Archiv für Juli 2010

Copenhagen Queerfestival 2010

Witziger kurzer Film zum/vom Copenhagen Queerfestival (26. Juli bis 1. August). Macht definitiv Lust auf mehr!

Cph Queerfestival film 2010 from Tine Alavi on Vimeo.

…fuck that

gefunden auf Post Secret.

Undoing oder re-doing gender?

„die gegenwärtige Entwicklung des Spätkapitalismus [weiß …] nichts mehr anzufangen […] mit veralteten Vorstellungen von Geschlecht, […]. Mit der kanadischen Politologin Janine Brodie musste man vielmehr davon sprechen, dass sich das gegenwärtige Geschlechterregime durch ein schwer durchschaubares Nebeneinander einer gleichzeitigen ‚Intensivierung und Erodierung’ der Bedeutung von Geschlecht auszeichnet […]. Dass das Konzept von gender diese Veränderung weder erfassen noch gar reflektieren kann, liegt an der zugrunde liegenden Machtkonzeption. Wenn Macht primär als Normierung und diese wiederum als Identitätsfestschreibung aufgefasst wird, kann Subversion nur in der Einforderung pluraler Identitäten geortet werden. Damit aber wird von Seiten der Kritik als Forderung erhoben, was längst als Anforderung von außen an uns hertritt. Indem es uns glauben macht, wir müssten uns gegen Festschreibungen wehren, lässt uns das Konzept von gender genau jene Fähigkeiten erwerben, die es uns erlaubt, die unterschiedlichsten, ja, sich vielleicht gegenseitig auch ausschließende Anforderungen unter einen Hut zu bringen. Im Lichte der Machttheorie des späten Foucault erscheint diese Weise der Problematisierung von Geschlecht selbst als Gegenstand einer politischen Rationalität, das in Aussichtstellen der Gestaltbarkeit des eigenen genders als Bestandteil einer neuartigen Form einer ‚Menschenregierungskunst’ […], die die Individuen gerade mithilfe dieses Freiheitsversprechen in die Erfordernisse spatkapitalistischer Produktion und Reproduktion einpasst. Die These vom Geschlecht als sozialem Konstrukt und die damit verbundene Vorstellung von der Verhandelbarkeit des eigenen genders scheint damit selbst zu einer ‚politische Technologie der Individuen’ […] geworden. Wenn es für die 1950er Jahre stimmen mag, dass die Selbsttechnologie das doing gender war, mit dem ich mich selbst in patriarchale Verhältnisse einpasste […], so ist es heute das undooing gender, das dem nunmehr verschlankten Patriarchat am meisten dient: Die Selbsttechnologie des gegenwärtigen Geschlechterregimes ist gerade nicht mehr die kohärente Performierung des zugewiesenen genders, sondern ist das know how, das wir uns erwerben, wenn wir uns gegen Festschreibungen wehren: die Selbsttechnologie ist der zu flexibilisierende gender.“

(aus: Tove Soiland, ‚Gender’: Kontingente theoretische Grundlagen und ihre politischen Implikationen [Dez. 2009], S. 15, 16).

Mir scheint das zunächst einmal eine treffende Beobachtung sowohl dessen, was in der queer Szene passiert1, als auch dessen, was herrschenderseits bspw. als Förderung von Frauenerwerbstätigkeit (bei gleichzeitiger bleibender weitgehender Zuständigkeit von Frauen für Haus- und Erziehungsarbeit) oder gar als gender training und diversity management betrieben wird, zu sein. Allerdings würde ich doch einen begrifflichen und einen strategischen Vorbehalt anmelden wollen: Was da passiert ist – entgegen dem Anspruch mancher der AkteurInnen – kein undoing, sondern ein re-doing gender und insofern scheint mir die richtige strategische Konsequenz aus jener kritischen Beobachtung auch nicht ein Abschied vom Postulat des undoing gender zu sein; vielmehr wäre mit dem Postulat überhaupt erst einmal ernst zu machen.

