Ent-Identifizierung – jenseits von Frauenfeindlichkeit und Weiblichkeitskult

I.

Das Konzept der „Ent-Identifizierung“ ist u.a. eine Antwort auf das Dilemma
► von herrschender Abwertung von Frauen zugeschrieben ‚Eigenschaften’, ‚Werten’ und Verhaltensweisen einerseits
und
► der Hochschätzung dieser ‚Eigenschaften’, ‚Werte’ und Verhaltensweise durch die essentialistische (sei es biologistische oder kulturalistische) Tendenz der Frauenbewegung andererseits, die aber an dieser Zuschreibung als solches nichts ändert.
Ein klassisches Beispiel dafür ist die Verbindung von Frauen, Natur und Harmonie, die herrschenderseits mit einer Abwertung von Frauen, Natur und Harmonie gegenüber Geist, Männlichkeit und strategisch-instrumentellem Eingreifen einhergeht. Von Differenzfeministinnen wurde diese Zuschreibung beibehalten und nur die Bewertung umgedreht. So schrieb Maria Mies 1980:

„Zunächst ist festzu­halten, daß Frauen ihren ganzen Körper als pro­duktiv er­fahren können, nicht nur ihre Hände und ihren Kopf. Au­ßerdem produzieren sie neue Menschen und die erste Nah­rung für diese Menschen. […]. Die körperliche Seite dieses [männlichen, TaP] Gegenstandsbezugs [zur Na­tur, TaP] bedeutet [im Gegensatz dazu, Erg. d. TaP], daß die Männer sich die Natur durch einen quali­tativ anderen Körper zu eigen machen als die Frauen. Män­ner können ihren eigenen Körper nicht in der gleichen Weise als produktiv verstehen wie Frauen, da sie nichts Neues aus ihrem Körper hervorbringen. Männliche Produkti­vität kann daher nicht ohne die Vermittlung äuße­rer In­strument und Werkzeuge erscheinen. […] Ohne Werkzeug ist der Mann kein Mensch. Das ist der Grund, warum, sein Ver­hältnis zur Na­tur, zu seiner eigenen wie zur äußeren, die Tendenz zeigt, zu einem instrumentellen Verhältnis zu werden.“1

Im Gegensatz zu derartigen Positionen schrieb die kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie bereits 1985 im Editorial ihres Heftes frau. mann. nicht mehr als zwei geschlechter?:

„einige autorinnen werden den verdacht nicht los, daß die chancen des binarismus-spiels [Männlichkeit/Weiblichkeit, TaP] nicht fair verteilt sind, und daß dort der patriarchalismus auf die dauer immer die besseren karten haben könnte. die infragestellung des sexuellen binarismus und das denken seiner paradoxien könnte ein anstoß werden, den schritt von der ‚gegeniden­ti­fikation‘ zur ‚entidentifizierung‘ zu versuchen, von dem michel pêcheux spricht […].“2

Und Judith Butler postulierte 1993:

„Although the political discourses that mobilise identity categories tend to cultivate identifications in the service of a political goal, […] it may be precisely through practices which underscore disidentification with those regulatory norms by which sexual difference is materialised that both feminist and queer politics are mobilised.“ /
„Obwohl die politischen Diskurse, die die Identitätskategorie mobilisieren, dazu neigen, Identifikationen zugunsten eines politischen Ziels zu kultivieren, könnte es sein, […] daß gerade mit Hilfe von Praktiken, die die Desidentifizierung mit jenen regulierenden Normen hervorheben, durch die die sexuelle Differenz materialisiert wird, sowohl feministische als auch queer-Politik mobilisiert wird.“3

Schließlich schrieb die Gruppe FeMigra (Feministische Migrantinnen, Frankfurt) 1994:

„Unsere Utopie ist das Aufbrechen von dualem Denken, das Ausbrechen aus kulturellen Mustern; wir erahnen die Vielfältigkeit unserer Lebensformen. Gloria Anzaldúa [link hinzugefügt, TaP], eine Chicana-Feministin aus den USA, beschreibt diese Politik als Prozeß der disidentification (Entidentifizierung) (Anzaldúa 1990). Sie plädiert für ein neues Bewußtsein: das der mestiza. Ein Bewußtsein, das Verschmelzungen denkt, das aus den vielen schmerzlichen Erfahrungen eines widersprüchlichen Lebens erwächst wie etwa dem Konflikt einer Chicana-Lesbe mit ihrer machistischen Community, auf die sie sich wiederum bezieht, sobald sie merkt, daß sie sich in einer weißen Frauenbewegung nicht wiederfindet, ohne auf diese doch verzichten zu wollen in einer homophoben Gesellschaft…“

II.

