Und nochmal: Queerfeminismus und Ökonomiekritik

Am Donnerstag startet das dreitägige Event „Who cares?“ in Berlin. Wie lassen sich Ökonomiekritik und queerfeministische Gesellschaftskritik zusammen denken? Und wie kann eine Versorgung aller Menschen gewährleistet werden? Vorab ein kurzes Interview mit einer Person aus dem Vorbereitungskreis.

Kapitalismuskritik taucht als Begriff nur noch am Rande auf. Warum zieht ihr Ökonomiekritik vor?

Wir wollten weder begrifflich noch analytisch vorlegen wie Gewalt und Reproduktionsverhältnisse im Kapitalismus zusammenhängen. Unser Ziel ist es, in der Mobilisierung und auf dem Event einen Raum zu öffnen, indem ein gemeinsamer Begriff von Ökonomie und Kapitalismus entwickelt werden kann. Einer, auf den sich feministische, queere und linke Gruppen gleichermaßen berufen, mit dem sie arbeiten und auf Grund dessen sie Bündnisse schließen wollen.
Und der Begriff der Ökonomiekritik bietet sich hier an. Er ist ganz stark offen und als einen strategischen Begriff wollen wir ihn in den Raum werfen und einladen, die eigenen Anliegen, die eigenen Ökonomien und Kritiken aufeinander zu beziehen. Was ist gesellschaftlich gerade los?
Wer versorgt wen?
Fragen nach Gewaltverhältnissen, Sexualitäten und Identitäten schließen sich hier an, die je nach Perspektive mitgedacht werden. Aber wie beziehen sie sich aufeinander und so auch die jeweiligen queeren, feministischen und linken Öffentlichkeiten?

Im Aufruf fordert ihr eine linke feministische Position, „die sich nicht länger an Alphamädchen oder an Hauptwidersprüchlern abarbeiten will“. Wie kann diese aussehen?

Wir suchen nicht nach den geschlechterblinden Flecken in Debatten und Begriffen, eher wollen wir eine eigene Position formulieren. Ein Moment ist für uns, Feminismus als Gesellschaftskritik zu verstehen, die die strukturelle Nichtversorgung von Menschen thematisiert: den ungleichen Zugang zu Lohnarbeit, den Status von Legalität und Illegalität, Gewaltverhältnisse oder die rassistische gesellschaftliche Organisierung.
Aus vielen und verschiedenen Ecken laufen Geschlechterverhältnisse im Kapitalismus aufeinander zu. Dem setzen wir nun einen Ökonomiebegriff entgegen, der strukturelle Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse benennt und auch darauf abzielt, dass hier Identitäten zugewiesen werden, die eher und schneller einer Verletzung ausgesetzt sind. Ein Entzug von Selbstbestimmung, der sich in diesem System massiv auf der weiblichen Seite zeigt und wiederum auf die ungelöste Frage der gesellschaftlichen Reproduktion verweist.
Statt Diskriminierungsformen wie rassistisch und sexistisch aneinander zu reihen, suchen wir den gemeinsamen Austausch, wie sie miteinander verschränkt sind.
In Bündnissen und gemeinsamen Forderungen wollen wir herausfinden wie eine Versorgung gewährleistet werden soll. In solidarischen Bündnissen, die über die Skandalisierung der Emanzipation der Mittelschichtsfrau auf Kosten einer Haushaltsarbeiterin hinausgehen. Wir suchen nach gemeinsamen Anliegen – solidarischen, nicht identitären.

Angetreten seid ihr mit dem Ausspruch, dass dieses Event einen Meilenstein in der queerfeministischen und ökonomiekritischen Diskussion setzt. Steigt der Erfolgsdruck?

„Danach“ soll nicht „davor“ sein. Seit dem ersten Saloon gibt es eine riesige Resonanz auf dieses Thema. Auch spüren wir Interesse und Solidarität mit unserer Arbeit, das uns sagt: Wir ziehen ein cooles Projekt durch. Wir merken, dass viele Feminist_innen und Queers sich entlang dieser Fragen organisieren wollen und bieten einen Raum an, indem sich ausgetauscht und aufeinander bezogen werden kann. Mittlerweile kursiert das Event als stehendes Datum, Menschen aus Hamburg, Leipzig und Wien kommen und schon jetzt funktioniert der Austausch, der Anstoß über dieses Thema zu reden. Kontroversen entwickeln sich und werden auch auf dem Event weitergeführt. Auch viele Projekte, die wir während der Recherchearbeit gefunden haben, sind begeistert von der Idee, Öffentlichkeit herzustellen und sich zu vernetzen. Auch nach dem Event. Es ging nie darum, eine Position zu entwickeln, die wir dann zwei Tage lang referieren können, sondern hier soll kontrovers und inhaltlich diskutiert werden. Auch Unerwartetes. Deswegen wird es fett!

mehr zum Event unter: www.feministische-oekonomiekritik.org


Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


+ drei = neun