Vom Vater Staat zum rechten Staat?

Hinweis in eigener Sache: In diesem Monat erscheint Teil-Bd. 1 des von Sabine Berghahn, Frieder Otto Wolf und Detlef Georgia Schulze [= ich, TaP] herausgegebenen Buches „Rechtsstaat statt Revolution, Verrechtlichung statt Demokratie? Transdisziplinäre Analysen zum deutschen und spanischen Weg in die Moderne.“ (Westfälisches Dampfboot: Münster, 2010). Teil-Bd. 2 folgt im März.

In dem Buch gibt es ein Kapitel IV. „Vom Vater Staat zum rechten Staat? Nationale und geschlechtliche Identitäten seit den anti-napoleonischen Kriegen“, das folgende Beiträge enthält:
Gabriele Kämper, Einleitung: Imaginationen, Rhetorik, Bilder der Macht: Nationale Diskurse und die Rede vom Geschlecht
Teresa Sanislo, Gender, Gymnastics, and Middle Class Identity Formation 1770-1800. Evidence for a German Sonderweg?
Christiane Eifert, Der Landrat. Männlichkeit und Herrschaft
Carolyn Boyd, History, Identity and Citizenship: History Teaching and Textbooks in Nineteenth-Century Spain
Teresa Orozco, Der katholische Ordnungsgedanke und der Preis seiner Säkularisierung: Carl Schmitt als Leser Donoso Cortés
Kapitel VIII.1. enthält einen Beitrag von Sabine Berghahn zur ‚Kopftuch-Debatte‘: Recht und Gesetz, Demokratie und Föderalismus – keine Chance für allzu einfache Entgegensetzungen!
Gabriele Wilde, Die Europäisierung des deutschen demokratischen Rechtsstaats. Eine kritische Neuvermessung des Verhältnisses von Recht und Politik am Beispiel der EU-Geschlechterpolitik.

In Kapitel VIII.3. schreibt Judith Butler zum Thema: Torture and the Ethics of Photography.

abstracts der Beiträge:

Gabriele Kämper, Imaginationen, Rhetorik, Bilder der Macht: Nationale Diskurse und die Rede vom Geschlecht

Strategien der Ent-Politisierung und Demokratie-Vermeidung sowie der aggressiven Bekämpfung von demokratischen Verfasstheiten arbeiten mit geschlechtlichen Inszenierungen des Nationalen. Sowohl die Geschlechterverhältnisse wie auch das Nationale werden so einer Sphäre des Vorgängigen, Natürlichen oder Göttlichen übergeben. Der antidemokratische Impetus nationaler Rhetoriken wird durch eine reichhaltige Geschlechtermetaphorik vermittelt. Ein nicht unwesentliches Attraktivitätsmoment dieser Diskurse besteht darin, Ungleichheit geschlechtlich zu besetzen und damit plausibel und – aus der Perspektive hegemonialer Männlichkeit – zustimmungsfähig zu machen. Antidemokratisches Denken basiert auf Denkfiguren der Ungleichheit, und das Geschlechterverhältnis bietet seinerseits wesentliche Ansatzpunkte für soziale, politische, rechtliche und kulturelle Praxen und Rhetoriken, um diese Ungleichheit zu inszenieren, zu tradieren und zu legitimieren. Geschlecht als analytische Kategorie bei der Befragung nationaler Diskurse wirft die Frage nach Herrschaft, Unterordnung, Ungleichheit und den zu ihrer Anwendung vorgebrachten Legitimationsstrategien auf.
Die Analyse der Beiträge von Teresa Sanislo, Christiane Eifert, Carolyn Boyd und Teresa Orozco in Band 1 zeigt in historischer Perspektive die kontinuierliche wie diskontinuierliche Tradierung und Generierung antidemokratischen Denkens. Nationale und maskuline Selbstbehauptung gehen dabei Hand in Hand und formulieren immer wieder neu das Versprechen auf ihre Einlösung in der Abwehr des Demokratischen. Ein Blick auf die Auseinandersetzung von Judith Butler mit den Fotos von Abu Ghraib führt in die Gegenwart und zeigt die externalisierte Homophobie, Misogynie und maskulinistische Fundierung der amerikanischen Armee und Gesellschaft auf. Das Zusammenlesen dieser Beiträge gibt die imaginative Binnenstruktur antidemokratischer Ideengeschichte zu erkennen, die von autoritären, elitären und hegemonialen Männlichkeitsvorstellungen geprägt ist.

