischen Kirche und fordert die Frauen auf, die Kirche zu verlassen. In Gyn/ecology (1978, deutsch Gyn/ökologie, 1981) benennt und analysiert sie die systematischen, sadistischen Verbrechen des Patriarchats (Daly sagt schlicht: der Männer) – an den Frauen. (…) Lange bevor die „unausprechlichen Greuel” (Daly) der weiblichen Genitalverstümmelungen durch Waris Diries Bestseller weltweit zum Thema wurden, hat Mary Daly eine gründlich recherchierte, flammende Anklage gegen sie veröffentlicht, die ihre LeserInnen nicht mehr zur Ruhe kommen ließ und schließlich die weltweiten Protestaktionen auslöste.

Auch wenn ich, glaube ich, weder Neubauers noch Dalys Meinung in vielen Dingen wäre, finde ich es dennoch spannend, welche Sprache, welche Inhalte in der Lage waren, die Nachruf-Schreiberin und offensichtlich zahlreiche FeministInnen der 70er bis heute zu beeindrucken.
Auszüge aus Dalys Aufsatz „Wie ich über den Mond sprang“ in „Auswärts Reisen: die strahlkräftige Fahrt“:

Wir brauchen unsere Werkstätten auf der Anderen Seite des Mondes, und wir werden hier
 auch wieder Kongresse veranstalten […]. Doch müssen wir ständig zur Erde pendeln, an der Befreiung unserer Schwestern arbeiten und den Kampf um das Leben auf dieser Erde weiterführen. […] „Scheitern ist unmöglich!“ rufen wir alle miteinander. Und in Sekundenschnelle machen wir uns alle auf den Weg durch den Himmel. Wir werden handeln oder sterben…oder handeln und sterben. Aber wir werden nie unterworfen werden, niemals. 

Mary DalyWenn ich persönlich ohne Kenntnis des umfassenden Werkes Dalys nun frage, warum so wenige heute Daly kennen, habe ich noch einige andere Antworten als die eingangs zitierte Frau Neubauer parat. Wie üblich ist die englischsprachige Wikipedia deutlich sinnvoller zu befragen in solchen Belangen. Sie gibt einige wichtige Hinweise zu Kritiken an Dalys Standpunkten. Zum einen gehört Daly offensichtlich zu jenen, welche die sog. europäische „Hexenverfolgung“ nachträglich als Holocaust an den Frauen bezeichnet wissen möchte. Auch schien sie außerordentlich transphob gewesen zu sein (da scheint sie Frau Neugebauer geprägt zu haben), so nannte sie in Gyn/Ecology Trans*personen „Frankensteinian“ und sprach ihnen die Realität ihres Dasein ab. Audre Lorde kritisierte Wikipedia zufolge die Ignoranz der Geschichte von Women of Color.

Eine Liste von Literatur von Daly, deutschen Übersetzungen und Sekundärliteratur findet sich bei Wikipedia, bei Google-Books gibt es auch einiges, ein Nachruf bei The Boston Globe und ihre eigene Webseite steht auch zur Verfügung für weitere Informationen.


8 Antworten auf “Mary Daly: 16. 10. 1928 – ­ 3.01. 2010”


  1. 1 liane 12. Januar 2010 um 20:54 Uhr

    hallo posterin ?,

    es ist sehr einfach immer etwas zu behaupten vom hoeren sagen oder annehmen oder auch aus 2+2=5 machen, ohne sich selber damit zu beschaeftigen und sich die arbeiten selber durchzulesen um sich selber ein bild zu machen.

    und so kommen dann die geruechte in die welt, weil angenommen wird oder jemand hat das und dieses gehoert………..

    gut das du liebe posterin? die sinnvolle wikipedia zum nachfragen hast, da diese dame? dich ja so unheimlich ueber feminismus usw aufklaert

    danke fuer dein so einleuchtendes posting

  2. 2 fraulenzen 18. Januar 2010 um 23:33 Uhr

    Ich bin auch erstaunt, mit welchem (un)wissen nummer.drei hier auch noch in unkenntnis der werke von Mary Daly über eine der bedeutendsten feministischen theoretikerinnen schreibt. leider fehlt vielen der mut zur denkerischen radikalität, den es heute im feminismus viel zu selten gibt.
    Empfehlen kann ich ihre werke „Kirche, Frau und Sexus – Jenseits von Gottvater & Co. / Aufbruch zu einer Philosophie der Frauenbefreiung – Gyn/Ökologie – Reine Lust / Elementale Feministische Philosophie“

  3. 3 frankenstein 19. Januar 2010 um 10:07 Uhr

    @liane: ich kannte mary daly bis jetzt nicht und wenn in diesem posting falsche aussagen gemacht werden, die du als solche erkannt hast, dann wäre es schön, wenn du diese auch benennst und korregierst. danke!

  4. 4 fraulenzen 19. Januar 2010 um 17:02 Uhr

    Ich möchte darauf hinweisen , dass es im obigen eingestellten text von frau/herrn nummer.drei heissen muss: Luise F. PUSCH schreibt … eine verkehrte namensnennung scheint das (un)wissen zu Mary Daly zu untermauern..

  5. 5 nummer.drei 19. Januar 2010 um 19:50 Uhr

    wenn Rechtschreibfehler jetzt zum Gradmesser für Argumente werden, dann hat die Diskussion wirklich an Niveau verloren.
    fraulenzen, dann schreib doch mal konkret etwas zu den Vorwürfen, die es gegen Dalys Postulate gibt, statt einfach nur herum zu haten…

  6. 6 fraulenzen 19. Januar 2010 um 20:20 Uhr

    @ nummer drei
    ich achte nicht so sehr auf rechtschreibfehler – das kann frau/man jederzeit passieren. nur bei namensnennungen sollte frau doch darauf achten, dass diese richtig geschrieben werden.
    am besten die bücher von M.D. , die oben angegeben wurden, mal selbst durchlesen, zum besseren verständnis, warum die inhalte ihrer bücher radikalfeministinnen bis heute so beeindrucken.

  7. 7 nummer.drei 20. Januar 2010 um 8:59 Uhr

    das ist doch eine total paternalistische ansage bzw. autoritäre rhetorik: „lies doch mal selber“; gerade wenn nach einem inhalt gefragt wurde. wie soll das denn einen menschen ermuntern etwas zu lesen/verstehen/anders zu sehen? :d/ :-?

  8. 8 fraulenzen 23. Januar 2010 um 18:04 Uhr

    Hier eine schöne femmage an Mary Daly – die viel aufschluss gibt über ihr leben und wirken. auch auf fembio sind neben einem schönes porträt viele links mit erinnerungsseiten an Mary Daly eingestellt.

    http://www.gerda-weiler-stiftung.de/pdf/marydaly_femmage.pdf
    http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/mary-daly/

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sechs + = elf