Judith Butler über „soziale Gerechtigkeit“ sowie high und happy in den Straßen feiern (Interview)

In den verschlungenen Wegen des internets haben wir ein Interview, das anscheinend der Sender Bln.fm mit ihr geführte hat, gefunden. Wir fanden es via Denkwerkstatt und Marco Schreuder, der auf hornytimes bei soundcloud hinweist, schließlich bei blu.fm. Wie es scheint, bringen wir erstmals eine Abschrift des Interviews.

Christopher Street Day with Judith Butler. This is Berlin fm. Judith Butler, You have been offered the price – which prise is this again?

Civil courage.

But you decided not to accept. Can you explain why?

You know, I think, there is probably a misunderstanding, since I’m part of a queer movement that struggles against racism and is part of a broader coalition, which struggles for social justice. This group [gemeint zu scheinen die PreisverleiherInnen bzw. die CSD-VeranstalterInnen in Berlin, TaP], which I hadn’t really understood, is coordinated by some people, maybe gay men, who have said some strong racist things about new immigrants and Muslims in particular. And they don’t really understand their particular political project to involve fighting racism. And for me queer politics has always been about fighting homophobia and racism and other forms of social injustice. So for me queer has always been about alliance; it’s about coalition, is not about identity. It’s even not primary about my personal liberty, but it’s about a broader conception of freedom, that will be based on notions of social equality. I didn’t understand this, coming here. And in the last days I have met with several groups. I actually think that the groups that are really doing the courageous work should get the price, and they didn’t need to look always to the United States to find someone with civil courage.

Do you have your own suggestions?

[… – es folgen nahezu identisch die bereits bekannten Aufzählungen und Erläuterungen, die auf Deutsch Teil ihrer Rede waren, TaP], but I have to distance myself from a group either says explicitly racist things or refuses to repudiate racist positions as part of their coordinators. I’m sorry to say this.

Sure, sure, but, yeah. I think you are absolutely right. We have to ally ourselves with other similar struggles and not to look at superficial differences, because at the end it is just social injustice.

Well, I think it is a question, whether you see yourself as a part of a movement for social justice or whether you are just celebrating your personal liberty in the street, and getting very high und very happy. And I’m all in favour in getting happy, but I’m the most in favour in struggling for social justice.”

Persönliche Anmerkungen:

So richtig, wie diese Position im Grundsatz ist, so verweist sie doch auf mehrere Probleme.

1. Wenn Butler zurecht kritisiert, daß sich bestimmte Leute von Rassismus nicht distanzieren, dann zeigt dies aber zugleich, daß es falsch ist, immer nur abstrakt für Bündnisse und Koalition zu plädieren. Es ist nicht nur notwendig, Bündnisse zu schließen, sondern auch Grenzen zu setzen und die Inhalte zu definieren, für die Bündnisse kämpfen wollen/sollen (s. dort Abschnitt 1st und 3rd).
Nicht alle Grenzen sind falsch, und queer sollte nicht heißen, jenseits von Zeit und Raum alle Grenzen abzulehnen.

2. „Freiheit“ und „soziale Gerechtigkeit“ sind sehr vage Ausdrücke. Auch die CSD-VeranstalterInnen berufen sich darauf; und selbst als rassistisch versteht sich dieses Spektrum selbstverständlich ebenfalls nicht. Die Wahrheit ist also immer konkret.
Butler nennt nicht Roß und Reiterin. Wer/welche hat wann was gesagt und geschrieben? Warum ist das rassistisch? Und wer/welche hat sich von dem Rassismus nicht distanziert? Auch in einer kurzen Rede und einem kurzen Interview sollte es möglich sein, es nicht bei dem Hinweis auf „some strong racist things“ zu belassen, sondern ein, zwei Beispiele zu nennen.
Immerhin finden sich in einigen anderen mittlerweile erfolgten Veröffentlichungen Hinweise darauf, worum es geht: Um die Ethnisierung des Problems homo- und transphober Gewalt (s. 1 via 2 sowie 3 via 4).

