Archiv für August 2010

Probleme mit der Nicht-Monogamie

In der aktuellen „konkret“ schreibt Iris Dankemeyer kritisch über die neueren Darreichungsformen der Nicht-Monogamie. Unter der recht reißerischen und schiefen Überschrift „Fuck Polyamory“ weist Dankemeyer zunächst auf die Entstehung der Bewegung Ende der 90er im queerfeministischen Umfeld in den USA:

Sie verstand sich als Angriff auf den Doppelstandard, der hinsichtlich des Monogamiegebots zwischen Männern und Frauen bestand, denn während erstere die eheliche Treue leicht durch Konkubinen, Mätressen und Prostituierte umgehen konnten, hatten Frauen kaum Gelegenheit zum Seitensprung, wenn nicht gerade ein Klempner ihren Herd reparierte.

Vom Ansatz der „Ethical Slut“ sei jedoch wenig übriggeblieben:

Im seit Beginn des Jahres lieferbaren Band Polyamory von Thomas Schroedter und Christina Vetter wird Polyamory aus pädagogischer Sicht gerechtfertigt und als liberaleres Leben im falschem verkauft, in Oliver Schotts demnächst erscheinendem Lob der offenen Beziehung wird die Polyversion als Optimierung menschlichen Sozialverhaltens gefeiert. (…) Zudem weisen die Autoren auf die Nichtbetonung von Sexualität im Ausdruck Polyamory hin. Ging es bei den Schlampen noch darum, im Falle von Zuneigung auch Sex zu haben, soll zum Sex nun unbedingt das Gefühl hinzukommen.

Wenn auch im weiteren Verlauf des Textes streckenweise das bloße Ansinnen, intime Beziehungen irgendwie vernünftig zu gestalten, unter Beschuß genommen wird, macht Dankemeyer auch hierzu viele richtige Beobachtungen:

Im Zuge der Debatte um die szenezentrale Frage, wie mit dem Phänomen der Eifersucht umzugehen sei, zeigt sich, wie die Verunsicherung darüber, plötzlich nicht mehr exklusives Objekt der gesteigerten Aufmerksamkeit der oder des Liebsten zu sein, mit einer Kuschelideologie kompensiert wird. Wenn alle Polys nur fest zusammenhalten, können sie gemeinsam die Gefahr der Kränkung minimieren. Zurückweisungen werden sozial abgepolstert, immerhin sind alle Polys quasi ständig auf dem Antiheiratsmarkt verfügbar. Auffällig in beiden Publikationen ist die Tendenz, die zu erleidenden Kränkungen, die ein Treuebruch nun mal bedeutet, vollständig wegzurationalisieren.

Bei Schroedter/Vetter ist Eifersucht schlicht eine „gesellschaftliche Programmierung“, und diese „erlernte Reaktion“ kann man/frau eben auch wieder „verlernen“. Polyaktivistinnen und -aktivisten nehmen sie nicht hin, sondern arbeiten an ihr und empfinden sie als Training für ihre Selbstkonditionierung. Auch bei Schott ist Eifersucht nichts als „monogames Ressentiment“: Ein bißchen „Selbstdisziplin“ sei schon nötig, die „neue Einsicht“ müsse schließlich erst „mühsam verinnerlicht“ werden. Aber die Konditionierung zahlt sich aus, am Ende erfolgt die „neue Verhaltensweise“ ebenso „spontan und mühelos“ wie die vorangegangene (also im Grunde ebenso unreflektiert und automatisch). Wer nicht mehr „mononormativ“ denken will, muß eben die „Partei der Freiheit“ ergreifen – so als könne man sich seine Psychologie selbst erfinden.

Die Debatte über nicht-monogame Formen intimer Beziehungen, die vielen nur zur Anpassung ans Herumgeschubstwerden durch Markt und Staat zu dienen scheinen und die selbst wieder zu Norm und Zwang werden können, sollte wohl tatsächlich geführt werden. Dabei sollten auch die nach wie vor je nach (zugeschriebenem) Geschlecht völlig unterschiedlichen Ausgangspositionen unbedingt zur Sprache kommen.

Offene Beziehungen, Polyamory und ethisches Schlampentum können, wenn alle Beteiligten ihnen freiwillig zustimmen und mit ihnen emotional zurechtkommen, sehr befreiend wirken, aber eben nur dann. Und so richtig die Überlegung ist, daß erlernte Verhaltensmuster prinzipiell abgelegt werden können, so verheerend scheint es mir, deshalb davon auszugehen, daß dies jedem in der gewünschten Weise durch bloße Selbstkonditionierung gelingen muß. Die offenbar zugrundeliegende Behandlung der somit unerwünschten Gefühle und Verhaltensmuster als bloße Hindernisse finde ich erschreckend. Auch der Versuch, die Gesellschaft durch eine Art Liebes-Solidarität verändern zu wollen bzw. das eigene Liebesleben einer solchen Gesellschaftsvorstellung anzupassen, erscheint mir gefährlich, da ich eine gesellschaftliche Vermittlung unabhängig von der jeweiligen wechselseitigen Zuneigung der konkreten Personen für eine zivilisatorische Errungenschaft halte.

Opfer? Lügnerin?

Ines Kappert schreibt in der taz ein paar wahre Worte, wie der Umgang der Medien mit dem Fall Kachelmann wieder mal ans Licht bringt, daß die meisten immer noch nicht verstanden haben, daß Frauen nicht reihenweise rumrennen und falsch Vergewaltigungsanzeigen machen:

Eine 2009 an der Londoner Metropolitan University erarbeitete europäische Vergleichsstudie zu sexueller Gewalt geht davon aus, dass es in Deutschland jährlich zu rund 3 Prozent Falschbezichtigungen kommt. Die Ziffer mag bei Prominenten höher liegen – doch auch das rechtfertigte mitnichten die in der Öffentlichkeit verbreitete Annahme, Frauen tätigten regelhaft unzuverlässige Aussagen und müssten daher besonders hart in die Mangel genommen werden.
Letzteres aber nun ist belegbare Praxis, weshalb der Ex-Generalstaatsanwalt Karge Frauen pauschal davon abriet, den Rechtsweg zu suchen. Als Staatsanwalt solle er so etwas zwar nicht sagen, aber: Die Frauen würden in einer Weise befragt – hätte er eine Tochter, er würde ihr diese Tortur nicht nahelegen. Das also war die Botschaft auf einem der besten TV-Sendeplätze: Frauen, egal was passiert ist, tut euch das nicht an. Hände weg von den Anzeigen wegen Vergewaltigung!

Dr. Tillers Mörder and friends

Nachdem im letzten Jahr der Abtreibungsarzt Gerorge Tiller erschossen wurde, war recht schnell der Täter Scott Roeder gefunden, der im April diesen Jahres zu einer lebenslangen Haft veruterilt wurde. Ebenso schnell galt Roeder als „Einzeltäter“. Ms. meint dazu „But for loners, these guys have a lot of friends. A lot of the same ones, in fact.“ und veröffentlicht einen Bericht über die Connetions der fundamentalistischen und gewalttätigen Abtreibungsgergner_innen.
via no218nofundis