Rezension: ‚Making Sex Revisited‘ von H.-J. Voß

Die Rezension bezieht sich auf dieses Buch:
voß: making sex revisited
quelle: transcript-verlag: http://www.transcript-verlag.de/ts1329/ts1329.php (zuletzt abgerufen am 09.08.’10)

Der Klappentext von Voß’ Dissertationsschrift verspricht den ersten dezidierten und differenzierten Nachweis für die gesellschaftliche Konstruktion des biologischen Geschlechts. Es werde nachgewiesen, dass „mit prozessorientierten Betrachtungsweisen […] in biologischen Theorien viele Geschlechter denkbar (seien, A.G.) – nicht nur zwei oder drei“. Voß selbst beschreibt die Arbeit als eine interdisziplinäre Studie zur Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive [Herv.: A.G.]. Sie ist unterteilt in drei Kapitel: Im ersten und zweiten Kapitel werden verschiedene Diskursstränge biologisch-medizinischer Geschlechtertheorien von der Antike bis in die Gegenwart herausgearbeitet (Theorien der Antike, Theorien der Aufklärung und Moderne bis Mitte des 20. Jh.), um diese dann in Beziehung zu setzen und in den jeweiligen kulturellen Kontext einzubinden (vgl. 26f.)1. Im dritten Kapitel möchte Voß einen „tauglichen Ansatz“ (235) für eine geschlechtertheoretische Untersuchung auf molekularbiologischer Ebene liefern.
Voß spricht sich nach der Analyse verschiedener Geschlechtertheorien der Antike im ersten Kapitel dafür aus, die von nim2 heraus gearbeiteten verschiedenen Diskussionsstränge, ihre Vielseitigkeit und Interdependenz stärker in den Blick zu nehmen. Voß stellt damit Laqueurs Deutungen, antike Quellen ließen sich in einem homogenen Diskurs verorten (Ein-Geschlechter-Modell; Laqueur 1993), eine neue Lesart entgegen. Die Erkenntnis, dass Laqueurs Studie verkürzt argumentiert, ist nicht neu, schon Susanne Schröter (2002) kommt zu diesem Schluss. Was dieses Kapitel jedoch besonders macht, ist m. E. das zugrunde liegende umfangreiche Quellenstudium, mit der Voß diese Erkenntnis stützt.
Im zweiten Kapitel weist nin nach, dass der Fokus von Geschlechtertheorien auf die Ebene des ‚Unsichtbaren’ verschoben wird, der Ebene des nur für Expert_innen Deutbaren (Gonaden, Chromosomen). Nin regt an, auch geschlechtertheoretische Untersuchungen auf diesen Bereich zu verlegen, leider stellt nin nicht heraus, wie der gegenwärtige Stand der Forschung auf diesem Bereich ist, obwohl nin in nimser Einleitung auf solche Arbeiten verweist. (Möglich wäre vielleicht der Verweis auf Evelyn Fox Kellers „Das Jahrhundert des Gens“ von 2001.)
Mit dem dritten Kapitel nun kommt die biologisch-medizinische Perspektive dins Autornins als Diplom-Biolognin besonders zum Tragen: Es werden hier humangenetische Forschungsergebnisse und deren Entstehung kritisch nachgezeichnet. Die stark von biologischem Fachvokabular geprägten Ausführungen werden durch die von din Autornin eingefügten Erklärungen diverser Fachbegriffe sowie Zwischenresümees und Zusammenfassungen nimse Erkenntnisse zugänglich gemacht. Auf diese Weise ist es möglich, Voß’ Ausführungen auch als Nicht-Biolog_in zu folgen und schließlich zu verstehen, worauf nin mit den Darstellungen abzielt; nämlich auf den Nachweis, dass „dichotome geschlechtliche Determination in Untersuchungen vorausgesetzt wurde und weiterhin wird [Herv. i. Orig.]“ und „Erkenntnisse aus Untersuchungen ‚uneindeutigen Geschlechts’ […] nicht in Rechnung gestellt [wurden]“ (beide: 307). Voß konstatiert zudem, dass gegenwärtige epigenetische Arbeiten (wie etwa die von nim exemplarisch untersuchte Studie von Nef et al.) sich mit dem Rückbezug auf Erkenntnisse aus der Genetik selbst beschränken, indem sie damit ihr kreatives Potential hinsichtlich der Neuinterpretation von geschlechtsentwicklungsrelevanten Studien verschenken. Untersuchungen, die der Komplexität molekularer Komponenten und deren Interaktion und Kommunikation Rechnung tragen, werden nimses Erachtens bislang kaum oder gar nicht gewürdigt (vgl. 309).
Voß’ – m. E. nicht neue (s. Fox Keller 1986) – Folgerung, dass naturphilosophische und biologisch-medizinische Geschlechtertheorien gesellschaftlich hergestellt sind und somit „in Schriften auch außerhalb der Experten (später: Expert/innen)-Kreise eingingen“ (313), mündet in der Forderung, Forschungen zu konzipieren, die „einem Entwicklungsgedanken folgen, der das Ergebnis offenlässt [sic; Herv. i. Orig.]“. Nin geht davon aus, dass solche Forschungen das Durchbrechen der Vorstellung von einer dichotomen Geschlechterordnung ermöglichen, indem sie mit ihren Erkenntnissen über die Vielgestaltigkeit genetischer Prozesse (nicht deren Ergebnisse) Einfluss auf den gesellschaftlichen common sense der ausschließenden Zweigeschlechtlichkeit nehmen.
Voß’ Making Sex Revisited nimmt die Prozesse biologischer (epigenetischer) Forschungen in den Blick, nicht, wie üblich, die Ergebnisse. Darin steckt u.a. auch das Potential der Studie: Sie bietet Anregungen für reflektierte Biolog_innen, die bereit sind, über den Rand ihrer Objektträger und Deckgläschen hinaus neuen Sichtweisen den Zugang zur Biologie zu ermöglichen. Voß realisiert insofern eine Dekonstruktion des Geschlechts, als dass nimse Ausführun-gen einen neuen Blick auf die Diskursgeschichte der Geschlechtertheorien werfen und so bisherige Denkvoraussetzungen – insbesondere für aktuelle Forschungen – in Frage stellen. Nin fordert eine kritische Methodenreflexion der Biologie und legt mit der Empfehlung, interdisziplinäre Evaluationsgremien für biologische Geschlechtsstudien einzuführen, nimsen eigenen Blick nahe: Eine kritische, kulturwissenschaftlich geprägte Perspektive auf naturwissenschaftliche Forschungen, um im Folgenden das kritische Potential der Biologie für das Infragestellen gesellschaftlicher Normen zu erhöhen.

