Undoing oder re-doing gender?

„die gegenwärtige Entwicklung des Spätkapitalismus [weiß …] nichts mehr anzufangen […] mit veralteten Vorstellungen von Geschlecht, […]. Mit der kanadischen Politologin Janine Brodie musste man vielmehr davon sprechen, dass sich das gegenwärtige Geschlechterregime durch ein schwer durchschaubares Nebeneinander einer gleichzeitigen ‚Intensivierung und Erodierung’ der Bedeutung von Geschlecht auszeichnet […]. Dass das Konzept von gender diese Veränderung weder erfassen noch gar reflektieren kann, liegt an der zugrunde liegenden Machtkonzeption. Wenn Macht primär als Normierung und diese wiederum als Identitätsfestschreibung aufgefasst wird, kann Subversion nur in der Einforderung pluraler Identitäten geortet werden. Damit aber wird von Seiten der Kritik als Forderung erhoben, was längst als Anforderung von außen an uns hertritt. Indem es uns glauben macht, wir müssten uns gegen Festschreibungen wehren, lässt uns das Konzept von gender genau jene Fähigkeiten erwerben, die es uns erlaubt, die unterschiedlichsten, ja, sich vielleicht gegenseitig auch ausschließende Anforderungen unter einen Hut zu bringen. Im Lichte der Machttheorie des späten Foucault erscheint diese Weise der Problematisierung von Geschlecht selbst als Gegenstand einer politischen Rationalität, das in Aussichtstellen der Gestaltbarkeit des eigenen genders als Bestandteil einer neuartigen Form einer ‚Menschenregierungskunst’ […], die die Individuen gerade mithilfe dieses Freiheitsversprechen in die Erfordernisse spatkapitalistischer Produktion und Reproduktion einpasst. Die These vom Geschlecht als sozialem Konstrukt und die damit verbundene Vorstellung von der Verhandelbarkeit des eigenen genders scheint damit selbst zu einer ‚politische Technologie der Individuen’ […] geworden. Wenn es für die 1950er Jahre stimmen mag, dass die Selbsttechnologie das doing gender war, mit dem ich mich selbst in patriarchale Verhältnisse einpasste […], so ist es heute das undooing gender, das dem nunmehr verschlankten Patriarchat am meisten dient: Die Selbsttechnologie des gegenwärtigen Geschlechterregimes ist gerade nicht mehr die kohärente Performierung des zugewiesenen genders, sondern ist das know how, das wir uns erwerben, wenn wir uns gegen Festschreibungen wehren: die Selbsttechnologie ist der zu flexibilisierende gender.“

(aus: Tove Soiland, ‚Gender’: Kontingente theoretische Grundlagen und ihre politischen Implikationen [Dez. 2009], S. 15, 16).

Mir scheint das zunächst einmal eine treffende Beobachtung sowohl dessen, was in der queer Szene passiert1, als auch dessen, was herrschenderseits bspw. als Förderung von Frauenerwerbstätigkeit (bei gleichzeitiger bleibender weitgehender Zuständigkeit von Frauen für Haus- und Erziehungsarbeit) oder gar als gender training und diversity management betrieben wird, zu sein. Allerdings würde ich doch einen begrifflichen und einen strategischen Vorbehalt anmelden wollen: Was da passiert ist – entgegen dem Anspruch mancher der AkteurInnen – kein undoing, sondern ein re-doing gender und insofern scheint mir die richtige strategische Konsequenz aus jener kritischen Beobachtung auch nicht ein Abschied vom Postulat des undoing gender zu sein; vielmehr wäre mit dem Postulat überhaupt erst einmal ernst zu machen.

Und noch ein anderer Vorbehalt zu dem gleichen Text. Auf S. 18 heißt es: Das gender-Paradigma stelle „eine politische und theoretische Verschiebung grundlegender Prämissen dar, die gegenüber der Theoriebildung der 1980er Jahre gravierende Nachteile aufweist. Als hauptsächliche Verschiebung ist hier insbesondere der stillschweigende Austausch der Diagnose einer grundsätzlich (männlichen) Eingeschlechtlichkeit unserer Kultur durch die Kritik an der Zweigeschlechtlichkeit zu nennen.“

Mir ist nicht klar, was mit „grundsätzlich[e] (männliche) Eingeschlechtlichkeit unserer Kultur“ gemeint ist. Daß die männliche Seite die herrschende Seite des Geschlechterverhältnisses ist, heißt ja nicht, das dieses Verhältnis nur eine ‚Seite’ hat. Auf S. 16 spricht Tove Soiland selbst die „gesellschaftliche Arbeitsteilung“ und die „gesellschaftlich notwendige Arbeit, mit der Frauen aus historischen Gründen identifiziert sind“, an; dies heißt ja aber nichts anderes als, daß die herrschende Ordnung durchaus nicht nur Männer kennt, sondern mindestens zwei Geschlechter, und diese Ordnung den Geschlechtern jeweils bestimmte Arbeiten zuweist bzw. ihnen jeweils bestimmte Arbeiten vorbehält bzw. sie von bestimmten Arbeiten freistellt oder den Zugang zu diesen verweigert – was eine permanente ‚Umschrift der Differenz’ freilich einschließt.