Teresa Sanislo, Gender, Gymnastics, and Middle Class Identity Formation 1770-1800. Evidence for a German Sonderweg?

Dieses Papier untersucht die Themen gender und Bürgerlichkeit im Rahmen einer Analyse der deutschen Körpererziehungs- und Turnbewegung im späten 18. Jahrhundert. Ich betrachte die Bemühungen einer kleinen, Philanthropen genannten, Gruppe von aufgeklärten Schulreformern, neue Programme für die Körpererziehung zu entwickeln, öffentliche Aufmerksamkeit für diese zu gewinnen und gesellschaftliche Relevanz für ihre Bemühungen zu beanspruchen. Ich versuche dabei zu zeigen, auf welch komplexe Weise diese Mitteklassen-Männer versuchten, ihre Identität aufzubauen und zu erhalten. Sorge um das Schicksal der Männlichkeit in der modernen Ära, unterschiedliche Vorstellungen von Männlichkeit und Spannungen zwischen diesen, die Männer fühlten, wenn sie sie erkannten und über sie nachdachten, war ein starker Impetus für die Schaffung dieser Programme. Die Diskurse über Turnen und neue Körpererziehung zeigen, daß ein positives Bild des bürgerlichen Selbst und ein negatives des (adligen) Anderen nicht das einzige Mittel war, mit dem die gebildeten Mittelklassen-Männer ihre Identität formulierten. Positive, idealisierte Bild von Gesundheit, Stärke und einer heroischen Männlichkeit der edlen Wilden, der alten Germanen und der griechischen Bürger-Soldaten der Antike und das negative Bild der zeitgenössischen gebildeten deutschen Männer spielten eine wichtige Rolle in den Begründungen des körperlichen Ertüchtigungsprogrammes. Am Ende des Papiers kehre ich zur Frage des Sonderweges und seiner Beziehung zur Geschlechtergeschichte zurück. Als ich zu forschen und zu publizieren begann, dominierte die Sonderwegsdebatte nicht mehr in dem Maße das Feld, wie sie es noch in den 80er und zu Anfang der 90er Jahre tat. Ich bin überzeugt, daß ich von den neuen Freiheiten profitierte, die mit der Auflockerung des Sonderweg-Paradigmas kamen und wende mich dagegen, meine Arbeit als Bestätigung der These von einem besonderen deutschen Weg in die Moderne zu lesen.

Christiane Eifert, Der Landrat. Männlichkeit und Herrschaft

Staatliche Herrschaft setzte im 19. Jahrhundert in Preußen nicht nur Konfrontation und Gewalt als Mittel ein, sondern auch Kommunikation und Konsensstiftung. Entsprechend lassen sich in der Staatsverwaltung divergierende Männlichkeitsbilder finden, neben den militärischen waren paternalistische bedeutsam. Christiane Eifert untersucht die Verbreitung und Wirksamkeit paternalistischer Männlichkeit am Beispiel preußischer Landräte und deren Herrschaftspraktiken.

Carolyn Boyd, History, Identity and Citizenship: History Teaching and Textbooks in Nineteenth-Century Spain

Dieses Papier erörtert die Bedeutung des Geschichtsunterrichts und der Geschichtsbücher für die Konsolidierung einer autoritären politischen Kultur in Spanien während des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts. Im frühen 19. Jahrhundert entwickelten die Progresistas historische Narrative, welche die spanische Geschichte als Kampf des Volkes für Freiheit und gegen Tyrannei darstellten. Nach den revolutionären Umwälzungen von 1868-74, reflektierten und verstärkten die Geschichts-Lehrbücher den undemokratischen Charakter der restaurativen Monarchie, die auf Eliten-Kooptation und Ruhigstellung des Volkes beruhte. Gängige Geschichts-Lehrbücher wiesen jedes voluntaristisches oder mehrheits-orientiertes Verständnis von Volkssouveränität zurück und gründeten die Legitimität der Monarchie in deren Treue zu einer „inneren Verfassung“, der nationalen Vergangenheit sowie einem unwandelbaren nationalen Charakter. Anstelle von Freiheit und Gerechtigkeit wurden Gehorsam und Ordnung als die höchsten politischen Werte der Nation angesehen.