Literatur:
Fox Keller, Evelyn (1986): Liebe Macht Erkenntnis. Männliche oder weibliche Wissenschaft? München/Wien
Dies. (2001): Das Jahrhundert des Gens. Frankfurt a. M./New York.
Laqueur, Thomas (1992): Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Frankfurt a. M./New York.

  1. Die Seitenangaben, die sich auf das Buch beziehen, werden als Zahlen in Klammern angegeben, ohne weiteren Literaturverweis. [zurück]
  2. Ich verwende in diesem Artikel zur Bezeichnung dins Autornins die SYLVAIN-Konvention, mit der ein vierter, liminaler Fall in die Grammatik der dt. Sprache eingeführt wird, das liminale oder ‚dritte‘ Geschlecht; nachzulesen hier. Begründung hierfür ist, dass das Geschlecht dins Autornins nicht festlegbar erscheint und der Unterstrich sich als umständlich erweist, einzelne Personen zu repräsentieren. Für alle weiteren Bezeichnungen wird der Unterstrich als übliche Repräsentation aller möglichen Geschlechter verwendet. [zurück]

27 Antworten auf “Rezension: ‚Making Sex Revisited‘ von H.-J. Voß”


  1. 1 frankenstein 09. August 2010 um 10:37 Uhr

    danke für die rezension. bin zwar schon vor längerem auf das buch aufmerksam geworden aber durch den preis (um die 34 euro) vom kauf abgehalten worden. scheint sich aber doch zu lohnen.

