Verhütung? Immer noch nur für Leute mit Geld

Das Mädchenblog hat schon früher darüber berichtet: als Sozialhilfeempfängerin wird einem zwar eine Abtreibung, aber keine Verhütungsmittel gezahlt. Schon damals haben einzelne Städte und Kommunen sich der Sache angenommen, was allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein war.
Daß das auch auf Dauer nicht funktioniert, zeigt ein aktueller Artikel in der taz.

Viel Zahlenmaterial gibt es bisher nicht über das Phänomen. Aber viele Erzählungen und wenigstens eine kleine Studie: Bereits 2006 befragte eine Mitarbeiterin von pro familia in Köln 69 Frauen, die zum Teil seit mehreren Jahren arbeitslos waren. Das Ergebnis war alarmierend: Seit der Einführung von Hartz IV 2005 sank die Quote derjenigen, die immer verhüten, von zwei Drittel auf ein Drittel. Die Anzahl derjenigen, die nie verhüten, stieg hingegen von 6 auf 16 Prozent. Und das, obwohl keine der befragten Frauen einen Kinderwunsch hatte.


Für „Gesundheitspflege“ sind 15€ pro Monat vorgesehen – und diese sollen alles einschließen, Medikamente, Praxisgebühr und sonstige Zusatzkosten. Sich davon auch noch Verhütung zu finanzieren, ist so gut wie unmöglich.

Allein während Gäckle für ihre Studie forschte, wurden in Köln 27 der befragten Frauen ungewollt schwanger.
„Ganz typisch war, dass Frauen Geld für die Pillenpackung zurückgelegt hatten und das Kind in der Schule plötzlich ein Buch oder einen Ausflug bezahlen musste. Dann stand die Verhütung zurück“, sagt Simone Hartig, Leiterin von pro familia in Flensburg.

Die Regierung allerdings meint, das Geld reiche sehr wohl und sieht auch keinen Zusammenhang zwischen fehlendem Geld für Verhütung und der Zunahme von Schwangerschaftsabbrüchen bei Hartz IV-Empfängerinnen. Letztere müssen sie nämlich nicht selbst finanzieren.

Während der Bund an den Verhütungskosten spart, zahlen sie rund 500 Euro pro Schwangerschaftsabbruch, wenn eine bedürftige Familie das Geld für den Eingriff nicht hat. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie Folgekosten einer politischen Entscheidung einfach vom Bund auf die Länder weiter verschoben werden. 1,4 Millionen Euro hat allein Schleswig-Holstein 2010 für Schwangerschaftsabbrüche bezahlt.


2 Antworten auf “Verhütung? Immer noch nur für Leute mit Geld”


  1. 1 Julinoir 13. März 2011 um 17:58 Uhr

    Hier nochmal der Link zu der Stelle, bei der eine sich wenigstens in Berlin eine „Kostenübernahme für Verhütungsmittel“ besorgen kann:
    http://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/verwaltung/org/sexuelleges/smd.html

  2. 2 thoughtsunderconstruction 18. März 2011 um 15:07 Uhr

    Danke an Jilunoir für den Link!
    Meine letzte Information (von vor anderthalb Jahren) ist allerdings, dass Frauen die nicht in der Apotheke kafen und sich das Geld zurückgeben lassen, sondern dass sie sie irgendwo kostenlos bekommen wenn sie nachweisen, dass sie nicht ausreichend Geld haben.
    Da habe ich allerdings nicht Hartz4 sondern bloß so wenig Geld bekommen.

    Es ist sicher positiv, dass es irgendwelche Tricks gibt mit denen es dann doch möglich ist ABER: verdammt, was soll das? Ich empfinde das als Gängelung. Und zudem ist es sicher auch nicht ganz billig den Bürokratie-Apparat der da dran hängt zu finanzieren.
    Zudem hätte ich mir eine medizinische Indikation schreiben lassen müssen weshalb ich nicht die Pille sondern etwas anderes zum verhüten will. Ich hätte also noch mal zwei Stunden mehr im Wartezimmer meiner Frauenärztin sitzen müssen und meine Frauenärztin hätte zudem lügen müssen. Schließlich ist „Solche unpraktikablen Hormonbomben will die Patientin sich nicht antun.“ keine medizinische Indikation.

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