Und noch ein anderer Vorbehalt zu dem gleichen Text. Auf S. 18 heißt es: Das gender-Paradigma stelle „eine politische und theoretische Verschiebung grundlegender Prämissen dar, die gegenüber der Theoriebildung der 1980er Jahre gravierende Nachteile aufweist. Als hauptsächliche Verschiebung ist hier insbesondere der stillschweigende Austausch der Diagnose einer grundsätzlich (männlichen) Eingeschlechtlichkeit unserer Kultur durch die Kritik an der Zweigeschlechtlichkeit zu nennen.“

Mir ist nicht klar, was mit „grundsätzlich[e] (männliche) Eingeschlechtlichkeit unserer Kultur“ gemeint ist. Daß die männliche Seite die herrschende Seite des Geschlechterverhältnisses ist, heißt ja nicht, das dieses Verhältnis nur eine ‚Seite’ hat. Auf S. 16 spricht Tove Soiland selbst die „gesellschaftliche Arbeitsteilung“ und die „gesellschaftlich notwendige Arbeit, mit der Frauen aus historischen Gründen identifiziert sind“, an; dies heißt ja aber nichts anderes als, daß die herrschende Ordnung durchaus nicht nur Männer kennt, sondern mindestens zwei Geschlechter, und diese Ordnung den Geschlechtern jeweils bestimmte Arbeiten zuweist bzw. ihnen jeweils bestimmte Arbeiten vorbehält bzw. sie von bestimmten Arbeiten freistellt oder den Zugang zu diesen verweigert – was eine permanente ‚Umschrift der Differenz’ freilich einschließt.

Weitere online zugängliche Texte von Tove Soiland: (mehr…)

Feminismus mal anders herum

Und es gibt ihn doch: den männlichen Geburtspfleger. Der Onlineableger der Zeit berichtet über den einzigen Mann unter 17000 registrieren Hebammen in Deutschland. Ich fand das großartig (erinnert mich daran, dass ich vor der Geburt meines ersten Kindes nach Dresden ziehe).

Weit weniger großartig finde ich allerdings, dass sich der Hebammenverband so distanziert und kühl dazu äußert, dass man glauben könnte, der gute Mann verfolge mit seiner Berufswahl böswillige Absichten. Da werden Argumentationen bemüht, die mich in ihrer eklatant mangelnden Legitimation an dunkle Zeiten des frühen Feminismus denken lassen: Er wisse ja nicht, wie es sich anfühlt, ein Kind auf die Welt zu bringen und die meisten Frauen wünschten sich ja ohnehin eine geschlechtssensible Geburtsbegleitung.
Ganz abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass sich eine Entbindung immer gleich anfühlt, kann ich mit großer Sicherheit sagen, dass zwei Drittel der Hebammen in meinem Bekanntenkreis, (noch) nicht Mutter sind. Und was die Geschlechtssensibilität angeht: Dem Argument folgend dürfte kaum eine Frau einen männlichen Gynäkologen aufsuchen.

Die traurige Wahrheit ist vielmehr, dass sich einige Besitzstandswahrerinnen nicht damit abfinden können, dass auch Männer in Frauendomänen vordringen möchten (wie es andersherum ja mehr und mehr der Fall war und ist). Schlimm daran ist vor allem, dass sie damit alle Bemühungen einer vollständigen Gleichbehandlung der Geschlechter Steine in den Weg legen.
Irgendwie hatte ich von Frauen, die sich der Problematik nicht überall vorhandener Akzeptanz eigentlich bewusster sein sollten als Männer, mehr erwartet.

Porn for Women

Porn for Women

… this made my day! Mehr davon bei xkcd.com – A webcomic of romance,
sarcasm, math, and language.