  2. 2 utrumque 09. August 2010 um 10:50 Uhr

    lohnt sich auf jeden fall.
    schon in seiner ausführlichkeit bei der analyse und darstellung des diskurses um geschlechtertheorien gibt es neues zu entdecken.
    gelungen sind auch die ausführlichen „schlussfolgerungen“ am ende des buches, wo noch einmal alle erkenntnisse zusammengefasst und miteinander in beziehung gesetzt werden.

    tipp: din autornin wünscht sich noch verschiedenen rezensionen; für diese kann das buch als rezensionsexemplar umsonst beim verlag angefordert werden. einfach mal bei nim nachfragen:
    http://www.heinzjuergenvoss.de/

  3. 3 bigmouth 09. August 2010 um 11:08 Uhr

    was mich interessiert: geht Voss auf die evolutionäre funktion des biologischen geschlechts ein, und erläutert dessen natursgeschichte?

  4. 4 utrumque 09. August 2010 um 15:29 Uhr

    voß schreibt eine diskursgeschichte der medizinisch-biologischen und naturphilosophischen theorien über geschlecht(sentwicklung).
    beginnend bei der antike bis heute. es geht vornehmlich darum, wie geschlecht entsteht und welche bedeutung es hat.

    ziel des ganzen ist zu zeigen, dass es eine fokussierung auf entstehungsprozesse von geschlecht geben muss, um der vielfalt gerecht zu werden, die bei der ergebnisoprientierung aus dem blick fällt.

    das plädoyer am ende zeigt, dass voß dafür plädiert, geschlecht als eigenschaft(sträger) nicht allzu ernst zu nehmen – warum er dafür plädiert, zeigt eben die untersuchung. es gibt mehr als zwei mögliche biologische geschelchter, die biologie unterschlägt das derzeit mit einer dichotomer interpretation von untersuchungen.

  5. 5 bochum 09. August 2010 um 15:47 Uhr

    die zweigeschlechtlichkeit des lebens entwickelte sich weit vor der antike, nämlich bereits vor 565 millionen jahren. damals war niemand da, der diese biologischen geschlechter hätte „konstruieren“ können. die 2 geschlechter dienten der fortpflanzung, alles andere sind in der tat konstruktionen. allerdings sind seither keine weiteren für die fortpflanzung entscheidenden geschlechter hinzugekommen. d.h. de facto handelt es sich bei allem, was neuerdings als „geschlecht“ bezeichnet wird, nicht um „geschlechter“, schon gar nicht um biologische, sondern um konstruktionen. geschlechter gibts genau 2 stück. seit nunmehr 565 mio jahren. und das wird auch so bleiben, bis mann und frau ein drittes brauchen, um kinder in die welt zu setzen.

  6. 6 Christian 09. August 2010 um 16:06 Uhr

    Warum enden solche Bücher der wissenschaftlichen Erforschung des Geschlechts eigentlich immer in der Mitte des 20sten Jahrhundert? Der Überblick bei Fausto-Sterling endet auch da. Dabei ist doch danach noch viel interessantes in der Forschung passiert.

  7. 7 Christian 09. August 2010 um 16:46 Uhr

    Was heißt denn „Entstehungsgeschichte von Geschlecht“? Wie es in einem Menschen biologisch entsteht oder wie die gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlecht entstanden sind?

  8. 8 utrumque 09. August 2010 um 17:27 Uhr

    @bochum: dies ist eine rezension. in einer rezension erzählt eine, was so in einem buch steht und ob sie die argumentationsstruktur etc. schlüssig findet. sie gibt nicht zwingend die meinung der autorin wieder. zur diskussion eignet sich da dann ein dialog mit din autornin.

    2% so genannter ‚intersexueller‘ personen leben in der BRD, es ist von einer höheren dunkelziffer auszugehen. diese personen sind augenscheinlich nicht plötzlich dahermutiert, davon ist nach der lektüre des historischen teils von making sex revisited (MSR) auszugehen, so mensch voß folgt. ‚intersex‘ personen haben sich ggf. auch vor x mio. jahren nicht fortgepflanzt, deshalb haben sie dennoch einen existenten (geschlechts)körper. geschlecht lässt sich nicht einfach von körper trennen, nur weil einem_r argumentativ nicht in den kram passt.

    es gibt zeugungsfähige, als ‚intersexuell‘ diagnostizierte personen, die trotzdem frühkindlichen anpassenden OPs (-> zwangs-OPs) unterzogen werden, d.h., von der medizin als nicht ‚eindeutig‘ klassifiziert werden. wie würdest du die einordnen, bochum?

