Archiv für Juni 2010

Judith Butler im taz-Interview (30.6.)

Die Geschlechterforscherin Judith Butler über Rassismus, Homophobie und das Problem, etwas Falsches durch etwas anderes Falsches korrigieren zu wollen.

Nachtrag

aus einem Kommentar von mir bei der Mädchenmannschaft:

Judith Butler: „Wenn jemand etwas Kriminelles getan hat, ist die Handlung kriminell, nicht die Person, und nicht der ethnische oder religiöse Hintergrund einer Person.“

Das vergißt doch alle theoretischen Einsichten, die Judith Butler sonst hat. Handlungen tauchen doch nicht aus dem Nichts auf, sondern sind von gesellschaftlichen Strukturen determiniert. Und was heißt denn Intersektionalitäts-Forschung anderes als zu untersuchen, wie sich Sexismus, Homophobie, Antisemitismus usw. klassen- und rassenspezifisch unterschiedlich artikulieren – und umgekehrt?
Auch wenn das Fragen nach diesen Kategorien immer schon zu deren Reproduktion beiträgt, führt analytisch und politisch kein Weg daran vorbei, sie als – wenn auch ‚konstruierte‘ (gesellschaftlich hervorgebrachte) – machtvolle Realitäten zur Kenntnis zu nehmen (S. 6).
In Bodies that matters schrieb Butler:

„[…] it would be not enough to claim that for Venus [einer Darstellerin aus dem – von Butler analysierten – drag-Film Paris is burning] gender is markedy by race and class, for gender is not the substance or primary substrate and race and class the qualifying attributes. In this instance, gender is the vehicle for the phantasmatic transformation of the nexus of race and class, the site of its articulation“ (S. 130).

In diesem Sinne kann doch nicht vergessen werden, daß Homosexualität ein Einsatz sowohl in fundamentalistischen religiösen (christlichen wie islamischen) Diskursen über moderne Dekadenz ist, und daß sich diese Diskurse auch in homophober Gewalt materialisieren, als auch ein Einsatz in den Diskursen über die angebliche westliche (insb. europäische) Fortschrittlichkeit und Toleranz gegenüber im Vergleich mit dem rückschrittlichen und intoleranten Islam (oder auch den konservativen, prüden usw. USA) ist.
Queer ist es nicht, aus Gründen der politischen Opportunität (der Sympathie für die eine oder andere Seite) diese Einsichten zu verschweigen, sondern eine unzweideutige, eigenständige Position jenseits dieser beiden Lager einzunehmen.

Noch einmal zu den Rassismus-Vorwürfen gegen den Berliner CSD

Noch einmal zu den Rassismus-Vorwürfen gegen den Berliner CSD
[Dieser Text als .pdf-Datei]

„FrauenLesben“ – noch ein zeitgemäßer Ausdruck oder total unqueer?

Aus meinem Artikel über sexuelle Belästigungen beim transgenialen CSD entwickelte sich eine Diskussion über den Ausdruck „FrauenLesben“.
Damit wir dort beim ursprünglichen Thema, den sexuellen Belästigungen, bleiben können, mache ich hier mal einen neuen Artikel aus den dortigen „Begriffs-Kommentaren“:

Marcie 29. Juni 2010 um 9:57 Uhr

„(nach Augenschein: alle drei FrauenLesben)“

Doofe Frage vielleicht:
Was sind „FrauenLesben“ und wie unterscheiden sie sich von „MännerLesben“ oder „Lesben“ (ohne Zusatz)?

Cunctatrix 29. Juni 2010 um 10:51 Uhr

„FrauenLesben“ ist eine – ich vermute in den 80er Jahren aufgekommene – Schreibweise, die
-- die sprachliche ‚Unsichtbarkeit‘ von Lesben unter dem (vermeintlich neutralen, aber stillschweigend heterosexuell gedachten) Oberbegriff „Frauen“ beseitigen sollte,
-- also tendenziell ein Synonym für „Heteras und Lesben“ ist
-- und zugleich aber auch auf die Kontroverse anspielt, ob Lesben (nach ihrem Selbstverständnis) Frauen sind bzw. sein sollen.* Die Schreibweise ist also eine abgeschwächte Variante zu „Frauen und Lesben“ bzw. „Frauen oder Lesben“.
„FrauenLesben“ sollte sowohl lesbar sein als „Frauen, unter Einschluß [Sichtbarkeit] von solchen, die lesbisch sind,“
als auch als „Heteras und Lesben, die sich als Frauen verstehen, + Lesben, die sich nicht als Frauen verstehen“.

