Zum Tod von Frau Prof. Dr.-Ing.habil. Dr.h.c. Lieselott Herforth

„Lieselott Herforth war die erste Rektorin nicht nur einer deutschen technischen Universität, sondern einer deutschen Universität überhaupt. Ihr Hauptforschungsfeld war die angewandte Radioaktivität: technische Isotopenanwendung, Strahlenmesstechnik, Dosimetrie. Das „Praktikum der angewandten Radioaktivität“ – in den 90er Jahren erneut in überarbeiteter Fassung herausgebracht – ist noch heute ein Standardwerk. Ihre Familie war im 2. Weltkrieg zweimal ausgebombt worden, sie verlor den Bruder und den Bräutigam. Aus eigener Erfahrung heraus hatte der Erhalt des Weltfriedens für sie höchsten Stellenwert; dafür arbeitete sie. Lieselott Herforth bekleidete wichtige Funktionen in Wissenschaft und Gesellschaft, sie wurde mit hohen Auszeichnungen geehrt.

Am 30. November 2010 starb nach langer Krankheit Frau Prof. Dr.-Ing. habil. Dr.h.c. Lieselott Herforth in Dresden.
Am 13. September 1916 im thüringischen Altenburg geboren, wuchs sie in einer bürgerlichen, kunst-, literatur- und musikinteressierten Familie auf, wandte sich aber bereits während ihrer letzten Berliner Schuljahre ganz Mathematik und Physik zu. Sie studierte bis 1940 technische Physik an der TH Berlin-Charlottenburg und schrieb ihre Diplomarbeit bei Hans Geiger. Bis April 1945 folgten Assistentenjahre an der TH Berlin, am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem, an den Universitäten Leipzig und Freiburg und wieder an der TH Berlin – an dem vor der Front nach Schwarzenfeld (Oberpfalz) verlagerten Institut für Ionen- und Elektronenphysik. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde sie, nach wenigen Monaten in der Praxis, Doktorandin von Professor Hartmut Kallmann am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie. In dieser Zeit lieferte sie wichtige Beiträge zur Grundlagenforschung auf dem Gebiete der Lumineszenzphysik und ihrer Anwendung in der Szintillationsmesstechnik. Zwischen 1949 und 1954 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Laborleiterin am Institut für Medizin und Biologie der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch. 1953 habilitierte sie sich an der Universität Leipzig. Bis 1960 hielt sie hier Vorlesungen, seit 1957 als Gastdozentin, und baute gleichzeitig die Abteilung „Ausbildung“ am späteren Leipziger Institut für angewandte Radioaktivität der Deutschen Akademie der Wissenschaften auf. 1957 wurde sie als Professorin an die TH für Chemie in Leuna-Merseburg berufen; hier begründete sie die selbständige Abteilung Radiochemie. 1960 folgte sie dem Ruf an die TH Dresden; sie übernahm zunächst Lehrstuhl und Institut zur Anwendung radioaktiver Isotope und wurde Prodekanin der Fakultät für Kerntechnik. In Dresden waren die Hauptforschungsfelder von Lieselott Herforth und ihrer Mitarbeiter technische Isotopenanwendung, Strahlungsmesstechnik und Dosimetrie – bei ständiger enger Verbindung zur Industrie, insbesondere zum wissenschaftlichen Gerätebau. Erwähnt sei hier nur die erfolgreiche Entwicklung einer Messmethode zur Quantifizierung der Strahlenbelastung von Krebspatienten während der Strahlentherapie. Das von Lieselott Herforth geleitete Institut wurde Leitinstitut für den Isotopeneinsatz in den verschiedenen Bereichen der Volkswirtschaft der DDR; und in all diesen Bereichen und an mehreren Hochschulen waren (und sind) ihre Schüler zu finden. Das „Praktikum der angewandten Radioaktivität“, das Lieselott Herforth und Hartwig Koch gemeinsam verfassten, kam bis in die 90er Jahre hinein in neuen, überarbeiteten Auflagen heraus und ist noch immer ein Standardwerk. Lieselott Herforths fachkompetenter Rat war in vielen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gremien gefragt. So war sie Mitglied und schließlich Leiterin der Arbeitsgruppe Isotope in der Ständigen Kommission zur friedlichen Nutzung der Atomenergie im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Im Alter von 46 Jahren wurde Lieselott Herforth Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED); als Wissenschaftlerin hatte sie zu diesem Zeitpunkt fast alle Stufen der Karriereleiter bereits erklommen. Im Jahre 1963 wurde sie, als Abgeordnete des Freien Deutschen Gewerkschafts-Bundes (FDGB), in die Volkskammer und in den Staatsrat gewählt. Von 1965 bis 1968 stand sie als Rektorin an der Spitze der TU Dresden. Es war die Zeit, in der die lange vorbereitete – und nicht unumstrittene – 3. Hochschulreform mit der Sektionsbildung in die entscheidende Phase mündete.
Zu den wichtigsten der vielen Ehrungen und Auszeichnungen, die Lieselott Herforth erhielt, gehören die Wahl zum ordentlichen Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften (seit 1972 Akademie der Wissenschaften der DDR), das Ehrendoktorat der Universität für Chemische Industrie in Veszprém (Ungarn), der Nationalpreis, die Ernennung zur Ehrensenatorin der TU Dresden.
Lieselott Herforth ist Mitglied der Leibniz-Societät. Die vor wenigen Jahren in Karlsruhe gegründete Deutsche Gesellschaft für Flüssigszintillations-Spektrometrie ernannte sie zu ihrem Ehrenmitglied und erinnerte damit an die weltersten Mitteilungen über die Anregung der Fluoreszenz organischer Flüssigkeiten durch schnelle Elektronen in den 1940er Jahren, an denen Lieselott Herforth wesentlich beteiligt war. “