  9. 9 utrumque 09. August 2010 um 17:33 Uhr

    @ christian: 1. die studie von voß endet nicht mitte des 20sten jahrhunderts, sondern betrachtet mit der studie von nef et al. eine recht aktuelle.
    voß setzt sich explizit mit den entwicklungen der epigenetik neuester zeit auseinander.
    2. es geht um geschelcht als gegenstand des diskurses, also auch dem produkt gesellschaftlicher konstruktionen. was eben bedeutet, dass sich voß mit dem diskurs über geschlecht auseinander setzt, wie er in quellen stattgefunden hat. neben aristoteles nimmt nin sich bspw. ackermann, galenos oder hirschfeld vor.

    es zeigt sich, dass im verlaufe der zeit immer wieder neu verhandelt wurde, was eine frau oder was ein mann ist. es gab verschiedenste ansichten über die körperliche zuordnung eines menschen zu einem geschelcht.
    wird der inhalt so klarer?

  10. 10 bigmouth 09. August 2010 um 17:39 Uhr

    @bochum: Herr Voss hat auch ein blog, wo er sehr gerne diskutiert: http://dasendedessex.blogsport.de/

    kommst du eigentlich aus Bochum?

  11. 11 bubi zitrone 09. August 2010 um 17:47 Uhr

    Dieser Kommentar nur als ein weniger die Rezension als das mögliche Interesse allgemein ergänzender Hinweis auf den Mitschnitt zum Vortrag „Zweigeschlechtliche Norm und ihr biologisch-medizinisches Fundament“ von heinz-Jürgen Voss, der hier angehört/heruntergeladen werden kann.

  12. 12 bochum 09. August 2010 um 20:18 Uhr

    wie würdest du die einordnen, bochum?

    als intersexuell. ausführlicher kann ich dir deine frage leider nicht beantworten, da sie sich nicht auf die vorliegende rezension bezieht.

  13. 13 Heinz 09. August 2010 um 22:56 Uhr

    Hallo ;) Erstmal lieben Dank für die Rezension und ich freue mich auch über die rege Diskussion. Ich möchte ein paar kurze Antworten einstreuen, um die Diskussion weiter anzuregen:

    @ evolutionäre Zweigeschlechter: Es kommt ja darauf an, was man für die Einordnung zu Geschlecht alles hinzuzieht. Du scheinst Fortpflanzung, die Erzeugung von Nachkommen dabei wichtig zu nehmen. Die geht aber auch ungeschlechtlich. Und wie sich bspw. bei einigen großen Säugetieren zeigt, wäre es besser, wenn die letzten verblieben Exemplare nicht ewig bis zur nächsten Fortpflanzungsmöglichkeit laufen müssten, die dann vielleicht nichtmal will. Aber das nur am Rande… Dass auch die Fortpflanzung komplexer ist, zeigen die zahlreichen Variationsmöglichkeiten. Bei Bienen können befruchtete und unbefruchtete Eier reifen. Zahlreiche Arten (Fische, Schnecken) können entweder das Geschlecht wechseln oder sind Zwitter. / Und was stets gilt: Ein Genitaltrakt bildet sich stets individuell unterschiedlich aus muss keineswegs zur Fortpflanzung tauglich sein. Selbst wo Ei- und Samenzelle zusammenkommen müssen, reicht es aus, wenn wenige Individuen diese bilden können, um eine Art zu erhalten.

    @Mitte des 20. Jh.: Tatsächlich basiert viel von dem populären Wissen über Geschlecht, dass in Schule und in populären Zeitschriften verbreitet wird und dass somit auch über junge Forschende immer wieder unreflektiert in wissenschaftliche Betrachtungen eingeht, auf einem Forschungsstand der 1950er Jahre. Ich denke dabei u.a. an den großen Glauben an simpelste Modelle der Genetik. Ich weiß nicht, woran es liegt; vielleicht ist es uns zu schwer, weiter- und komplexer zu denknen. Daher gehe ich gerade weiter und diskutiere im dritten Kapitel die aktuellsten Forschungen des 21. Jh. zur Geschlechtsdetermination – und gebe Anregungen, wie mensch weiterkommen könnte.