3. Butler sagt: „Well, I think it is a question, whether you see yourself as a part of a movement for social justice or whether you are just celebrating your personal liberty in the street, and getting very high und very happy.“ Auch das ist zwar irgendwie sympathisch, aber verschiebt letztlich politische Kritik in Richtung eines zivilisationskritischen Ressentiments (das ethische Thema der social justice vs. just celebrating your personal liberty in the street).
Die Anrufung „sozialer Gerechtigkeit“ bleibt letztlich in dem gleichen modernen, reformistischen Politik-Paradigma, in dem sich auch der mainstream-CSD bewegt.
Bereits Karl Marx war weiter mit der De-Konstruktion loser Reden über „soziale Gerechtigkeit“:

„Was ist ‚gerechte’ Verteilung? Behaupten die Bourgeois nicht, daß die heutige Verteilung ‚gerecht’ ist? Und ist sie in der Tat nicht die einzige ‚gerechte’ Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die sozialistischen Sektierer die verschiedensten Vorstellungen über ‚gerechte’ Verteilung?“
(http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1875/kritik/randglos.htm)

Einzig brauchbar ist letztlich Marx’ Definition von „Gerechtigkeit“, die er im Kapital gegeben hat: „Ungerecht“ ist der ‚Exzeß’, ist die ‚maßlose Übertreibung’ von Herrschaft und Ausbeutung; „gerecht“ ist, was sich im Rahmen der jeweils herrschenden Produktionsweise bewegt:

„Die Gerechtigkeit der Transaktionen, die zwischen den Produktionsagenten vorgehn, beruht darauf, daß diese Transaktionen aus den Produktionsverhältnissen als natürliche Konsequenz entspringen. Die juristischen Formen, worin diese ökonomischen Transaktionen als Willenshandlungen der Beteiligten, als Äußerungen ihres gemeinsamen Willens und als der Einzelpartei gegenüber von Staats wegen erzwingbare Kontrakte erscheinen, können als bloße Formen diesen Inhalt selbst nicht bestimmen. Sie drücken ihn nur aus. Dieser Inhalt ist gerecht, sobald er der Produktionsweise entspricht, ihr adäquat ist. Er ist ungerecht, sobald er ihr widerspricht. Sklaverei, auf Basis der kapitalistischen Produktionsweise, ist ungerecht; ebenso der Betrug auf die Qualität der Ware.“
(http://www.mlwerke.de/me/me25/me25_350.htm)

Statt die verschiedenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis in ihrer Spezifik unter der allgemeinen Formulierung des Interviewers, „at the end it is just social injustice“, verschwinden zu lassen, käme es für eine grundsätzliche und nicht nur graduelle Kritik am mainstream-CSD darauf an, das, was Marx für das Klassenverhältnis herausgearbeitet hat, auch für die anderen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse, die Marx noch weitgehend ignoriert hatte, herauszuarbeiten – daß es sich um gesellschaftliche Antagonismen und nicht um „misunderstandings“ über den Ausdruck „soziale Gerechtigkeit“ handelt:

„[…] sie [Die französische sozialistisch-kommunistische Literatur hörte] in der Hand des Deutschen auf[…], den Kampf einer Klasse gegen die andre auszudrücken, so war der Deutsche sich bewußt, die ‚französische Einseitigkeit’ überwunden, statt wahrer Bedürfnisse das Bedürfnis der Wahrheit und statt der Interessen des Proletariers die Interessen des menschlichen Wesens, des Menschen überhaupt vertreten zu haben, des Menschen, der keiner Klasse, der überhaupt nicht der Wirklichkeit, der nur dem Dunsthimmel der philosophischen Phantasie angehört.“
(http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/3-sozkomm.htm#k3)