Weitere online zugängliche Texte von Tove Soiland:

► Gender-Konzept in der Krise. Die Reprivatisierung des Geschlechts
http://www.woz.ch/artikel/2005/nr18/wissen/11766.html

► Die Verhältnisse gingen und die Kategorien kamen. Intersectionality oder Vom Unbehagen an der amerikanischen Theorie
http://www.querelles-net.de/index.php/qn/article/view/694/7022

► Dekonstruktion als Selbstzweck? Ein Aufruf zur theoretischen Reflexion
http://www.linksnet.de/en/artikel/19176

► Das Spiel mit den Geschlechtern – eine Sackgasse?
http://genderstudies.unibas.ch/fileadmin/genderstudies/user_upload/redaktion/pdf/Pressetexte/woz_-_22.5.03_-_von_tove_soiland.pdf

  1. Vgl. meine These (S. 262, s.a. 41 f.): „Das, was Marx über die Flexibilität des Kapitalverhältnisses sagt, gilt auch für die Flexibilität des Sexismus: ‚Das Kapital bleibt dasselbe, ob wir an die Stelle von Wolle Baumwolle, an die Stelle von Getreide Reis, an die Stelle von Eisenbahnen Dampfschiffe setzen, vorausgesetzt nur, daß die Baumwolle, der Reis, die Dampfschiffe – der Leib des Kapitals – denselben Tauschwert haben, denselben Preis wie die Wolle, das Getreide, die Eisenbahnen, worin es sich vorher verkörperte. Der Körper des Kapitals kann sich beständig verwandeln, oh-ne daß das Kapital die geringste Veränderung erlitte.‘ (Marx 1849, 408). Patriarchat bleibt Patriarchat, egal ob wir an die Stelle von Frauen femmes und an die Stelle von Männer butches setzen, vorausgesetzt die Art ihrer sozialen Beziehung (ihre Praxis) ist die gleiche. Die Körper und die Ideologie der sub-jekte des Sexismus kann sich beständig wandeln, ohne daß der Sexismus als solches die geringste Änderung erlitte.“ [zurück]
  2. Vgl. dazu meinen Text: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/07/03/intersektionalitaet-und-gesellschaftstheorie/. [zurück]

16 Antworten auf “Undoing oder re-doing gender?”


  1. 1 nummer.drei 17. Juli 2010 um 6:54 Uhr

    Danke TaP! es ist grade sehr früh und ich bin müde und flapsig, aber ich versuche mal meine gedanken zu ordnen:
    Was mich bei der Kritik der politisierung flexibilisierter Geschlechterverhältnisse oft nervt bzw stutzig macht ist, dass sie in einer art Abwehrreflex verharrt indem sie analysiert: „aaah, flexible Identitäten, das ist Kapitalismus heute, haha, wie denken die dummen queers denn, dass sei subversiv? quatsch, quatsch. ende.“. ich denke da an roswitha scholz zB, die regelrecht ärgerlich darüber schreibt, dass queer gegenwärtigen entwicklungen im kapitalismus entgegen komme. das ist doch eine total wichtige erkenntnis um weiter zu denken, um theorien auch auch auf identitäre veränderungen hin anzugleichen! üblicherweise (scholz in etwa) wird aber bei diesem feststellen kehrt gemacht.
    ich teile die kritik, dass es sich um kein undoing handelt und dass es nicht per se subversiv ist, was ich jedoch nicht verstehe ist, warum die kritik nicht mit ihrenerkenntnissen arbeitet, sondern auf dichotome analysen beharrt.