Geprägt wurde Begriff „Ent-Identifizierung“ von Michel Pêcheux für das Feld der Klassenverhältnisse, der damit an eine Bemerkung von Louis Althusser anknüpfte („[…] die proletarische Ideologie [ist] nicht das unmittelbare Gegenteil, die Umkehrung, die Umstülpung der bürgerlichen Ideologie […].“4).

Michel Pêcheux sagte: „das proletariat gehört keiner anderen welt an, die derjenigen der kapitalistischen bourgeoisie äußerlich ist […]. in wirklichkeit geht es nicht nur um eine äußere herrschaft, die gewissermaßen den bürgerlichen deckel auf dem topf der revolutionären tendenzen darstellt, sondern auch und vor allem um eine innerere herrschaft, […]. denn die bourgeoisie und das proletariat haben sich gemeinsam innerhalb der kapitalistischen produktionsweise unter der herrschaft der bourgeoisie und insbesondere der bürgerlichen ideologie herausgebildet und als solche organisiert.“5 Vor diesem Hintergrund erweisen sich Identifizierung (mit der bürgerlichen, patriarchalen usw. Ideologie) und Gegen-Identifizierung (Proletkult, Differenzfeminismus usw.) bzw. die sozial­demokratische Identi­fizie­rung mit dem bürgerlichen Staat und die sta­linistischen Gegen-Identifi­zie­rung mit dem ‚proletarischen‘ Staat (statt des Arbeitens am Absterbens des Staates) als zwei Seiten derselben Medaille: „die umkehrung der gegen-identi­fi­ka­tion [bleibt] in dem befangen […], gegen das sie sich wendet“6 (vgl. zur Komplementarität von Bour­geoisie und Proletariat als Klassen der kapitalistischen Produktionsweise auch folgendes Marx-Zitat: „Die Existenz einer Klasse, die nichts besitzt als die Arbeitsfähigkeit, ist eine notwendige Voraussetzung des Kapitals.“7). Demgegenüber ist die Ent-Identifizierung der „bruch, […der] zugleich den effekten der ideologischen identifikation und den umgekehrten effekten der gegen-identifikation entgehen will“8.

III.

Die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sind also keine getrennten Wesenheiten (Einheiten), sondern sie sind gerade durch die zwischen ihnen bestehenden Herrschafts- und Ausbeutungsbeziehungen definiert.9 Diese faktischen Herrschafts- und Ausbeutungsbeziehungen bestehen in modernen Gesellschaften ungeachtet der juristischen Gleichberechtigung der Individuen. Auch ist die Forderung der faktischen Gleichheit der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen eine irreführende Formulierung, denn faktische Gleichheit bedeutet die Beseitigung des Unterscheidungsmerkmals zwischen den gesellschaftlichen Gruppen.

Die Überwindung der bestehenden Herrschafts- und Ausbeutungsbeziehungen verlangt also nicht die Geschlechter-, Klassen- und Rassengleichheit (was ein Widerspruch in sich wäre: die faktische Gleichheit des faktisch Verschiedenen), sondern die Überwindung der Existenz der Rassen, Klassen und Geschlechter.10 Es geht also um die ‚Zersetzung’ dieser gesellschaftlichen Gruppen, was die transitorische positive Bezugnahme auf die und transitorische Stärkung der je unterdrückte(n) Seite der verschiedenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse nicht aus-, sondern – ganz im Sinne der Position von Gloria Anzaldúa – einschließt.