4. Und noch etwas gilt es in den Blickwinkel zu nehmen: Die kapitalistische Produktionsweise bedeutet nicht etwa eine Verletzung von Freiheit und Gleichheit, sondern sie beruht auf ihr (siehe 1 [S. 2 f.] und 2). Hinsichtlich Rassismus und (Hetero/a)sexismus war das anders, und teilweise ist es anders. In letzterer Hinsicht hat sich allerdings in den vergangenen Jahrzehnten einiges verändert. Mittlerweile haben wir auch diesbzgl. in den imperialistischen Metropolen und in vielen Ländern der Peripherie die Situation, daß „die gesetzliche Gleichstellung von Männern und Frauen problemlos mit der geschlechtsdifferenzierenden Aufteilung des Arbeitsmarktes und der Zuweisung von Frauen in die Reproduktionssphäre zusammen[geht]“1 – also die Situation, daß auch nach einer gesetzliche Formel der gegenwärtigen Männerherrschaft (eine entsprechende Formulierung münzte Rosa Luxemburg auf die Herrschaft des Kapitals) nur erfolglos gesucht werden könnte.
Eine grundsätzliche Kritik am mainstream-CSD müßte sich also darin äußern, nicht einfach nur ein bißchen konsequenter als dieser Freiheit und Gleichheit zu fordern, sondern die gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse zu thematisieren, die völlig in Übereinstimmung mit juristischer Freiheit und Gleichheit stehen.
Queer politics benötigt keine Rechtsphilosophie, sondern eine De-Konstruktion der Rechtsphilosophie.
Queer sollte heißen über die Forderung nach „fein säuberlichen, geschniegelten, gemäßigten und akkuraten“ (LW 39, 96; engl.) Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen hinausgehen und dieses als solches und nicht nur deren Exzesse angreifen:

Mehr zum Thema Kulturwissenschaften und Politik / grundsätzliche oder graduelle Kritik siehe:
► Von der Ausschließung zum Klassenkampf?
http://www.attac.de/fileadmin/user_upload/Kampagnen/KapiKon/Texte/Schulze.pdf
► Linke Kapitalismuskritik muss treffender werden
http://www.trend.infopartisan.net/trd7809/t107809.html.

Weitere Texte zur aktuellen Diskussion:
► Antje Schrupp: Rassismus und Homophobie. Einige Gedanken zu Judith Butler und dem CSD
http://antjeschrupp.com/2010/06/22/rassismus-und-homophobie-einige-gedanken-zu-judith-butler-und-dem-csd/
► indymedia: Judith Butler lehnt Zivilcourage-Preis ab
http://de.indymedia.org/2010/06/284698.shtml

Die nicht-feministische Linke diskutiert auf gewohnt hohem indymedia-Niveau:

► Teil 1 und 2 der Übersicht.

  1. Stefanie Gräfe, Fundamentalistische Fiktionen. Menschenrechtsideal und patriarchale Wirklichkeit, in: ak. analyse & kritik, Nr. 422, 21.01.1999, S. 3. [zurück]

17 Antworten auf “Judith Butler über „soziale Gerechtigkeit“ sowie high und happy in den Straßen feiern (Interview)”


  1. 1 TaP 22. Juni 2010 um 13:20 Uhr

    Noch mehr Nachträge:

    ► Angela Davis on Judith Butler’s refusal to accept Berlin CSD Civil Courage Prize.
    http://www.youtube.com/watch?v=T0BzKCRgnj8 via http://www.facebook.com/profile.php?id=100000407989028

    http://nohomonationalism.blogspot.com/2010/06/judith-butler-lehnt-berlin-csd.html?showComment=1277188195386#c7272079953627236706.

    „Der CSD ist als Organisation sehr wohl ein politischer Akteur, und steht anderen politischen Akteuren (wie dem Lesben- und Schwulenverband und Maneo) nahe. Die entscheidende Frage ist, WELCHE Politik betrieben wird – welche Visionen, welche Ziele, Strategien, Bündnisse, und so weiter. Den CSD einfach als „unpolitisch“ anzuprangern greift zu kurz und lenkt vom Problem des Rassismus ab. Es geht nicht um ein mehr oder weniger an Politik (als ob „Politk“ immer automatisch gute Politik bedeutete)“

    ► Mädchenmannschaft: Judith Butler und die schwul-lesbische Dekonstruktion
    http://maedchenmannschaft.net/judith-butler-und-die-schwul-lesbische-dekonstruktion/
    = http://missy-magazine.de/2010/06/22/judith-butler-und-die-schwul-lesbische-dekonstruktion/.