  2. 2 Torsten 17. Juli 2010 um 7:05 Uhr

    Hallo,
    also ich finde die Argumente von Tove Soiland nicht schlüssig bzw. es zeichnet sich ein ganz gravierende Leerstelle ab. Die Leerstelle ist meiner Meinung nach nämlich die, dass sich die postindustriellen Staaten in Europa und den USA gerade mitten im Neoliberalismus befinden und dieses politisch/ideologische Projekt wird von ihr nur normativ gefasst; sie beschreibt nicht die realen gesellschaftlichen Auswirkungen dessen. Es stimmt wohl, dass die Freiheiten und das Aufbrechen der heterosexuellen Normierung welche durch soziale Bewegungen (Frauenbewegung, Homobewegung) erstritten wurden zwar vom Neoliberalismus genutzt werden, um einen Teil von diferenten geschlechtlichen Identitäten integriert wurden bzw. besser gesagt verwertet wurden, aber das trifft eben nur auf einen gewissen Teil zu. Katharina Pühl hat dies neoliberale Paradoxien gennant (vgl. Pühl, Katharina (2004): Neoliberale Paradoxien?, Geschlechtsspezifische Veränderungen durch sozialpolitische Regulierungen als Herausforderung feministischer Theorie, in: Zeitschrift für Frauen und Geschlechterforschung Heft 2 + 3, S. 40-50.). Gerade die queer-studies versuchen seit einigen Jahren diese Paradoxien heraus zu arbeiten; einerseits die kapitalistsiche Verwertung von differenten geschlechtlichen Identitäten auf der anderen Seite aber auch die paralle erneute Verfestigung von klassischen patriachalen Rollenvorstellungen auf der anderen Seite (bspw. die erneute Zuschreibung von Führsorgearbeit an Frauen aufgrund des Rückzuges des Sozialstaates).
    Grundsätzlich ist das Geschlechterverhältnis im Postfordismus neoliberaler Prägung uneindeutiger und paradoxer geworden. Meiner Meinung nach ist es deshalb die Aufgabe eine kritischen Geschlechterforschung genau zu schauen wer bzw. welche Identitäten anerkannt und verwertet werden und welche eben nicht anerkannt bzw. ausgegrenzt werden. Es bleibt also noch viel zu tun
    :-?

  3. 3 TaP 17. Juli 2010 um 9:47 Uhr

    @ Torsten:

    „Katharina Pühl hat …“ / „Gerade die queer-studies versuchen seit einigen Jahren …“

    Ich habe allerdings auch nicht den Eindruck, daß Tove beansprucht, das Rad der Erkenntnis allein erfunden zu haben. Sie schreibt ja selbst: „Seit einiger Zeit ist in der Geschlechterforschung ein allgemeiner Trend zu einer Rückbesinnung und Standortbestimmung zu beobachten.“ „Seit den 1990er Jahre häufen sich nun Kritiken, die versuchen, diese Entwicklung nicht einfach als Fortschritt der Theorie, sondern im Rahmen ihres eigenen historischen Kontextes zu begreifen.“ / „Eine differenzierte Reflexion dieses Ineinandergehens von Neoliberalismus mit der politischen Theorie und Praxis von queer, die gleichwohl an einem subversiven Potential von queer festhält, findet sich bei Engel (2009a+b).“
    Auf Katharina bezieht sie sich ausdrücklich zustimmend: „Pühl/Schulz (2001), die den Gouvernementalitätsansatz in fruchtbarer Weise für eine Analyse der Geschlechterverhältnisse in spätkapitalistischen Gesellschaften erschließen.“ / „[…] führt in deren Verlagerung auf Identitätskritik in der Tendenz zu einer Dethematisierung der strukturellen Bedingtheit von Ungleichheitslagen und damit zu einer Entnennung nach wie vor bestehender kollektiver Involviertheiten (Pühl 2004, 40).“
    „Pühl 2004″ – das ist der auch von Dir genannte Aufsatz zu den „Neoliberale Paradoxien?“. Vgl. dazu vielleicht auch noch:

    „bedarf es zumindest einer allgemeineren Einsicht: Der Prozeß der bisherigen Durchsetzung der neoliberalen Gegenreform hat seine Hegemonie nicht in erster Linie mit militärischer oder ökonomischer Gewalt gewonnen, sondern indem er vor allem die Zustimmung einer breiten und lange Zeit wachsenden Massenbasis organisierte. Dieser für viele Linke schmerzliche Prozeß läßt sich produktiv unter dem Gesichtspunkt der ‚paradoxen Wunscherfüllung‘ analysieren, d.h. einer derartigen Erfüllung gerade der zentralen Wünsche der neuen sozialen und identitären Bewegungen der 70er und 80er Jahre, daß sie dadurch zu starken Sprengkräften für eine Spaltung der Bewegungen und zu neuen Instrumenten der Herrschaftsstabilisierung umfunktioniert werden konnten. […] Die Wünsche aller sind im Prozeß der neoliberalen Gegenreform auf paradoxe Weise erfüllt worden. Die libertäre Kulturkritik an der schönen neuen Betonwelt, dem Konformismus und der Arbeitszentriertheit des Nachkriegsfordismus hat ihren innersten Wunsch erfüllt bekommen: Sie hat die verhaßte Welt von ‚Métro-Boulot-Dodo‘ in den 80er und 90er Jahren Jahren zusammenbrechen sehen, zumeist unspektakulär unter der Abrißbirne der Sanierung alter Industrieflächen, gelegentlich aber auch in den Flammen von Vorstadt-Aufständen oder in den Sprengungen unrentabel gewordener Sozialsiedlungen. Die Ökologiebewegung kann zwar noch keine Eindämmung oder gar Überwindung der globalen ökologischen Krisenerscheinungen erkennen. Aber zentrale Strukturen, die sie einst dafür verantwortlich gemacht hatte – die Großstrukturen der fordistischen Industrie und die entsprechenden Großorganisationen – sind eindeutig auf dem absteigenden Ast. Allenfalls gibt es noch dinosaurierhafte Reste in einem sich zumindest organisatorisch dezentralisierenden erneuerten Konkurrenzkapitalismus, der auch dort noch ’small is beautiful‘ zu seiner Devise gemacht hat, wo er zugleich durch Finanzverflechtungen und Produktionsglobalisierung wahre Unternehmensgiganten von planetaren Ausmaßen hervorbringt. Die Frauenbewegung kann den Niedergang der patriarchalen Kleinfamilie, mit ihrer zentralen Figur des männlichen Familienernährers, bewundern: Die Hausfrauisierung der Wirtschaft beginnt durchaus auch Männer zu ergreifen, von denen eine wachsende Minderheit nicht weniger prekär, unterbezahlt und ‚unterbeschäftigt‘ werden, als dies die Frauen unter den patriarchalisch geprägten fordistischen Strukturen der lohnabhängigen Kleinfamilie waren. Nicht vergessen sollten wir auch die vielfältigen Ansätze eines radikaldemokratisch und radikalliberal geprägten Aufruhrs der Mitte. Seit den 70er Jahren haben diese etwa in Italien in der Zersetzung der politischen Strukturen des fordistischen Staates und ihrer Ersetzung durch eine Richterpolitik ihre Wünsche in Erfüllung gehen sehen, auch wenn sie nicht so korrumpierbar wie die Partito radicale waren, die in dieser Entwicklung ihre staatskritischen Bewegungsziele so weit erfüllt sah, daß sie die Gelegenheit ergriff, um sich der individualistisch argumentierenden Rechten (polo delle libertá) anzuschließen. Aber auch die unterschiedlichen Wünsche einzelner nationaler und regionaler Bewegungen sind in nicht weniger paradoxer Weise erfüllt worden: […].“
    (Frieder Otto Wolf, in: Prokla H. 114, 1999, 127 f. 128 f.)

    Dies heißt freilich nicht, daß die richtige Konsequenz daraus wäre, zu Good Old Labour zurückzukehren.*

    @ nummer.drei:

    „ich denke da an roswitha scholz zB, die regelrecht ärgerlich darüber schreibt, dass queer gegenwärtigen entwicklungen im kapitalismus entgegen komme.“

    Ich habe von ihr nichts Neueres gelesen. Was ich von ihr in der zweiten Hälfte der 90er las, begeisterte mich jedenfalls nicht:
    http://theoriealspraxis.blogsport.de/images/KRISISKritik_1996.pdf.

    „was ich jedoch nicht verstehe ist, warum die kritik nicht mit ihrenerkenntnissen arbeitet,“

    Tja, in welche Richtung, denkst Du, sollte das gehen?

    Der Vorschlag von Tove ist: Zurück zu Irigaray, die ihres Erachtens bisher im deutschsprachigen Raum mißverstanden worden und in Wahrheit gar keine Essentialistin sei. (Kenne ich mich aber auch zu wenig aus und bin erst einmal skeptisch.)

    * Vgl. dazu vom gleichen Autor: Performierte Identitäten in der Diskussion zwischen Old Labour und Neuen Sozialen Bewegungen, in: Politisierung und Ent-Politisierung als performative Praxis, S. 187 – 221.

  4. 4 Zara 17. Juli 2010 um 15:33 Uhr

    Geschlechterverhältnisse oft nervt bzw stutzig macht ist, dass sie in einer art Abwehrreflex verharrt indem sie analysiert: „aaah, flexible Identitäten, das ist Kapitalismus heute, haha, wie denken die dummen queers denn, dass sei subversiv? quatsch, quatsch. ende.“. ich denke da an roswitha scholz zB, die regelrecht ärgerlich darüber schreibt, dass queer gegenwärtigen entwicklungen im kapitalismus entgegen komme.