* Monique Wittig „stigmatised the myth of ‚the woman‘, called heterosexuality a political regime, and outlined the basis for a social contract which lesbians refuse: ‚…and it would be incorrect to say that lesbians associate, make love, live with women, for ‚woman‘ has meaning only in heterosexual systems of thought and heterosexual economic systems. Lesbians are not women.‘ For Wittig, the category ‚woman‘ exists only through its relation to the category ‚man‘, and ‚woman‘ without relation to ‚man‘ would cease to exist.“
(http://en.wikipedia.org/wiki/Monique_Wittig#Theories)

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Da durchaus auch hetero- und bisexuelle Frauen am tCSD teilnehmen können, schien mir die Formulierung „FrauenLesben“ passend.

Der_Ekelbaron 29. Juni 2010 um 22:18 Uhr

Was ist mit den Bis und Heteras, die sich nicht als Frauen verstehen (wollen)?
Ich find die Formulierung immer ziemlich antiquiert. So nach dem Motto, dass Lesben oder Schwule allein durch ihre Beziehungspraxis queerer sein sollen als Bis und Heter@s. Irgendwie schimmert da für mich auch so das Vorurteil durch, dass Lesben nur mit *Frauen abhängen und Schwule nur mit *Männern. Das mag es zwar geben, ist aber eben auch eher das Gegenteil von queer…

illith 30. Juni 2010 um 1:18 Uhr

wären (cis-)frauen, die sich zu frauen hingezogen fühlen, sich selber aber nicht als welche definieren/identifizieren, nicht eher trans?

obwohl ich die dahinterstehende intention – sichtbarmachen – absolut befürworte, stör ich mich schon ewig an diesem frauenlesben-begriff. besonders für außenstehende festigt das mM eher das gesellschaftliche klischee, dass lesben keine „richtigen frauen“ seien.

Sexuelle Belästigungen beim transgenialen CSD in Berlin

Auszüge aus einer mail an die Vorbereitungsgruppe des transgenialen CSD (tCSD):

Bericht:

Als die Demo noch auf dem Kottbusser Damm unterwegs war, wurde vom ersten Lauti […] durchgesagt, daß ein schon ziemlich betrunkener Typ mit zwei Hunden Frauen in der Demo „ganz scheußlich belästigt“. Es wurde die, die ihn sehen, aufgefordert, ihm „gemeinsam und laut zu sagen, daß er die Demo verlassen soll“. Da davon im vorderen Bereich der Demo nichts mitzubekommen war, habe ich mich nicht weiter dazu verhalten; im hinteren Bereich der Demo dürfte die Lauti-Durchsage dagegen nicht zu hören gewesen sein.
[…]. Als ich am Heinrichplatz (Endpunkt der Demo) ankam, waren dort zu diesem Zeitpunkt erst wenige Leute. […]. Nach erheblicher Zeit umfaßte eine Person von hinten meine Hüften. Ich drehe mich um und guckte wahrscheinlich irritiert, da ich die (männliche) Person nicht kannte. Die Person sagte zunächst nichts, versuchte dann, mich auf die Wange zu küssen und sagte dabei „I love you“. Ich wand mich weg und ging ein, zwei Schritte zur Seite. Die Person (Der Belästiger) schien […] die Demo zu verlassen. (Auch) diese Person hatte zwei Hunde; […]. Ich bemerkte keinen starken Alkoholgestank.
Da die Sache glimpflich ausging und die Person die Demo zu verlassen schien, unternahm ich wiederum nichts. Nach einiger Zeit drehte ich mich um. Dabei sah ich, daß die gleiche Person auf das Straßenschild Heinrichpl./O’straße zuging. Dabei versucht er zunächst ein Pärchen und dann eine einzelne Person (nach Augenschein: alle drei FrauenLesben) zu betatschen. Sie konnten alle erfolgreich ausweichen. Ich konnte mich nicht schnell genug entscheiden, die drei anzusprechen.
Nach kurzer Bedenkzeit beschloß ich, zu dem Zelt neben der Bühne zu gehen, um dort – unter Bezugnahme auf die vorhergehende Lauti-Durchsage – von den Vorfällen zu berichten. Die Person, die ich ansprach, begleite mich zur „Security“ (sein Ausdruck). Dort standen zwei (nach Augenschein männliche) Personen mit rosa Armbinden, also anscheinend Demo-Ordner. Eine Person hörte mir zu; die andere stand unbeteiligt daneben oder wandte sich ab oder ging sogar weg.
Ich berichtete erneut von der Lauti-Durchsage und den Vorfällen. Der Demo-Ordner sagte, die Person habe die Demo verlassen. Ich insistierte, daß der Vorfall erst vor 3 Minuten stattfand. Daraufhin speiste mich der Ordner mit, „Den haben alle im Auge“, ab.