    ► Genderblog: Auch ein schwuler Chor kann irren
    http://genderblog.de/index.php/2010/06/22/auch-ein-schwuler-chor-kann-irren/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+genderblog_de+%28Genderblog%29&utm_content=FaceBook

    „‚Aber ich weiß, was es bedeutet, Teil einer Allianz zu sein, die unser Leben lebbarer macht.‘ Sie erteilt damit all denen eine Absage, die versuchen, sie für irgendeine Ideologie einzuspannen.“

    Die Kritik am Einspannen – unbenommen. Aber gibt es Politik ohne Ideologie?

    „Das ist klassischer Butler-Stoff. Denn ihre Philosophie erklärt, wie wichtig es ist, sich nicht gegen das Fremde abzuschotten, sondern es als Teil des eigenen Lebens anzuerkennen. ‚Wir sind aneinander gebunden, von Anfang an.‘ Den Satz wiederholt die 54-Jährige immer wieder. Und mit jeder Wiederholung dreht er sich ein bisschen weiter, der Satz, bis er schließlich nicht mehr nur klassisches Geschlechterdenken, […].“

    Nun ja – wir sollten allerdings auch nicht vergessen, daß dieses Aneinandergebundensein, Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse (Abschnitt III, bes. FN 9) sind. Butler hat sich dazu in Gender Trouble durchaus deutlich geäußert: Butler sagte dort (S. 205), „das Geschlecht ist die obligatorische Anweisung an den Körper ein kulturelles Zeichen zu werden bzw. sich den geschlichtlich beschränkten Möglichkeiten entsprechend zu materialisieren.“
    Und sie wandte sich deshalb dort gegen das existentialistisch-subjektivistische Konzept des „Entwurfs“ (frz. projet; vgl. ebenfalls krit. dort, S. 43 f., 59-61: „man-projecting-himself-into-the-future“):

    „[…] der Begriff des ‚Entwurf‘ [verweist] auf die erfinderische Kraft eines grundlegenden Willens; die Geschlechtsidentität aber ist ein Entwurf, der auf das kulturelle Überleben abzielt. Deshalb scheint mir der Terminus Strategie besser geeignet zu sein, um auf die Zwangslage hinzuweisen, unter der die Performanz der Geschlechtsidentität steht. Als Überlebensstrategie in einem Zwangssystem ist die Geschlechtsidentität eine Performanz, die eindeutig mit Strafmaßnahmen verbunden ist.“

    Und insofern wäre dann auch dieses aus dem genderblog-Artikel zu relativieren:

    „Für sie [das Publikum der Volksbühnen-Veranstaltung] sind Geschlechterrollen nämlich tatsächlich Rollen – einstudierbar, aufführbar, eine große Schau. Und wer in eine Rolle schlüpfen kann, der kann auch in eine andere schlüpfen, glauben sie. Und spielen. Diejenige, die das mit dem Geschlecht und der Schauspielerei formuliert hat, übernimmt an diesem Abend die Hauptrolle: Judith Butler, amerikanische Philosophin an der Universität Berkeley und Mutter der sogenannten ‚Queer‘-Forschung.“

  2. 2 lasterfahrerei 22. Juni 2010 um 18:13 Uhr

    „And for me queer politics has always been about fighting homophobia and racism and other forms of social justice.“

    ein fehler? And for me queer politics has always been about fighting … and other forms of social justice. warum werden andere formen der sozialen gerechtigkeit auch bekämpft, bzw sind homophobia and racism also formen of social justice?

  3. 3 ejal 22. Juni 2010 um 18:32 Uhr

    Butler steht in der philosophischen Linie von Heidegger und Foucault. Sie ist somit genuin antimarxistisch und es macht wenig Sinn sie mit Marx zu korrigieren. Sie hat damit nichts am Hut, sondern nimmt eine linksliberale Perspektive ein, es macht somit keinen Sinn radikale Positionen von ihr zu erwarten.