    Das sehe ich anders, die Feststellung, dass an dem identitären Queergehabe im Grunde nichts subversives ist, sondern es höchstens Teil einer Entwicklung ist, die den Kapitalismus flexibler, toller und netter macht, trifft erst mal zu. Ich finde es auch wichtig, den ganzen Queers, die sich Haare kurz schneiden und eine rosa Spange ins Haar stecken, und sich damit für unheimlich radikal halten den Spiegel vorzuhalten und ihnen mitzuteilen, dass es sicher nicht subversiv ist. Insofern würde ich diesen Satz so unterschreiben. Der Punkt ist nur, nur weil es den Kapitalismus netter und flexibler macht, ist es ja noch lange nicht falsch. Die Frauenbewegung hat uns auch nicht die Revolution gebracht, aber war sie deshalb falsch?
    Ich finde viele der Queer-politics verdammt wichtig und notwendig, nur finde ich es auch zentral die Ebenen zu trennen. Problematisch wird es, wenn linksliberale Reformpolitik(beispielsweise die Forderung „Identitäten anzuerkennen“ wie Thorsten schreibt) in einem Duktus verbreitet wird, als würde man gerade die Revolution vorbereiten.

    Tove Soiland trifft mit ihrer Kritik in der Regel ziemlich genau den Punkt, das Problem, das ich mit ihr habe ist, dass sie eher back to the ’80 möchte, anstatt die Identitätspolitik auf der Höhe der Zeit hinter sich zu lassen, wie auch immer das dann aussähe.

  5. 5 ToP 17. Juli 2010 um 17:35 Uhr

    ja

  6. 6 sina 17. Juli 2010 um 22:27 Uhr

    zur Verwendung des Begriffs Spätkapitalismus schrieb mal jemand:
    „what actually happened to „late capitalism“? – It became neo-liberalism“. (Also quasi die Neuauflage der kapitalistischen Geburtsstunde.)
    Tatsächlich ist doch der Begriff sehr gewollt und weniger analytisch. Ich sehe (leider) nicht, inwiefern der Kapitalismus in einer späten Stunde steckt.
    s

  7. 7 nummer.drei 23. Juli 2010 um 11:38 Uhr

    @zara: ich würde das auch wort für wort unterschreiben.
    mir fehlt derzeit ein vokabular, dass einerseits erfasst, dass heteronormativität gesellschaft strukturiert, andererseits jedoch diese gesellschaft identitäre realitäten schafft, die nicht in dualismen aufgehen; inwieweit ist der ausdruck „queer“ noch berechtigt dann? und anders herum: inwieweit ist es berechtigt, strengt dichotome analysen anzufertigen (roswitha scholz zB)?

  8. 8 Jürgen 23. Juli 2010 um 14:43 Uhr

    ich verstehe nicht, warum an Gender-Trainings oder Geschlechterdekonstruktion so gern kritisiert wird, sie wären funktional für den Kapitalismus bzw. würden diesen nicht abschaffen (wollen). Hat irgendwer etwas anderes behauptet? Ich finde auch, dass wenig Sinn macht, eine Theorie oder politische Bewegung allein anhand ihres Potenzials, kapitalistische Ausbeutung abschaffen zu können, zu bewerten, was Zara ja auch sagt und begründet.
    Tove Soiland bastelt sich hier eine Gegnerin, die bei genauerem Hinschauen doch etwas komplizierter ist, denn es gibt längst Leute, die versuchen dekonstruktivistisches Denken oder eine Kritik an Zweigeschlechtlichkeit/Heteronormativität mit Kapitalismuskritik zu verknüpfen, z.B. Peter Wagenknecht, Katharina Pühl, Renate Lorenz. Sofern sie diese zur Kenntnis nimmt, gelten sie aber nur als Ausnahmen. Was soll eine derartige Wissensproduktion? Warum knüpft sie nicht an diese Leute an anstatt sich an den bösen Genderdekonstruktivistinnen abzuarbeiten?
    Auch in den Antworten hier wird auf queer herumgehackt. „die sich Haare kurz schneiden und eine rosa Spange ins Haar stecken, und sich damit für unheimlich radikal halten“ – was ist das denn für eine Pauschalisierung? Wem nützt ein derartiges gebashe? Warum eine derartige Auseinandersetzungskultur pflegen? Queere bzw. queer beeinflusste Aktionen, Konzepte, Strategien erschöpfen sich nicht in Haarspangen und Gender-Trainings, und das kriegt manfrau auch ziemlich schnell heraus, wenn manfrau sich mal interessiert umschaut.
    Soiland ignoriert meines Erachtens nicht nur die Vielfalt von Theorien und Politiken auf Basis von „queer“, „gender“, Dekonstruktion, sondern auch die Probleme, die mit dem Begriff Heteronormativität erfasst werden sollen. Ob das ein guter Begriff ist, finde ich auch fragwürdig, aber von einem flexibilisierten gender als vorherrschender Selbsttechnologie kann nur reden, wer die bestehenden Diskriminierungen/Ausschlüsse/Vereinnahmungen/Normierungen auf Basis von Geschlecht ignoriert. Was ist den mit den Leuten, die aufgrund mangelhafter (oder zuviel…) Erfüllung von Geschlechternormen zusammengeschlagen werden, ihren Job verlieren oder nicht bekommen, aus Unterstützungsnetzwerken rausfallen etc.?