„Gehsteigberatung“: Ein guter Tag für „Lebensschützer“

Am 29.06.10 hat das Bundesverfassungsgericht einem christlich-fundamentalistischen „Lebensschützer“ recht gegeben: Er und andere Abtrebungsgegener_innen dürfen wieder vor Arztpraxen und Kliniken demonstrieren und Frauen, die diese Praxen aufsuchen, mit der sogenannten „Gehsteigberatung“ terrorisieren. Gisela Notz schreibt dazu im Freitag:

Ein strafrechtlich relevantes Verhalten konnte das Bundesverfassungsgericht dem selbsternannten „Lebensschützer“ nicht nachweisen. Das Landgericht München wurde gar belehrt, dass es zu Gunsten der selbst ernannten „Lebensschützer“ künftig in der Rechtssprechung berücksichtigen müsse, dass „der Schwangerschaftsabbruch ein Gegenstand von wesentlichem öffentlichem Interesse“ sei. Das Nachsehen werden die Frauen haben, die weiterhin dem „Spießrutenlaufen“ und den unerträglichen Belästigungen ausgesetzt sind. Und nicht nur das – die immer aggressiver werdenden anti-choice Organisationen gewinnen an Macht und Durchsetzungsvermögen.

Der ganzen Artikel gibt es hier.

Berliner Sexparty *be_cunt* verlässt die Location Ficken3000 nach sexualisierten Übergriffen

Die Berlin FrauenLesbenTrans-Sexparty *be_cunt* verlässt nach zwei sexualisierten Übergriffen durch Veranstalter und Besitzer des Ficken3000 ebendiese Location (Text folgt unten). Erzählt es Euren Freund_innen weiter und boykottiert das Ficken3000! Sexualisierte Übergriffe dürfen nicht geduldet werden! Ansonsten: Kennt Ihr eine mögliche, passende Location für die *be_cunt*? Dann schreibt den Veranstalter_innen eine Mail!

Hier der offizielle Text dazu von der Veranstalter_innen:

Die FrauenLesbenTrans*-Sexparty *be_cunt* verlässt das Ficken3000 nach sexualisierten Übergriffen

In den letzten Monaten sind uns – den Veranstalter_innen von *be_cunt* – mehrere Fälle von sexualisierten Übergriffen im Ficken3000 berichtet worden. Der erste wurde von dem Organisator der „Pork“-Party begangen. Die Gespräche, die wir daraufhin auf Wunsch der Betroffenen mit ihm und dem Besitzer hatten, führten zu keinem für uns befriedigendem Ergebnis.
Zuerst entschlossen wir uns – v.a. mangels anderer Möglichkeiten – den Veranstaltungsort nicht so schnell aufzugeben und vorerst in den Räumen zu bleiben. Nach einem weiteren Vorfall, von dem uns nun berichtet wurde, hat sich die Situation jetzt jedoch geändert.

Am 6. Juni wurde auf einer schwulen Sexparty im Ficken 3000 ein Besucher, der am Tresen saß, mehrmals vom Besitzer aufgefordert mit ihm Sex zu haben, was dieser ablehnte. Daraufhin drückte der Besitzer seinen Kopf runter und urinierte ihm ins Gesicht, nach einer weiteren Auseinandersetzung verprügelte er ihn mithilfe anderer vor der Tür.

Wir, die Veranstalter_innen von *be_cunt*, wollen respektvolle und einvernehmliche Sexpartys veranstalten; das ist für uns nur in Räumen möglich ist, in denen bestimmte antisexistische Mindeststandards eingehalten werden. Das ist im Ficken3000 nicht der Fall.

Dennoch ist es unser Anliegen die Party-Reihe fortzuführen, da es uns wichtig ist, feministische und antisexistische Sexpartys feiern zu können. Dazu suchen wir nun neue Räume. *Wenn ihr Ideen habt, Räume kennt o.ä. meldet euch bitte bei uns: be_cuntNOSPAM!@gmx.deNOSPAM!*

Da wir bisher noch keinen neuen Raum gefunden haben, muss die Party im Juli leider ausfallen.