„Kultureller Separatismus ist, obwohl als langfristige politische Strategie ungeeignet, in vielen Fällen eine kurzfristige Notwendigkeit für das physische, psychologische und moralische Überleben der Frauen; und separatistische Gemeinschaften sind faktisch die Quelle zahlreicher Reinterpretationen der Erfahrun­gen von Frauen gewesen, die sich im Streit um die Mittel der Interpretation und Kommunikation als fruchtbar erwiesen haben.“ (Nancy Fraser).11

„Eine Feministin kämpft für die Frauen als Gruppe und für das Verschwinden dieser Gruppe.“ (Donna Haraway)12

  1. Maria Mies, Gesellschaftliche Ursprünge der ge­schlechtlichen Ar­beitsteilung, in: Clau­dia von Werlhof / Maria Mies / Veronika Bennholdt-Thom­sen, Frauen, die letzte Kolonie, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg, 2. Aufl.: 1988, 164 ff. (gekürzt aus: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Nr. 3, Frauen und Dritte Welt, 1980, 61 ff.), 169, 173, 174. [zurück]
  2. o. Vf.In, Zu dieser Nummer, in: kultuRRevolution, H. 9: frau. mann. nicht mehr als zwei geschlechter? Juni 1985, 4. [zurück]
  3. Judith Butler, Bodies That Matter, Routledge: New York, 1993, 4 / Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts [mit einem Vorwort von 1994], Berlin Verlag: Berlin, 1995, 24 – Hv. i.O. [zurück]
  4. Louis Althusser, Anmerkungen über ideologische Staatsapparate (1976), in: ders., Ideologie und Ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie (Reihe Positionen Band 3 hrsg. von Peter Schöttler), VSA: Hamburg/Westberlin, 1977, 154-168 (168). [zurück]
  5. Michel Pêcheux, Zu rebellieren und zu denken wagen! Ideologien, Widerstände, Klassenkampf (1978), in: kultuRRevolution H. 5, Feb. 1984, 61 – 65 (63). [zurück]
  6. ebd., 64. [zurück]
  7. Karl Marx, Lohnarbeit und Kapital (1849), in: ders. / Friedrich Engels, Werke. Bd. 6, Dietz: Berlin/DDR: 19827, 397-423 (409); online unter: http://www.mlwerke.de/me/me06/me06_397.htm. [zurück]
  8. a.a.O. (FN 6). [zurück]
  9. „For what makes a woman is a specific social relation to a man, a relation that we have previously called servitude, a relation which implies personal and physical as well as economic obligations […]“ (Monique Wittig, One is not born a woman (1981), in: Monique Wittig, The Straight Mind, Beacon Press: Boston, 1992, 9-20 [20]). [zurück]
  10. „Once the class ‚men‘ disappears, ‚women‘ as a class will disappear as well, for there are no slaves without masters.“ (ebd., 15). Und: „Von dem Augenblick an, wo die bürgerliche Forderung der Abschaffung der Klassenvorrechte gestellt wird, tritt neben sie die proletarische Forderung der Abschaffung der Klassen selbst” (Friedrich Engels, S. 99) – wenn auch dort problematisch als ‚beim-Wort-nehmen’ der bürgerlichen Gleichheitsforderung konzeptioniert. [zurück]
  11. Was ist kritisch an der Kritischen Theorie? Habermas und die Geschlechterfrage, in: dies., Widerspenstige Praktiken. Macht. Diskurs. Geschlecht, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1994 (us-amerikanische Originalausgabe: Regents of the University of Minnesota, 1989), 173-221 (208 f.). [zurück]
  12. Sinngemäß zitiert von Cornelia Eichhorn, Zwischen Dekonstruktion und Identitätspolitik. Eine Kritik zur femi­nistischen Debatte um Judith Butler, in: Die Beute. Politik und Verbrechen (Edition ID-Archiv: Amsterdam/Berlin), 1/1994, 40-43 (40). – Gemeint sein dürfte allerdings nicht Donna Haraway, sondern Monique Wittig, a.a.O. (FN 9), 14, die von einer Dialektik von „fights for women as class and for the disappearance of this class“ sprach. [zurück]

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