  9. 9 TaP 24. Juli 2010 um 8:39 Uhr


    Jürgen:

    „ich verstehe nicht, warum an Gender-Trainings oder Geschlechterdekonstruktion so gern kritisiert wird, sie wären funktional für den Kapitalismus bzw. würden diesen nicht abschaffen (wollen).“

    Letzteres ist aus feministischer Perspektive nicht besonders problematisch bzw. wäre dann nicht besonders problematisch, wenn realistischerweise angenommen werden kann, daß das Patriarchat ohne paralleler Abschaffung der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise abgeschafft werden könnte. (Hypothetisch ist das denkbar, ob es auch realistisch ist, ist allerdings eine andere Frage; siehe dort. Praktisch findet z.Z. jedenfalls weder das eine noch das andere statt.)

    Der entscheidende Punkt ist hier vielmehr, daß gender training (jedenfalls so wie dort verstanden) keine eine theoretische noch eine politische De-Konstruktion von Geschlechtern und Geschlechterherrschaft ist, sondern bloß deren Pluralisierung* und Flexibilisierung. Es wird trainiert ein gender zu praktizieren – na das ist ja toll de-konstruktivistisch…

    Es geht mir keineswegs, und es geht ausweislich ihrer Texte auch Tove nicht um eine Restauration einer Nebenwiderspruchstheorie, nach der das Geschlechterverhältnis weniger wichtig oder weniger vordringlich als die Klassenverhältnisse sei oder die Nicht-Existenz patriarachler Geschlechterverhältnisse in einem logischen und praktischen Ableitungsverhältnis zu Abschaffung des Kapitalismus stehe. Vielmehr geht es darum, daß gender training und diversity management und allzu häufig auch queer keine Abschaffung des patriarchalen Geschlechterverhältnisses ist, sondern – durch pluralistischer Vervielfachung essentialistisch verstandener, als einzigartig, authentisch o.ä. postulierter Geschlechteridentitäten – einer de-konstruktivistischen Perspektive sogar entgegensteht.

    Wir erleben keine Abschaffung (und vielleicht nicht einmal eine reformistische Abschwächung – aber das müßte genauer untersucht werden) des Patriarchats, sondern den Umbau des fordistischen in ein neo-liberales Patriarchat.

    Der Punkt ist, wie Tove schreibt, daß „sich bisher an grundlegenden Parametern geschlechtlicher Ungleichheit nur wenig verändert hat“ oder – wie sie in dem zuletzt verlinkten Text schreibt: „Am Geschlechterverhältnis, so scheint es, hat sich fast alles verändert mit Ausnahme der Unterordnung der Frauen unter die Männer.“

    Der Punkt ist:

    -- die Frauenerwerbsquote darf steigen, wenn denn Frauen weiterhin die allermeiste Haus- und Erziehungsarbeit leisten
    -- die Begriffe „Frauen“ und „Männer“ werden ent-biologisiert, wenn denn auch ent-biologisiert die Dominanz von Männern, (schwulen und lesbischen) butches über Frauen und (schwulen und lesbischen) femmes erhalten bleibt.
    -- Frauen dürfte Bundeskanzlerin werden, wenn sich ‚die Politik‘ freiwillig noch mehr zugunsten ‚des Marktes‘ entmachtet als ohnehin generell für kapitalistische Verhältnisse charakteristisch.
    -- Und selbst eine Lesben darf Regierungschefin werden, wenn denn der Staat völlig pleite ist (Island).
    -- Und einige (weiße) Frauen dürfte sogar in Unternehmensvorstände nachrücken, wenn denn andere (schwarze) Frauen dies unter dem Gesichtspunkt der Haus- und Reproduktionsarbeit absichern.
    -- Und selbst einige Definitionen von dem, was als männliche und weibliche Arbeit, Eigenschaften, Verhaltensweisen usw. gilt, dürfen geändert werden, wenn nur sichergestellt ist, daß auch in der Umschrift der Differenz die hohe Wertschätzung dessen, was jeweils als männlich gilt, das Kontinuitätselement ist.

    Der Punkt ist, daß bei allen bekannten Konzpten von Geschlechterdemokratie, Geschlechtergerechtigkeit und gender training die Entmachung von Männern und d.h. die Abschaffung von Männern (und in der Folge auch Frauen) als sozialer Kategorie (s. 1 [“our historical task“] und vgl. 2 [“bevor“]) das definitive Tabu ist.