    @Gesellschaftliche Eingebundenheit: In „Making Sex Revisited“ habe ich mich besonders auf die biologisch-medizinischen Geschlechtertheorien konzentriert und dargestellt, wie sie sich wandelten – und auch den gesellschaftlichen Hintergrund beleuchtet. Dass unser Wissen stets erst in Gesellschaft wird, habe ich nur in der Einleitung angedeutet. Detaillierter kommt dazu was in dem Band „Geschlecht“, der in der theorie.org-Reihe Ende 2010 / Anfang 2011 erscheinen wird:
    http://www.theorie.org/titel/663_geschlecht

  14. 14 earendil 10. August 2010 um 8:57 Uhr

    nin in seiner Einleitung

    die biologisch-medizinische Perspektive dins Autornins als Diplom-Biologin

    Wenn Liminalis, dann besser konsequent, oder?

  15. 15 utrumque 10. August 2010 um 12:23 Uhr

    @earendil:
    ja, wenn, dann sollte die SYLVAIN-konvention konsequent angewendet werden, das stimmt. wie jede andere grammatik halt auch. meine zwei fehler im text waren ja auch keine absicht.
    und deshalb wurden sie auch geändert, danke für den hinweis.

  16. 16 bigmouth 10. August 2010 um 14:17 Uhr

    @Heinz: ich finde das eien sehr merkwürdige argumentation. du kannst ausschlielich beispiele anbringen, die keine landwirbeltiere sind, also evolutionär von menschen mindestens 250 millionen jahre entfernt sind. warum sollen die aber eine rolle spielen bei der betrachtung von geschlecht beim menschen und anderen säugetieren?

  17. 17 Heinz 10. August 2010 um 16:51 Uhr

    @bigmouth: eine kurze Antwort auch hierzu; ich halte mich danach aber zurück, weil ich das Blog nicht dominieren will – Fragen direkt an mich gerne an meine E-Mail (diese findet sich auf www.heinzjuergenvoss.de ).

    Genau zu dem von Dir angesprochenen Punkt habe ich oben geschrieben, das gilt selbstverständlich auch für den Menschen: „Und was stets gilt: Ein Genitaltrakt bildet sich stets individuell unterschiedlich aus muss keineswegs zur Fortpflanzung tauglich sein. Selbst wo Ei- und Samenzelle zusammenkommen müssen, reicht es aus, wenn wenige Individuen diese bilden können, um eine Art zu erhalten.“

    Fortpflanzungsfähigkeit ist beim Menschen selbst organisch nicht so häufig, wie oft unterstellt. So führte das Bundesland Sachsen die zunächst abgeschafften Zuschüsse für künstliche Befruchtung wieder ein, weil „Experten“ von „15 Prozent + hoher Dunkelziffer“ ungewollter Kinderlosigkeit bei heterosexuellen Paaren ausgehen. (Die Erfolgsrate der Reproduktionsmedizin ist gering: aus ca. 35 bis 40 Millionen künstlichen Befruchtungen bis zum Jahr 2002/2003 resultierten weltweit ca. 1 Millionen Kinder.) Ungewollte Kinderlosigkeit, von der „Experten“ wissen, und die bereits von diesen erwähnte „hohe Dunkelziffer“ verweist darauf, dass selbstverständlich nur einige der Eltern wegen Kinderlosigkeit Medizin zu Rate ziehen. Andere finden sich mit Kinderlosigkeit ab, adoptieren Kinder oder übernehmen Verantwortung für Kinder befreundeter Menschen.

    Der vorhergehende Absatz beschränkte sich auf „organisch“. Erschhreckend ist, dass – in äußerst sexistischer Manier – in Biologie und Medizin selten vom „Willen“ von Menschen die Rede ist. Viele Menschen wollen in der Bundesrepublik Deutschland keine Kinder haben. Gerade darauf ist auch ein Augenmerk zu legen, um von der stetsen Voraussetzung von Fortpflanzungsfähigkeit wegzukommen.