  4. 4 TaP 22. Juni 2010 um 19:07 Uhr

    @ lasterfahrerei

    ein fehler?

    Ja, Tippfehler. Ist nun korrigiert: „fighting homophobia and racism and other forms of social injustice“.

  5. 5 TaP 22. Juni 2010 um 20:33 Uhr

    @ ejal:

    Ich will nicht völlig widersprechen, aber:

    1. Was folgt daraus: Ist alles nur eine inner-linksliberale (das Etikett paßt ja duchaus auch auf den mainstream-CSD) Kontroverse, die diejenigen, die mehr wollen, nicht weiter interessieren muß? Oder steckt in Butlers Argumentation doch etwas, vielleicht auch innere Widersprüche, die sich über die Grenzen des Linksliberalismus hinaustreiben lassen?

    2. Und was ist mit den sich sogar als linksradikal Verstehenden, die jetzt vollständig des Lobes über Butler sind? Ist es nicht nötig, zumindest mit ihnen über die Grenzen der Kritik Butlers diskutieren?

    3. Schließlich zu Deinem philosophischen Kernargument:

    „Butler steht in der philosophischen Linie von Heidegger und Foucault. Sie ist somit genuin antimarxistisch“

    „genuin antimarxistisch“ – sicherlich: politisch gilt das für Heidegger und auch für viele Äußerungen von Foucault.

    a) Allerdings hatte sich Foucault für seine These von der Produktivität der Macht auf Marx berufen – und zwar gerade auf Marx‘ Kritik der ‚Diebstahls-Hypothese‘, auf die auch ich mich bezogen hatte:

    „Was hat Marx getan, als er [bei] seiner Analyse des Kapitals auf das Problem des Arbeiterelends stieß? Er hat die übliche Erklärung abgelehnt, die aus diesem Elend die Wirkung einer natürlichen Knappheit oder eines abgekarteten Diebstahls macht. […]. Marx hat die Anklage des Diebstahls durch die Analyse der Produktion ersetzt. Mutatis mutandis ist das ungefähr das, was ich machen wollte. Es geht nicht darum, das sexuelle Elend zu leugnen, aber es geht auch nicht darum, es negativ mit Repression zu erklären.“ Es gehe vielmehr um die „positiven Mechanismen“, die es hervorbringen.
    (Nein zum König Sex. Ein Gespräch mit Bernard-Henri Levy, in: Michel Foucault, Dispositive der Macht. Sexualität, Wissen und Wahrheit, [West]berlin: Merve 1978, 176-198 [180]).

    Dies schließt jedenfalls nicht aus, sondern eröffnet die Möglichkeit, nicht nur die Exzesse, sondern den Normalfall moderner Herrschaft und Ausbeutung zu kritisieren.

    b) Und Butler selbst hat sich gegen den Vorwurf, ihre Beschäftigung mit Geschlecht und Sexualität sei ‚bloß kulturell‘ , zustimmend auf Äußerungen von Marx und Engels, in denen diese die ‚tägliche (Re)produktion des unmittelbaren Lebens‘ (MEW 3, 29, 21, 27 – Deutsche Ideologie; MEW 21, 27 f. – Der Ursprung der Familie, …) in ihren Begriff der materieller Determinante einschließen, sowie deren Rezeption durch die sozialistischen Feministinnen der 70er und 80er Jahre bezogen:

    „Indeed, many of the feminist arguments during that time sought not only to identify the family as part of the mode of production, but to show how the very production of gender had to be understood as part of the ‚production of human beings themselves‘, according to norms that reproduced the heterosexually normative family. […]. Essential to the socialist-feminist position of the time was precisely the view that the family is not a natural given, and that as specific social arrangement of kin functions, it remained historically contingent and, in principle transformable. The scholarship in the 1970s and 1980s sought to establish the sphere of sexual reproduction as part of the material conditions of life, a proper and constitutive feature of political economy.“ (Merely Cultural, in: New Left Review 227, 1998, 33-44 [39 f.]).

    c) Ich würde schließlich die These vertreten, daß gerade die de-konstruktivistische Philosophie nicht anti-marxistisch ist, sondern eine Radikalisierung des Marxismus darstellt (s. zusammenfassend dort, S. 98). Das Problem scheint mir vielmehr zu sein, daß viele De-KonstruktivistInnen ihre philosophischen de-konstruktivistischen Einsichten zu vergessen scheinen, wenn sie anfangen über Politik zu sprechen (vgl. http://maedchenblog.blogsport.de/2010/06/20/dis-identification-means-to-transform-the-imperialist-war-into-revolutionary-civil-war/#comment-42610).