    Der Punkt ist, das revolutionärer Feminismus durch ‚seid nett zu Männern‘ ersetzt wurde (zur Kritik siehe dort).

    * „Die Aufgabe besteht infolgedessen [daß jede Konstituierung eines Subjekts mit einer Ab- und Ausgrenzung einhergeht, d. Vf.In] nicht darin, Subjektpositionen im existierenden Symbolischen, im derzeitigen Bereich der Kulturfähigkeit, zahlenmäßig zu vervielfachen, […]. Die Vervielfachung von Subjektpositionen auf einer pluralistischen Achse hätte die Vervielfachung ausschließender und erniedrigender Schritte zur Folge, […].“ (Butler, Körper von Gewicht, 1993/94, 156).

  10. 10 TaP 24. Juli 2010 um 8:51 Uhr

    Für de-konstruktivistischen Feminismus – gegen feministische Indulgenz*

    Dem Multikulturalismus kommt es in erster Linie darauf an, „den Anspruch auf Hörbarkeit und Sichtbarkeit, kurzum auf eine adäquate Repräsentation der Marginalisierten bzw. auf die Anerkennung ihrer eigenen Identität einzuklagen“. Demgegenüber formuliere „der Dekonstruktivismus prinzipielle Zweifel an der Einlösbarkeit ebendieser Ansprüche, […]. Mit dem postkolonialen Multikulturalismus verbindet sich die Tendenz zur Toleranz, ja Indulgenz gegenüber allen möglichen, undiskriminiert und undiskriminierbar hinzunehmenden kulturellen und historischen Partikularitäten und zu einer weiteren Festschreibung vorgegebener Identitäten“, während für den Dekonstruktivismus – zumindest in seiner feministischen Variante – „keineswegs alle Kulturen gleichwertig und ihre Gleichrangigkeit gleichanerkennenswert“ sind (Cornelia Klinger, Über neuere Tendenzen in der Theorie der Geschlechterdifferenz, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 5/1995, 801-813 [804]).

    * „Indulgenz, die; –, -en [lat. indulgentia] (bildungsspr.): Schonung, Nachsicht, Milde; Straferlass.“ (Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 5. Aufl. Mannheim 2003 [CD-ROM]).

  11. 11 jürgen 24. Juli 2010 um 21:44 Uhr

    „Am Geschlechterverhältnis, so scheint es, hat sich fast alles verändert mit Ausnahme der Unterordnung der Frauen unter die Männer.
    soso. Geschlechter sind also Männer und Frauen, und zwischen diesen gibt es ein eindeutiges hierarchisches Verhältnis. Was ist denn mit trans-Leuten und Transfeindlichkeit? Sowas ist mit den Begriffen von Soiland überhaupt nicht denkbar. Und was ist mit dem Verhältnis zwischen muslimischen Frauen und ihren weißen „Retter_innen“? Scheint mir (und ja auch dir, TaP, wenn du auf die rassifizierte Verteilung von Reproarbeit verweist) auch Teil von Geschlechterverhältnissen, taucht aber für mich in einer so pauschalen Aussage nicht auf.

    was gender-training-Konzepte angeht: seit wann lässt sich pädagogische Realität anhand von Konzepten beurteilen? Konzepte sagen meines Erachtens vor allem etwas darüber aus, was sagbar ist (und damit sicherlich auch über Geschlechterverhältnisse und in der Tat darüber, dass eine Forderung nach der Abschaffung von Männern und Männerherrschaft keine fundraising-erleichternde Position ist – andererseits gibt es mit dem Verein „Dissens“, der auf seiner Website ganz oben zu stehen hat „Der DISSENS mit der HERRschenden Männlichkeit“ einen erfolgreichen Verein, der sich durchaus deutlich antipatriarchal äußert. Nur kommt sowas bei Soiland eben nicht vor, die meines Erachtens darauf fokussiert ist, sich über den Nachweis der Beschränktheit anderer zu profilieren). Konzepte sagen aber nicht unbedingt viel darüber aus, was real passiert. Und das, was passiert, sagt wiederum nicht zwingend etwas darüber aus, welche Effekte es haben wird.

    Darüber hinaus wäre zu klären, was genau diese gender-Trainings mit Dekonstruktivismus zu tun haben und inwiefern deren Realität als Prüfstein für die Angemessenheit der Theorie gelten kann. Ich bleibe bei meiner Wahrnehmung: Soiland bastelt sich die Gegnerin dergestalt, dass sie fröhlich darauf feuern kann und sich weder auf die Hindernisse beispielsweise pädagogischer Praxis einlassen muss noch auf die Probleme und Erfahrungen, die zur Entwicklung von dem geführt haben, was sie wegfegt. Mit interessierter Auseinandersetzung oder gar solidarischer Kritik hat das nichts zu tun.