Teresa Orozco, Der katholische Ordnungsgedanke und der Preis seiner Säkularisierung: Carl Schmitt als Leser Donoso Cortés

Carl Schmitt rekurriert auf den katholischen Ordnungsgedanke von Donoso Cortés, der die Notwendigkeit der Diktatur rechtfertigt, und lobt, „daß die theologische Art des Spaniers ganz in der Linie des mittelalterlichen Denkens“ verbleibe. Schmitt schlägt sich auf die Seite der Restauration eines mittelalterlichen Herrschaftsmodus, das im Zeitalter der Revolutionen seine Legitimität verloren hat und sich in der Moderne nur mehr durch totalitäre Entscheidungen behaupten kann. Gegen jene politische Tradition, die die Volkssouveränität als Bedingung für die Legitimität des Staates behauptet, stellt Schmitt den Willen des Volkes zur Disposition. Dieser wird zur Scheidelinie, deren Übertretung wahre Männlichkeit in Gestalt des zur Dezision, zur Entscheidung fähigen Diktators auszeichnet. Diese uralte patriarchale Figur, die hier ihre Auferstehung erfährt, bekommt im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den liberalen Rechtsstaat und der Idee des Ausnahmezustands eine spezifisch protofaschistische Wendung. Unübersehbar ist, dass Schmitt sein Projekt auf Donoso Cortés rückprojiziert. Cortés’ Konstruktion von Familie, christlicher Gemeinschaft und Liebe, die er gegen die säkularen Forderungen der damaligen Liberalen und Sozialisten einsetzt, bleiben in Carl Schmitts Lektüre auf symptomatische Weise unterbelichtet, statt dessen setzt Schmitt auf die Kraft des säkularisierten politischen Mythos.

Sabine Berghahn, Recht und Gesetz, Demokratie und Föderalismus – keine Chance für allzu einfache Entgegensetzungen!

Der Beitrag greift die Entgegensetzung von ‚Recht und Gesetz’, ‚Verrechtlichung und Demokratie’ auf und problematisiert die Frage, ob die generelle ‚gesetzespositivistische’ Kritik am deutschen Bundesverfassungsgericht wirklich berechtigt ist. Neigt das Bundesverfassungsgericht wirklich dazu, eine ‚überpositive Wertordnung’ zu mobilisieren und sie gegen die demokratischen Rechtssetzungen der Parlamente von Bund und Ländern auszuspielen? Ohne einige schwerwiegende Kompetenzüberschreitungen des Bundesverfassungsgerichts gegenüber der Legislative in Abrede stellen zu wollen, plädiert die Autorin des Beitrags dafür, auch die komplementären Gefahren ernst zu nehmen, die Individuen und ihren Grundrechten von Seiten der Legislative drohen können. Als Beispiel dient die problematische Gesetzgebung einiger deutscher Bundesländer zum islamischen ‚Kopftuch der Lehrerin’, die allerdings erst durch die kompromisshafte Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 24. September 2003 möglich geworden ist. Der Beitrag rekonstruiert die Zusammenhänge und Widersprüche des justiziellen und legislativen Geschehens. Der tiefere Blick in die strategische und normative Dynamik und Problematik in der Kopftuchfrage macht deutlich, dass allzu einfache Entgegensetzungen im obigen Sinne zu kurz greifen. Sinnvoll wäre vielmehr die Verbesserung der normativen Urteilskraft von Verfassungsgericht, Gesetzgebung und Öffentlichkeit.

Gabriele Wilde, Die Europäisierung des deutschen demokratischen Rechtsstaats. Eine kritische Neuvermessung des Verhältnisses von Recht und Politik am Beispiel der EU-Geschlechterpolitik

Die Bundesrepublik Deutschland ist als demokratischer Rechtsstaat in besonderer Weise von den Folgen der europäischen Integration betroffen. Das gilt vor allem für das Spannungsverhältnis von Recht und Politik, von individueller Freiheitssicherung und politischer Selbstorganisation. Dabei zeigt sich, dass mit dem Prozess der Europäisierung die spezifischen Wurzeln des deutschen liberalen Rechtsstaats erneut sichtbar werden und es zu einer Neoliberalisierung demokratischer Rechtsstaatlichkeit kommt. Doch im Gegensatz zum Abbau des Sozialstaats führen Prozesse der Deregulierung und Individualisierung nicht zu einer Entmachtung und Schwächung des nationalen Rechtsstaats, sondern zu einer Verdrängung der Demokratie. In Zusammenhang mit der Etablierung der Geschlechterpolitik als eigenständiger supranationaler Tätigkeitsbereich zeigen sich die Folgen der Neoliberalisierung demokratischer Rechtsstaatlichkeit vor allem an einer auf den Erwerbsbereich beschränkten Regulierung demokratischer Geschlechterverhältnisse und damit an ihrer De-Politisierung.