    Dass nur zur Fortpflanzung. Zu den biologisch-medizinischen Theorien, wie Geschlecht – und angeblich nur zwei Geschlechter – entsteht, ist ebensoviel zu sagen. So unterscheidet sich die selbst bei Säugetieren von einer Art zur nächsten bedeutsam. Bzgl. Geschlecht bedeutsame Unterschiede wurden auf genetischer Ebene zwischen Maus und Mensch festgestellt; chromosomal konnte bei einigen Säugetieren keinerlei Unterschied zwischen dem Chromosomenbestand „weiblicher“ und „männlicher“ Individuen gefunden werden.

    Viele liebe Grüße
    Heinz

  18. 18 bochum 10. August 2010 um 18:42 Uhr

    Es kommt ja darauf an, was man für die Einordnung zu Geschlecht alles hinzuzieht. Du scheinst Fortpflanzung, die Erzeugung von Nachkommen dabei wichtig zu nehmen.

    in der belebten natur ist die funktion der geschlechter auf die fortpflanzung beschränkt, weitere (über)lebenswichtige funktionen haben sie nicht. und dafür ist es egal, ob es *auch* ungeschlechtliche fortpflanzung gibt. denn für die funktion des rades z.b. ist es ebenso egal, ob man *auch* zu fuß gehen kann. ebenso ist es für das rad egal, ob man mit 2, 3 oder 4 rädern unterwegs ist. ebenso ist es für die existenz von männlich und weiblich unerheblich, ob sich diese nun wie bei den schnecken in einem organismus befinden oder in einem oder im laufe des lebens gewechselt werden. die 2 geschlechter kann man in der schnecke und beim stichling eindeutig unterscheiden. auch bei intersexuellen kann man organe, organanlagen und gene identifizieren, die einem geschlecht zuzuordnen sind, auch wenn die person selbst nicht eindeutig einem geschlecht angehört.

    alles andere, was der mensch dem geschlecht hinzu sozialisiert hat, ist nicht biologisch, sondern „gender“.

  19. 19 bochum 10. August 2010 um 20:30 Uhr

    Ein Genitaltrakt bildet sich stets individuell unterschiedlich aus muss keineswegs zur Fortpflanzung tauglich sein. …
    Viele Menschen wollen in der Bundesrepublik Deutschland keine Kinder haben. Gerade darauf ist auch ein Augenmerk zu legen, um von der stetsen Voraussetzung von Fortpflanzungsfähigkeit wegzukommen.

    beim prinzip der geschlechtlichkeit gehts nicht um das individuelle fortpflanzungsvermögen oder den wunsch dazu und auch nicht um die individuellen geschlechtsorgane. eine frau / ein mann ist dies, egal ob sie / er kinder hat, haben könnte, oder auch nicht. die frage ist nicht: wie pflanzen sich die müllers fort? sondern: wie pflanzt diese gattung sich fort.

    die zweigeschlechtlichkeit ist ein biologisches konzept, das durch seine rekombinationen der erbanlagen zu evolutionären vorteilen führte und sich daher durchsetzte. dieser vorteil erwies sich als so erfolgreich, dass die geschlechtlichkeit übergreifend bei pflanzen und tieren existiert, über gattungs- und artengrenzen hinaus. die diversen variationen heben dieses nahezu universelle prinzip nicht auf. sie sind abwandlungen ein und des selben prinzips. auch die eingeschlechtliche fortpflazung (im unterschied zur ungeschlechtlechtlichen) durchbricht das prinzip nicht, denn es ist zumindest eines, das weibliche geschlecht erforderlich, auch wenn dabei kein austausch von erbanlagen erfolgt und der evolutionsvorteil der rekombination dabei nicht zum tragen kommt. nirgends existiert in der natur ein weiteres geschlecht, welches die funktion zur rekombination der erbanlagen beitragen und einen evolutionären vorteil bewirken könnte.

  20. 20 bigmouth 11. August 2010 um 12:34 Uhr

    Der vorhergehende Absatz beschränkte sich auf „organisch“. Erschhreckend ist, dass – in äußerst sexistischer Manier – in Biologie und Medizin selten vom „Willen“ von Menschen die Rede ist. Viele Menschen wollen in der Bundesrepublik Deutschland keine Kinder haben.

    aber bei biologischen potentialen geht es doch nicht um willen. auch veganer können fleisch verdauen, und gras nicht.