Dr. Waltraud Voss, Dresden


3 Antworten auf “Zum Tod von Frau Prof. Dr.-Ing.habil. Dr.h.c. Lieselott Herforth”


  1. 1 Nicola Falk 01. Dezember 2010 um 14:43 Uhr

    Hallo,
    danke für die ausführliche Schilderung der wissenschaftlichen Arbeit von Lieselott Herforth. Sie ist sicher ein beeindruckendes Vorbild. Ich wünsche mir noch mehr Infos über ihre politische Arbeit (warum Eintritt in die SED, welche Aufgabenbereiche als Abgeordnete und im Staatsrat, ihre Ansichten zur „Wiedervereinigung“, eventuelle Aktivitäten danach).
    Herzliche Grüße!

  2. 2 utrumque 03. Dezember 2010 um 9:43 Uhr

    den nachruf habe ich übernommen aus einer mail, die mich erreichte, geschrieben hat ihn waltraud voss aus dresden.
    vielleicht wendest du dich an sie? ich hab bereits versucht, mehr über sie zu erfahren, im netz wird das etwas schwierig, scheint mir.

  3. 3 Heinz 07. Dezember 2010 um 13:27 Uhr

    Die Trauerfeier findet am 16. Dezember 2010, 10.15 Uhr, Feierhalle des Heidefriedhofs Dresden (Moritzburger Landstrasse 299) statt.

    ---
    Prof. Dr.-Ing.habil. Dr.h.c. Lieselott Herforth

    * 13. September 1916 Altenburg + 30. November 2010 Dresden

    Physikerin auf dem Gebiet der angewandten Radioaktivität
    Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR und der Leibniz-Societät
    Rektorin der TU Dresden 1965-1968
    (erste Rektorin einer deutschen Universität)
    Mitglied der Volkskammer und des Staatsrates der DDR

    Trauerfeier am 16. Dezember 2010, 10.15 Uhr, Feierhalle des Heidefriedhofs Dresden

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