  12. 12 TaP 25. Juli 2010 um 9:02 Uhr

    ‚Am Geschlechterverhältnis, so scheint es, hat sich fast alles verändert mit Ausnahme der Unterordnung der Frauen unter die Männer.‘
    soso. Geschlechter sind also Männer und Frauen, und zwischen diesen gibt es ein eindeutiges hierarchisches Verhältnis. Was ist denn mit trans-Leuten und Transfeindlichkeit?“

    - „Geschlechter sind also Männer und Frauen“ – Das schreibt Tove nicht. Sie schreibt vielmehr, daß die Herrschaft von Männern über Frauen das entscheidende Kontinuitätselement der letzten Jahre im Geschlechterverhältnis ist (und das ist wahr) (während sich die Einstellung zu und der Umgang mit queer-, trans- usw. Wesen seit den 80er Jahren deutlich liberalisiert hat [und auch das ist wahr]).

    - „Was ist denn mit trans-Leuten und Transfeindlichkeit?“ Ja, was ist denn damit?
    Ich für meinen Teil würde sagen, mediale Aufmerksamkeit (statt Marginalisierung) für Trans-Leute und Trans-Freundlichkeit als ‚post-moderne‘ Variante des Antifeminismus und Kritiklosigkeit ggü. den essentialistischen (sei es biologistischen, sei es kulturalistischen) Geschlechterkonzeptionen von Transsexuellen und transgender-Leute ist der charakteristische Zug der vergangenen 15 Jahre.
    Höre 1 und 2 und siehe Katalog-Eintrag.

    „seit wann lässt sich pädagogische Realität anhand von Konzepten beurteilen? Konzepte sagen meines Erachtens vor allem etwas darüber aus, was sagbar ist (und damit sicherlich auch über Geschlechterverhältnisse und in der Tat darüber, dass eine Forderung nach der Abschaffung von Männern und Männerherrschaft keine fundraising-erleichternde Position ist […]“

    Genau das ist doch Teil der kritisierenswerten Entwicklung: Politisch bestimmte Arbeit wird ersetzt durch von staatlichen und privaten GeldgeberInnen geförderte (quasi)-Sozialarbeit. Es wird sich eingebildet, Antragslyrik sei doch ‚nur taktisch‘ – während sie in Wahrheit eine performative Praxis zur Befestigung der hegemonialen Verhältnisse ist.
    („autonome politik als ‚lückenfüller‘ für funktionen, die kirchen, parteien, humanistische kräfte nicht mehr besetzen, als autonome sozialarbeiterInnen […]. beratung, sozialarbeit und praktisch hilfe kann durchaus eine ebene autonomer politik sein, allerdings sollte die beschränktheit und systemkonformität darin immer wieder thematisiert und in einen gesamtgesellschaftlichen kontext gestellt werden. […]. es entsteht eine arbeitsteilung bzw. ein eingeschränkter blickwinkel von politik.“ [Quelle])

    „Soiland bastelt sich die Gegnerin dergestalt, dass sie fröhlich darauf feuern kann und sich weder auf die Hindernisse beispielsweise pädagogischer Praxis einlassen muss noch auf die Probleme und Erfahrungen, die zur Entwicklung von dem geführt haben, was sie wegfegt. Mit interessierter Auseinandersetzung oder gar solidarischer Kritik hat das nichts zu tun.“

    Das ist halt das deutsche Dogma, Kritik müsse „konstruktiv“ sein und dürfte bloß nicht den Gemeinschaftsfrieden zersetzen. Ein wahres Wort und schon giltst Du als ‚unsolidarisch‘, ‚zynisch‘ oder schlimmeres.

  1. 1 Queer, flexibel, erfolgreich « Theorie als Praxis Pingback am 29. März 2011 um 19:33 Uhr
  2. 2 Themenübersicht – Kritik an der linksliberal-antifeministischen politischen Linie des transgenialen CSD (tCSD) in Berlin und des queeren mainstreams in der BRD überhaupt « Theorie als Praxis Pingback am 27. Juni 2011 um 16:19 Uhr
  3. 3 Termine und andere Hinweise (2) « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! Pingback am 13. Juli 2011 um 14:02 Uhr
  4. 4 Do., 26.1., 18 h – Vortrag von Tove Soiland: Jenseits von Sex und Gender « Theorie als Praxis Pingback am 13. Januar 2012 um 13:52 Uhr

Antwort hinterlassen

:) :( :d :"> :(( \:d/ :x 8-| /:) :o :-? :-" :-w ;) [-( :)>- more »

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


fünf − eins =