  6. 6 TaP 23. Juni 2010 um 20:07 Uhr

    Und noch drei Nachträge:

    ► Rosa Zelle: Judith Butler, der CSD und der Rassismus
    http://rosazelle.blogsport.de/?p=55

    „Rassismus, so meine Überlegung, mag für die CSD-Veranstaltenden vor allem ein Phänomen der gesellschaftlichen Ränder sein; nur Neonazis könne man von daher zu Recht Rassismus vorwerfen. In der ‚gesellschaftlichen Mitte‘ gebe es hingegen in Deutschland nach ’45 keinen Rassismus mehr, höchstens die als weitaus weniger beunruhigend erachteten ‚Vorurteile‘ gegenüber ‚Migranten‘. Die Kritiker_innen des CSD dagegen operieren, so meine Mutmaßung, mit radikaleren Rassismusbegriffen: Rassismen, z.B. in Form der Konstruktion von Weißsein oder Okzidentalität/Westlich-sein, seien grundlegend für die Konstitution ‚westlicher‘ Gesellschaften und Identitäten und somit auch und vor allem in der ‚Mitte‘, der ‚Mehrheitsgesellschaft‘, zu verorten. Die Tatsache, dass weißen Deutschen dies nicht bewußt sei, sei letztlich Effekt ihrer hegemonialen Position in der rassistischen Machtdifferenz. Das Privileg, weiß zu sein, bliebe unbemerkt.“

    http://light-inside.de/weblogs/2010/06/regenbogenscheis.html

    „es natürlich mal wieder eine von diesen spaßbefreiten lesben sein mußte.“

    ► Weitere links mit Hintergrundinformationen:
    http://www.queer-news.at/archives/1686

  7. 7 kinky 24. Juni 2010 um 17:47 Uhr

    tap wrote:

    In den verschlungenen Wegen des internets haben wir ein Interview, das anscheinend der Sender Bln.fm mit ihr geführte hat, gefunden. Wir

    wer ist denn „wir“?

    tap wrote:

    4. Und noch etwas gilt es in den Blickwinkel zu nehmen: Die kapitalistische Produktionsweise bedeutet nicht etwa eine Verletzung von Freiheit und Gleichheit, sondern sie beruht auf ihr (siehe 1 [S. 2 f.] und 2). Hinsichtlich Rassismus und (Hetero/a)sexismus war das anders, und teilweise ist es anders.

    heißt das, es kann eine gesellschaft mit kapitalistischer produktionsweise geben, die frei von rassismus und sexismus ist?
    oder sind rassismus und sexismus immer nur eine notwendige folge einer kapitalistischen produktionsweise aber nicht notwendig deren voraussetzung?

  8. 8 TaP 24. Juni 2010 um 18:25 Uhr

    „heißt das, es kann eine gesellschaft mit kapitalistischer produktionsweise geben, die frei von rassismus und sexismus ist?“

    a)aa) Ich würde sagen, hypothetisch kann es eine Gesellschaft geben, die kapitalistisch ist, ohne sexistisch und ohne rassistisch zu sein. Die kapitalistische ‚Logik‘ ist als solche indifferent gegenüber den Geschlechtern und Rassen.
    Sie ist historisch kontigent mit Patriarchat und weißen Rassismus verbunden; genauso kontigent könnte sie auch mit umgekehrten Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen oder eben auch mit der Auflösung dieser Verhältnisse verbunden sein.

    bb) Das folgt allerdings m.E. nicht aus dem, was ich geschrieben hatte und was Du zitierst hast, sondern aus davon unabhängigen Überlegungen.

    b) Eine ganz andere Frage wäre es, ob es in Anbetracht der (historisch kontingent) gegebenen Verpflechtung der verschiedenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse faktisch möglich ist, sie unabhängig von einander wirklich erfolgreich zu bekämpfen.
    Da bin ich skeptisch, ohne das endgültig ausschließen zu wollen.

    c) Die dritte Frage wäre schließlich, ob eine solche getrennte Bekämpfung politisch wünschenswert ist. Diese Frage würde ich verneinen.

