Die nächste Runde in der CSD/Rassismus-Diskussion

Die neusten Debatten-Beiträge:

ihdl weist per Twitter auf den Beitrag „Homosexuelle sind auch durch Hautfarbe oder Religion geprägt“ von GLADT-Geschäftsführerin Tülin Duman in der taz von heute hin.

► Die Mädchenmannschaft verweist auf den Diskussionsbeitrag der „fachschaftsinitiative gender studies an der humboldt-universität zu berlin“ („Neben reichlich Dampf hat selbige noch jede Menge interessante Links zum Thema Queer, Rassismus und Feminismus in petto.“). (Der Beitrag der genderini beginnt hinter der bereits an verschiedenen Stellen dokumentierten Suspect-Presseerklärung.)

► Die dort von Agnes als Kommentar gepostete Literaturliste inhält u.a. einen Hinweis auf den Aufsatz von Jin Haritaworn: Kiss-Ins, Demos, Drag: Sexuelle Spektakel von Kiez und Nation, in: AG Queer Studies (Hg.), Jenseits der Geschlechtergrenzen, Hamburg, 2009, 45-65.
Dieser Text dürfte schätzungsweise am ehesten für die Kritik am Berliner CSD einschlägig sein, was umso wünschenwerter ist, als es auch die vorgenannten Beiträge wieder nur bei allgemeinen Anwürfen belassen (Tülin Duman: „So wurden im öffentlichen Diskurs über Homophobie Migrantenjugendliche, vor allem aus arabisch- oder türkeistämmigen Familien, in den letzten Jahren mit Straftätern aus rechtsextremen Milieus auf eine Stufe gestellt; dies geschah nicht zuletzt auf Betreiben schwul-lesbischer Lobbygruppen.“).
Ich will daher noch einmal betonen (1, 2 und 3): Es reicht nicht, eine gute Rassismus-Theorie zu haben, ist es auch notwendig zu belegen, daß die Gescholtenen tatsächlich von der Theorie erfaßt sind / getroffen werden, d.h. zu belegen wer/welche wann was gesagt und geschrieben hat. Die Wahrheit ist immer konkret. Was haben jene „Lobbygruppen“ also konkret „betrieben“, d.h. getan, gesagt und geschrieben? Warum haben die Gruppen und Personen, die sich mit der alten Debatte – vor Butlers Intervention – auskennen, nicht schon längst ein Dossier zusammengestellt?

► Das einzig konkrete, was ich bisher gefunden habe, ist das:

„Ein Überblick über Suizidstudien, die im ‚westlichen Kulturkreis‘ durchgeführt wurden, ergibt, dass Selbstmordversuche bei schwulen und bisexuellen Männern unter 22 Jahren bis zu 14 Mal häufiger sind als bei ‚heterosexuellen‘. Warum am gesellschaftlichen Klima, das solche Ergebnisse zeitigt, die Muslime schuld sein sollen, kann man nicht nur in der jüngsten BAHAMAS nachlesen, sondern auch bei Jan Feddersen in der taz.
‚Bastian Finke, verantwortlich für diese Einrichtung [Schwules Überfalltelefon Berlin], weiß noch viel mehr Geschichten zu berichten‘, heißt es dort. ‚Im laufenden Jahr [November 2003] musste er schon 169 Fälle notieren, in denen schwule Männer bei ihm zu Protokoll gaben, Opfer eines Überfalls geworden zu sein – weil sie schwul sind oder weil man es ihnen unterstellte. Und was Bastian Finke ebenfalls zu sagen hat, ist dies: 39 Prozent der Gewaltakte wurden von jungen Männern verübt, die im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen sind, egal ob sie einen deutschen Pass haben oder einen der Türkei. Die öffentliche Gefahr für Schwule geht extrem von Jugendlichen türkischer oder, generell, islamischer Prägung aus.‘
Dass die Opfer in der Hälfte der gemeldeten Fälle gar nicht ausgeraubt wurden, weil sie schwul waren, sondern weil die Täter Geld benötigten, und dass Migranten bei solchen Raubdelikten wesentlich stärker vertreten sind als bei Hassverbrechen, verschweigen Feddersen und Finke dabei ebenso wie die Tatsache, dass der Anteil der Nichtdeutschen an der jugendlichen Bevölkerung von Kreuzberg, Schöneberg und Charlottenburg – den einschlägigen Berliner Schwulenkiezen – die genannten 39 Prozent locker erreichen dürfte. ‚Ausländer‘ sind demnach keineswegs überrepräsentiert, wenn es um homophobe Gewalt geht; eher ließe sich das Gegenteil behaupten.“ ( http://x-berg.de/gender/04/05/12/1958254.shtml – meine Hv.)

Das bezieht sich aber auf die taz und die Bahamas und indirekt auf das Schwule Überfalltelefon. Wie relevant das für den CSD e.V. ist, wäre auch erst noch zu zeigen.
Diese Kritik an diesen Äußerungen ist wahr. Sie läßt sich aber nicht einfach 1:1 auf die umstrittene Einstellungsuntersuchung des Kieler Soziologen Bernd Simon übertragen (vgl. 1 [S. 7-10] und 2), denn dort spielt die Konzentration von bestimmten Taten auf bestimmte Kieze, wo die Opfer leben, keine Rolle, sondern es geht um Einstellungen im Bundesdurchschnitt.

► Dank eines Hinweises von Zara auf einen Text von Tove Soiland habe ich mich auch selbst noch einmal zu Wort gemeldet: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/07/03/intersektionalitaet-und-gesellschaftstheorie/.

► Und die vermutlich ausführliste Liste der bisherigen Beiträge zur Diskussion dürfte sich in meiner dortigen Fußnote finden, wobei ich „Butler vs. CSD“ von kiturak übersehen hatte.


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