Viele Grüße,
be_cunt

Spanien: Liberales Abtreibungsgesetz in Kraft

no218nofundis kommentiert das gerade in Kraft getretene spanische Abtreibungsgesetz aus feministischer Sicht.

Na also, warum nicht gleich so? (aktualisiert)

CSD/Rassismus – Die x.te


kiturak verlinkt zu Medienkritik hier und da. Dort heißt es:

„trifft sie [Butler] einen wichtigen Punkt. Wie man im neokonservativen Blog Gay West miterleben kann oder in rhizoms Analyse eines Reports der Berliner Homosexuellen-Zeitschrift Siegessäule nachlesen. Lesenswert auch: Zur Kritik der Ethnisierung antischwuler Gewalt am Beispiel Jörg Fischers
Und natürlich ist Butlers Kritik nicht neu oder überraschend, schon 2000 kritisierten linke Gruppen eben jene Behauptung, man könne türkischen Migranten homophobe Gewalt in die Schuhe schieben.“

Kritik an der Siegessäule

Der zweite von Medienkritik verlinkte Text analysiert einen Artikel der Siegessäule, dem mainstream schwullesbischen Organ in Berlin, über ein kiss-in am 17.05.2007. Der Text von rhizom zeigt plausibel auf, wie der anscheinend nicht mehr online zugängliche Siegessäulen-Artikel, unterschiedlich über homophobe Reaktionen von Weißen und Nicht-Weißen auf das kiss-in ‚berichtet‘, d.h. unterschwellig kommentiert. Prädikat: unbedingt lesenswert. Der Text enthält weiterführende links, von denen dieser Text (wo wiederum in einem Kommentar auf diesen Text hingewiesen wird) (beides einmal mehr zu Maneo) erwähenswert ist. Der in Klammern genannte Text verweist wiederum auf eine Dokumentation eines Artikel von 2007 in der Jungen Welt (zu. Abschnitt II. der Doku nach unten scrollen). Auch dieser befaßt sich (mit einigen zusätzlichen Argumenten) überwiegend mit Maneo und endet dann wie folgt:

„Während sich viele heterosexuelle Linke in Unkenntnis des tatsächlichen Zustandes der Überbleibsel der politischen Lesben- und Schwulenszene in blinder Solidarität üben, sorgten die Berufsfunktionäre der ehemaligen Emanzipationsbewegung in den vergangenen Jahren mehrfach für Skandale. Taz-Redakteur Jan Feddersen fabulie-rte Gewalttaten eines ‚arabischen Mobs‘ herbei, das Berliner Homomagazin Sieges-säule titelte ‚Türken raus!‘ und bezeichnete den von türkischen und arabischen Mi-granten geprägten Bezirk Kreuzberg als ‚Kebabgehege‘. Hochrangige Funktionäre des LSVD forderten ‚Muslimtests‘ für einbürgerungswillige Migranten und bezeich-neten die multikulturelle Gesellschaft als gescheiterten ‚linken Traum‘.“

Zu den Behauptungen gibt es leider keine Quellenangaben bzw. links.

Der basisdemokratische Anspruch des CSD

Der vierte von Medienkritik verlinkte Text ist unter dem Gesichtspunkt der Rechtfertigungs-Erklärung von Bodo vom Vorstand des Berliner CSD e.V. von Interesse. In der Rechtfertigungs-Erklärung heißt es:

„Der CSD hat nur einen Veranstalter, den Berliner CSD e.V. repräsentiert durch die vier Vorstände. Thema, Motto und Forderungen werden im CSD-Forum basisdemokratisch bestimmt. Dies ist bundesweit einzigartig.“

Mit der Realität dieses basisdemokratischen Anspruchs ist es laut des vierten von Medienkritik verlinkten Textes nicht besonders weit her. Dieser kurze Text, der allerdings schon vom Herbst 1999 stammt, sei hier vollständig zitiert: (mehr…)

Die nächste Runde in der CSD/Rassismus-Diskussion

Die neusten Debatten-Beiträge: (mehr…)