    „oder sind rassismus und sexismus immer nur eine notwendige folge einer kapitalistischen produktionsweise aber nicht notwendig deren voraussetzung?“

    a) Rassismus und Sexismus sind m.E. keine Folgen der kapitalistischen Produktionsweise.
    Notwendige (i.S.v. logisch erforderliche) Voraussetzungen der kap. PW sind sie aber auch nicht.
    Vielmehr handelt es um daneben bestehende Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse, die sich gegenseitig modifizieren, häufig gegenseitig stabilisieren – vielleicht aber auch gegenseitig destabilisieren können.

    b) Mir ist nicht ganz klar, ob Du mit dem „Oder … immer nur …“ noch auf einen bestimmten Punkt hinaus willst, zu dem ich noch nichts gesagt habe.

  9. 9 willy 25. Juni 2010 um 8:57 Uhr

    Was vielleicht auch den Schluss nahelegt, dass Rassismus und Sexismus evtl. doch nicht in erster Linie von bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen abhängig sind.

    Damit sind sie dann natürlich auch keine sozialen Konstruktionen, wie Butler et.al. meinen.

  10. 10 TaP 25. Juni 2010 um 9:16 Uhr

    Wieso das jetzt?! Bzw. was soll das besagen?

    Ja, Rassismus und Sexismus hängen nicht vom gesellschaftlichen Verhältnis „Kapitalismus“ ab. Aber sie sind selbst gesellschaftliche Verhältnisse, und in dem Sinne ’sozial konstruiert‘, d.h. weder naturgegeben noch notwendigerweise ewig (omnihistorisch).

  11. 11 kinky 25. Juni 2010 um 12:03 Uhr

    @ tap:
    wenn „kontigent“ (hab ich in keinem wörterbuch gefunden) so was wie „kontinuierlich“ oder „untrennbar“??? bedeutet, dann habe ich verstanden, was du meinst.
    zu teil 2, b): nein wollte ich nicht.

  12. 12 TaP 25. Juni 2010 um 12:25 Uhr

    kontigent = so viel wie: „nicht zwangsläufig“;

    historisch kontigent = so viel wie: „je nach den historischen Umständen veränderlich/veränderbar“ („beliebig“ wäre mir dagegen zu stark – es gibt schon benennbare Einflußfaktoren, die den jeweils gemeinten Effekt hervorrufen).

    http://de.wiktionary.org/wiki/kontingent sagt:

    Bedeutungen:
    [1] benachbart, sich berührend, gemeinsam auftretend
    [2] Philosophie: zufällig (im Gegensatz zu notwendig), beliebig, wirklich oder möglich aber nicht wesensnotwendig
    Herkunft:
    abgeleitet von dem lateinischen Verb contingere (deutsch: I (sich) berühren, II (sich) ereignen) bzw. von dem mittellateinischen Substantiv contingentia (deutsch: die Möglichkeit, der Zufall), der Übersetzung des altgriechisch-aristotelischen Begriffes τὰ ἐνδεχόμενα (endechómena; deutsch: das, was möglich ist)“

  13. 13 kinky 25. Juni 2010 um 17:05 Uhr

    aha, achso, alles klar. (du hast immer ein n vergessen: kontingent)
    :)

  14. 14 TaP 25. Juni 2010 um 18:59 Uhr

    In der Tat ein bißchen viel Fehler; aber einmal hatte ich das „n“ auch nicht vergessen: „in Anbetracht der (historisch kontingent) gegebenen“.

    Danke für den Hinweis.

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