Bewertung: (mehr…)

Ein israelischer Wissenschaftler ist auf dem besten Wege die Pille für denn Mann zu entwickeln (Artikel auf englisch). Die Substanz wird grade an Mäusen getestet und bewirkt nach einmaliger Einnahme eine einmonatige oder, in höherer Dosis, 3-monatige Sterilität der Mäuseriche ohne (sichtbare) Nebeneffekte auf deren Verhalten. Sollten die nächsten Testphasen erfolgreich sein, könnte die Pille in ca. 5 Jahren oder so auf dem Markt erhältlich sein.

Offizielle CSD-Stellungnahme zu Butlers Preisannahme-Verweigerung

.html-Version: http://www.csd-berlin.de/index.php?m=25&id=257&&UID=2e7861567761fac77fbb6516ad0bb0ab

.pdf-Datei: http://www.csd-berlin.de/uploadfiles/25_353_Stellungnahme_Butler.pdf

Übersichten über die bisherige Diskussion: Teil 1, Teil 2 und Teil 3 (jeweils mit Ergänzungen in den Kommentaren); aktuell noch laufende Diskussion:

http://maedchenmannschaft.net/judith-butler-und-die-schwul-lesbische-dekonstruktion/.

nichtnormativer verlag

das nichtnormative kinderbuch „unsa haus“ ist jetzt in einer zweiten auflage u.a. im buchhandel erhältlich, aber auch weiterhin kostenlos downloadbar. aus dem projekt hat sich mittlerweile auch eine verlagsgründung ergeben:

Der NoNo Verlag sucht aber auch nach anderen nichtnormativen Kinderbüchern sowie nach Büchern für Jugendliche und Erwachsene mit dem Themenschwerpunkt gender_queer und trans*.

„Murder Inna Dancehall!“ Stellungnahme der Autonomen Vernetzung Oberbayern zum Auftritt von Sizzla, der durch homophobe Texte auffällt, beim Chiemsee Reggae Summer. Er hat zwar den Reggae Compassionate Act unterschrieben, sagt jedoch selbst, dass es sich dabei eher um ein Lippenbekenntnis handelt: „I did not sign any papers, it is just an agreement I have with certain promoters – it is their system. I cannot stop singing those songs because there is a message in those songs which people should hear.“ Wenn Sizzla nicht aufhören kann, homophobe Texte zu singen, vielleicht könnten die Leute dann wenigstens aufhören, sich den Mist anzuhören.

Judith Butler über „soziale Gerechtigkeit“ sowie high und happy in den Straßen feiern (Interview)

In den verschlungenen Wegen des internets haben wir ein Interview, das anscheinend der Sender Bln.fm mit ihr geführte hat, gefunden. Wir fanden es via Denkwerkstatt und Marco Schreuder, der auf hornytimes bei soundcloud hinweist, schließlich bei blu.fm. Wie es scheint, bringen wir erstmals eine Abschrift des Interviews. (mehr…)

Noch ein paar Nachträge: Butler und der Berliner CSD

► Eklat beim Christopher Street Day
http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=19172&mode=play
(via Paula; Bericht u.a. mit dem bis dahin unbekannten Anfang der Butler-Rede, einem Zitat aus einer mail-Stellungnahme von ihr und diverse Interview-Statements von anderen Personen) (mehr…)