Judith Butler, Torture and the Ethics of Photography

Ausgangspunkt von Judith Butlers Beitrag sind Fragen danach, was es bedeutet, ethisch zu reagieren, ob es angemessene Reaktionen aus der Distanz gibt und ob sich die Art der Berichterstattung und Darstellung, hier also durch Fotografie, auf die Reaktionsbereitschaft auswirkt. So beschäftigt sich Butler mit den Fotos aus Abu Ghraib und reflektiert dabei die Deutungen von Susan Sontag, deren variierte aber stets kritische Sicht auf Fotos und insbesondere Kriegs- und Leidensfotografie den Beitrag wie ein roter Faden durchzieht. Wichtig für Butlers Zugang zu den (neuen) Formen der „eingebetteten“ Fotografie und Bildberichterstattung von modernen Kriegsschauplätzen ist vor allem der Begriff der „Rahmung“. Anlässlich der Veröffentlichung der Misshandlungs- und Folterfotos von Abu Ghraib stellt sich Butler Fragen nach der Rahmung, nach der normativen Scheidung von Misshandlung und Folter, Fragen nach den FotografInnen, danach ob die Bilder Pornografie sind oder die Frage, ob das Fotografieren selbst ein Akt der Misshandlung oder Folter oder Pornografie ist. Was also sehen wir von der Wirklichkeit durch diese Fotos? Vor allem eine Realität der ignorierten und gebrochenen Regeln, namentlich der Genfer Konvention und anderer normativer Zivilisierungsversuche des Krieges und der (ansonsten legitimierten) Gewalt. Am Schluss fasst Butler Sontags Zuspitzung (in ihrem Essay von 2003 „Regarding the Pain of Others“), die Fotos aus Abu Ghraib seien Fotos von „uns“, als Frage zusammen: Können die Gefolterten unseren Blick suchen, und was sehen sie, wenn sie uns ansehen? Butlers Antwort lautet, dass wir uns selbst beim Betrachten der Fotos zusehen, dass wir selbst die FotografInnen sind, soweit wir die Normen teilen, die den Rahmen bilden, in dem diese Leben genötigt, erniedrigt und in manchen Fällen zu Tode geprügelt werden. Sie endet mit der These, dass das „Nichtsehen inmitten des Sehens“, „zur visuellen Norm“ geworden sei. Es ist die „nationale Norm“, die wir in dem fotografischen Rahmen sehen, der seine „fatale Leugnung vollzieht“.

Weitere Informationen zum Buch gibt es hier.


4 Antworten auf “Vom Vater Staat zum rechten Staat?”


  1. 1 n.n. 02. Februar 2010 um 9:52 Uhr

    Und was hat das jetzt mit Feminismus zu tun?

  2. 2 Kathleen 02. Februar 2010 um 11:50 Uhr

    …sehr viel…die texte wollen/können/sollen jemensch ne ahnung geben, wo und wie anzusetzen wäre, um geschlechterbilder und instrumentalisierung zu verändern oder gar zu kippen, dadurch dass mir die texte aufzeigen, wo und wie konstruktion von geschlecht vor sich gegangen ist oder geht…nicht?

  3. 3 n.n. 03. Februar 2010 um 10:27 Uhr

    Nein, ich glaube nicht (außer du kannst das jetzt schlüssig am Beispiel „Demokratie und Föderalismus“ aufzeigen). Ich glaube ja eher das hier das Ansinnen des Autors im Vordergrund stand: „Hinweis in eigener Sache“ (TaP).

  1. 1 Ankündigungspolitik, die folgen zeigt: « Theorie als Praxis Pingback am 04. Februar 2010 um 20:21 Uhr

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