  21. 21 bochum 11. August 2010 um 13:59 Uhr

    … in Biologie und Medizin selten vom „Willen“ von Menschen die Rede ist.

    in der medizin gibts den patientenwillen. aber er bezieht sich nur auf behandlungsmethoden. in der biologie spielt der wille nicht wirklich eine rolle, niemand kann sich einen 3. arm wachsen lassen, mittels wille 1,80m groß werden oder braune augen haben. nicht einmal das gewicht kann man mit wollen in jedem fall beeinflussen. auf das biologische geschlecht bezogen bedeutet das, eine frau, die schwanger / nicht schwanger werden will, kann das nicht mit „willen“ bewerkstelligen, geschlechtsorgane oder deren funktionen kann man nicht durch imagination erzeugen. die biologie ist mit willen zwar marginal aber keineswegs im grundsatz beeinflussbar.

    und das ist nicht sexistisch, sondern einfach fakt.

  22. 22 Heinz 22. August 2010 um 12:20 Uhr

    Selbstverständlich hat es um Willen zu gehen. Schließlich zeichnet sich der Mensch gerade dadurch aus, dass ihn die Gehirnleistungen zu Bewußtsein in die Lage versetzen. Menschen in dieser Gesellschaft, „Frauen“ wie „Männer“*, entscheiden darüber mit wem sei Sex haben (selbstverständlich zusammen mit den anderen am Sex teilnehmenden Menschen) und ob dieser Sex auf Reproduktion angelegt sein soll.

    * In der akteullen Gesellschaft gibt es tatsächlich „Frauen“ und „Männer“, „Frauen“ erfahren in der Geschlechterordnung Benachteiligungen, Diskriminierung und Gewalt. Auch Menschen, die nicht in das binäre Schema passen, erfahren vielfach Diskriminierungen und Gewalt. Dass das aktuell so ist, bedeutet aber nicht, dass man „Frau“ und „Mann“ als „natürlich“ tatsächlich vorhanden erklären müsste, dass es das „ewigweibliche“ oder das „Ewigmännliche“ tatsächlich gebe. (Vgl. hierfür: Simone de Beauvoir, „Das andere Geschlecht“)

  23. 23 Heinz 22. August 2010 um 12:38 Uhr

    Und: Ich möchte kurz noch der Universalität der Zweigeschlechtlichkeit widersprechen. Smilla Ebeling hat hierzu einige schöne Arbeiten vorgelegt. So universell ist Zweigeschlechtlichkeit bei Tieren und Pflanzen nicht. Und um auch das (nochmal) zu sagen: Selbstverständlich ist Zweigeschlechtlichkeit nicht stets von Vorteil. Das sehen wir gerade sehr deutlich bei diversen Tierarten, wie einigen Tigerarten, Gorillas etc. Sie sind vom Aussterben bedroht.

    Und auch nochmal zur Verdeutlichung: Die Evolution bezieht sich auf die Gattung, also Zweigeschlechtlichkeit als Gattungseigenschaft. Das bedeutet noch nicht, dass man davon auf Merkmale bei den einzelnen Individuen schließen könnte – Darwin war das klar. Das heißt, dass sich obwohl zur Fortpflanzung „zwei Geschlechter“ notwendig sein können (wie beim Menschen), sich Geschlechtsteile dennoch individuell vielgestaltlig darstellen werden. Diese Vielgestaltigkeit wird bei Geschlechtsteilen größer als bei anderen Organen (wie dem Herzen, der Lunge sein), weil sie nicht zum individuellen Überleben erforderlich sind. Für das Fortbestehen der menschlichen Art würde es vermutlich ausreichen, wenn 2 Prozent der Individuen organisch fortpflanzugsfähig wären. Organische Fortpflanzungsfähigkeit ist lediglich EINE MÖGLICHKEIT – unter vielen, individuellen Ausbildungen des Genitaltraktes. Also kurz gesagt: Gattungseigenschaft ist NICHT gleich Eigenschaft des Individuums.

  24. 24 bigmouth 22. August 2010 um 17:59 Uhr

    Selbstverständlich hat es um Willen zu gehen.

    nö. dann ersetzt man deskriptives durch ein normatives vorgehen – und das ist das ende von wissenschaft

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