„Sozialistische Erfindung“

In einem Gastkommentar der Frankfurter Rundschau, lässt Alice Schwarzer die Welt wissen, dass sie den Weltfrauentag am liebsten abgeschafft sehen würde. „Schaffen wir ihn also endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer“. Weiter kritisiert sie, dass dieser Tag eine „sozialistische Erfindung“ sei.
„Doch gerade die Frauenbewegung entstand bekanntermaßen Anfang der 1970er Jahre im Westen nicht zuletzt aus Protest gegen die Linke. Eine Linke, die zwar noch die letzten bolivianischen Bauern befreien wollte, die eigenen Frauen und Freundinnen aber weiter Kaffee kochen, Flugblätter tippen und Kinder versorgen ließ.“

Die realsozialistischen Länder seien in den obersten Etagen bekanntermaßen auch frauenfrei gewesen. Unter diesen Vorzeichen ist die Übernahme des sozialistischen Muttertags als ,unser Frauentag‘ für Feministinnen, gelinde gesagt, der reinste Hohn.“

Harte Worte sowohl für den Weltfrauentag, als auch für den Sozialismus. Leider muss mensch zugeben, dass die Kritik am Sozialismus gerechtfertigt ist, den dieser verpasste es im letzten Jahrhundert die wirkliche Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft als auch in der Partei durchzusetzen.
Jedoch muss mensch dem Sozialismus zu gute halten, dass dieser schon vor 100 Jahren erkannte, dass Frauen Menschen mit Rechten sind.
Eine Weltanschauung von der die neoliberale-konservative Front noch heute weit entfernt ist. So ist es umso verwundernswerter, dass Frau Schwarzer zusammen mit der Bild-Eignerin Frida Springer, der ehemaligen TV-Talkerin Sabine Christiansen und anderen konservativen High-Society Ladies vor der vorletzten Bundestagswahl den Wahlverein „Mehr für Merkel“ gegründet hat. Ich halte zwar überhaupt nichts von einem Alice-Schwarzer-Bashing, (die Feministin in mir zollt Bewunderung für vergangene Taten), aber sich als Frauenrechtlerin mit dem konservativen Lager einzulassen kann als suizidal angesehen werden. Denn von dieser Seite wird NIE eine progressive Frauen/Genderpolitik ausgehen. Diejenigen die, die Debatte um Frauenbefreiung und Menschenrechte weiterführen werden und für gleiche Rechte kämpfen, werden wahrscheinlich auch in diesem Jahrhundert linke Gesellschaftsschichten sein. Also hatte Frau Schwarzer vielleicht doch recht, Gleichberechtigung ist eine sozialistische/linke Erfindung.


8 Antworten auf “„Sozialistische Erfindung“”


  1. 1 miss understanding 09. März 2010 um 14:05 Uhr

    Die Frauenbewegung „entstand“ (abgesehen davon dass es vorher schon mal eine gab) als Protest gegen linke Macker, aber andererseits muss man der linken Bewegung zugute halten, dass sie immerhin den Raum für eine solche Bewegung geboten hat.

    Es gab wilde Diskussion, es gab Spaltungen und Ausschlüsse, aber immerhin gab es sie und die sozialistische Linke wurde durch die bewegt (anders als die emanzipatorische Frauenbewegung innerhalb der katholischen Kirche, Karnevalsclubs und Schützenvereine, die immer noch auf sich warten lassen). Genauso wie es „die Antideutschen“ als Bewegung nur inner-/außerhalb (wie auch immer) der Linken geben kann.

    Wenn Frau Schwarzer meint dass sie sich mit solchen simplen Schwarz-Weiß-Malereien von „der Linken“ abgrenzen kann soll sie das doch machen. Vielleicht findet sie dann neue Freunde, darf in mehr Talkshows auftreten und verkauft mehr Zeitschriften. Der Erkenntnisgewinn ist Mau.

  2. 2 hop 09. März 2010 um 16:48 Uhr

    Vielleicht verkennt hier der eine oder andere, dass der Weltfrauentag bereits in der Vorkriegszeit existierte und in den zitierten und zur Begründung herangezogenen 70ern nur wieder ausgegraben wurde !!!

    *mal kopfschüttel*.

  3. 3 n.n. 09. März 2010 um 23:11 Uhr

    Hallo? Der wurde durchgängig begangen bzw. gefeiert. Nichts da mit wieder ausgegraben.

  4. 4 Jakob 10. März 2010 um 0:13 Uhr

    @miss understanding: Vielen Dank für den Kommentar!

    Ich möchte an dieser Stelle (nochmal?) das Buch „Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin: Frauen in der Ersten Internationale“ von Antje Schrupp empfehlen (ISBN 3897410222 hier ein Aufsatz von ihr zum selben Thema). Es ist schon sehr interessant, wie sich damals Frauenbewegung und Arbeiterbewegung parallel entwickelt haben und die vier vorgestellten Frauen sind wirklich beeindruckend. Der Streit zwischen Feministen und Antikapitalisten ist jedenfalls viel älter als Alice Schwarzer.

    Über Victoria Woodhull hat Antje Schrupp auch noch eine eigene Biografie geschrieben: „Das Aufsehen erregende Leben der Victoria Woodhull“. Ulrike Helmer Verlag, 2002, ISBN 3-89741-105-9. Woodhull fällt etwas aus dem Rahmen der Frauen- und Arbeiterbewegung – und nicht nur aus dem! :-)

  5. 5 Paula Schramm 10. März 2010 um 14:24 Uhr

    Der Welfrauentag ist in Deutschland mit von den Nazis abgeschafft worden und wurde erst ende der 50er (oder so) wieder eingeführt, wenn ich mich recht erinnere von SPD-Frauen. In der DDR wurde er instrumentalisiert früher eingeführt.

    Irgendwie scheint sich der Horizont der Alice Schwarzer mit den Jahren immer mehr zu beschränken. Gut finde ich das nicht.

  6. 6 t... 10. März 2010 um 16:32 Uhr

    Clara Zetkin (1857 – 1933)
    Auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen initiierte sie gegen den Willen ihrer männlichen Parteikollegen den Internationalen Frauentag, der erstmals im folgenden Jahr am 19. März 1911 begangen werden sollte (ab 1921 am 8. März).

  7. 7 n.n. 10. März 2010 um 16:53 Uhr

    „Der Welfrauentag ist in Deutschland mit von den Nazis abgeschafft worden und wurde erst ende der 50er (oder so) wieder eingeführt, wenn ich mich recht erinnere von SPD-Frauen. In der DDR wurde er instrumentalisiert früher eingeführt.“

    Der Frauentag ist in der BRD nie eine Feiertag gewesen. Aber was meinst du mit „instrumentalisiert“?

  8. 8 Thomas 14. März 2010 um 10:18 Uhr

    Insbesondere französische Frühsozialisten bzw. Utopisten im Umkreis von Saint-Simon haben schon vor 200 Jahren die Gleichberechtigung der Frau gefordert, welche dann in der damals bedeutsamen Saint-Simonistischen „Sekte“ auch tatsächlich praktiziert wurde.

    Die Schwarzer-Kritik trifft sicherlich auf den Staatssozialismus vergangener Tage zu, aber nicht auf alle Formen von Theorie und Praxis des Sozialismus.

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